Dieter Prokop, Gastautor / 01.08.2022 / 16:00 / Foto: Pixabay / 6 / Seite ausdrucken

Die „Gleichgültigkeit aller Stände“

Der Dramatiker Johann Nestroy nahm 1848 in seinem Stück „Freiheit in Krähwinkel“ scheinbar eine woke Republik vorweg. Inklusive Regenbogenfahnen.

1848 wurde im Carl-Theater in Wien ein Stück von Nestroy uraufgeführt: „Freiheit in Krähwinkel.“ Es hat zwei Teile. Erster Teil: DIE REVOLUTION. Zweiter Teil: DIE REAKTION. Der Erste Teil endet mit einem Auftritt eines Journalisten, der sich als „Abgeordneter der europäischen Freiheits- und Gleichheitskommission“ ausgibt. Und so endete 1848 in Nestroys Stück die Revolution:

„Fünfzehnter Auftritt [...]

KLAUS [der Ratsdiener, ein reaktionärer Bürokrat] atemlos herbeistürzend: Euer Herrlichkeit [angesprochen ist damit der Bürgermeister von Krähwinkel] – ! Ein Ereignis – ! Ein neues Blatt Weltgeschichte! Es ist einer angekommen!

ALLE: Wer?

KLAUS: Ein Abgeordneter der europäischen Freiheits- und Gleichheitskommission!

BÜRGERMEISTER: Trägt er die dreifarbige Farbe?

KLAUS: Nein, die siebenfarbige wie der Regenbogen –

SPERLINBG [ein Adliger namens Sperling Edler von Spatz]: Das scheint die kosmopolitische Farbe zu sein.

KLAUS: Er und sein Schimmel sind alle zwei voll siebenfarbigen Fahnen, Fahndln und Bändern. Alles jubelt, trompet't und schreit Vivat!“

(Nestroy 1848, S. 322)

Dann tritt der „Abgeordnete der europäischen Freiheits- und Gleichheitskommission“ höchstpersönlich auf und verkündet die neuen Werte – und Nestroy hat diese neuen Werte in satirischer Absicht etwas verzerrt:

„Sechzehnter Auftritt [...]

ULTRA [der als Abgesandter verkleidete Journalist, Mitarbeiter der Krähwinkler Zeitung, heißt Eberhard Ultra]: Ich verkünde für Krähwinkel Rede-, Preß- und sonstige Freiheit; Gleichgültigkeit aller Stände; offene Mündlichkeit; freie Wahlen nach vorhergegangener Stimmung; eine unendlich breite Basis, welche sich erst nach und nach auch in die Länge ziehen wird, und zur Vermeidung aller diesfälligen Streitigkeiten gar kein System. 

BÜRGERMEISTER: Ah – ! Fällt in Ohnmacht, Sperling und der Ratsherr fangen ihn auf.

VOLK: Vivat! Vivat! [...]

Der Vorhang fällt." (S. 332 f.)

Nestroys satirische Verdrehung dessen, was man heute „unsere Werte“ nennt, ist wiederum hochaktuell: statt der Gleichheit aller Stände propagiert Eberhard Ultra eine doppeldeutige „Gleichgültigkeit aller Stände“. Und bei den freien Wahlen geht es „nach vorhergegangener Stimmung“, also um Gefühle, nicht um Sachfragen. Auch sah Nestroy schon die heute praktizierte postmodern-woke Leugnung aller Qualität und Qualifikationen voraus: Zwecks Vermeidung von Streitigkeiten soll es gar kein System geben. – Hatte dieser Herold der europäischen Freiheits- und Gleichheitskommission sich da nur versprochen oder hatte er kein Unterscheidungsvermögen? – Das weiß man bis heute nicht.

 

„Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang“ von Johann Nestroy, 1848, In: Nestroys Werke. Berlin, 1969

 

Dieter Prokop ist Professor em. für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Sein aktuelles Buch heißt „Bevollmächtigte des Weltgerichts“.

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Andrej Stoltz / 01.08.2022

Nestroy ist das bairisch geprägte Alt-Wien. Noch vor der Slawisierung aus Böhmen und vom Balkan, vor dem Zuzug der Juden aus Galizien und natürlich allen anderen späteren Einwanderern. Gibts schon lange nicht mehr, dieses bajuwarische Alt-Wien. Wurde auch “abgeschafft wie so vieles” Relevant ist er trotzdem noch. Den Wahnsinn der rasenden “Woken"von heute kann man noch viel stärker mit einem ganz kurzem Nestroy Zitat zusammenfassen: “Wer is stärker ? I oder I ?”

Hans Reinhardt / 01.08.2022

Bei dem Wort “Krähwinkel” erscheint sofort vor meinem inneren Auge ein durchaus gemütliches Städtchen, etwas sehr abgeschieden von der Welt, bewohnt von tüchtigen, freundlichen, vielleicht etwas naiven Bürgern. “Spitzweghaft” fällt mir dazu noch ein. Würde Nestroy sein Stück heute schreiben, so würde er als Ortsbezeichnung wohl so etwas wie “Schafhausen” wählen, ein Begriff mit dem ich ängstliches Geblöke, den beißenden Gestank von Dung und einen unsauberen Schäfer konnotiere.

Andreas Bitz / 01.08.2022

Gerne hier der Verweis auf Heinrich Heines “Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen” (1854), treffend interpretiert z.B. in Lyrik.antikoerperchen.de. Zu Beginn der Corona-Einschränkungen mit Ausgangssperren, gesperrten Parkbänken, Kontaktverboten etc. fühlte sich die Obrigkeit getroffen als ich in meinem Betrieb (Freizeitgelände mit großem Besucherverkehr) genau die entsprechenden Passagen aushing.

Harald Unger / 01.08.2022

Danke für den Lesetipp, dieser schon gespenstischen Hellsichtigkeit. Man kann es auf Projekt Gutenberg direkt lesen. - - - Die spätrömische Dekadenz und ihre barbarischen Folgen, scheint ein unumgehbares Schicksal zu sein. Wobei sich das untergehende Bürgertum des Westens von höchstens 1 Prozent hinter die Fichte führen lässt. So sind z.B. die sogenannten Fäkalstürme in den ‘Sozialen Medien’, wie es aussieht, von jeweils wenigen, bezahlter ‘Aktivisten’ - z.B. “Bundesprogramm Demokratie leben” - inszenierte Phantasmagorien.

sybille eden / 01.08.2022

Dieses Stück ist nicht hilfreich !

Thomas Szabó / 01.08.2022

Die “neuen Werte” sind der Gegenwart wie aus dem Gesicht geschnitten und führen schnurstracks zur Abschaffung der ersten und einzig wahren Werte, der “Rede-, Preß- und sonstige Freiheit”.

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