Eran Yardeni
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_gew_und_das_deutschlandlied_teil_1/
Diese Strategie ist mehr als einfach fragwürdig und kann aus zwei verschiedenen Perspektiven kritisiert werden. Man kann die Beweise, die Ortmeyer bringt, sowohl historisch als auch soziologisch, einfach überprüfen. Nur um ein Beispiel zu nennen: Stimmt es überhaupt, dass die Opfer des Nationalsozialismus die deutsche Hymne, d.h. die Letzte Strophe die von den Nazis nicht gesungen wurde, nicht singen können? Das Bild ist viel komplizierter als man denkt.
Im Jahre 2006, dem Erscheinungsjahr der Broschüre, geht es vor allem um die zweite und dritte Generation, um die Kinder und Enkel der Überlebenden. Es scheint, dass sie auf die deutsche Vergangenheit vernünftiger reagieren als die Deutschen selbst. Zum Beispiel: Unter dem Titel „Wenn einer zur Hymne schweigt, ist das blamabel“ äußerte sich der in Berlin lebende jüdische Kolumnist Leeor Engländer zu diesem Thema. Das folgende Zitat aus seinem Text (Welt-Online; 17.6.2012) beweist, wie umstritten die Behauptung der GEW bzw. von Ortmeyer ist:
„Aber welche Nationalhymne jodle ich zu Hause auf dem Sofa, während die Mannschaften auf dem Rasen stramm stehen? Wenn Mesut Özil und Kumpanen zu Beginn eines Spieles der Nationalelf nur doof gucken, anstatt mit stolz geschwellter Brust die Hymne des Landes zu singen, das sie vertreten und dessen Pass sie tragen, dann halte ich das für eine Blamage. Dass Deutschland weder Vater- noch Mutterland des einen oder anderen Kickers ist, kann ich verstehen, das gilt auch für mich. Aber was bitte spricht gegen ‘Einigkeit und Recht und Freiheit’? Selbstverständlich singe ich das deutsche Lobeslied, und wenn die tief rührende israelische Hoffnungshymne ‘Hatikva’ erklingt, bekomme ich ‘Pippi in die Augen’”.
Diese vernünftige Anschauung und Vergangenheitswahrnehmung ist kein Einzelfall. Am 12.6.2012 (Welt-Online) interviewte Andrea Backhaus drei Israelis, die hier in Berlin leben. Im Laufe des Gespräches wurden die drei auch über ihre Einstellung der deutschen Nationalhymne gegenüber gefragt. Sehr interessant ist die Antwort des israelischen Tenorsängers Assaf Kacholi. Er erklärte, warum und wie es dazu kam, dass er die deutsche Nationalhymne beim Länderspiel gegen Sudafrika in Leverkusen sang:
„Beim Proben zuhause war ich leicht hysterisch. Aber dann habe ich mit ein paar israelischen Opernsängern gesprochen und die sagten: ‘Was ist dein Problem? Warum macht es einen Unterschied, ob du eine Arie von Mozart oder die deutsche Hymne singst? Es ist eine schöne Melodie, ein eingängiger Text.’ Und ich dachte: Sie haben recht. Es sollte eine Art Heilungsprozess beginnen, auf beiden Seiten“. Der letzte Satz ist vielleicht der Wichtigste. Die mit der dunklen Vergangenheit identifizierte Melodie sehen solche jungen Leute nicht als Hindernis, sondern als eine zu überwindende Herausforderung. Sie wissen, dass eine Hymne vor allem eine symbolische Bedeutung hat, die nicht zu unterschätzen, aber auch nicht zu überschätzen ist. Ich bin übrigens selbst jüdisch und stamme aus Israel. Genau wie Engländer und Kacholi singe ich auch beide Hymnen, die deutsche und die israelische.
Die Beziehungen von jüdischen Israelis zur deutschen Vergangenheit möchte ich natürlich nicht romantisieren. Gegenstimmen gibt es auch. Eines ist aber Sicher: Die erste Behauptung von Ortmeyer, wie sie in der Broschüre der GEW begründet wird, ist alles anders als bewiesen. Sie spiegelt eher eine Einstellung zur Vergangenheit, die nicht von allen Opfern oder ihren Kindern geteilt wird.
Im deutschen innenpolitischen Raum findet sich noch eine Gruppe, deren Mitglieder sich mit Recht als politische Opfer des Nationalsozialismus sehen: Die politische Linke. Auch hier ist das Bild ziemlich verschwommen. Zuerst soll man aber fragen, was in diesem konkreten Zusammenhang als „Politische Linke“ verstanden werden soll. Historisch betrachtet war es Friedrich Ebert (SPD), der als Präsident der Weimarer Republik „das Lied der Deutschen“ zur Nationalhymne machte (1922). Es passierte aber elf Jahre vor der nationalsozialistischen Machergreifung. Die Broschüre zeigt aber keine aktuellen statistischen Daten für die angebliche Ablehnung der Nationalhymne unter den politischen Linken, sondern nur Einzelbeispiele. Genauso gut kann man auch aktuelle Gegenbeispiele finden, z.B. Jürgen Trittin. Der Grünenpolitiker ist vielleicht das perfekte Gegenbild des deutschen Konservatismus und singt doch die Nationalhymne. Hier ist ein Auszug aus einem Interview mit der FAZ:
F: „Früher haben Sie gegen öffentliche Rekrutengelöbnisse polemisiert, heute singen Sie die Nationalhymne mit. Sind sie etwa konservativ geworden?“
A: „Ich habe in meiner politischen Tätigkeit die Bedeutung funktionierender demokratischer Institutionen schätzen gelernt. Das gilt auch für meine Partei. Die Grünen sind schon lange keine Anti-Parteien-Partei mehr. Das heutige Anti-Parteien-Bashing trägt rechte, antidemokratische Züge.“
Trittin ist nicht der Einzige unter den Grünen, der seine Lippen bewegt, während Özil betet und sich auf das Spiel konzentriert (Bild, 3.6.2010) und Khedira aus Respekt vor seinem zweiten Heimatland die Hymne (Zeit, 15.6.2010) seines ersten Heimatlands nicht zur Kenntnis nimmt. Cem Özdemir (Augsburger Allgemeine, 2.7.2012) singt auch mit. Sogar Ströbele, wie man am 2.5.2006 im Spiegel lesen konnte, verlangte eine Übersetzung der deutschen Nationalhymne in die türkische Sprache. Warum soll jemand, der die Hymne ablehnt, ihre Übersetzung fordern? Höchstwahrscheinlich hat auch Ströbele kein großes Problem mit dem Text.
Unabhängig davon, ob und inwieweit die politische Linke, als Opfer des Nationalsozialismus, die deutsche Nationalhymne überhaupt ablehnt, soll man auch nach den Motiven einer solchen Ablehnung fragen. Unter den Linken finden sich viele Abspaltungen, die mit der bloßen Idee des Nationalstaats nicht leben können. Sie sehen in jede Hymne, die eine klare nationale Identität zum Ausdruck bringt, als einen Angriff auf die Einheit der Arbeiterklasse. Es ist kein Zufall, dass die Hymne des Sozialismus „Die Internationale“ heißt und sich an die “Verdammten dieser Erde“ wendet. Wer die Welt so versteht, muss mit jeder Nationalhymne ein Problem haben und zwar abhängig von ihrem Text oder ihrer Melodie. Was die jetzige Diskussion anbelangt, sollen sie nicht als Gegenstimmen gezählt werden. Wir überprüfen die moralische Legitimität einer bestimmten Nationalhymne - und nicht der Nationalhymne als Idee. Die GEW will nicht die Nationalhymne als symbolische Institution abschaffen. Es geht um eine Nationalhymne, die sie für ungeeignet hält, und nur deshalb i abgeschafft gehört.
Wie viele unter den politischen Linken Trittins und Özdemirs Einstellung zur Nationalhymne teilen, kann man der 2006 erschienen Broschüre nicht entnehmen. Wie viele von ihnen die moralische Basis jeder Nationalhymne (im Gegenteil zur Internationale) bestreiten, auch nicht. Es bleibt also nicht viel übrig von der ersten Behauptung der GEW.
Teil 3 folgt