Die Hamas beim Wort nehmen

Von Hannah Erlwein.

Wahlweise wird der Hamas „legitimer Widerstand“ attestiert oder auf den „Kontext“ ihres Terrors verwiesen. Dabei muss man nur lesen, was in ihrem Programm steht und hören, was ihre Vertreter sagen. Die Dschihadisten machen aus ihrem eliminatorischen Antisemitismus nämlich gar keinen Hehl.

Seit dem Massaker an mehr als 1.200 israelischen Juden (und anderen Staatsbürgern) am 7. Oktober ist die Hamas in aller Munde. Doch während das Wüten der Hamas bei vielen Juden das Trauma des Holocaust wieder aufflammen lässt, tun sich viele Politiker, Aktivisten und Teilnehmer der unzähligen sogenannten pro-palästinensischen Demonstrationen weltweit schwer, die Hamas ernst zu nehmen. Und ja, ich meine es genauso, wie ich es sage: Sie nehmen die Hamas nicht ernst.

Ein eindringliches Beispiel dafür ist das Interview, das der britische Journalist Piers Morgan in seiner auf YouTube verfügbaren Show „Piers Morgan Uncensored“ vor wenigen Tagen mit dem ehemaligen Führer der Labour Party Jeremy Corbyn und dem ehemaligen Generalsekretär der britischen Gewerkschaft UNITE Len McCluskey führte. Das Interview ging schnell viral, weil Corbyn sich auf 15-malige (!) Nachfrage und Drängen von Morgan weigerte, die Hamas als Terrororganisation zu bezeichnen. Was mir ins Auge stach, war allerdings der Austausch zwischen McCluskey und Morgan. An einer Stelle sagte McCluskey (ins Deutsche übersetzt): „Ich werde Ihnen sagen, wie man die Hamas loswird: Man muss die israelische Regierung dazu bringen, sich an internationales Recht zu halten und sich aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen … und man muss ein funktionierendes Palästina aufbauen.“ Auf Morgans Nachfrage, warum das die Hamas davon abhalten sollte, sich wie Terroristen aufzuführen, antwortete McCluskey: „Weil es dann keine Notwendigkeit für die Hamas mehr gäbe.“ Dem fügte er später hinzu: „Die beste Art und Weise, jeglichen Extremismus loszuwerden, … ist sicherzustellen, dass es eine Zwei-Staaten-Lösung gibt.“ 

McCluskeys Sicht auf die Hamas ist erstaunlich. Man könnte meinen, dass seine Überzeugung, dass die Hamas sich selbst für obsolet erklären, ihre Waffen niederlegen und ihren jüdischen Nachbarn die Hand reichen würde, sobald ein palästinensischer Staat neben Israel entstanden ist, schlichtweg auf Unkenntnis der Hamas beruht. In ihrem 2017 veröffentlichten Grundsatzpapier, dem Nachfolger der Gründungs-Charta von 1988, nimmt die Hamas kein Blatt vor den Mund. Die Gründung Israels wird darin als „gänzlich illegitim“ beschrieben und kategorisch abgelehnt.

Palästina – die Region zwischen dem Ort Rosh Hanikra im Norden und der Stadt Eilat im Süden, zwischen dem Jordan im Osten und dem Mittelmeer im Westen, also einschließlich großer Teile Israels – wird als „arabisch islamisches Land“ allein den Palästinensern zugesprochen. Jegliche Initiativen und Abkommen werden kompromisslos abgelehnt, die „das Anliegen der Palästinenser unterwandern“, und dies bedeutet in den Augen der Hamas nichts anderes, als dass „kein Teil des Landes Palästina kompromittiert oder [Israel] zugestanden werden soll“. Solange ihr Ziel nicht erreicht ist, stellt die Hamas klar, werde ihr Kampf andauern. 

Der Dschihad gegen Israel schließt eine Zwei-Staaten-Lösung aus

Nun scheint es wenig überzeugend, dass ein Politiker wie McCluskey keine Kenntnis von dieser doch allzu klaren Selbstpositionierung der Hamas hat. Umso mehr stellt sich die Frage, wie er auf die Idee kommt, dass eine Zwei-Staaten-Lösung von der Hamas akzeptiert oder gar willkommen geheißen werden würde und zu einem Ende ihrer Gewalttaten gegen israelische Juden führen könnte. Was die Antwort auch immer sein mag, eines ist offensichtlich: McCluskeys Vision für den Nahen Osten nimmt die Hamas in ihren eigenen Aussagen nicht ernst.

Nicht ernst genommen wird die Hamas auch allzu oft in ihrem religiösen Selbstverständnis. Nach dem 7. Oktober versuchten verschiedenste Kommentatoren sich darin, Gründe für das Massaker zu finden. Die Hamas habe die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel verhindern wollen. Sie habe die angespannte innenpolitische Lage im Zuge der von Benjamin Netanjahu geplanten Justizreform für sich nutzen wollen. Das mag alles stimmen, aber diese Erklärungen sind allesamt sehr „rational“, um nicht zu sagen: sehr „diesseitig“. Sie lassen die Überzeugung der Hamas außen vor, dass ihr „Widerstand“ gegen Israel ein „Dschihad“ ist, und dass dieser Dschihad mit Blick auf das Jenseits und den Märtyrertod gekämpft wird. Die Ereignisse des 7. Oktober hätten der Hamas in jeden Fall die Möglichkeit gegeben, dieses Ziel zu verwirklichen – und das Massaker wäre damit ein Ausdruck des Anspruchs, den die Hamas in ihrem Grundsatzpapier erhebt, „den Widerstand zu organisieren, sei es durch Eskalation oder Deeskalation oder indem die Mittel und Methoden ausgeweitet werden“.   

Viele Menschen im Westen, für die die Religion seit geraumer Zeit eine immer unwichtigere Rolle im Leben spielt, können sich offenbar gar nicht mehr vorstellen, dass Religion anderswo das Denken und Leben der Menschen dominiert. Es geht mir hier nicht um die Frage, ob die Hamas „den“ Islam richtig versteht oder nicht – diese Frage normativ zu entscheiden, ist die Aufgabe islamischer Gelehrter. Mir geht es darum, dass das gesamte Denken der Hamas nach ihrer eigenen Auffassung religiös geprägt ist. Die Existenz Israels ist für die Hamas nicht zuletzt deswegen so unerträglich, weil sie davon überzeugt ist, dass „Palästina das Herzstück der arabischen und islamischen Umma [d.h. Gemeinschaft] ist“, also von keinem geringeren als Gott den Muslimen zugedacht wurde.

Diejenigen, die dieser Tage auf die Straße gehen und mit Blick auf die Situation der Palästinenser für eine Zwei-Staaten-Lösung demonstrieren, sollten sich also gut überlegen, ob sie die Hamas als Weggefährten und Freiheitskämpfer für einen unabhängigen palästinensischen Staat ansehen wollen – oder ob es an der Zeit wäre, die Hamas beim Wort zu nehmen. 

 

Hannah Erlwein ist promovierte Islamwissenschaftlerin und lebt seit einem Jahr mit ihrem israelischen Mann in Tel Aviv.

Foto: Fars Media Corporation

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Leserpost

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Rainer Niersberger / 24.11.2023

So zutreffend die Charakterisierung als eliminatorischer Antisemitismus ist, und damit ist auch der intellektuell kaum erträgliche Unsinn angeblicher historischer oder moralischer Gruende absurd, so untauglich ist der ehrenwerte Versuch, nicht wenigen die Tatsache begreiflich zu machen. Der postmoderne, westliche, vor allem deutsche Mensch hat sich konditions - und umstaendehalber dafuer “entschieden”, dass es in seiner Welt, die mit der Wirklichkeit sehr wenig zu tun hat, bestimmte Phaenomene nicht mehr gibt, weil es sie nicht geben darf. Feinde z.B. gibt es nicht, nur noch Freunde oder Follower. Sowenig wie es feindliche ( heute “transhumanistische” ) Regimes gibt, die Aeltere ( oder Regimekritiker) “elegant” ins ( soziale) Jenseits befördern wollen, sowenig kommen da Menschen vor, die andere “nur” wegen ihres Soseins massakrieren.  Dieses Psychoproblem reicht inzwischen durchaus in den Bereich der “normalen” Kriminalität, vor allem der von muslimischen Migranten.  Es hilft den getarnten Totalitaeren, ihre Transformation zu vollenden. Eine homoeostatische Selbsterklaerung muss dringend kreiert werden, um das, was in der realen Welt passiert, vertraeglich zu machen und so zu erklären. Und so fuegt es sich, dass es sich bei den Gruenen um Menschheitsretter und bei der Moerderbande Hamas um edle, arabische Robin Hoods handelt. Das Hirn “hilft” dem Konditionierten mit kausal annehmbaren Narrativen und Rationalisierungsangeboten.  Da werden alle möglichen Erklaerungsmuster bemüht, nur um nicht begreifen zu muessen, dass hier Menschen “nur” moeglichst grausam moeglichst viele andere Menschen “motivlos” ieS töten wollen, denn es gilt, die zwingende Konsequenz aus der Erkenntnis zu vermeiden, die moeglichst vollständige physische Vernichtung der Hamas. Wobei es damit allein nicht getan ist, denn die sogen Palästinenser erzeugen jeden Tag neue Mörder und die mörderische islamische Ideologie hift mental dabei maßgeblich mit.

Markus Viktor / 24.11.2023

Frau Erlwein als Islamwissenschaftlerin scheint dankenswerterweise den Gegenstand ihrer Wissenschaft ohne die übliche Schönfärberei der deshalb zumeist nur sogenannten Islamwissenschaft zu betrachten. Aus genau den vorgetragenen Gründen wird nie eine Zweistaatenlösung realisiert werden. Und die Umma versündigt sich an den muslimischen Palästinensern und Allah und sich selbst, wenn sie sie nicht in ihre zahlreichen Staaten aufnimmt und integriert, diese Länder bekämen dann gemäß neudeutschem Weltverständnis sogar Menschen und Goldstücke geschenkt. Die EU und die Deutschen sollten entsprechend ihre finanzielle Unterstützung für die muslimischen Palästinenser auf deren Integration in die islamischen Staaten beschränken, abgesehen davon, dass bereits mehr als genug Gelder aus Europa an Muslime abgeflossen sind. Die beiden Briten und ihre Gesinnungsgenossen hätten den Frieden verdient, den die Nazis mit Britannien geschlossen hätten, nachdem sie es erobert hätten. Das erstaunliche Phänomen unserer Zeit ist, dass man anhand der Nazis, Sowjets, Maoisten deutlich sieht, dass es Menschengruppen gibt, die schwerste Verbrechen begehen, aber diese reale Tendenz bei den Dschihadisten trotz ausreichender Gründe dagegen grundlos und vorgeblich gutgläubig leugnet. „Der Mensch ist gar nicht gut, drum hau ihn auf den Hut! hast du ihn auf den Hut gehaut, dann wird er vielleicht gut.“

Stefan Riedel / 24.11.2023

Nicht wirklich neu. Wer hat schon 1933 Hitlers “Mein Kampf” gelesen? Adolf Hitler hat ganz klar gesagt, was er vorhat . Das Ergebnis ist doch bekannt, oder? Zweistaatenlösung = Endlösung für Israel (from the river to the sea)!

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