Angeblich findet in unserer Öffentlichkeit gerade eine Islamdebatte statt. Interessant. Schauen wir doch genauer hin, obwohl wir, die Blogger der Achse des Guten, keine offizielle Einladung bekommen haben. Es ist ja auch eine Diskussion unter eingetragenen Mitgliedern der FSK, der Freiwilligen Selbstkontrolle. Für den, der mit den deutschen Verhältnissen nicht ganz vertraut ist: Es handelt sich um das Amt mit der Schere im Kopf.
Dieses Amt vergibt in unregelmäßigen Abständen den populären Preis der goldenen Schere im Kopf. Die Anwärter auf diesen Bambi der deutschen Meinungsbildung sind Legion. Weil die Konkurrenz so groß ist, suchen sich die Kandidaten gegenseitig mit immer neuen Beispielen der Selbstverleugnung zu übertrumpfen.
Die goldene Schere wird vor allem für Toleranz vergeben. Toleranz ist das höchste Gebot im Club der kritischen deutschen Intellektuellen, die ihre ganz persönlichen Lehren aus den Verbrechen des Dritten Reichs gezogen haben. Ihre Dauerparolen reichten in der Nachkriegszeit gerade mal von „Nie wieder Krieg!“ bis „Nie wieder Deutschland!“.
Bis sich dann in den neunziger Jahren, anlässlich der Verbrechen auf dem Balkan, herausstellte, dass gegen Gewalt gelegentlich nur Gewalt etwas ausrichten kann, und Deutschland im Gefolge der Jahrhundertereignisse von 1989 wieder Deutschland wurde, und zwar friedlich, und das ohne die guten Ratschläge und trotz der Warnungen seiner besorgten Intellektuellen. Wir erinnern: Der Balkankonflikt speiste sich aus der Ignoranz gegenüber der Nationsfrage, eine Ignoranz, die man für Kosmopolitismus hielt. Deutschland konnte wieder ganz werden, weil der Kommunismus zusammenbrach.
Darauf wandte sich die denkende Meute, die nicht die geringste Absicht zeigte, ihre Ideologie zu revidieren, dankbar einem neuen Thema zu, der Verteidigung des Islam, seiner Ehrenrettung. Ihr Feindbild blieb das Abendland. Auch diese Haltung ist nicht neu, sie folgt einem bekannten Gestus.
Der Islamversteher hat einen großen Vorgänger, den Sympathisanten, den Salonkommunisten. Nicht Honecker und Mielke oder gar Markus Wolf galten den intellektuellen Meinungsmachern als Feind, sondern Ronald Reagan. Nicht die aberwitzige Planwirtschaft des Ostens wurde als Ursache und Gefahr für das Auskommen der Welt angeprangert, sondern die Reagonomics, der Neoliberalismus in der amerikanischen Wirtschaft. Die Folge: Antikommunismus war weiterhin ein Schimpfwort und Antiamerikanismus eine Auszeichnung.
Der stichwortgewandte deutsche Intellektuelle hat bekanntlich wenig Einfluss auf die staatlichen Angelegenheiten und noch weniger auf den Gang der Geschichte. Dafür kämpft er umso mehr um die Diskurshoheit, um die Verfügung über die veröffentlichte Meinung. Er ist, so gesehen, nicht der denkende Publizist sondern der schreibende Zensor. Auch Mahner und Warner. Genial ist dabei die Zusammenführung von Mahnung und Zensur.
Er weiß zwar nichts, aber er weiß alles besser. Dieses Besserwissen vvvbezeichnet er gerne als Aufklärung. Wo unsereins die Gefahr erkennt, sieht er den Aufklärungsbedarf. Und zwar nicht beim Gegner, sondern bei uns selbst. „Wir müssen den Islam verstehen“, sagt auch Jens Jessen, einer der Träger der goldenen Schere, in der Zeit:
http://www.zeit.de/2010/06/Angst-vor-Islam
Auch er meint weniger die Aufklärung selbst und umso mehr die immer noch beliebte Dialektik der Aufklärung. Bei Jessen heißt das „das Fremde analytisch durchleuchten“. Analytisch durchleuchtet wurde von diesen Herrschaften schon so Manches, von Caligari zu Hitler und wieder zurück. Was ist dabei herausgekommen? Dass Rienzi Hitlers Lieblingsoper war? Ist sie etwa Hitler gewidmet?
Die Geschichte fragt nicht nach dem Stand der Debatte über sie. Das ist eine der größten Kränkungen, die der aufgeklärte deutsche Intellektuelle zu verarbeiten hat. Sein Wohlverhalten der eigenen Ideologie gegenüber hat ihn ein ganzes Jahrhundert lang keinen Zentimeter weiter gebracht. Und ihm auch keinen Zentimeter Erkenntnis beschert. So begreift er sich weiterhin als Verhandlungsführer unserer Öffentlichkeit mit den Verächtern und Gegnern unserer Werte und unserer Freiheit, und ist gleichzeitig der staatlich subventionierte Fundamentaloppositionelle.
Dabei setzt er alles mit Vorliebe in den Plural. Spricht von Freiheiten, selbst wenn es ums Ganze geht. Geht es um das Christentum, bedauert er gelegentlich die Verbindlichkeit der Religionsfreiheit. Er meint wohl tatsächlich, dass es sich bei der Freiheit, um die Freiheit des Andersdenkenden handelt. Einzige Voraussetzung: Der Andersdenkende hat aus einer anderen Kultur zu kommen, keinesfalls von der Achse des Guten. Die von der Achse kommen, also wir, sind angeblich rechts, und das wird man uns so lange nachreden, bis die Öffentlichkeit es glaubt. Und uns keiner mehr zur Kenntnis nimmt.
Aufklärung? Nein, Diffamierung! Wo sie, die Aufklärer der Saison, das Sagen haben, geht es nicht um die Konsequenz, die sich aus unserer Freiheitsidee und aus unserer Freiheitspraxis ergibt, sondern um die Toleranz. Dass man den Taliban toleriert, ist nicht neu. Schließlich gab es schon mal die klammheimliche Freude angesichts des heimischen Terrorismus der RAF. Klammheimlich. Damals in aller Munde, heute erfolgreich verdrängt.
Kaum zwei Jahre ist es her, dass sich Jens Jessen in einem Video auf der Webseite seines Blattes über den Rentner echauffierte, der in der Münchner U-Bahn von zwei ausländischen Jugendlichen, heute würde man sagen, zwei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zusammengeschlagen wurde. Irgendwie war der Rentner daran schuld, wollte man Jessens Logik folgen.
Der Publizist saß während seiner Ausführungen an seinem Redaktionsschreibtisch. An der Wand über dem Schreibtisch war die Reproduktion eines bekannten Lenin-Gemäldes zu sehen. Lenin, der damals, als alles anfing, per Fernschreiben aus Moskau die Hinrichtungen in der Provinz befehligte. Dem ist nichts hinzuzufügen.