Gastautor / 13.01.2019 / 14:00 / Foto: P4b" / 5 / Seite ausdrucken

Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen.

Von Bettina Gruber. 

Dass sich die Zeiten ändern, zeigt sich nicht zuletzt in der Reaktion auf Bücher. 1999 wurde die Erstausgabe von Frank Böckelmanns Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen mit dem Sonderpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung „Das politische Buch“ ausgezeichnet. Der voluminöse Band erschien in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe „Die Andere Bibliothek“, und die Laudatio hielt die damalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Anke Fuchs (SPD). Co-Preisträger war der (zu recht) hochangesehene amerikanische Soziologe Richard Sennett. Einer Rezeption im linken Wohlanständigkeitsplüsch stand offensichtlich (noch) nichts im Wege. 

Die erweiterte Neuausgabe kam nun im Oktober im Landt-Verlag Berlin, einem Imprint von Manuscriptum, heraus und wurde in keinem größeren Medium kommentiert. 1999 war das noch anders. Reinhard Mohr besprach das Werk unter dem Titel Wir sind alle Afrikaner im Spiegel und nahm kein Blatt vor den Mund: „Ein neues politisch korrektes Pharisäertum in Deutschland verwechselt Ortlosigkeit mit Weltoffenheit, Multikulti-Einerlei mit spannungsreicher Vielfalt – der Autor Frank Böckelmann provoziert mit einer Kritik an gesinnungsfester Fremdenliebe.“            

Dabei wird bei der Lektüre deutlich, wie sehr das Buch bei seinem ersten Erscheinen seiner Zeit voraus war, und wie sehr es für die unsere der allgegenwärtigen, durch keine Grenzen mehr abgefederten „Vielfalt“ geschrieben scheint.     

„Unsaubere" Europäer, „watschelnde" Chinesen

Frank Böckelmann, bekannt als Alt-68er Urgestein und Herausgeber von Tumult. Vierteljahresschrift für Konsensstörung sowie der zugehörigen Schriftenreihe (in der unter anderem Sieferles Das Migrationsproblem erschien) vervielfältigt darin die uns vertraute Blickrichtung aufs „Exotische“: Japaner und Chinesen sehen Europäer, „Schwarze“ sehen „Weiße“, „Gelbe“ sehen „Schwarze“, „Weiße“ sehen „Schwarze“ und „Gelbe“. Die Zeugnisse, die er auf über sechshundert Seiten samt imposantem Endnotenapparat und Bildmaterial aufbietet, sind teils historisch, teils zeitgenössisch − so der desillusionierte Blick, der in Romanen nach Europa emigrierter Schwarzafrikaner auf den Kontinent fällt. Teils sind sie die Frucht persönlicher Interviewreihen mit japanischen, chinesischen und afrikanischen Gesprächspartnern. Und kaum eine von deren Wahrnehmungen könnte als politisch korrekt im Sinne westlicher Tugendwächter passieren. 

„Die Weißen sind kalt und matt wie die Asche von Fröschen, die Schwarzen sind hässlich und schmutzig wie Kohle“ (Chinesischer Literat des 19. Jahrhunderts, „Gelbe sehen Schwarze“), bärtige Europäer wirkten „unsauber“ und erinnerten an „unterentwickelte Menschen“ (Chinesischer Gesprächspartner) oder „Schlitzaugen sind hässlich. Die meisten von ihnen sind zu klein. Besonders unschön ist ihr watschelnder Gang.“ (Westafrikanische Gesprächspartnerin über Ostasiaten) „Das schwarze Gesicht mit den weißen Zähnen und den roten Lippen, die so sehr voneinander abstachen, war schrecklich und grauenerregend. Mir schien es nicht menschlich zu sein und mehr einem Oni (Teufel) denn irgendetwas anderem zu gleichen.“ (Japanischer Fischer 1851 bei der ersten Begegnung mit einem Afrikaner, „Gelbe sehen Schwarze“). „Sie sind nicht im Gleichgewicht. Viele unverheiratete Frauen stampfen hart mit den Absätzen auf. Man spürt die Absicht: Sie wollen sich wichtig machen. Je jünger die Frauen sind, desto unweiblicher sind sie, mit ihrem harten und eckigen Gang“ (Chinesischer Interviewpartner über deutsche Frauen, „Chinesen sehen Europäer“).    

Diese Feststellungen verstoßen in ihrer Unbefangenheit gegen alle Vorgaben darüber, wie Völker sich gefälligst gegenseitig zu beobachten haben. „Schon auf der schlichten Beschreibung äußerer Unterschiede lastet der Generalverdacht des Rassismus…“ beschrieb das damals zutreffend Mohr im Spiegel. Das gilt übrigens auch für die positiven Gegenbeispiele, die sich in Idealisierung der fremden Körper ergehen, die dem westlich geprägten Leser ebenfalls peinlich sind.   

Unterdrückung unerwünschter Wahrnehmung

Die Aussagen sind nicht nur PC-ungeeignet, weil sie (übrigens im Negativen und Positiven) häufig tatsächlich oder vermeintlich rassistischen Klischees entsprechen, sondern vor allem, weil sie auf, (zwar durch kulturelle Vorannahmen eingefärbter), aber konkreter Wahrnehmung beruhen – und nichts ist gefährlicher für die Zensoren als diese. Mit Recht bezeichnet Böckelmann das Buch im Vorwort daher als „Werkzeugkasten für die gegenwärtige Auseinandersetzung.“ Das ganze Wesen der Political Correctness besteht ja darin, den Ausdruck unerwünschter Wahrnehmung zu unterdrücken und damit im Wege der Rückwirkung schließlich diese selbst. (Ich muss dabei an die Redewendung: „To nip it in the bud“ denken, wie man das Unterbinden von Unerwünschtem schon im Entstehen im Englischen nennt.) 

Genau das macht ihren zerstörerischen Charakter aus: Sie betrifft nicht nur die Ausdrucksebene, sondern beansprucht, in die innersten Vorgänge des Individuums, in die Feinmechanik der Psyche einzugreifen. Vor diesem Hintergrund ist das bloße Zitieren von Aussagen, die noch keiner ängstlich moralisierenden Vorabzensur unterliegen, schon fast ein widerständiger Akt. Liegt es daran, dass die Neuausgabe bislang keiner Besprechung gewürdigt wurde? Sind die „Gewissheiten“ des Mainstreams so fragil, dass ihre Provokation durch abweichende Perspektiven, und seien es die derjenigen, deren Interessen man mit großer Geste zu vertreten behauptet, nicht ertragen werden kann? Es scheint so.    

Frank Böckelmann: „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“, Landt-Verlag 2018, 607 Seiten, hier bestellbar

Bettina Gruber, Dr. phil. habil., ist Literaturwissenschaftlerin. Im vergangenen Jahr erschien auf achgut.com eine Besprechung ihres Leseabends Tote weiße Männer lieben“ bei Susanne Dagen im Kulturhaus Loschwitz. Sie ist unter anderem Autorin von „TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung.

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Gertraude Wenz / 13.01.2019

Es scheint dem Menschen ein evolutionäres Vergnügen zu sein, andere Ethnien (Rassen), Fremde mit Spott zu überziehen und sie in grellem Licht bloßzustellen. Das mag viele Gründe haben, die mit vielem zu tun haben. Mir ist jetzt nur interessant, was passiert, wenn plötzlich alle (unvollkommenen, spottlustigen, genau beobachtenden und zu satirischer Übertreibung sich hingezogen fühlenden) Erdbewohner sich gezwungen sehen, jedes überspitzte (Vor)Urteil zu lassen, sich in von oben verordneter allumfassender Menschenliebe zu üben ohne irgendeine Bevorzugung irgendwelcher Menschentypen und Kulturen. Platzen die nicht irgendwann vor lauter politischer Korrektheit und Selbstverleugnung? Ich habe mich mein ganzes Leben lang bemüht, anderen mit Respekt und Achtung zu begegnen. Aber dieses verordnete Gutmenschentum, was man eher als Dummmenschentum bezeichnen möchte, löst bei mir gerade das Gegenteil aus: Widerstand, Abneigung, Rebellion!

toni Keller / 13.01.2019

Ich habe mich neulich belehren lassen müssen, dass es schon Rassismus sei, wenn einem auffallen würde dass es Menschen gibt die anders aussehen als man selber. Ich frage mich, wie lange es noch dauert bis wir zu Einheitskleidung,. Einheitsfrisuren und einem absoluten Kollektivismus gelangen. Spannend dürfte nur die Frage werden, welche Sprache dann die Einheitssprache wird, aber vermutlich wird man die ebenfalls abschaffen. Wie als Bestätigung des zu erwartenden bin ich vorhin an einem Fenster mit Karnevalskostümen vorbeigekommen, nix mehr ........ und ...... und auch nicht ...... nein Trainingsanzüge sind der neueste Karnevalshit.

yvonne Flückiger / 13.01.2019

Ach wie wohltuend, den eigenen und fremden Urteilen, Vorurteilen und rassistischen Zuschreibungen einmal zuzuhören und zu lesen, ganz ohne PC-Schere im Kopf, welche das Unkraut bereits vor Erscheinen jätet. Sonderbar! Je mehr die Sprache schon im voraus alles ausmerzt, was anstössig oder gar rassistisch sein könnte, desto vulgärer und lauter wird der innere Sprecher (ohne Zensur). Das war früher irgendwie nicht der Fall. Die ganze Unschuld ist dahin, obwohl genau das Gegenteil bezweckt wird. Man spricht und denkt mittlerweile wie SIRI und denkt auch so. Voll binär-digital-political-correct-dümmlich-mechanisch. Dank ständiger Sprachüberwachung und Zensur.

D. Preuß / 13.01.2019

Lange nichts mehr so vergnüglich gelesen wie die von Böckelmann gesammelten Aussagen von Gelben, Schwarzen und Weißen über die jeweils anderen. Da der Inhalt aber so was von nicht PC ist, dürfte höchstens mit einem Verriss zu rechnen sein, bzw. der Drohung, Käufern das Wahlrecht abzudorscheln. Auf Grund irgendeines Hinweises (hier auf AdG?) auf das Buch, habe ich es vor kurzem bestellt und sogar noch ein “nagelneues” Exemplar aus der 1998 Reihe von H. M. Enzensbergers erhalten.

Marc Blenk / 13.01.2019

Liebe Frau Gruber, fein, danke für den Literaturhinweis.Ich habe oft mit Chinesen zu tun und freue mich schon auf die unverstellte Sicht auf uns Milchgesichter. Die gegenseitige Achtung wird dennoch bleiben.

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