Ein interessanter Leserbrief zu diesem bzw. diesem Eintrag:
Hallo Herr Stein,
zu Ihrem Kommentar über die politische Dummheit Thomas Manns hätte
ich noch eine Anmerkung: Sie haben da vollkommen recht, allerdings
muss man Mann in diesem Fall gegen seine unverschämten Verehrer
ein wenig in Schutz nehmen. Der Spruch, der hier als angeblich
“geflügeltes Wort” bezeichnet wird, wurde von
Propaganda-Spezialisten der DDR ganz übel aus dem Kontext
gerissen, um auf Transparenten öffentlichkeitswirksam verbraten zu
werden. Im Original heiß es da nämlich:
“Sie sehen, dass ich in einem Sozialismus, in dem die Idee der
Gleichheit die der Freiheit vollkommen überwiegt, nicht das
menschliche Ideal erblicke, und ich glaube, ich bin vor dem
Verdacht geschützt, ein Vorkämpfer des Kommunismus zu sein.
Trotzdem kann ich nicht umhin, in dem Schrecken der bürgerlichen
Welt vor dem Wort Kommunismus, diesem Schrecken, von dem der
Faschismus so lange gelebt hat, etwas Abergläubisches und
Kindisches zu sehen, die Grundtorheit unserer Epoche.”
Lustigerweise fehlte genau dieses Essay (/Schicksal und Aufgabe,
1944)/ in der Mann-Gesamtausgabe des Aufbau-Verlages von 1956.
Warum wohl? Ich finde es ziemlich bedenklich, dass die
Knallchargen der Linken diesen Schwindel immer noch ausschlachten.
Allerdings—und da muss man sich wieder an den Kopf fassen—
hat Thomas Mann auch diese dämliche Sottise verbrochen:
“Der autoritäre Volksstaat hat seine schaurigen Seiten. /Die/
Wohltat bringt er mit sich, daß Dummheit und Frechheit, endlich
einmal, darin das Maul zu halten hat. In der Ostzone habe ich
keine schmutzigen Schmähbriefe und blöde Schimpfartikel zu sehen
bekommen [...]. Habe ich das allein der Drohung Buchenwalds zu
danken—oder einer Volkserziehung, die, eingreifender als im
Westen, Sorge trägt vor einer geistigen Existenz wie der meinen?”
(Briefe, 1965)
So gesehen geschieht’s ihm eigentlich gerade recht.
Mit herzlichem Gruß,
Johannes Franzen