Annette Heinisch, Gastautorin / 12.07.2017 / 18:55 / 2 / Seite ausdrucken

Die Hamburger sagen danke!

Von Annette Heinisch.

Wir Hamburger sind ja einerseits gelassen bis tiefenentspannt, andererseits aber höflich und hilfsbereit. Damit unterscheiden wir uns von Berlinern, die oft aufgeregt, laut und pampig sind. Macht aber nichts, man versteht sich dennoch, wenngleich Berliner Hundertschaften nach Hause geschickt werden, wenn sie sich nicht benehmen können.

Wir Hamburger sind freie Bürger einer freien Stadt, betrachten Hamburg als unsere Stadt. Natürlich nicht alle, aber eben viele. Das ist ein enormer Unterschied in der Einstellung vieler Menschen in Deutschland. Auf Seite eins des "Abendblatts" steht heute: "Was habt ihr mit unserer Stadt gemacht?". Wohlgemerkt "unserer Stadt". Auf der letzten Seite dieser Artikel.

Schon zuvor (auch das ging durch die Presse) haben sich Hamburger Bürger bei der Polizei mit Worten, Blumen, Süßigkeiten bedankt. Als eine Berliner Hundertschaft Sonntag weg fuhr, standen Hamburger am Straßenrand Spalier und klatschen Beifall - so etwas hatten Berliner Polizisten noch nie erlebt. Zum guten Benehmen gehört eben auch der Dank.

Es wird angepackt und aufgeräumt

Wenn die auswärtigen Idioten weg sind, räumt man das Chaos auf, und Montag wird wieder normal gearbeitet. In Hamburg-Bergedorf steht auf dem alten Fachwerkhaus von Kaffee Timm der Spruch, "...mulen und klagen help di ein Quark, spei in die Hand und ran ans Wark". Fürchterliches Deutsch und grauenvoller Schüttelreim, inhaltlich bringt es aber die Einstellung auf den Punkt.

Schon bei dem schlimmen Sturm, der über Hamburg tobte, wurden die unpassierbaren Straßen und Gehwege von Bürgern freigeräumt. Kaum legte sich der Sturm etwas, packten alle an. Ganz selbstverständlich, denn es ist unsere Stadt, unser Land.

Es ist die Bürgergesellschaft als kleines, praktisches Beispiel, wie wir sie im Großen alle anstreben sollten. Es ist der "dritte Weg": Weder grenzenlose Toleranz und Freiheit in einer rückgratlos liberalen Gesellschaft, die unterschiedslos alles erlaubt, was irgendwem gefällt, noch der paternalistisch - sozialistische Staat, der jeden bevormundet und ihn zum reinen Befehlsempfänger degradiert. Derzeit haben wir eine Mischung, von beiden Welten das schlechteste!

Der Staat ist keine Versicherungsgesellschaft

Der Staat muss seine Basisfunktionen - und nur die - erfüllen, das aber gut. Er ist für Recht, Sicherheit und Ordnung zuständig, er ist keine Versicherungsgesellschaft. Der Bürger muss sein Privatleben im Griff haben, wenn nicht, ist das seine Verantwortung, nicht aber die Schuld der Allgemeinheit. Daneben bzw. dazwischen als Gelenk zwischen Individuum und Kollektiv müsste es eine gut funktionierende Gesellschaft der Bürger geben, die Notfälle eigenständig und der konkreten Situation angepasst schnell selber erledigt.  

Ein Problem ist, dass alle für alles zahlen müssen. Ich möchte weder für Arafats Mausoleum oder die Palästinersergebiete Steuergelder geben noch für die Projekte von Herrn Maas oder Frau Schwesig, das müsste nicht sein. Ebenso wenig sehe ich ein, dass jeder mit seinen Krankenkassenbeiträgen Skiunfälle mitbezahlt oder Krankheiten, die durch eklatantes Fehlverhalten verursacht wurden, andererseits aber das Geld für wirklich wichtige Behandlungen oft fehlt. Es fehlt insoweit jede Kontrolle und jede Rückkopplung, man kann sich wie ein Idiot benehmen, andere zahlen dafür. Das kann nicht zielführend sein.

Erfreulich finde ich übrigens, dass auch Mitbürger in Hamburg von diesem  bürgerlichen Geist angesteckt und mitgezogen werden, die aus anderen Ländern kommen und noch nicht lange unter uns leben, wie es die Kanzlerin sagen würde. 

In dieser Einstellung des eigenverantwortlichen Anpackens liegt so unendlich viel Gutes, so viel Kraft, genau das ist unsere Stärke!!! Wir werden sie brauchen...

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Leserpost (2)
Peter Zentner / 12.07.2017

Winzige Korrektur, Frau Heinisch, ansonsten voll d’accord: Der weise Spruch im “Kaffee Timm” ist weder fürchterliches Deutsch noch grauenvoller Schüttelreim, sondern uraltes Hamburger Platt. Gern auch Missingsch genannt, weil das Heidjer Platt allmählich mit hanseatischen Elementen vermischt wurde. Mit herzlichen Grüßen aus der Lüneburger Heide, wo “Wi snackt Platt” noch einen Personalausweis ersetzt.

Manfred Gimmler / 12.07.2017

Na prima Frau Heinisch, dann können ja die Hamburger auch die nächsten Gipfel gelassen und tiefenentspannt über sich ergehen lassen und sich hernach - natürlich wie immer höflich und vornehm - bei der verprügelten Polizei mit Blumen und Süßigkeiten bedanken.

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