Manchmal ist der Zweitplatzierte der heimliche Sieger, oder erinnern Sie sich noch an „Tu te reconnaitres“ von Anne-Marie David, den Gewinnersong des ESC 1973 in Luxemburg?
Falls nicht, mir geht es ähnlich, Obwohl der Song nicht schlecht gemacht ist, habe ich ihn nach zwei Tagen bereits wieder vergessen und muss ihn jetzt für diesen Artikel googeln und auf Youtube nachhören. Leider hat aber „Power To All Our Friends“ von Cliff Richard, das 1973 nur den dritten Platz belegte, absolute Ohrwurmqualität und zumindest in Deutschland auch einen gewissen Oldie-Kult-Status erreicht. Das französische Liedchen war 1973 auch schon etwas altbacken. Cliff Richard traf vermutlich mehr den Nerv der Zeit, war frisch und fröhlich.
2025 ist jetzt ein Jahr, in dem Zeitgeist bei Jury und Publikum ganz besonders auseinander zu liegen scheinen. Wäre dem nicht so, wäre Yuval Raphael mit „New Day Will Rise“ ganz sicher Erste geworden. Und würden die Juroren auf musikalische Qualität achten und Lieder auch kulturgeschichtlich einordnen können, hätte sie erst recht den ESC gewinnen müssen, denn kein Lied hat so sehr den Bogen zum guten alten Grand Prix de la Chanson geschlagen und ist trotzdem gleichzeitig ein modernes Lied.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, heißt es, und Musik sei eben Geschmackssache. Aber streiten kann man über alles, und jede Kunst bringt auch Maßstäbe mit, an denen sie zu messen ist. Jeder Künstler hat eine eigene Fallhöhe. Man kann über ein Lied sagen, ob es gut oder schlecht gemacht ist. Man kann feststellen, ob ein Text kitschig, naiv oder einfach nur blöd oder intellektuell überladen ist. Es gibt verschiedene Kriterien, die zu verschiedenen Meinungen führen können, aber möglichst bunt und laut ist kein musikalisches Kriterium, sondern ein Statement, so wie Punk auch eher ein Statement als Musik ist, und das ist ja auch okay.
Israel gewann den Titel bereits viermal
Im Jahr 1973 nahm Israel übrigens auch zum ersten Mal am Grand Prix teil. Das war im Frühjahr, der Jom-Kippur-Krieg hatte noch nicht begonnen. Zum Glück, muss man sagen, denn sonst hätten vielleicht gleich ein paar links-rechts verwirrte Schreivögel den Boykott Israels gefordert. Dabei kann man in Bezug auf Israel beim Grand Prix/ESC nicht von strukturellem Rassismus sprechen, wenn man das Wort überhaupt benutzen will. Israel gewann den Titel immerhin bereits viermal: 1978 und 1979 sogar direkt hintereinander, dann wieder 1998 und dann wieder 2018.
Es lohnt sich, einmal nachzuschauen, mit was für Liedern Israel gewann, zum Beispiel 1978 mit einer Tanznummer mit dem Titel „A-Ba-Ni-Bi“, was in Kindersprache auf Hebräisch „Ich liebe dich“ bedeuten soll. Jordanien, das schon bald in den Jom-Kippur-Krieg verwickelt sein sollte, stellte die Übertragung ein und erklärte dem Fernsehpublikum, Belgien habe den Wettbewerb gewonnen. 1979 gewann Israel mit dem lange Zeit im Radio sehr populären „Hallelujah“, einer Art Psalm im Folk-Pop-Sound. Der des Hebräischen nicht mächtige Europäer wird dieses hauptsächlich als religiöses Lied wahrgenommen haben, was es ja auch ist, wenn auch Gott nicht explizit genannt wird. Damals also durfte Israel Kriege noch führen, sogar halbwegs gewinnen und Lebensfreude und Dankbarkeit in die Welt hinaustragen.
1998 holte Dana International den Sieg mit dem Lied „Diva“, in dem historische Frauenpersönlichkeiten gefeiert werden. Das Lied besteht hauptsächlich aus dem Gestampfe eines Drumcomputers, und man kann es sich gut als Schützenfestmusik um 2:00 Uhr nachts vorstellen. Interessant ist vor allem, dass es von einer Transfrau vorgetragen wurde, also von einem Menschen, der sich als Frau identifiziert, aber nicht unbedingt genetisch eine Frau sein muss. Das war lange vor Conchita Wurst und Nemo. 2018 gewann Israel mit Netta und ihrem Song „TOY“, einem tanzbaren, modernen Song mit angedeuteter orientalischer Rhythmik. Das Lied wurde als Beitrag zur Metoo-Debatte verstanden. Netta, die ein Jahr in der Nachal gearbeitet und ihren Militärdienst in der Marine geleistet hat, nannte sich selbst angeblich einmal „ein fettes Mädchen“. Haben der Deutsche und die Deutsche Humor, scheinen die Israelis sogar Selbsthumor zu haben.
Es gibt offensichtlich auch schlechte Gewinner
Yuval Raphael, die dieses Jahr Israel im ESC vertrat, ist Überlebende des Massakers auf dem Supernova-Festival. Daniel Bax erdreistete sich in der TAZ, daraus einen Vorteilsgewinn für Israel abzuleiten und den Ausschluss Israels zu fordern. Dabei opfert Yuval Raphael kein Stück rum. Sie hat uns ein Lied gegeben, das jeder Mensch, der jemals Schmerz, Verlust, Angst, Trauer, Depression erfahren musste, als Trost mitnehmen darf. Und welcher Mensch hat das nicht? „Everyone cries, don’t cry alone“, das ist tröstlich, das ist etwas kitschig, das ist menschlich. Hätte das gleiche Lied Herman van Veen gesungen, hätte es niemanden gestört. Interessant ist, dass Fachjury und Publikum hier völlig auseinander gingen. Bekam Israel von der deutschen Jury nur drei Punkte, verschenkte das deutsche Publikum zwölf. Hier hatte das Publikum eindeutig den besseren Musikverstand.
„Wasted love“, das diesjährige Gewinnerstück, war eine leicht zu durchschauende Reminiszenz an das Vorjahrsgewinnertück von Nemos „The Code“. Übrigens hat der Trick schon einmal funktioniert, nämlich als auf „Waterloo“ eine Reihe ABBA-Kopien folgten. Dass Österreich nun den Verwandten in der Schweiz so deutlich nacheiferte, muss einen dennoch schmunzeln machen. Beide Lieder spielen mit Versatzstücken aus Oper und Barock und klingen so hektisch und überspannt, als habe man einer KI auf ADHS einen Kompositionsauftrag erteilt. Sowohl Nemo als auch JJ können klassisch singen, aber man fragt sich: Was soll das? Wer wird das am Lagerfeuer nachsingen? Wer wird das auf Youtube covern? Und behält man das im Ohr? Dabei sorgte der Gewinner von 2024, Nemo, noch für eine Peinlichkeit, als er den Ausschluss Israels vom ESC forderte. Von Künstler zu Künstlerin gehört sich das nicht. Es gibt schlechte Verlierer, und es gibt offensichtlich auch schlechte Gewinner.
Yuval Raphaels Lied hatte alle Chancen, einen Bogen zu schlagen über die lange Geschichte des Grand Prix/ESC und so etwas wie Heilung in das Musikspektakel zu bringen. Ihr Lied kommt zwar klanglich modern ausgerüstet daher, ist aber in Wirklichkeit ein echtes Chanson alter Bauart. Die Quintfallsequenz in Moll in den Strophen erinnert an die großen Stücke von Jacques Brel und ähnlicher Meister. Der 3/4-Takt gibt dem Lied einen tänzerisch-melancholischen Klang, der zurückführt bis in die Zeit von Lenny Kuhl und ihrem „De Troubadour“. Auch der erzählerische Duktus der Strophen, die von einem Refrain des großen Gefühls abgelöst werden, ist Chanson pur. Es wundert überhaupt nicht, dass eine Strophe auf Französisch gesungen wird. Seit vielen Jahren ist hier zum ersten Mal wieder echte Musik zu hören, kein überspanntes Getue, ein echtes, bescheidenes Lied, das Mut macht. Die Menschen lieben es, aber bei den angeblichen Profis fällt es durch. Wie kann das sein?
Grand Prix war schon immer politisch
Yuval Raphael wurde auch deswegen zur Siegerin der Herzen, weil sogenannte Kulturschaffende und der Straßenmob ihren Auftritt verhindern wollten. Und wenn die TAZ so tut, als habe Israel den Wettbewerb instrumentalisiert oder gar politisiert, muss man sagen, dass der Grand Prix schon immer politisch war.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Deutschland 1982 mit der besonders brav dreinblickenden Nicole und dem schrecklich-naiven „Ein bisschen Frieden“ den Grand Prix gewann. Das Land der Ex-Nazis setzte im Zeitalter der NATO-Nachrüstung auf eine dunkelblonde Schülerin mit weißer Gitarre. Natürlich war das politisch. Auch dass die Ukraine 2022 den ESC mit dem Kalush Orchester mit „Stefanie“ gewann, war eine Ansage. Und natürlich war auch Conchita Wurst politisch. Der ESC war zu einer Schlagerparade der Queer-Theorie geworden.
Im Gegensatz zum echten Chanson haben Künstler wie Nemo und JJ, sicher exzellente Sänger, aber nur ein Thema: Ich, ich, ich ... Yuval Raphael wagt den altmodischen Chanson, der eine Geschichte erzählt, in die sich jeder hineinfinden kann und der Mut macht und mitnimmt, hart an der Kitschgrenze, aber eben nicht darüber. Einst war das Chanson eine Erzählweise freiheitsliebender Linker. Er hätte es dieses Jahr wieder werden können. Was für eine vertane Chance.
Snorre Martens Björkson schreibt Erzählungen, Romane, Hörspiele, Kindergeschichten, Theaterstücke und Songs. Er unterrichtet Klavier und leitet zwei Chöre. Privat beschäftigt er sich mit älterer Geschichte, germanischer Dialektologie und den besonderen kulturellen Wechselbeziehungen zwischen Deutschland und Skandinavien.
@ Szabo: „Der ESC interessiert mich nicht, aber der Artikel hat mich dazu bewogen rein zu hören.“ Ging mir auch so. Werde aber weiter Sinatra im Autoradio hoeren. Der Chanson gefaellt mir besser als der artifizielle Opernmix, der allenfalls interessant ist. Gewonnen hat etwas anderes, und das checkt wohl fast jeder.
Mein letztes Live-Konzert war von und mit Mylene Farmer. Dafür bin ich mit dem Zug von Köln nach Paris gereist. Viele Jahre her. Die Intifada lebt und sie (die Intifada) hat inzwischen einen ihrer besten Freunde getroffen und gezeichnet. Ich bin und bleibe Deutscher. Wer will mir das absprechen? Angela Merkel, weil sie gerne Flaggen in die Ecke schmeißt?
„Was soll das? Wer wird das am Lagerfeuer nachsingen?“ – Nicht mal im Radio haben Gewinnertitel noch eine Chance, weil viele von ihnen nicht mainstreamtauglich sind. Der ESC ist eine Fernseh-Samstagabendshow, die spätestens nachts um 1:00 Uhr vergessen ist. Das öffentliche Brimborium um den ESC herum, ist gutgemachte Fernsehpromotion. Wer auch immer den ESC gewinnt, darf im Anschluss die vielen Kaufhausauftritte absolvieren, weil für was Anderes taugt es nicht. Es spielt keine Rolle, ob Jurys oder Zuschauer einer Meinung seien. Es ist immer nur kurzweilige Fernsehunterhaltung, mehr nicht. „Wir sind Papst!“ hat niemanden vom Hocker gehauen oder den berühmten „Ruck durch Deutschland“ verursacht. „Wir sind ESC-Sieger!“ wäre genauso bedeutungslos – weil es nur TV-Unterhaltung ist.
„ Das Land der Ex – Nazis setzte im Zeitalter der NATO – Nachrüstung auf eine dunkelblonde Schülerin …….“ Sorry aber es muss richtigerweise heissen :
Das Land der Ex – Nazis setzte im Zeitalter der WARSCHAUER PAKT – AUFRÜSTUNG auf eine dunkelblonde Schülerin ……..
Nicht immer Ursache und Wirkung verwechseln, erst mal muss die Ursache genannt werden ! Könnte sonst ein falsches Geschichtsbild enstehen, gelle ?
Der ESC ist ein Wettbewerb der POPmusik, „Pop“ wie in „popular“, also Musik für das Volk. Daher soll nur das Volk, also die Zuschauer, abstimmen. Was sollen da die Funktionär-Juroren, die in den letzten Jahren übrigens konsequent gegen das Volk stimmten? Irgendwie aber auch verständlich, denn in der EU bedeutet das Volk heutzutage automatisch „rechts“.
Der ESC interessiert mich nicht, aber der Artikel hat mich dazu bewogen rein zu hören. Die Sieger von 2024, 2025 geben mir nichts. Für mich nur gekünsteltes, nerviges, affektiertes Geschrei. Die Zweitplatzierte wirkte für mich authentisch, menschlich und hat tatsächlich eine Seite in meinem Herzen berührt.
Ich erinnere mich an „Tu te reconnaitres“ ebenso wie an „eres tu“. Beide Aufnahmen füllten damals mein Platten Repertoire (nur Singles) und wurden auch häufiger aufgelegt. Die andere Beiträge „are gone with the wind“.
Die beiden Auafnahmen waren auch (in meinen Ohren) besser als das „Waterloo“ von 1974, da sich nicht in meiner Plattensammlung befindet. Abba hat danach viel bessere Songs veröffentlich.