Die Notre-Dame de Paris wird im nächsten Jahr in alter Schönheit wieder auferstanden sein. Und mit ein bisschen Glück werde ich alter strenggläubiger Agnostiker anno 2024 am Heiligabend mit einem Kloß im Hals das Jesuskind in der Krippe der Notre-Dame de Paris bestaunen und mit deutschem Akzent singen: „Douce nuit, sainte nuit“.
Am Heiligabend sind meine Frau und ich zur Notre-Dame spazieren gegangen, immer entlang der Seine bis zur Île de la Cité. Das ist eine kleine Tradition bei uns. Da verdaut die Gänseleber durch ein bisschen Bewegung besser. Früher, vor dem April 2019, konnten wir ergriffen der Christmette dort beiwohnen. Seit vier Jahren müssen wir uns mit dem Blick auf den langsamen Fortschritt der Wiederaufbauarbeiten begnügen.
Der schlimmste Moment dieser nationalen Katastrophe im April 2019 war, als der schlanke Kreuzungsturm mit seinem goldenen Hahn auf der Spitze in einer Stichflamme auf das lichterloh brennende Dach stürzte. Ein vieltausendfacher Seufzer ging laut hörbar durch die zehntausenden Kehlen der Beobachter dieses Frevels. Der Turm mit dem goldenen Wetterhahn, der ganz Paris überschaute, stürzte in ein Flammenmeer von mehr als 1.000 Grad. Wir alle dachten, dass der gallische Hahn die Katastrophe nicht überstanden hätte. Doch nach ein paar Tagen fanden sie ihn, an der Seite der Trümmer liegend, verbeult, aber intakt.
Auch jetzt noch, nach mehr als vier Jahren gibt es keine offizielle Brandursache. Warum ist das so? Um die Franzosen ein bisschen zu verstehen, will ich eine kleine Szene von einem Pariser Straßenmarkt beschreiben. Die Marktstraße ist Fußgängerzone, aber Motoroller und Fahrräder wuseln trotzdem herum, toleriert von den Fußgängern. Ein Mann in mittlerem Alter hat zwei volle Einkaufstaschen und geht durch das Gewusel, als ein militanter Radfahrer ihn von hinten leicht anfährt. Der Radfahrer geht sofort zum verbalen Anschreien über – in Frankreich ein absolutes No-Go. Und was sagt der Angefahrene, der voll im Recht ist? „Entschuldigen Sie, Monsieur, ich habe Sie nicht gesehen“. Die Luft war raus und beide, der Abruti und der Bobo, gingen ihrer Wege. Da habe ich etwas über französische Kultur gelernt, was in Deutschland aber sicher nicht so ganz einfach zu verstehen ist.
Der Pfeil ist wieder an seinem Platz
Einen Tag nach dem Brand trat Macron im Fernsehen auf und versprach, dass die Notre-Dame in fünf Jahren im alten Glanz wiederauferstehen würde. Er erntete, speziell in deutschsprachigen Medien, Hohn und Spott über dieses „völlig unrealistische Versprechen“. Schließlich bestünde der Dachstuhl der Notre-Dame, „La forêt“ („Der Wald“) genannt, aus mehr als 1.000 massiven Eichenbalken, und auch die Kirche selbst sei schwer beschädigt. Beides stimmte.
Gestern Abend sah ich die gute Nachricht mit eigenen Augen. La forêt, der eichene Dachstuhl der Notre Dame, ist in neuer Schönheit wiedererrichtet. Und der schlanke Vierungsturm „La flèche“, der Pfeil, steht wieder an seinem Platz, wenn auch noch schwer eingerüstet.
Wie konnte das passieren? Nun, die Konstruktion des Dachstuhls der Notre-Dame de Paris war wohldokumentiert. Die französischen Waldbesitzer sahen es als eine Ehre an, 1.200 Eichen für die Notre Dame zu spenden. Und die französischen Zimmerleute wurden wohl von den deutschen Zimmerleuten ein wenig unterschätzt. Derzeit streiten sich die Franzosen, ob das Dach wieder mit Blei gedeckt werden soll. Ich ahne schon guter Dinge den Ausgang dieser Diskussion: Es war Blei, und Blei wird es sein. Und der Gallische Hahn wird ausgebeult bald wieder stolz seinen Platz auf der Turmspitze der Notre-Dame de Paris einnehmen und vielleicht nur für mich bei meinem Spaziergang ein wenig krähen.
„Wir schaffen das“ versus „Grande Nation“
Vor ein paar Tagen hat sich Macron sechs Journalisten aller Couleur einem zweistündigen Fernsehinterview gestellt. Man muss seine Politik nicht mögen, aber seine Ausbildung, sein Wissen, sein Charme und seine Offenheit verdienen jeden Respekt. Deutschland hat keinen einzigen vergleichbaren Politiker zu bieten. Macron weigerte sich, sich an den Vorverurteilungen des Schauspielers Gérard Depardieu zu beteiligen – „Wir haben eine Justiz und ich werde an keiner Menschenjagd teilnehmen“ – und er sprach ausführlich über Frankreich als die „Grande Nation“. Dies sehend, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein deutscher Kanzler oder Bundespräsident, der nicht selbstmordgefährdet ist, Deutschland als „Große Nation“ bezeichnen könnte.
Und nun haben die Zimmerleute der Grande Nation termingemäß den Dachstuhl eines Symbols dieser Großen Nation originalgetreu wieder aufgebaut, und sie können mit Fug und Recht stolz auf diese Leistung sein. Niemand musste ihnen aus dem bequemen Politikersessel befehlen: „Wir schaffen das“.
Stille Nacht, sainte nuit
Die Große Nation wird sich nicht so leicht unterwerfen lassen, wie manche flotte Internationalisten vielleicht gedacht haben. Man sehe sich die französischen Umfrageergebnisse der Europawahlen an – auch wenn diese Suppe nicht so heiß gegessen wird, wie sie kocht. Man sehe sich das neue französische Asylgesetz und die lange währenden, durchaus kontroversen aber kerngesunden Diskussionen in der französischen Gesellschaft und dem Parlament darüber an. Und man lese vielleicht noch einmal den Text der französischen Nationalhymne. Nicht gerade, dass die Grande Nation nicht auch so einiges auf ihrem Kerbholz hätte. Doch sitzt das Trauma der unvergleichlichen deutschen Verbrechensschuld tief eingebettet in der deutschen Kultur, mit allen unsichtbaren und undenkbaren Folgen für die Gegenwart.
Doch zu Weihnachten gibt es auch für die Deutschen, die Frankreich lieben, eine gute Nachricht aus Paris. Die Notre-Dame de Paris wird im nächsten Jahr in alter Schönheit wiederauferstanden sein. Und mit ein bisschen Glück werde ich alter strenggläubiger Agnostiker anno 2024 am Heiligabend mit einem Kloß im Hals das Jesuskind in der Krippe der Notre Dame de Paris bestaunen und mit deutschem Akzent singen: „Douce nuit, sainte nuit“. Wir Nachbarn haben doch mehr Kultur gemeinsam, als wir manchmal glauben.
Manfred Haferburg wurde 1948 in Querfurt geboren. Er studierte an der TU Dresden Kernenergetik und machte eine Blitzkarriere im damalig größten AKW der DDR in Greifswald. Wegen des frechen Absingens von Biermannliedern sowie einiger unbedachter Äußerungen beim Karneval wurde er zum feindlich-negativen Element der DDR ernannt und verbrachte folgerichtig einige Zeit unter der Obhut der Stasi in Hohenschönhausen. Nach der Wende kümmerte er sich für eine internationale Organisation um die Sicherheitskultur von Atomkraftwerken weltweit und hat so viele AKWs von innen gesehen wie kaum ein anderer. Im KUUUK-Verlag veröffentlichte er seinen auf Tatsachen beruhenden Roman „Wohn-Haft“ mit einem Vorwort von Wolf Biermann.

Und weil Sie so alt und strenggläubig sind: Wenn Sie sagen, daß Sie ein Agnostiker sind, dann sind Sie einer. Einer mit einer besonderen Gabe.
Alte Eichenbalken plus Zigarette ist Super-GAU? Es gibt genug Videos vom Vorgang, wenn man sich für interessiert. Da ist mir egal, ob die Franzosen das so sehen, wie sie es sehen. Es war vorsätzliche Brandstiftung und eine der schönsten Kirchen der Welt ist abgefackelt! Da hilft kein Schönreden. Man kann ja auch mal googeln: Kirchen in Frankreich angezündet… da wird man fündig!
@Lutz Liebezeit Danke für ihre Anmerkung!- ich empfinde das ähnlich. Neben der Digitalisierung wachsen Kinder heute in einem Spielzeuggebirge auf. Nicht immer ist es notwendig, Eigentum zu bilden. Vor dem gut erhaltenen Dürerhaus in Nürnberg befinden sich vier quietschbunte Mülleimer, die so häßlich sind, daß der Alfred sich geweigert hätte, die zu malen und die ganze Welt nimmt die täglich mit auf ihre Selfies. Balkonkraftwerke und Wärmepumpen würden das Ensemble geschmackvoll abrunden.
ARTE zeigte im Frühjahr eine Dokumentation über Arbeiten an der „Jahrhundertbaustelle“ Notre Dame. Das Können und der Eifer der Fachleute, egal ob es um Holz, Stein, Glas oder den Einsatz modernster Technik ging war beeindruckend. Weshalb es allerdings zur Jahrhundertbaustelle wurde fand keine Erwähnung. Im Gegenteil: Man schien dem Ereignis allerhand Positives abgewinnen zu können: Hatte die Brandkatastrophe (durch wen oder was auch immer verursacht) doch die Möglichkeit eröffnet den Bau aus nächster Nähe betrachten und mit modernsten Mitteln analysieren zu können… Scheint das heutige Denken zu sein: Morde, Vergewaltigungen, Brandstiftungen, Diebstähle, Sprengungen, Vertreibungen: Nun sind sie halt da und wir schaffen das.
Herr Haferburg, auch ich weiß alte Baukunst sehr zu schätzen, auch wenn jede Kathedrale, jeder Dom nur die Kleinheit des Wüstengottes dokumentiert. Nie kommt ein Dom an das göttlich universale Matterhorn oder eine Hallig bei Sturmflut heran. Es ist auch nicht Dom gleich Dom. Während der Mainzer Dom pottenhäßlich ist, geriet der Limburger Dom (auf unserem 1.000-Markschein zu sehen) wunderbar, quasi ein mittelalterlicher Harlekin, einfach nur klasse. Mir wären allerdings gotische Schulen für alle lieber gewesen. Falls ich Notre-Dame noch mal sehen sollte, werde ich wieder Esmeralda & Quasimodo besingen. Die sind viel greifbarer als ein Prediger auf einem Sandfloh-Berg. Die Wiederherstellung von Notre-Dame ist aber politisch & nicht religiös bestimmt. Diese Kathedrale gehört zum Selbstverständnis des säkularen Frankreichs. Frankreichs Kirchen, hingegen, sterben, werden zu Ruinen, weil die Rest-Gläubigen den Unterhalt nicht mehr zahlen wollen. Bei uns wäre das auch nicht anders, würde der Staat nicht alle „system-relevanten“ Kirchen für ungeheure Summen politisch kaufen. Kirchen & Kathedralen dürfen sterben. Einst standen in Lutetia Tempel, die starben auch, hinweggeweht von menschlichen Eitelkeiten.
@Reinmar von Bielau: „Unbefleckte“ Empfängnis gibt es in der ev. Bibel nicht. Da heißt es lediglich, dass der Messias von einer JUNGFRAU (*) geboren werden wird. Die Jungfrau Maria ist schwanger geworden, ehe ein Mann zu ihr „eingegangen“ ist. Dass Jesus von einer Jungfrau zur Welt gebracht werden würde, war bei Jesaja (7,14) prophezeit (dort heißt es übrigens: d i e – bestimmter Artikel – Jungfrau ist schwanger…) Und darauf nimmt Matthäus 1, 18-25 Bezug. Wäre Jesus von einer gewöhnlichen jungen Frau zur Welt gebracht worden, die von einem gewöhnlichen Mann schwanger geworden war, hätte Jesus niemanden durch seinen Tod und seine Auferstehung für den Himmel retten können. Jesus hätte dann nicht ganz Mensch und ganz Gott sein können, er wäre ein ganz gewöhnlicher und von Sünde belasteter Mensch gewesen. Und das würde bedeuten, dass Christen einen Götzen verehren (analog Allah). Das aber ist nicht so leicht zu verstehen, weil man es oft gar nicht verstehen will. Und damit will ich sagen, dass ich sehr wohl an die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria glaube. Ich glaube aber garantiert nicht, dass eine glimmende Zigarettenkippe oder „etwas Elektrisches“ den Brand von Notre Dame verursachen konnte. Da waren ganz andere „Kräfte“ am Werk. Und das habe ich bereits vor vier Jahren bekundet. – - – (*) Die ganz normale Schwangerschaft einer ganz normalen jungen Frau wäre nichts Besonderes gewesen! Der für Jungfrau verwendete Begriff lautet im Original: עַלמָה –almah und hat die Bedeutung „Mädchen, Jungfrau im heiratsfähigen Alter bis zur Geburt des ersten Kindes“. Es wird zwar ständig auch in christlichen Kreisen und Bibelübersetzungen falsch wiedergegeben, um das Wunderbare dieser Zeugung zu negieren, aber die Originalquellen und der Vergleich mit anderen Bibelstellen, die von Jungfrauen sprechen (es gibt auch ältere und alte Jungfrauen!), beweisen, dass die Übersetzung „Jungfrau“ richtig ist.
Ein Text abseits aller Spaltungsroutinen, der an einem weiteren konkreten Beispiel zeigt, wie erbärmlich die deutsche Politik persönlich und mental dasteht. Hat Deutschland überhaupt noch Freunde in der Nachbarschaft oder haben der Merkelismus, Ursula von der Leyen und die Ampel sie auf Jahre „transformiert“ und zerstört? Wann reißen linksgrüne Ideologen wie Claudia Roth die Kreuze von Notre Dame nieder und ersetzen sie durch eine Installation à la Dokumenta Kassel? Die Ampelregierung investiert wie besessen in ideologische Kriege und Propaganda und erteilt gleichzeitig international Ratschläge zur good governance. Es ist grotesk-peinlich, wie die woke deutsche Selbstbeschädigung kooperiert mit internationaler Besserwisserei und Überheblichkeit.