Von Okko tom Brok.
Am vergangenen Montag habe ich es getan: Ich war spazieren. Hier hat ein friedlicher Dialog von Menschen unterschiedlicher Überzeugungen stattgefunden. Gelebte Demokratie.
Am vergangenen Montag habe ich es getan: Ich war spazieren. Ein Freund und Kollege hatte schon vor Weihnachten hartnäckig, aber stets freundlich angefragt, ob wir uns nicht einmal montags gegen halb sieben in unserer Kreisstadt treffen wollten, um an der frischen Luft Gedanken zur Zeit und zur gegenwärtigen Coronapolitik auszutauschen.
Ich zögerte. Und erfand Ausreden. Vor allem vor mir selbst. Aber so ein bisschen frische Luft würde mir ja wirklich nicht schaden. Sagt mein Arzt. Und im Übrigen würde ich ja jederzeit gehen können, wenn mir tatsächlich gewaltbereite Rechtsextreme begegnen oder wenn mir Schwaden von aerosolgetränkter Atemluft hunderter hochansteckender, fiebrig umherirrender Ungeimpfter die Luft verschlagen würden. Also entschloss ich mich, schon aus reiner Neugierde, einmal mitzugehen.
In den Tagen unmittelbar vor dem bevorstehenden Montagsspaziergang verschärfte sich die Tonlage. Die Lokalzeitung warnte besorgt vor der Solidarisierung mit „rechtsextremen Gewaltverbrechern“, „Schwurblern“ und „Coronaleugnern“. Aber auch Esoteriker hatten in Deutschland schon bessere Zeiten, die jetzt regelmäßig mitgenannt werden, vermutlich weil sie allen Impfungen von jeher skeptisch gegenüberstanden.
War das wirklich noch mein Weg?
Als schließlich auch noch der frischgewählte Bundeskanzler, quasi als erste Amtshandlung vor der Teilnahme an solchen „Märschen“ einer „kleinen extremen Minderheit“ warnte, schien mir als Beamtem Obacht angezeigt. Zur besseren Tarnung bestellte ich mir flugs eine Guy-Fawkes-Maske, wie sie die Internetrebellen um Anonymous oft tragen. Aber als sie am kommenden Tag per Post eintraf, kam ich mir albern vor. Und galt nicht auf Demos ohnehin schon seit Gorleben und der Startbahn West ein Vermummungsverbot?
Also musste etwas Dezenteres her, um auf dem Spaziergang einerseits nicht unangenehm aufzufallen, aber auch nicht sofort erkannt und bei der Arbeit mit unangenehmen Fragen behelligt zu werden. Eine Herrenperücke war die Lösung. Doch bei der Anprobe brachte ich zuerst meine Frau zum Lachen und meinen kleinen Sohn zum Weinen. War das wirklich noch mein Weg? Verstellung? Lug und Trug? War das nicht eher die Sprache derer, deren Coronapolitik meinen Freund und so viele andere Menschen überhaupt erst auf die Straße gebracht hatte? All die Verstellungen, die gebrochenen Versprechen, die fehlerhaften Statistiken, die unterschlagenen Informationen, die Rechtsbrüche und Amtsanmaßungen? Nein: keine Maskierung. 100 Prozent ich. Ein Demokrat, der sein Grundrecht wahrnimmt.
Die neue gefährliche „Antiva“
Der Montag kam näher. Ein schöner Wintertag im Januar. Die Lokalzeitung trommelte, man möge auf keinen Fall teilnehmen, aber wenn doch, gebe es ja auch eine sehr wertvolle Gegendemonstration eines wie immer „breiten Bündnisses“ gegen alles, was ausdrücklich niemand wollen kann. Aus meinen Studienzeiten hatte ich Bilder lautstark brüllender und Trillerpfeife blasender Antifa-Kämpfer vor Augen. Meine Frau sah mich schon mit Platzwunden am Kopf zurückkehren. Sollte ich nicht einfach zuhause bleiben und mir einen schönen Montagskrimi ansehen? Ich würde die Impfpflicht doch sowieso nicht verhindern können. Wie sagte mein Schwiegervater immer so treffend: „Da kannste doch sowieso nix machen!“ Sein Wahlspruch.
Meiner nicht. Als ich näher kam, sah ich schon, dass es manchmal besser ist, nicht so viel Phantasie zu haben. Keine Antifa, keine Polizeihundertschaften mit Schlagstöcken, keine Schäferhundestaffel wie in Amsterdam, aber dafür eine circa 200 bis 300 Personen starke Versammlung mit ein paar Kerzen, Blumen, Megafonen, Spruchbändern, Pappschildern, lustigen Gesichtsmasken und jeder Menge guter Laune. Das war sie also: die neue gefährliche „Antiva“, die radikale, extremistische Gegenbewegung zur Impfpflicht?
Bedrohung der öffentlichen Sicherheit
Ich war gleichzeitig enttäuscht und erleichtert. Erleichtert, dass ich hier heute Abend keine Kloppe kassieren würde, aber auch etwas enttäuscht. Würden diese freundlichen Leute wirklich jemals irgendetwas erreichen können? Waren die nicht viel zu „lieb“? Die Kernenergie haben „wir“ so harmlos doch auch nicht aus Deutschland vertrieben. Da ging es deutlich rustikaler zu.
Ja, ich bekenne mich schuldig, viele Jahre als Sympathisant der Grünen aktiv gegen die Kernenergie tätig gewesen zu sein. Es war ein Physiker, der mich mit der schlichten Information „bekehrte“, dass eine kleine Streichholzschachtel mit reinem Uran eine Stadt wie New York mit ausreichend Strom versorgen könne. Meine letzten Stromrechnungen tun ein Übriges. Aber das ist ein anderes Thema.
Bei der Menschenmenge am Marktplatz angekommen, hörte ich auch schon die ersten Durchsagen von Polizei und Gegendemonstranten. Der Veranstalter blieb auffällig ruhig. Während die niedersächsische Polizei angenehm zurückhaltend im Wesentlichen mit technischen und allgemeinen Hinweisen die Ausübung des verfassungsmäßigen Grundrechts der Versammlungsfreiheit sicherstellte, echauffierte sich eine ältere Dame am Mikrofon, dass man „Extremisten keinen Raum geben“ dürfe. Niemals und schon gar nicht hier und heute. Auch ein Spaziergang Ungeimpfter sei eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit, die man keinesfalls tolerieren könne. Eine Einschätzung, der die rund zwei Dutzend freundlichen Polizisten offenbar nicht folgen mochten.
Keine Reichsflaggen, Bomberjacken und Springerstiefel
Schließlich ergriff auch der Veranstalter das Wort, dankte für die Anwesenheit beider Gruppierungen, lud auch die Gegendemonstranten ausdrücklich ein, der Veranstaltung auf Wunsch bis zum Schluss beizuwohnen.
Reichsflaggen, Bomberjacken und Springerstiefel sah ich nicht. Neben mir stand ein junger Mann mit Parka und langen Haaren. Er erinnerte mich ein bisschen an mich selbst, wie ich früher war. Und während wir per Megafon noch als „Rechtsextremisten“ und „Coronaleugner“ tituliert wurden, fragten wir uns beide, was wir denn nun wirklich seien? Und hatte nicht sogar das „Netzwerk Linker Widerstand“ ebenfalls zum Spaziergang gegen die Coronapolitik aufgerufen? Wie denn nun?
Einzelne Teilnehmer skandierten passende Slogans, wie „Ungeimpfte und Geimpfte: Wir sind alle Menschen!“ Ich hätte im Leben nicht geahnt, dass solche Binsenweisheiten revolutionäres Potenzial entfalten könnten. Aber dann wurde mir klar, es war genau anders herum: Es sind die ignorierten, die mit Füßen getretenen, verratenen, gedemütigten und zuletzt vergewaltigten Binsenweisheiten, die das Potenzial haben, Revolutionen auszulösen.
Der Spaziergang durch unsere Kreisstadt verlief ohne weitere Zwischenfälle. Die tags zuvor noch mit Schaum vor dem Mund berichtende Lokalzeitung konnte am Folgetag nur konstatieren, dass hier ein friedlicher Dialog von Menschen unterschiedlicher Überzeugungen stattgefunden habe. Gelebte Demokratie.
Gerade schrieb mir mein Kollege, ob ich am Montag wieder dabei sei. Ich habe noch nicht geantwortet. Ich sehe momentan nicht, warum ich nicht dabei sein sollte. In seinem Essay „Abenteuer Freiheit“ tritt der Philosoph Carlo Strenger dafür ein, Freiheit als nicht selbstverständlich hinzunehmen. Freiheit wird nicht verliehen und erst recht nicht verschenkt. Sie muss immer neu errungen und verteidigt werden. Die gesunden Spaziergänge an frischer Luft sind dazu aus meiner Sicht ein sehr wertvoller Beitrag.
Der Autor schreibt unter dem Pseudonym Okko tom Brok und ist Lehrer an einem niedersächsischen Gymnasium.
Hut ab, Herr tom Brok! Sie konnten tatsächlich unmaskiert spazieren gehen, ohne behelligt zu werden? Und das in Niedersachsen, wo Sie Ihrem Namen nach zu schließen wohnen dürften? Nena Schink von Bild-TV hat es vor drei Tagen gewagt zu twittern: „Alle haben ein Impfangebot erhalten. Weg mit der Maskenpflicht!“ Hier eine Auswahl aus den Antworttweets: „Wie dumm kann man/frau eigentlich sein? Sogar in Spanien gibt es noch eine Maskenpflicht.“ – „Das ist gelogen und auch sonst einfach nur dumm!“ – „Ist so ein bisschen sinnig, was die rausbläst wie: Alle haben ein Impfangebot erhalten, Schluss mit dem Händewaschen. Ich glaube sie verdient eine Menge Geld als Postergirl der Hygieneverweigerer.“ – „Was ist das denn für ein dummer Spruch?“ – „Immer wieder interessant, wie Sie es schaffen, einen beschisseneren Tweet nach dem anderen rauszuhauen.“ – „Ich will, dass diese Dame und ihre Journaillen ihren Job verlieren!“ – „Meine Tochter ist 4. Wo ist ihr Impfangebot? Für sie gibt’s nicht mal einen zugelassenen Impfstoff.“ – „Sind Kinder unter 5 für Sie keine Menschen?“ – „Sie finden Kinder nicht so wichtig, oder?“ – „Du bösartige Frau, geh einfach weg und verbreite keine Unwahrheiten!“ – „Hauptsache, Sie und Ihre egoistischen Freunde werden diese ach so einschränkenden Masken los, warum Rücksicht auf andere Menschen nehmen? Traurig!“ – „Wer sind alle für Sie? Gehören Kleinkinder für Sie nicht zu der Kategorie Mensch?“ – „Was stimmt eigentlich nicht mit dir?“ – „Wandere doch aus, wenn es dir hier nicht passt.“ – „Ist die von der AfD oder Bild? Egal, Block.“ – „Entweder sind Sie dumm oder verlogen oder beides. Von Anstand und Moral ganz zu schweigen. Wie tief kann man sinken!“ – Und so weiter und so fort, ad infinitum. Mit Anstand und Moral kennen sie sich eben aus, die Maskenpflicht- und Impfpflicht-Einpeitscher.
Vor 60 Jahren hätte ich gesagt: Herr Lehrer, ärgern Sie das Antifantenblatt mal mit dem Slogan „Prophylaktisch krank“, und Ihre Frau läuft mit als „Virenmutterschiff“.
Im letzten Absatz hat mich eine Aussage irritiert: „Ich sehe momentan nicht, warum ich nicht dabei sein sollte.“ Nach den positiven Erfahrungen bei dem Spaziergang hätte ich erwartet, dass der Autor z.B. schreibt: „Ich werde auf jeden Fall wieder dabei sein, um den Widerstand gegen die staatliche Willkür zu stärken!“ Stattdessen ein Wischi-Waschi-Satz. Eine kluge Schlussbemerkung – aber keine klare persönliche Stellungnahme, dass er selbst aus Überzeugung bereit ist, etwas für die Freiheit zu tun – und sei es auch nur, an einem weiteren Spaziergang teilzunehmen. Vielleicht hat er aber doch nur Angst, in seiner Stadt erkannt zu werden – als Lehrer hätte er dann sicher mit gewissen Reaktionen mutiger lernbereiter FFF-Kämpfer und linker Kolleg_*Innen zu rechnen. Ich möchte dem Kollegen zurufen: „Fassen Sie sich ein Herz! Halten Sie sich stets vor Augen, welche Verbrechen seit fast 2 Jahren an den Schülern begangen werden! Stärken Sie ihren Kollegen durch Ihre Anwesenheit! Überlassen Sie das Feld nicht den lautstarken linken staatstreuen Kollegen der GEW! Meinetwegen maskieren Sie sich – aber spazieren Sie mit – jeder Teilnehmer ist wichtig! Salopp gesagt: Die Masse macht’s!“
Es ist die lagerübergreifende Wirkung der Spaziergänge, die das Pharmakartell nervös macht. Solange die „Rechten“ unter sich bleiben, können sie keine neuen Freunde gewinnen. Sobald aber die Gutgläubigen sehen, dass die informierten Bürger ganz normale Leute aus der gesellschaftlichen Mitte sind, kommen viele Gutgläubige ins Grübeln. Diese Strategie sollten wir weiter verfolgen. Es gibt viele Möglichkeiten, zum Beispiel Hunde- und Katzenvideos, die ein breites Publikum ansprechen, bei denen wir uns am Ende outen als informierte Menschen, die nicht auf jedes Narrativ reinfallen.
Sehr geehrter Autor, schön zu lesen, dass immer mehr Leute auf ihrem gesunden Menschenverstand bestehen, unabhängig von politischer Position und Werdegang. Hätten Sie in der Lokalzeitung einen strammen Kommentar gegen die „Covidioten“ verfasst, hätten Sie sogar mit bürgerlichem Namen schreiben können; auf diesem „neurechten Blog“ hier müssen Sie dies „in der demokratischsten Demokratie der Welt“ unter Pseudonym. Der Fehler ist offensichtlich. Ein „kleiner Trost“ dürfte sein, dass Sie im untergegangenen „Arbeiter- und Mauernstaat“ nur höchstens einmal etwas geschrieben hätten, s. Oliver Zimskis Artikel heute morgen über das N.- und K.-Virus. Und ja, weiterhin frohes Spazierengehen!
Es war ein Kind, welches rief: „Der Kaiser ist nackt.“ Es bedarf keiner hochgerüsteten Armeen, es bedarf Mut, Hoffnung und den Glauben daran, dass das Gute gewinnen wird. Und je mehr Leute diesen Glauben finden, ihren Mut entdecken und immer wieder und wieder gemeinsam, hoffnungsvoll, liebevoll und friedlich für Frieden und Freiheit eintreten, desto eher wird irgendwo dieses Kind – in welcher Gestalt auch immer – auftauchen und sagen „Der Kaiser ist nackt.“ – Und der Spuck ist vorbei. Die Panik ist bestimmten Kreisen schon auf der Stirn abzulesen. Die Reaktionen der Kritisierten auf friedliche Meinungsäußerungen werden immer erratischer. Es wird bald ausreichen, sich ihnen gegenüberzustellen und einfach nur zu lächeln – und sie werden daran zerbrechen.
Ich gehe schon seit ein paar Wochen in unserer Kreisstadt in NRW spazieren: alles friedlich, keine Nazis, keine Parolen, kein Lärm, hin und wieder ein paar Lichter. Bei meiner ersten Teilnahme waren wir etwa 250 Spaziergänger, gestern 600-700. Anfangs waren da 2 Polizistinnen, danach Tendenz stark zunehmend (mehrere Einsatzwagen, mindestens 30 Leute von Polizei und Ordnungsamt), gestern wieder etwas weniger. Seit 2 Wochen gibt es auch „Gegendemonstranten“. Letzte Woche waren es etwa 20 Leute der Partei Volt, Typ Sozialpädagogik-Student*in, die es allerdings nur etwa 30 min in der Kälte aushielten. Gestern gab es eine von den örtlichen SED-Nachfolgern organisierte „Mahnwache für die Coronatoten“, etwa 10 Leute. Von den normalen Passanten und Ladeninhabern gibt es meist keine Reaktion, hin und wieder ein freundliches Winken oder sogar die Frage, wann und wo genau man sich trifft – und das Versprechen, demnächst dabei zu sein. Die Resonanz in der örtlichen Presse ist Framing total, bis hin zur Denunziation bei Arbeitgebern und Geschäftspartnern. Auch wenn man z.T. auf recht merkwürdige Teilnehmer trifft (einige sind z.B. überzeugt davon, 9/11 sei eine CIA-Inszenierung gewesen), gehören die Spaziergänge für mich zu den Highlights der Woche. Und wir werden tatsächlich immer mehr! Auf ScienceFiles findet man heute ein Video, auf dem der Bürgermeister von Freital (natürlich Sachsen) zu sehen ist, wie er den Spaziergängern für ihren Mut dankt,