In Deutschland spukt derzeit eine ehemalige Kanzlerin wie ein Schlossgespenst durch die deutsche Politik. Sie rügt öffentlich ihren Parteifreund und Nach-Nachfolger Friedrich Merz. In den Medien freut man sich über die Beschwörungen der Widergängerin, die den Abweichlern von ihrem Kurs wie ein Echo im Ohr hängen.
Gespenster, die in Schlossruinen spuken, werden meist vom schlechten Gewissen getrieben, das sie, wie man im 19. Jahrhundert sagte, „nicht ruhen lässt“. Ein Gattenmörder war es in Oscar Wildes wunderbar symbolischer Erzählung „The Canterville Ghost“. Ihm wird schließlich doch noch das Glück der Ruhe und des Schweigens zuteil durch die junge Virginia, die ihm vergibt.
In Deutschland spukt derzeit eine ehemalige Kanzlerin. Üppig besoldet, doch weitgehend unbeschäftigt, sinnt sie auf neue Ansatzpunkte öffentlicher Beachtung. Ihre Memoiren, ein dicker Band Allgemeinplätze, schwer wie ein Pflasterstein, sind gurgelnd untergegangen, weitgehend unbeachtet und ungelesen. Den Literatur-Nobelpreis wird sie dafür nicht bekommen wie einst Churchill für sein sechsbändiges Geschichtswerk über die Epoche des Zweiten Weltkriegs – sie hat Europa auch nicht vor der Barbarei gerettet, sondern in sturem Nichtbegreifen in eine neue hineinmanövriert.
Ihre Vorstellungskraft ist zu dürftig entwickelt, um überhaupt zu begreifen, was sie angerichtet hat. Im starren Stolz der Unbedarften hält sie an ihren alten Fehlern fest und propagandiert sie noch immer als kluge Politik. Äußerlich gesehen, steht sie sich gut. Sie fristet ihre Tage in einem opulenten Büro, das ihr der deutsche Staat bezahlt, von staatlichen Leibwächtern bewacht, in schweren Limousinen herumkutschiert, nur ist da wenig Unterhaltung, wenig Pläsier.
Wer macht hier "Europa kaputt"?
Sie hat weder Kinder noch Enkel, an deren Heranwachsen sie sich erfreuen könnte, die alten Freunde – falls sie solche hatte – verschwinden in der Versenkung, zum Philosophieren reicht es nicht. Und der Garten in der Uckermark bringt nur Rüben und prosaische Kartoffeln hervor, vielleicht noch einen Apfelbaum oder Stachelbeeren, aber keine paradiesische Herrlichkeit, keine tropischen Blüten und schillernden Kolibris, allenfalls ein paar Nebelkrähen, deren schauriges Krächzen an einem düsteren Herbstmorgen über die leeren Stoppelfelder hallt.
Da bleibt nur die Zuschauertribüne im Bundestag, wo ihr willige Vollstrecker aus alten Tagen noch eine Runde Beifall spenden und wo sie immer noch ihre kalten Blicke blitzen lassen kann, die Lähmung und Konfusion verbreiten und ihren langjährigen Gegner und Rivalen, den neuen Kanzler, wenigstens in der ersten Runde um seine vorher abgesprochene Mehrheit bringen. Denn sie spukt nicht zur Nacht, sondern zur Tageszeit. Und neuerdings gibt es wieder Auftritte im Scheinwerferlicht, die zunehmen werden in dem Maße, wie findige Medien-Leute ihr negatives Potential entdecken, mit dem sie der neuen Regierung schaden kann und den zaghaften Maßnahmen, die diese zur Rettung des schlingernden Schiffes zu ergreifen wagt.
Dieser Tage ist sie wieder erschienen, an relativ abgelegenem Ort: in Neu-Ulm. Von dort aus mischt sie sich erneut in die Politik des Landes ein, das sie in sechzehn Jahren von einer führenden Wirtschaftsmacht ins Null-Wachstum bugsiert hat. Medien-Leute hatten sie eingeladen, der Chefredakteur der Südwest Presse und ihre altbewährten Hofberichterstatter vom Spiegel, würdigten landesweit ihren Auftritt: „Die neue schwarz-rote Regierung setzt im Kampf gegen illegale Migration auf verstärkte Grenzkontrollen und Zurückweisungen. Die Maßnahmen sind umstritten. Nun hat sich Angela Merkel in der Debatte geäußert. Die frühere Bundeskanzlerin spricht sich deutlich gegen die Maßnahmen aus (…) Sie plädierte dafür, innerhalb der EU nach Lösungen zu suchen. ‚Weil wir sonst erleben könnten, dass uns Europa kaputt gemacht wird.‘ Sie wolle das nicht erleben müssen. Die Altbundeskanzlerin erntete für ihre Antwort Applaus, gut 900 Zuschauer sollen den Veranstaltern zufolge vor Ort gewesen sein.“
Dazu ließe sich vieles sagen. Vor allem, wenn man bedenkt, wie viel sie selbst dazu getan hat, „Europa kaputt“ zu machen. Geht das jetzt endlos so weiter mit ihren gespenstischen Auftritten, findet sie eine neue Rolle als als Polit-Phantom? Oder überschätze ich ihre Wirkung? Nehmen wir sie immer noch zu ernst? Vielleicht ist das alles zu hoch gegriffen, das Dämonische und Bedrohliche, und sie ist kein Gespenst, das zu Lebzeiten spukt, sondern eher eine Figur wie die beiden Alten am Schluss der Muppet Show, deren übelwollende, zänkische Kommentare aus der Zuschauerloge allabendlich für einen letzten Lacher sorgten.
Chaim Noll wurde 1954 unter dem Namen Hans Noll in Ostberlin geboren. Sein Vater war der Schriftsteller Dieter Noll. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte in Ostberlin, bevor er Anfang der 1980er Jahre den Wehrdienst in der DDR verweigerte und 1983 nach Westberlin ausreiste, wo er vor allem als Journalist arbeitete. 1991 verließ er mit seiner Familie Deutschland und lebte in Rom. Seit 1995 lebt er in Israel, in der Wüste Negev. 1998 erhielt er die israelische Staatsbürgerschaft. Chaim Noll unterrichtet neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit an der Universität Be’er Sheva und reist regelmäßig zu Lesungen und Vorträgen nach Deutschland.

Merkel – Deutschlands Nemesis!
Seit einigen Tagen träume ich immer denselben Traum: es ist 5:45 Uhr, Nebel wabert durch eine menschenleere, schwarze Landschaft, es könnte die Uckermark sein. Ich erkenne schemenhaft eine rotgrün gestrichene Datscha. Jetzt nähert sich lautlos jener Gartenlaube ein schwer bewaffnetes Spezialeinsatzkommando, das mit einer Türramme ausgerüstet ist. Gerade als diese einsatzbereit ist, öffnet sich die Tür und im Türrahmen erscheint gähnend in einem leicht schmuddeligen, vorne offenen, rosa Bademantel und zerzausten Haaren eine Frau, die der früheren Bundeskanzlerin verblüffend ähnelt. Ich höre auf zu schnarchen und verfolge gebannt das Geschehen. Deutlich höre ich, wie der Einsatzleiter sagt: Sie sind verhaftet, Ihnen wird Meineid zur Last gelegt. Sie haben bei Amtseintritt geschworen Ihre Kraft dem Wohle des Volkes zu widmen. Der § 154 StGB ahndet den Meineid nicht unter einem Jahr Gefängnis. Ziehen Sie sich was Vernünftiges über. Wir werden Sie jetzt nach Bautzen überführen, Sie erhalten den Status einer politischen Gefangenen. Wie immer nach diesem Traum wache ich bester Laune auf, ein wunderbares Glücksgefühl durchflutet mich … und dann: der Traum verblasst viel zu schnell. Schon nach wenigen Minuten erreicht mich die traurige Gewissheit, auch diesmal einer Chimäre aufgesessen zu sein. Wann hört das auf, wann wird dieser Traum endlich Realität?
@Arndt Frhr. von Witzendorff, genau richtig ihr Beitrag, sie verdienen ein Orden. Den Orden des verkannten Kabarettisten. Die Uckermark wird nach heutigem Artikel und den bösen Leserbriefen Halbmast haben. Also, die Balken haben sich gebogen, sind auf halbmast gebrochen vor lachen.
@Ilona Grimm @HJG … Och Frau Grimm, Ihr unfreiwilliger Chef wurde von den Hebräern nicht verworfen, er erfüllte einfach nicht die Anforderungen, die von den historischen Nolls & Broders für einen Messias galten. Das ist quasi, wie mit fliegenden Fahnen durch die Abi-Prüfung zu fallen. Ein wahrer Messias im Sinne der Juden war zB Ben Gurion, weil Adonais Reich im Himmel & auf Erden eins ist. Die von Jesus beabsichtigte Reform des Judentums ist seinerzeit gescheitert, genauso scheiterten die Pharisäer ohne Tempel. Das kurzfristige Versprechen wiederzukehren, hatte sich nicht erfüllt, wie alle Prophezeiungen des Jesus von Nazareth. Und so warten Sie noch heute. Haben Sie Sich nie gefragt, warum er überhaupt weg ist? Ich hätte eine Antwort, aber die wird Ihnen nicht behagen. Mein Jenseits ist übrigens viel angenehmer als Ihres. Falls ich zufällig in irgendeinem Kampf fallen sollte, komme ich mit viel Glück nach Walhalla. Aber wahrscheinlich, als Strohtoter, komme ich zur kuscheligen Frau Holle. Sie, hingegen, mit Ihrem antiken Bolschewisten aus dem himmlischen Nordkorea werden mit aller Wahrscheinlichkeit im Hvergelmir landen, dem absoluten nichts, weder Zeit noch Raum. Was Churchill angeht, so haben Sie mich nicht verstanden. Die Bücher Churchills sind völlig belanglos bei einem politischen Versager dieses epischen Ausmaßes.
„Wenn’s ein güldne Maid vollbringt, Merkelmund zum Beten zwingt, wenn der tote Merz dann sprießt, Weidels Mitleidsträne fließt: endlich wird’s am Pult dann karg, Friede wohnt im Bundestag.“ -> Das Gespenst ist sowohl materieller Ausdruck des eigenen Realitätsempfindens als auch Ziel der idealistischen Erkenntnistheorie. -> (Wikipedia: „Das Gespenst von Canterville“)
Sehr gut, Herr Noll. Es lebe Ironie und Satire.
Dass Merkel nervös wird, weil innerhalb einer Woche ganze 32 potentielle Asylbewerber zurückgewiesen wurden – unter Aufbietung aller verfügbaren Kräfte der Bundespolizei, die vorübergehend offenbar auf Urlaub und Überstundenabbau verzichten mussten – ist doch recht amüsant. Merz gönne ich den Versuch des Reingequatschens in seine Politik allerdings vollkommen. :-)