Rainer Bonhorst / 01.05.2020 / 14:00 / Foto: Earth Rise/Nasa / 6 / Seite ausdrucken

Die Globalisierung der toten Hose

Als bewegungseingeschränkter Corona-Deutscher habe ich mich in ein ausgesprochen zeitgemäßes Abenteuer gestürzt: Ich habe eine WebCam-Weltreise unternommen. Wollte mal sehen, wie es den Anderen denn so ergeht. Und ich muss sagen: Die Online-Reise war unheimlich wie die Fahrt durch eine Geisterbahn. Oder, um es deutsch-rockig auszudrücken: Egal, wo man hinkam – es herrschte tote Hose. Wie global das kleine Biest namens Corona wirkt, ist mir erst auf dieser WebCam-Reise so richtig klar geworden. Man kann von einer Globalisierung der toten Hose sprechen.

Manhattan. Times Square, um die Mittagszeit, wo sich sonst Einheimische und Reisende aus aller Welt gegenseitig auf die Füße treten: ein paar vereinzelte Streuner, ein paar Autos, kein Gehupe. Geisterstunde.

Washington National Airport, schlechtes Wetter, schlechte Sicht, aber das macht nichts: Man kann sowieso eine kleine Ewigkeiten warten, um ein landendes oder startendes Flugzeug zu erhaschen. Ich hab es irgendwann aufgegeben.

Venedig, Markusplatz, wo sonst von morgens bis abends die Hölle los ist. So sehr, dass viele Einheimische ans Festland flüchten. Und jetzt? Zwei, drei Schlenderer, wahrscheinlich Heimkehrer aus der Diaspora, die sich ihre Heimatstadt mal in Ruhe wieder anschauen wollten. Oder waren es Besitzer von Sonderausweisen, die ja zu den begehrtesten italienischen Privilegien gehören.

Ein einzelner Herr mit Aktentasche

An der spanischen Treppe in Rom halten zwei Polizisten Wache. Passen sie auf, dass sich niemand verbotenerweise auf der weltberühmten Treppe zum Picknick niederlässt? Wenn ja, dann ist das ein völlig überflüssiger Einsatz. Kein Schwein ist zu sehen; kein Mensch, der versucht sein könnte, sich auf die Treppe hinzufläzen. Doch halt. Da! Eine Bewegung! Tatsächlich, ein einzelner Herr mit Aktentasche kommt die Treppe herunter und geht selbstsicher, weil wahrscheinlich in wichtiger Mission unterwegs, an den Polizisten vorbei.

Der Blick auf den Hollywood Boulevard bietet auch keine Sternstunde des Entertainments. Hier und da ein Fußgänger im T-Shirt. Der Autoverkehr ist zu dieser Morgenstunde durchaus vorhanden, aber harmlos. Insgesamt nahezu null Action.

Eine Spur mehr Leben bietet einer der sonst so fröhlich bevölkerten Plätze in Amsterdam. Keine Autos, weil Fußgängerzone, aber immerhin ein halbes Dutzend Menschen. Doch sie bewegen sich, wie es Corona verlangt, in sicheren Abständen aneinander vorbei. Aber man ist noch dem Manhattan-Nicht-Erlebnis fast hingerissen von diesen Aktivitäten.

Im Londoner Stadtteil Woodford regnet es. Wären bei Sonnenschein mehr Leute unterwegs? Kaum. Aber ab und zu biegt ein Auto um die Ecke.

Es ist, als stünde die Erde still

Völlig bewegungslos bietet sich Brisbane dar. Also gut. Es ist Nacht, als ich vorbeischaue. Aber das eine oder andere Auto hätte ich mir im Lichterschein der Straßenlaternen schon vorstellen können. Außerdem: Als ich mir Brisbane am Tag vorher bei Sonnenschein ansah, waren die Lebenszeichen auch sehr sparsam.

Ich habe mir noch eine ganze Reihe anderer WebCam-Szenen angeschaut, vom leblos kühlen Calgary in Kanada, über Laramie und Jackson Hole in der auch zu normalen Zeiten eher beschaulichen amerikanischen Prairie bis hin zum bedrückend stillen Paris. Auch die Stadt der Liebe erweist sich eher als eine Stadt des Trübsinns.

Fazit: So etwas habe ich in den nicht gerade wenigen Jahrzehnten meines Lebens noch nicht erlebt. Es ist als stünde die Erde still. Wenn man sich diese globale Stille zu Gemüte führt, ahnt man dumpf, was noch auf uns zukommt. Es wird ein hartes Stück Arbeit, diese weltumspannende tote Hose wieder zu einem halbwegs normalen Leben zu erwecken. Unheimlich scheint mir das passende Wort zu sein.

Foto: Earth Rise/Nasa

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Leserpost

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herbert binder / 02.05.2020

Diese stillgestellte Erde läßt sich schon in der unmittelbaren Umgebung, in der eigenen Lebenswelt Tag für Tag wahrnehmen, lieber Herr Bonhorst. Ich habe das Gefühl, um so intensiver, je mehr die Lage als entspannt angesehen werden kann und muß. Apropos “muß”. Leute mit Hunden, die sind nach wir vor noch reichlich präsent - gut, die müssen ja…oder besser gesagt, Mamis Liebling. Aber was wir jetzt beobachten dürfen, ist ja weiter nichts, als das erwartbare Ergebnis eines bombastischen und gigantischen Überbietungswettbewerbs in Sachen Vorsicht, Schutz und dergel. Das Schlimme, das für uns alle Tragische ist, daß die Bedenken- und Verantwortungsträger aus dieser Nummer nicht mehr raus kommen, wohl so richtig auch gar nicht wollen - die haben “Blut geleckt”. Wer hätte von denen denn den Mut, den ersten Schritt zu wagen, um dann mit Sicherheit jeden weiteren Toten auf’s Butterbrot geschmiert zu bekommen, sozusagen. Auch wenn wir uns mit gewissen Auflagen noch draußen bewegen dürfen, im Prinzip ist über uns alle die Quarantäne verhängt - oder wie es ganz am Anfang in Rio Bravo heißt:  “Joe, you’re under arrest”. Und der Joe ist ja bekanntlich auch so eine Art Synonym für Jedermann.      

Jürgen Fischer / 01.05.2020

Mich würde mal interessieren, ob die Geschäftsleute in Berlin, Görlitzer Park, noch vor Ort aktiv sind oder ob sie ihre Ware inzwischen über einen Onlineshop anbieten. Eine Webcam scheint es dort, vermutlich aus Gründen der Diskretion, nicht zu geben.

Karla Kuhn / 01.05.2020

“Es wird ein hartes Stück Arbeit, diese weltumspannende tote Hose wieder zu einem halbwegs normalen Leben zu erwecken.”  Das glaube ich nicht, Merkel wird wahrscheinlich alternativlos und solidarisch das STEUERZAHLER Säckel öffnen,  um die ganze Welt zu retten und alles ist paletti !!  Der ERDOGAN DEAL hat doch bestens bewiesen, WIE “HERVORRAGEND”  die Steuerzahlergeschenke wirken !! Das wird sie nicht hintern, weiter zu machen !!  Schließlich muß sie nicht in ihr Portemonnaie greifen !!

Bernhard Idler / 01.05.2020

Es wird ein Leben nach dem Lockdown geben. “Ein hartes Stück Arbeit” ist genau das, was gerade den satten, müden Gesellschaften guttun könnte. Klimaretter in die Produktion!

Hans-Peter Dollhopf / 01.05.2020

Das Biedermeier gilt als eine Epoche der Flucht in Private, ein Rückzug aus dem Öffentlichen. Entsprechend entwickelten sich Kunst und Kultur, die sich auf den Innenraum als Tätigkeitsfeld fokussierte: Hausmusik, Kammermusik, Innenarchitektur, ... Hausbackenes für den Hausgebrauch, häusliches Glück. Näh- und Handarbeit. Zum ersten Male wurde in diesem Rahmen eine eigenständige Kindermode entwickelt. Das Familienleben wurde neu kultiviert. Gemütlichkeit in der Wohnstube als dem späteren Wohnzimmer und darin Geselligkeit im kleinen Rahmen: das Kaffeekränzchen und auch der Stammtisch. Diese Epoche erfand den Weihnachtsbaum, die Weihnachtslieder und die Bescherung, wie sie uns heute geläufig sind. Nicht nur Religion ist Opium des Volkes, sondern auch seine Kultur. Das Biedermeier war die zivilisatorische Antwort der Gesellschaft auf die Durchsetzung der drakonischen Karlsbader Beschlüsse von 1819 mit starker Einschränkung jeglicher politischer Betätigung und strenger Zensur für alle Veröffentlichungen. Diese “weltumspannende tote Hose” jetzt ist das Resultat der “Corona Beschlüsse”. Interessant ist folgendes Wikipediazitat: “Anlass für die Karlsbader Beschlüsse war die damals an verschiedenen deutschen Höfen vorherrschende Revolutionsangst.” Anlass zur Revolution wird global gegeben sein, sollten sich diese weltumspannende tote Hose morgen, dann inzwischen viel zu weit für den inzwischen Abgemagerten, eben nicht wieder zu einem halbwegs normalen Wirtschaftsleben erwecken lassen. morgen kinder wirds was geben morgen kommt der weihnachtsmann

Gerd Heinzelmann / 01.05.2020

Zen und die Kunst eine Toilette zu warten? Als ich noch jung war hieß es Motorrad!

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