Alexander Wendt / 07.11.2015 / 12:00 / 2 / Seite ausdrucken

Die Hauptstadt des Dummstellens

München gibt sich große Mühe, seine jüdische beziehungsweise antisemitische Geschichte aufzuarbeiten. Der Ertrag der Anstrengungen fällt zwar meist eher dürftig aus. Aber schließlich kommt es auf den guten Willen an. In dem vor Kurzem eröffneten NS-Dokumentationszentrum am früheren Ort des Braunen Hauses fehlt beispielsweise jeder Hinweis auf den Bomben- und Feuerwaffenüberfall auf eine El Al-Maschine auf dem Flughafen Riem im Jahr 1970 - obwohl dort eine ganze Etage für den Münchner Antisemitismus nach 1945 reserviert ist.

Das Olympiaattentat von 1972 handeln die Ausstellungsmacher im Stil eines kurzen Zeitungsartikels ab. Die Truppe Dieter Kunzelmanns, die in München ihren Ursprung hatte, bevor Kunzelmann in Westberlin die Deutschen 1968 per Bombe im Jüdischen Gemeindehaus von ihrem „Judenknacks“ heilen wollte, kommt gar nicht erst vor. Zur Einweihung des Zentrums verzichteten die Stadtoberen auch rücksichtsvoll darauf, Shoa-Überlebende einzuladen. Aber wie gesagt: man bemüht sich, sich Mühe zu geben.

Am Samstag, den 7. November, geht es um die antisemitische Gegenwart: Dann dürfen die Aktivisten der antiisraelischen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment, Sanctions) mietfrei das städtische Gasteig-Gebäude nutzen, um ihre Botschaft zu verkünden: Kauf nicht bei Juden, zumindest dann, wenn sie im jüdischen Staat oder der Westbank produzieren.

Einen bedeutenden Erfolg hatte die BDS-Bewegung kürzlich gegen einen ihrer Hauptgegner verbuchen können, die israelische Firma Soda Stream. Das Unternehmen ließ seine Wasseraufbereiter auch in der Westbank produzieren, BDS agitierte gegen deren Verkauf in Europa – bis Soda Stream sein Werk im Westjordanland schloss und alle palästinensischen Arbeiter entließ.

Verständlicherweise wollen sich die BDSler nicht auf diesem Etappensieg ausruhen. Ihr Kampf geht weiter. Über die städtische Unterstützung für die Israelboykotteure schrieb Benjamin Weinthal in der „Jerusalem Post“ - und er stellte der Stadt München auch ein paar Fragen. Etwa die,  ob dem Oberbürgermeister der Stadt der antisemitische Charakter der BDS-Veranstaltung im Gasteig klar sei. Das Presseamt der Stadt antwortete so, wie auch jeder Redakteur zwischen Süddeutscher und ARD antworten würde:

„Aus unserer Sicht besteht ein Unterschied zwischen Israelkritik und Judenfeindlichkeit.“

Außerdem halte die Kommune doch Äquidistanz zu den beiden Gruppen, die einander da womöglich - aber wer weiß das schon so genau – in den Haaren liegen würden:

„Gesellschaftspolitisch aktive Gruppen und Initiativen werden vom Kulturreferat der Stadt München und seinen Institutionen durch die Überlassung von Räumen, Infrastruktur oder Fördermitteln unterstützt.  Dies ist Teil des kommunalen Kulturauftrags. Die Stadt lässt dabei eine große Bandbreite an Positionen zu und ermöglicht auch kontroverse Auseinandersetzungen. Durch die Förderung der Meinungsvielfalt verhält sich die Kommune selbst politisch neutral. So unterstützt sie beispielsweise die Palästina-Tage ebenso wie die Jüdischen Kulturtage, die jeweils jährlich stattfinden.“

Die einen bekommen ihre Kulturtage, die anderen Gelegenheit zum Boykottaufruf, der den jüdischen Staat in die Knie zwingen soll. Beziehungsweise – Boykott? Wie kommen Sie eigentlich darauf? Das Pressereferat Münchens teilte Weinthal mit:

„Die Veranstaltung, die Sie angesprochen haben, ist ein Vortrag ‘über die Hintergründe zur Entwicklung und Wirkung’ der BDS-Kampagne. Wir können daraus nicht ersehen, dass es sich um einen Boykottaufruf handelt.“

Vermutlich, weil gerade der Fachübersetzer fehlte, um „Boycott, Deinvestment, Sanctions“ ins Bairische zu übertragen.

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Burkhart Berthold / 07.11.2015

Lieber Herr Wendt, der Vollständigkeit halber darf ich hinzufügen, dass der OB von München seit langem von der SPD gestellt wird. OB Reiter ist gewiss alles andere als ein Demagoge, aber verderben möchte er es sich offenbar mit den BDSlern nicht. Eine BDS-Veranstaltung parallel zu den jüdischen Kulturtagen und knapp vor dem Gedenktag an die Pogromnacht - das ist schon besonders geschmacklos. Man sieht, einmal mehr: Kränze niederlegen ist einfacher als politisch zu handeln.

Kati Schmidt / 07.11.2015

Lieber Herr Wendt, Können Sie Ihren Beitrag dem Münchener Oberbürgermeister zukommen lassen, auch um Stellungsnahme bitten ? So ist es auch interessant und nützlich, hätte noch mehr Sinn, wenn es nicht nur Leute lesen, die damit einverstanden sind. Freundliche Grüße Kati Schmidt

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