Thomas Rietzschel / 19.09.2020 / 13:00 / 16 / Seite ausdrucken

Die gefühlte Wahrheit

An den deutschen Journalisten liegt es nicht. Sie tragen keine Schuld daran, dass Boris Johnson noch immer im Amt ist. Erst kürzlich, in den Tagen vor der Abstimmung über sein Binnenmarktgesetz, haben sie ihn wieder lautstark abgeschrieben. Selbst auf die eigene Partei, hieß es, könne der Regierungschef des Vereinigten Königreichs nicht länger zählen.

Abgedankte Premierminister – David Cameron, Theresa May und John Major – wurden in den journalistischen Zeugenstand gerufen. Auch sie, lasen und hörten wir, hätten sich von dem Gesetz distanziert, ebenso wie der Ex-Generalstaatsanwalt Geoffrey Cox. Von einem Bruch „internationalen Rechts“ war die Rede, Johnson praktisch erledigt. Seine Tage in Downing Street sollten gezählt sein. Der Auszug aus Nr. 10 stand unmittelbar bevor. 

Dann aber kam der 14. September. Mit einer Mehrheit von 77 Stimmen votierte das Unterhaus für Johnson Gesetzesvorlage zur Wahrung der „Integrität Großbritanniens“ und damit für eine Änderung des Brexit-Vertrages. Wieder einmal hatten die Abgeordneten bei der ARD nicht „in der ersten Reihe“ gesessen, mit dem „Zweiten“ nicht „besser“ gesehen und obendrein vergessen, die „Süddeutsche“ zu lesen, einen Blick in den „Spiegel“ zu werfen. Woher sollten sie wissen, was die Stunde geschlagen hat?

Mit den Worten „Was für eine Inkompetenz!“ zitierte n-tv einen Genossen der oppositionellen Labour-Partei und tröstete uns überdies mit der Aussicht auf die zweite „entscheidende Abstimmung“ in der kommenden Woche. 

Europa über alles, über alles in der Welt

Nun haben auch Journalisten das Recht, ihren Träumen nachzuhängen, Luftschlösser zu bauen und auszublenden, was sie nicht begreifen. Nichts ist dagegen zu sagen, solange sie das für sich tun, in ihrem verwirrten Oberstübchen. Es mag sogar aller Ehren wert sein, wenn sie für die EU brennen, für ein Großreich, das längst seinen eigenen Nationalismus hervorbringt: Europa über alles, über alles in der Welt. Dass sie an seinem Wesen genesen soll, steht jedem frei zu hoffen, privat für sich allein hinterm Ofen. 

Nur wenn sie damit coram publico auftreten, wenn sie Nachrichten basteln, die suggerieren, es verhalte sich anderswo so, wie sie es daheim gerne hätten, dann sollten die Kollegen sich auch zu Agitation und Propaganda bekennen, statt so zu tun, als würden sie objektiv und „unabhängig“ berichten. Wo sie das unterlassen, indem sie die eigene Meinung als „Nachricht“ verhökern, werden Journalisten zu Anstreichern, die den Vorwurf der Irreführung auf sich ziehen.

Wer deshalb gleich von „Lügenpresse“ sprechen wollte, würde allerdings ebenso falsch urteilen. Gibt es doch eine Wahrheit, der sich deutschen Redakteure und Korrespondenten sehr wohl verpflichtet fühlen. Nur ist es eben nicht die faktisch nachprüfbare, sondern ihre persönliche, eine ideologisch fundierte – die gefühlte Wahrheit. 

Mehr dazu demnächst, nach der nächsten Abstimmung im britischen Unterhaus. 

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Leserpost

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Helmut Kassner / 19.09.2020

Als im Dezember 2019 die vorgezogene Wahl zum Britischen Unterhaus anstand musste ich am Vortag eine nahe Verwandte in die Notaufnahme einer bekannten Unfallklinik begleiten. Von 16.00 Uhr bis 21.00 harrte ich im Warteraum aus indem ausschließlich das Programm von n-tv lief. Immer wieder wurden Berichte aus allen Landesteilen GB gesendet die suggerierten das Boris eine empfindliche Wahlschlappe einstecken wird. Dazu gab es jede Menge Interviews die das belegten. Die Rückgängigkeit des EU-Austritt schien in greifbarer Nähe zu sein. Als ich dann das tatsächliche Wahlergebnis las war ich für Minuten fassungslos ob der Propaganda und Indoktrination zu der anscheinend „seriöse“ Journalisten fähig sind.

Reinhold Schmidt / 19.09.2020

Es ist ja nicht nur die Lügenpresse sondern es sind ja auch alle Öffentlich Rechtlichen Lügenmedien wie ARD, ZDF und Deutschlandradio, die unisono ständig Lügen auch mit Hilfe von Steuergeldern zu bestimmten Themen (Trump, Brexit, Corona, Brasilien, Klimawandel oder Migration usw., usw.) verbreiten. Joseph Goebbels würde sich zu Tode ärgern, weil er eine solch einheitliche Propagandamaschinerie nicht mal im Dritten Reich der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (NSDAP, kurz Nazi) zustande gebracht hat. Aber der linke Haltungsjournalismus der heutigen Internationalen Sozialisten (Kommunisten?) hat es geschafft in den letzten Jahren mit politischer und steuerlicher Unterstützung eine solch ekelhafte Einheitsfront zu bilden.

Wolfgang Kaufmann / 19.09.2020

Solange für die meisten Deutschen die Presse eine moralische Institution ist, deren Aufgabe nicht das Berichten von harten Fakten ist, sondern das Konstruieren von kuscheligen Luftschlössern, solange die meisten Deutschen für intellektuelle Minderleistungen auch nach der Klopapierkrise noch viel Geld ausgeben, solange ist es eben eine Win-Win-Situation. Der Kunde wünscht das so. – Früher war Wahrheit die Übereinstimmung des Denkens mit der Sache. Aber früher war auch mehr Lametta.

Hans-Peter Dollhopf / 19.09.2020

Es gab wohl nie zuvor in der Geschichte ein Königreich mit derart standhaften Republikanern als seinen getreusten Untertane! Im Telegraph steht heute ein Meinungsartikel von Janet Daley. ‘This lifeless Parliament is betraying the animating principles of Brexit’. Darin schlägt die Schreiberin dieser Tageszeitung dem Parlament sein Versagen beim Verkörpern der höchsten Werte des British Way of Freiheit um die Ohren, dass es nur so dröhnt. Eine flammende Rede! Jeden Tag schreiben die da so. Das ist doch nicht normal . . . für Kriecher!  So etwas kennt der winselnde deutsche Journalismus nicht, so etwas kennt der Deutsche nicht. Darum verlieren wir ja auch unsere Freiheit an den Neo-Adel der EU, aber Britannien erhält seine Unabhängigkeit wieder.

Klaus Biskaborn / 19.09.2020

Das Schlimmste sind nicht diese Verdrehungen, Entstellungen, man könnte es auch Lüge nennen, unseres Journalismus. Das Schlimmste aus meiner Sicht ist das die immer treudoofer werdenden Deutschen all das unreflektiert glauben was ihnen da vorgesetzt wird. Schlimm, das dieser widerliche Journalismus die Hirne der Menschen so einfach manipulieren kann. Ich wünschte mir Deutsche die anfangen mitzudenken, gegenzusteuern, um so diese katastrophale Entwicklung zu beenden. Ein Traum der allerdings nicht in Erfüllung gehen wird.

Karl-Heinz Vonderstein / 19.09.2020

Was mich immer an den ARD oder ZDF Nachrichten-Korrespondenten und Korrespondentinnen so “fasziniert”, es kommt der Bericht, zu dem man im Hintergrund deren Stimme hört und sie uns erklären, was da gerade passiert ist bzw. weiterhin passiert und sieht sie am Ende des Berichts vor der Kamera stehen, mit dem Mikrofon in der Hand und erzählen uns, was das jetzt bedeutet und wissen ganz genau, was die Absichten und Motive z.B. eines Trumps oder Johnsons sind, so als wenn es ihnen die beiden vorher per Telefon oder unter vier Augen gesagt haben.

P. F. Hilker / 19.09.2020

Wenn man sieht und liest wie in Ostwestfalen die aufgetakelte Mohn von der Lügenpresse hofiert wird, dann kommt es einem einfach nur hoch. Da wird ein Laden verehrt, der früher den älteren Leutchen Lexika angedreht an, die sie gar nicht haben wollten. Widerlich.

Rudolf George / 19.09.2020

Kleine Korrektur: den deutschen Journos scheint es nicht um die EU per se zu gehen, sondern um etwas, das am besten als heiliges EU-Reich deutscher Nation bezeichnet wird, d.h. die Herrschaft des deutschen politisch medialen Komplexes über ganz Europa.

Burkhard Mundt / 19.09.2020

Wenn der Wunsch der Vater der Gedanken ist, dann kommt so etwas dabei raus. Emoji St…finger für diese Journaille.

T. Weidner / 19.09.2020

Wissen Sie was, Herr Rietzschel? Als alter Sack interessiert mich die “gefühlte Wahrheit” dieser Lügenbande einen feuchten Kehrricht.

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