Wolfram Weimer / 01.02.2018 / 18:00 / Foto: Claude Truong-Ngoc / 16 / Seite ausdrucken

Die Frau nach Merkel?

“Je eher, desto Schäuble”, witzelten CDU-Spitzenpolitiker jahrelang, wenn über die Nachfolge Angela Merkels getuschelt wurde. Nun ist Wolfgang Schäuble ebenso betagter wie respektierter Bundestagspräsident und der Machtpolitik entschwunden. Kanzler wird er nicht mehr, denn die Merkel-Nachfolgedebatte kam nicht eher, sondern später. Nämlich jetzt. Seit dem miserablen CDU-Wahlergebnis vom September und verstärkt seit dem Scheitern der Jamaika-Sondierung diskutiert die Union lebhaft die Frage, wer Angela Merkel einmal ablösen könnte und wann.

Sollte sich Merkel noch einmal in eine Große Koalition und ihre vierte Amtszeit retten, dann sehen wichtige Unionsgrößen das Jahr 2020 als Zielmarke ihrer Amtszeit. “Wir erwarten diesmal, dass sie ihre Nachfolge klärt und zeitig übergibt”, sagt ein Präsidiumsmitglied am Rande der Koalitionsverhandlungen in Berlin. Auch im letzten Satz des Sondierungspapiers steht – auf Druck der SPD – ausdrücklich das Jahr 2020 als Zeitpunkt einer großen Remedur, an dem alles noch einmal auf den Prüfstand kommen müsse. Merkel dürfte sich dieser erzwungenen Inspektion nicht unterziehen, sondern das Heft des Handelns in der Hand behalten wollen.

Damit wird die Kabinettsliste der CDU zugleich ein Fingerzeig für die Kanzlertauglichkeit 2020. Jens Spahn dürfte dabei leer ausgehen. Aus dem Umfeld der Kanzlerin ist zu hören, dass der unbequeme Merkel-Kritiker kein Ministeramt erwarten dürfe – und damit auch im Nachfolgewettlauf chancenlos bliebe. Ursula von der Leyen und Thomas de Maizière gehen geschwächt in die neue Legislaturperiode. Julia Klöckner dürfte hingegen aufsteigen und nach Berlin wechseln. Sie gilt vielen als prädestinierte Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin. Das Kanzleramt 2020 aber käme für sie zu früh.

Deutschlands beliebteste Ministerpräsidentin

Nicht jedoch für Annegret Kramp-Karrenbauer. Sie hat mehrjährige Regierungserfahrung und ist seit langem die Favoritin von Angela Merkel für ihre eigene Nachfolge. Doch inzwischen hat AKK, wie sie in der Union gerne genannt wird, auch breiten Rückhalt in Partei und Bevölkerung. Nach einer aktuellen Forsa-Umfrage ist sie Deutschlands beliebteste Ministerpräsidentin mit Zustimmungswerten, die sonst nur noch Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg erreicht. 72 Prozent der Saarländer sind mit der Arbeit ihrer Regierungschefin zufrieden.

Kramp-Karrenbauer hat zudem etwas, was die meisten anderen potenziellen Merkel-Nachfolger der CDU nicht haben – wichtige Wahlen gewonnen. Ihr Wahlsieg vor einem Jahr war der politische Game-Changer des Jahres 2017. Sie rettete die taumelnde Merkel-CDU vor dem freien Fall und ermöglichte die Unions-Siegesserie von Schleswig-Holstein über Nordrhein-Westfalen bis nach Berlin. Sie war es, die den Schulz-Zug, der im Saarland-Wahlkampf noch rot-rot-grün voranrauschte, zum Entgleisen brachte – und letztlich Angela Merkel die Kanzlerschaft rettete. Aus Annegret wurde “Annegreat”.

Kramp-Karrenbauer wurde darum 2017 als „Politikerin des Jahres” auf dem Signs-Award geehrt. Die Laudatio auf dem Festakt in München hielt Ilse Aigner, die ihr schon da die Unterstützung der CSU für weitere Ambitionen zusagte. Denn Kramp-Karrenbauer gelingt es, innerhalb der tief zerstrittenen Union die Lager zu einen. Der eine Flügel rühmt an ihr das Wertkonservative, Islamismuskritische, Familienbetonte der westdeutschen Katholikin. Der andere Flügel schätzt ihre europäische Überzeugung, die starke sozialpolitische Gesinnung und die Loyalität zu Merkel. Alle mögen ihre uneitle, ausgleichende Art.

Saarländisch-bodenständiger, lebensfroher Humor

In Medien wird Kramp-Karrenbauer gerne als „Wiedergängerin” oder „Zwilling” der Kanzlerin mit „der gleichen leise-weiblichen Sachlichkeit” beschrieben, als „unaufgeregte Merkel-Kopie” („Zeit”), als „Mini-Merkel” („Bild”), als „Klein-Merkel” („Focus”) oder „katholische Merkel” („Rheinische Post”). Die Analysen liegen nahe und doch sind sie knapp daneben. Schon wegen ihres saarländisch-bodenständigen, lebensfrohen Humors verkörpert Kramp-Karrenbauer eine Gegenwelt zur preußischen Merkel. Im Karneval ist sie als „Putzfrau Gretel” seit Jahren eine Starbesetzung.

Aber auch in politischen Schlüsselfragen positioniert sich Kramp-Karrenbauer ganz anders als Merkel. So in der Flüchtlingsdebatte. Sie weist offen auf Risiken der Massenzuwanderung hin, kritisiert das Kopftuch, verlangt eine obligatorische Altersprüfung bei jungen Flüchtlingen und plädiert grundsätzlich für einen härteren Umgang mit Asylbewerbern, die Behörden täuschen. Sie setzt auf eine starke Präsenz der Polizei und eine offensive Eindämmung der islamistischen Bedrohung. Das Saarland fordert Abschiebezentren und schärfere Kontrolle von illegalen Migranten. Zugleich untersagt Kramp-Karrenbauer Erdogan Wahlkampfautritte im Saarland und profiliert sich so im politischen Kampf gegen Islamismus und Despotismus.

Einige Unionisten in Berlin halten es daher für einen klugen Schachzug von Merkel, wenn Kramp-Karrenbauer im Bundeskabinett nicht das naheliegende Ressort Bildung/Forschung übernähme, sondern gleich das Innenministerium. Schließlich hatte sie von 2000 bis 2004 das Ressort im Saarland schon einmal inne – sie war damit die erste Innenministerin der deutschen Geschichte überhaupt. Erste Kanzlerin kann sie nicht mehr werden, aber die Chancen, dass sie die zweite wird, die steigen derzeit täglich.

Dieser Beitrag erschien zuerst in The European hier.

Foto: Claude Truong-Ngoc CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (16)
Petra Hansen / 02.02.2018

Naja, die Dame fällt vor allem dadurch auf, daß sie gerne Transferleistungen fürs Saarland einstreicht, mehr davon haben möchte und nicht dafür tut, daß diese mal weniger werden. Im Grunde könnte sie auch gut Bremen oder Berlin regieren. Die CDU-Basis muß endlich aufstehen, Merkel und ihre Hofschranzen in die Wüste schicken und dann Merz oder Spahn nominieren. Dann brauchts auch keine Neuwahlen. Dann wollen nämlich plötzlich alle wieder koalieren! AKK ist, wie im Artikel benannt, lediglich eine Wiedergängerin der als späte Rache der SED funktionierenden Merkel und damit allenfalls ein Garant fürs “weiter so”

Alex Kaufmann / 01.02.2018

>>die Loyalität zu Merkel<< Mit Verlaub, somit ist die Dame disqualifiziert - wie eigentlich die sämtliche erste Regie unter der noch-nicht-ganz-schon-wieder-Kanzlerin. Es ist vielmehr die Loyalität zum Bürger, ja zumindest zum eigenen Wähler, gefragt.

August Klose / 01.02.2018

Ein femininer Honecker….nee…ein Saarländer genügt mir.

Matthias Böhnki / 01.02.2018

Kramp-Karrenbauer ist die komsequente Fortsetzung von Merkel. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen. Wer allen Ernstes behauptet, mit der Arbeit dieser Frau zufrieden zu sein, leidet an selektiver Wahrnehmung. Sie hat in der aktuell wichtigsten Frage des Landes, der Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen, haargenau diesselben Anwandlungen, wie Frau Merkel. In den nächsten Jahren ist eine harte Faust gefragt, nicht dieses pseudo-humanistische Politfrauengedöns.

D.Anders / 01.02.2018

Ich befürchte das wir 2020 kein/e Kanzler/in mehr brauchen.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Wolfram Weimer / 16.08.2018 / 17:00 / 36

Ist die CDU näher an der Linkspartei als an der AfD?

In der CDU rumort es. Der Vorstoß ihres Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, die CDU solle sich für Koalitionen mit den Linken öffnen, hat viele Parteifreunde irritiert,…/ mehr

Wolfram Weimer / 02.08.2018 / 06:03 / 32

Die Dieselaffäre wird zur Justizaffäre

Die Dieselaffäre wird drei Jahre alt, doch eine strafrechtliche Anklage gegen die Betrüger gibt es in Deutschland immer noch nicht. Ganz anders in den USA.…/ mehr

Wolfram Weimer / 25.07.2018 / 12:00 / 9

Der Christian Wulff des deutschen Fußballs 

Es war an einem Dienstagabend im September 2009, da die Politiker Christian Wulff und Reinhard Grindel im Kurhaus von Bad Fallingbostel Wahlkampf für die CDU…/ mehr

Wolfram Weimer / 23.07.2018 / 06:29 / 55

Das Herdensprech-Mainstreaming der Linken

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat es gesagt, Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat es gesagt und Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auch: "Asyltourismus". Für Deutschlands…/ mehr

Wolfram Weimer / 28.06.2018 / 06:15 / 35

Je eher desto Schäuble

Wer Angela Merkels Machtverfall erleben will, kann entweder den Absturz in Umfragewerten verfolgen, ihre Isolation bei EU-Gipfeln bestaunen, die immer respektloseren Attacken aus Bayern ertragen…/ mehr

Wolfram Weimer / 21.06.2018 / 17:00 / 40

Ein bedenkliches Maß an moralischer Hybris

Angela Merkel war viele Jahre eine gute Bundeskanzlerin. Doch ihre Fehler in der Migrationspolitik haben leider dramatische Dimensionen. Europa ist darob zerrissen, Deutschland wirkt seit 2015…/ mehr

Wolfram Weimer / 15.06.2018 / 15:00 / 6

Disneyland mit Todesstrafe

Er verdient 7.350 Dollar – am Tag. Kein Regierungschef der Welt bekommt ein höheres Salär als er. Singapurs Premierminister Lee Hsien Loong verdient so gut…/ mehr

Wolfram Weimer / 07.06.2018 / 14:30 / 26

Italien geht auf Konfrontationskurs zu Berlin

“Für die illegalen Einwanderer ist das schöne Leben vorbei”, tönt Italiens neuer Innenminister. Matteo Salvini ist zugleich Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, seine Umfragewerte schnellen…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com