Von Kristian Niemietz.
Die Vorstellung, „echten“ Sozialismus habe es noch nie gegeben, finden wir nicht nur in Sachbüchern, sondern auch in der Romanliteratur und in Filmen. Die wohl bekanntesten Beispiele sind George Orwells Animal Farm (1945) und 1984 (1949). Bei diesen handelt es sich nicht um Kritik am Sozialismus per se – Orwell bezeichnete sich ausdrücklich als Sozialisten – sondern nur um Kritik an der Sowjetunion beziehungsweise am Totalitarismus. Die Möglichkeit, dass es auch ganz anders hätte ausgehen können, wird zumindest offengelassen.
Die Revolution der Tiere in Animal Farm ist keinesfalls von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Sie verkommt vielmehr schrittweise, indem die Schweine die demokratisch-egalitären Prinzipien allmählich untergraben, und sich so zu einer neuen Elite aufschwingen. Man könnte sich aber leicht eine Version von Animal Farm mit einem alternativen Ende vorstellen, in dem die Revolution doch noch gerettet wird, und es ein Happy End gibt. Viel ändern müsste man dafür nicht. Die anderen Tiere müssten lediglich die Schweine in ihre Schranken verweisen, und sich auf die Prinzipien der Revolution zurückbesinnen.
In 1984 wird nie ganz klar, wie genau die dystopische Gesellschaft, von der das Buch handelt, ursprünglich entstanden ist. Aber auch hier wird wieder das Motiv einer pervertierten Revolution angedeutet, und auch hier wird völlig klar, dass die Machtelite nicht an sozialistischen Idealen interessiert ist.
Sozialismus endet im Totalitarismus, weil er es muss
Auch in Goodbye Lenin, der bekannten Tragikomödie von Wolfgang Becker, finden wir die Idee, es habe sich beim DDR-Sozialismus nicht um „echten“ Sozialismus gehandelt, zumindest angedeutet. Der Protagonist Alex gaukelt seiner Mutter, die kurz vor dem Mauerfall ins Koma gefallen ist und von alldem nichts mitbekommen hat, ein Fortbestehen der DDR vor. Er nimmt an dieser Schein-DDR bald subtile Verbesserungen vor, und verwandelt sie dadurch (wie er selbst in einer Filmszene sagt), in die Art von DDR, die er sich gewünscht hätte. Er führt in seiner Schein-DDR sozusagen nachträglich den „echten“ Sozialismus ein. Das ist natürlich alles nicht ganz ernst gemeint, aber es fällt doch trotzdem auf, wie wenig Alex an „seiner“ DDR ändern muss, um aus dieser ein völlig anderes Land zu machen.
Daneben gibt es aber auch eine kaum bekannte liberale Literaturtradition, in der es eher darum geht, zu verdeutlichen, dass die Probleme, die wir im Sozialismus sehen, systemimmanent sind. Das wohl früheste Werk in dieser Kategorie ist Eugen Richters Buch Sozialdemokratische Zukunftsbilder aus dem Jahr 1891. Richter beschreibt eine fiktive sozialistische Revolution in naher Zukunft, die mit hehren demokratischen und egalitären Idealen beginnt, und dann dennoch alsbald ins Totalitäre umschlägt. Bemerkenswert ist dabei, dass es, anders als in Animal Farm, keine machtgierige Elite gibt, die die Revolution für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Richters sozialistische Regierung besteht aus wohlmeinenden Idealisten, die ehrlich an den Sozialismus glauben. Der Sozialismus endet im Totalitarismus, weil er es muss, nicht, weil die Machthaber das bewusst anstreben.
Das ist auch die Prämisse von Henry Hazlitt’s Time Will Run Back (1966) (1), in dem der Diktator eines sozialistischen Weltreichs einen Schlaganfall erleidet, und dessen naiver, weltfremder Sohn, der von Politik nichts versteht, ungewollt zu seinem Nachfolger wird. Dieser Protagonist ist an Macht nicht interessiert, und möchte gerne Kontrolle abgeben und Freiheiten einführen. Er lernt aber allmählich, dass das innerhalb einer sozialistischen Wirtschaft schlicht nicht möglich ist und entdeckt am Ende den bereits vergessenen Kapitalismus wieder neu.
Den „unechten“ Sozialismus der DDR in „echten“ Sozialismus umwandeln
Manche Sozialisten hielten den Fall der Berliner Mauer anfangs keinesfalls für den Anfang vom Ende des Sozialismus, sondern vielmehr für den Auftakt zu einer demokratischen Rundumerneuerung desselben. Jeremy Corbyn etwa glaubte, dass die Entwicklung „in Richtung des echten Sozialismus führt, nicht zur Rückkehr des Kapitalismus. […] [D]er einzige Weg nach vorn für die Völker der Sowjetunion und Osteuropas ist eine Rückkehr zu den Prinzipien der echten Arbeiterdemokratie und des Sozialismus, welche die Basis und die Inspiration für die Oktoberrevolution bildeten.“
Im Nachhinein mag das lächerlich klingen. Aber es gab, wie geschildert, auch in der DDR Gruppierungen und Parteien, die so dachten. Sie wollten keine deutsche Vereinigung, und schon gar keine Übernahme des Wirtschaftssystems der BRD. Sie wollten vielmehr den „unechten“ Sozialismus der DDR in „echten“ Sozialismus umwandeln. Mit ihrer Vorstellung, der Sozialismus sei eine gute Idee, die in der DDR nur schlecht umgesetzt wurde, waren diese Parteien keineswegs allein: In Umfragen stimmen dem bis zu 80 Prozent der Ostdeutschen zu. Es ist den Sozialismus-Erneuerern nur nicht gelungen, diese Grundstimmung in Wählerstimmen umzumünzen.
Was aber, wenn das gelungen wäre? Was, wenn die Vertreter des „echten“ Sozialismus 1990 ihre Chance bekommen hätten?
Dies ist ein Auszug aus „Sozialismus: Die gescheiterte Idee, die niemals stirbt“ von Kristian Niemietz, 2021, München: FinanzBuch Verlag, hier bestellbar.
Lesen sie vom gleichen Autor morgen: Sozialismus – Warum fällt der Groschen nicht?
Anmerkungen:
(1) Für eine Gegenüberstellung siehe: Makovi, Michael, 2015: „George Orwell as a Public Choice Economist“, MPRA Paper 64161, Universitäts-Bibliothek München, Germany. Makovi (2015) für eine Gegenüberstellung.
Beitragsbild: Pixabay
Zu Anfang der Weimarer Republik lag die Macht auf der Straße herum. Man musste sie nur aufheben und anschließend ausüben. Die Sozialdemokratie hat kurz gezaudert. Soll sie, oder soll sie nicht? Die Chance für den Sozialismus war da. Die USPD hat sich nach links abgespalten. Sie würde wohl gewollt haben. Doch für die SPD hätte es bedeutet, sich mit der KPD zusammenzutun. Es ist den Leuten um Ebert zu verdanken, dass es nicht dazu kam. Man entschied sich für einen sozialdemokratisch geprägten Kapitalismus. Was es bedeutet haben würde, sich mit den Kommunisten gemein zu machen, haben die Sozialdemokraten dann etwas später zu spüren bekommen. Mir nichts dir nichts wurden sie zwangsvereinigt. Die Nachkriegs-Sozialdemokraten im Westen waren die größten Gegner des Sozialismus. Sie wussten, wohin er führt. Er führt nicht nur ins Autoritäre, in die Diktatur, sondern auch zum Scheitern der Wirtschaft. Heute weiß man dieses nicht mehr. Es gibt Dinge, die lassen sich nicht zähmen. Der Sozialismus gehört dazu. Das Diktatorische wohnt ihm inne, weil der Mensch nicht in seine Schablone passt. Der Mensch entspricht nicht der Theorie. Und eine Ideologie ersetzt keine Tatkraft.
Das Problem des ganzen Komplexes des Marxismus über den Kommunismus bis zum Sozialismus ist einfach erklärt: Das, was damit erreicht werden soll, ist konzeptionell so gar nicht möglich. Die roten Staatskonzepte leiden alle darunter, dass 1. Das ungebildete Proletariat, also die, die mangels Fähigkeiten gar nicht führen können, die Führung übernehmen soll und 2. Durch den Staat generell Solidarität erzwungen wird. Und zwar auch mit denen, die sich aufgrund ihres charakterlichen Fehlverhaltens die Solidarität von anderen gar nicht verdienen. Das Resultat ist klar: Es landen konzeptionell die Idioten und Verbrecher an der Regierung, die dann ihr Volk unterdrücken. Und weil Idioten und Verbrecher in einem freien Wettbewerb keine Chance haben, werden freie Wahlen natürlich auch nicht mehr abgehalten. Wer eine gerechte, faire und zivilisierte Gesellschaft als Ziel hat, der muss 1. Das allgemeine Bildungsniveau anheben, damit Idioten in der Gesellschaft eine Ausnahme bleiben und nicht die Mehrheit stellen. Dafür braucht es dringend(!) den freien Wettbewerb als Anreiz, sonst funktioniert das einfach nicht. Lernen ist nun mal anstrengend. 2. Bodenständige Werte vermitteln und Fairplay einfordern. Und zwar ausnahmslos bei und von allen. Sonderregeln für irgendeinen Teil des Staatsvolkes darf es nicht geben. Weder aufgrund irgendeiner Religionszugehörigkeit noch der Hautfarbe. 3. Die Macht muss auf alle, also auf das gesamte Staatsvolk, möglichst gleich verteilt werden. Wobei Punkt 3. erst dann erfolgen kann, wenn die Punkte 1 und 2 fortlaufend konsequent umgesetzt werden. Der Trick in einem solidarischen und zivilisierten Gemeinwesen liegt im Durchschnitt seiner Bevölkerung. Wenn der Durchschnitt dumm und kriminell ist, weil Bildung und Erziehung in der Breite versagen, wird der Staat natürlich ebenso dumm und kriminell. Jede Gesellschaft steht und fällt mit der individuellen Leistungsbereitschaft und dem Anstand eines jeden einzelnen Bürgers.
Was es bisher gab und gibt IST ECHTER Sozialismus. Etwas anderes ist da nicht drin.
Er wird kommen, nur wird man ihn anders nennen, vielleicht „nachhaltigen Kapitalismus“ oder so ähnlich. Es ist
die Religion der „Gerechten“, die einzige Überlebenschance der Schmarotzer, lebensunfähig, stressempfindlich
schon wenn morgens der Wecker klingelt, der Scheinbeschäftigten, denken sie nur an die über 200 Gender-
Leerstühle, kein Arbeitgeber hat Verwendung für solche nutzlosen Fresser, nur der Staat. Oder die Parasiten,
die in irgendwelchen staatsfinanzierten Vereinen die „Demokratie fördern“ und im Kampf gegen Rechts ausgelastet
sind. Oder der ganze Apparat der ÖRR, ohne Zwangsfinanzierung höchstens als Strassenmusiker zu verwenden ( aber nicht in meiner Strasse).
Der Sozialismus ist eine der dümmsten Ideen der Menschheitsgeschichte.
Den Weg zur Lösung dieser Frage wies ein sowjetischer Politiker zur Gorbatschow-Zeit: „Sozialismus gibt es in Westeuropa, aber nicht bei uns.“
Der Autor täuscht sich in den Sozialismusfragen i. V. m. der Auflösung (Kollaps) der DDR. Es ging nicht um die Frage von unechtem und echtem Sozialismus, sondern um die Alleinherrschaft der SED als diktatorische Partei (deren Rolle aus der Theorie abgeleitet wurde, der der Diktatur des Proletariats), die beseitigt werden sollte. Das Podium des Gedanken- und Interessenaustausches waren die Runden Tische. Die weniger bornierten Vertreter der SED, die ja durchaus über die Stimmung im Volke einigermaßen informiert waren, hatten natürlich den Braten sofort gerochen und reagiert. Dieser möglichen Vorsehung folgend, hatte man seinen alten Anzug abgelegt und sich einen neuen Dresscode verpaßt. Die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) ward geboren. Damit das Ganze auch einen entsprechenden Anstrich bekam, gründete man eine weitere Initiative, die des Demokratischen Aufbruchs, sinnigerweise unter einem STASI-erfahrenen Führungskader. Wie auch heutzutage hatte man damals die Ökonomie völlig außer acht gelassen und wurde alsbald von dieser und den Menschen, die Sache einigermaßen begriffen hatten, eingeholt. Hiernach setzte quasi eine freiwillige Unterwerfung ein, die bis heute anhält, und gleichzeitig eine Inbesitznahme, der man anscheinend schier machtlos ausgeliefert war. In diesem Kräftespiel gab es Gewinner und Verlierer, wobei selbst die Verlierer durchaus etwas dazu gewonnen haben. Wenn der aktuelle Sozialismus in westdeutscher Ausprägung eines Tages straucheln wird, werden die Verlierer kaum hinzugewinnen können. (Sozialismus ist keine Vision, sondern eine Utopie, in der langfristig mehr verteilt wird, als man je haben wird. Die Ökonomie ist darüber der Scharfrichter.) – Rette sich wer kann!