Eran Yardeni
Zugunsten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) muss man sagen, dass sie ihre gesellschaftliche Funktion ernst nimmt. Ihr Tätigkeitsbereich geht weit über den Schulhof hinaus und betrifft nicht nur die Arbeitsbedingungen ihrer Mitglieder, sondern auch die Umgestaltung der geistigen Landschaft des deutschen Volkes. Nur wer seinen Job eher als Berufung denn als Beruf versteht, kann auch genug Energien mobilisieren, um einen heroischen Kampf gegen die deutsche Nationalhymne zu führen.
Mit dem Titel „Argumente gegen das Deutschlandlied - Geschichte und Gegenwart eines furchtbaren Lobliedes auf die deutsche Nation“ veröffentlichte am 15. Mai 2006 die GEW eine ca. 50 seitige Broschüre, in der die Leser belehrt wurden, warum „das Deutschlandlied ins Museum gehört“. Der Inhalt dieser Broschüre ist eigentlich ein Auszug aus dem fast gleichnamigen Buch „Argumente gegen das Deutschlandlied“ von Benjamin Ortmeyer (1991), das Vorwort hingegen wurde von Ulrich Thöne, dem damaligen Bundesvorsitzenden der GEW, und Jochen Nagel, dem damaligen Vorsitzenden der GEW Hessen, verfasst. Die Zeitwahl war alles anders als zufällig: etwa drei Wochen danach, am 9. Juni 2006, sollte in Deutschland die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet werden.
Das war aber nicht der erste Versuch der GEW die deutsche Hymne an den Pranger zu stellen. 15 Jahre vorher, am 19. August 1991, ließ sie in einer schriftlichen Stellungnahme bekanntgeben, dass „das vor 150 Jahre von Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf Helgoland verfasste Gedicht »Deutschland, Deutschland über alles« jedenfalls nicht geeignet sei, länger als Hymne der Bundesrepublik Deutschland zu dienen“. Dass dieses Lied überhaupt nicht »Deutschland, Deutschland über alles« sondern „Lied der Deutschen“ oder „Deutschlandlied“ heißt, schien damals der Vertretung der Lehrer und Wissenschaftler nicht wichtig zu sein. Später in dieser Stellungnahme wird das Leid doch noch mit seinem richtigen Namen benannt.
Einen großen Unterschied kann man schon beim ersten Durchlesen der Stellungnahme (1991) und des Vorworts (2006) erkennen: „Deutschland“, wurde in dem Vorwort behauptet, „ist ein Einwanderungsland“. Diese Aussage bleibt nicht ohne Konsequenzen – ich zitiere weiter: „Auch wir Deutschen müssen uns verändern, wenn der nötige Integrationsprozess gelingen soll. Was wir dabei ganz und gar nicht gebrauchen können ist ein Nationalismus, der die immer größer werdende soziale Kluft in diesem Land übertünchen soll und Integration mit Assimilation verwechselt.“
Mit anderen Worten: Die deutsche Nationalhymne ist eine nationalistische Manifestation, als solche übermalt sie die soziale Kluft mit nationalen Farben und hat deshalb keinen Platz mehr in der heutigen Einwanderungsgesellschaft. Relativ zu dieser Überschätzung der Rolle der Nationalhymne und der gleichzeitigen Unterschätzung der zentralen Rolle der Migranten in dem Integrationsprozess, klingt die Stellungnahme von 1991 ziemlich sachlich. Sie hat wenigstens nicht versucht, dem Deutschlandlied, direkt oder indirekt, das Vertuschen gesellschaftlicher Probleme zu unterstellen.
Aber bevor wir uns mit weiteren Argumenten der GEW befassen , lassen Sie uns zuerst mal das Monster selbst, das heutige „Deutschlandlied“ kennenlernen:
„Einigkeit und Recht und Freiheit / für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben / brüderlich mit Herz und Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit / sind des Glückes Unterpfand / Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland!“.
Es liegt nah, dass man ein reiches Vorstellungsvermögen benötigt, um in diesem acht zeiligen Lied eine brutale, erbarmungslose, ausländerfeindliche, nationalistische Attacke zu erblicken. Aber genau an Kreativität und Vorstellungsvermögen mangelt es an der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft nicht. Und was man unter der Lampe nicht finden kann, danach muss man im Dunkeln tasten. Und gibt es etwas Dunkleres als die deutsche Geschichte?
Die Vergangenheit ist der Kerker des deutschen Sadomasochisten. Da findet er alles, was die Szene für Selbstgeißlung erfunden hat. Eigentlich finde ich es nicht schlecht, wenn Völker sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen. In bestimmten Zusammenhängen ist es sogar eine moralische Pflicht. Das Problem aber liegt darin, dass die Mitglieder dieser Szene - meistens gehören sie der politischen Linken an - aus ihrer Selbsttherapie ziemlich merkwürdige Konsequenzen ziehen. Geht diese Selbstheilung total schief, dann finden wir sie auf einer „Solidaritätsflotte“ auf dem Weg nach Gaza, geht es nur ein bisschen schief, dann beginnen sie, im Namen der Multi-Kulti-Idee gesellschaftliche Rückständigkeit und patriarchalische Strukturen zu romantisieren. Dazu gehört auch der Glaube, dass misslungene Integration vor allem auf die geistige und mentale Beweglosigkeit der Aufnahmegesellschaft zurückzuführen ist, die auch in der Verweigerung, die Hymne ins Museum zu schicken, zum Ausdruck kommt.
Zurück zum Kerker. Um die deutsche Nationalhymne zu beseitigen braucht man erstens eine klare Strategie. Eins ist schon jetzt klar: den Inhalt der heutigen Hymne direkt anzugreifen bringt gar nichts. Vergleicht man den deutschen Text mit dem Französischen oder mit dem Italienischen, sieht man sehr schnell, wie harmlos die Erstere ist. In der Marseillaise, der französischen Nationalhymne, findet man unter anderem auch die folgenden Sätze (die Übersetzung stammt aus der Webseite der französischen Botschaft in Berlin):
„Zu den Waffen, Bürger! Schließt die Reihen, Vorwärts, marschieren wir!” Von „heiliger Liebe zum Vaterland“ ist auch die Rede und überhaupt viel Blut fließt zwischen den Zeilen. Wie Joseph Fouche, der Schlächer von Lyon, und Maximilien Robespierre ihre Liebe zum Vaterland zum Ausdruck gebracht haben, das wissen wir alle. Bei den Italienern klingt es sogar noch schlimmer (Übersetzung: Wikipedia): „Lasst uns die Reihen schließen, Wir sind bereit zum Tod, Wir sind bereit zum Tod, Italien hat gerufen! Ja!“ - „Von den Alpen bis Sizilien, Überall ist Legnano / Jeder Mann hat von Ferruccio Das Herz und die Hand / Die Kinder Italiens Heißen Balilla / Der Klang jeder Kriegstrompete ertönte zur Vesper“. Legnano ist eine berühmte Schlacht, in der Barbarossa besiegt wurde. Ferruccio ist ein militärischer Herr, und nach dem Aufstandsführer Balilla (1746), wurde die Jugendbewegung der italienischen faschistischen Partei genannt.
Vor dem Hintergrund dieser Kampfaufrufen unserer Nachbarn wäre es ziemlich unklug, den Kampf gegen die heute gesungene Strophe der deutschen Hymne auf den Inhalt zu fokussieren. Deshalb plante die GEW ihren Frontalangriff auf das Deutschlandlied mehr oder weniger so: Wenn wir beweisen, dass dieses Lied von den Opfern des Nationalsozialismus nicht gesungen werden kann, wenn wir beweisen, dass die Nazis dieses Lied nicht missbraucht, sondern „lediglich hervorragend genutzt“ haben, wenn wir die angebliche tadellose Biografie von Hoffmann von Fallersleben in Frage stellen, wenn wir zeigen, dass sogar durch das Argument „Das muss man aus der Zeit heraus verstehen“ das Deutschlandlied moralisch nicht zu retten sei und wenn wir die „Zerstückelung in Strophe drei einerseits und Strophe eins und zwei andererseits“ als „Übergang zur Rehabilitierung des ganzen Liedes“ entlarven, dann können wir endlich diese gesungene Schande in den Mülleimer der Geschichte schmeißen.
Fortsetzung folgt