Zivilcourage war nie eine deutsche Tugend. Menschen, die tapfer ihre Meinung vertreten, waren von jeher selten in diesem Land. Noch dazu, wenn sie es gegen Mehrheiten tun müssen, gegen den herrschenden Trend, womöglich gegen die staatliche Macht. Dennoch hat es immer ein paar von ihnen gegeben. Sie ziehen viel Empörung auf sich, die Wut der Angepassten, das Unbehagen der Mächtigen oder Schlimmeres.
Gestern wurde Karoline Preisler der Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland verliehen. Ich erinnere mich noch an Paul Spiegel, der von 2000 bis 2006 Präsident des Zentralrats war, als Nachfolger von Ignatz Bubis. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erinnerte er 2001 an dessen pessimistischen Ausblick auf die Lage der Juden in Deutschland und gestand ehrlicherweise ein, dass er zwar seinerzeit Bubis widersprochen und ihn versuchsweise aufgemuntert hätte, doch ihm inzwischen in vielem recht geben müsse. Spiegel blieb trotzdem noch fünf Jahre, bis zu seinem Tod, im Amt. 2003 gelang ihm der Abschluss eines Staatsvertrages zwischen dem Zentralrat der Juden und der Bundesregierung, der die jüdischen Gemeinden rechtlich den christlichen Kirchen gleichstellte und die Lage der Juden in Deutschland erheblich erleichterte.
Der Name Paul Spiegel erinnert an die hoffnungsvollen Zeiten der Juden in der Bundesrepublik, an Jahre, in denen die jüdischen Gemeinden wuchsen und es aussah, als hätte Judentum in Deutschland eine Zukunft. Er steht gleichermaßen für das Stehvermögen eines Juden, der Deutschland liebte und diesem Land trotz der düsteren Vorgeschichte die Treue hielt. Und sein Leben dafür einsetzte, die Lage der Juden in Deutschland zu verbessern, den Juden zuliebe und zugleich Deutschland zum Segen. Er starb im Amt, herzkrank, noch nicht einmal siebzig Jahre alt.
Auf andere Weise, aber mit ähnlichem Stehvermögen hat sich Karoline Preisler für die Juden in Deutschland eingesetzt. Sie ist keine Jüdin, doch die Wut der neuen Judenhasser trifft sie mit gleicher Wucht. Karoline Preisler hat nichts anderes getan, als von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch zu machen. Sie weiß es als gebürtige Ostdeutsche offenbar mehr zu schätzen als mancher modisch linke „Wessi“, der mit der Schakal-Meute mitläuft.
Mitten unter die Demonstranten, mit nichts als einer Israel-Fahne
Als nach dem 7. Oktober 2023 in Deutschland die das Land beschämenden und spaltenden Demos der Israel-Gegner begannen, stellte sich Karoline Preisler mitten unter die Demonstranten, mit nichts als einer Israel-Fahne und selbstgebastelten Transparenten, meist nur Computer-Ausdrucke in Klarsichtfolie mit Texten wie „Believe Israeli Women“ oder „Rape is Not Resistance“, um an die Verbrechen der Hamas zu erinnern, die in der anti-israelischen Empörungswelle untergingen. Sie tat es auch als Frau und Mutter, anders als die vielen verwirrten Feministinnen, die angesichts der ungeheuerlichen, atavistischen Gewalt gegen Frauen schweigen, die von islamischen Glaubenskriegern am 7. Oktober in Israels Süden und anderswo und jederzeit entfesselt wird.
Karoline Preisler trat betont als Einzelne auf, als wollte sie zeigen: Seht, so viel kann ein einzelner Mensch, der seine Sinne beisammen hat, erreichen. Und tatsächlich erreichte sie eine ungeheure mediale Wirkung, eine öffentliche Präsenz, die fast der ihrer nach Tausenden zählenden Gegner gleichkommt, der heulenden Meute, gemischt aus Islamisten, linken Israel-Hassern und dummen Mitläufern, die seit dem 7. Oktober Deutschlands öffentlichen Raum verunstaltet. Ihr Auftreten ist betont ruhig, fast kühl, sie ereifert sich nicht, sie scheint von der Richtigkeit ihrer Sache so tief überzeugt, dass sie nicht laut oder aggressiv werden muss. Das überlässt sie ihren Gegnern.
Sie zeigt dabei einen unerschütterlichen Mut. Ich musste neulich an sie denken, als ich bei einem Besuch in Berlin, meiner mehr und mehr herunterkommenden Geburtsstadt, infolge eines der vielen Zwischenfälle im städtischen Nahverkehr überraschend genötigt war, auf dem U-Bahnhof Hermannplatz umzusteigen. Und dann etliche Stationen durch den Bezirk der Berliner Judenhasser zu fahren. In diesem U-Bahnwagen, eingekeilt zwischen brüllenden arabischen Jugendlichen und wenigen verschüchterten Deutschen, habe ich zum ersten Mal meine Kipa unter einer Touristenmütze versteckt, obwohl ich mir geschworen hatte, das gerade in Deutschland niemals zu tun.
Hunderte Morddrohungen galten ihr und ihren vier Kindern
Karoline Preisler hat sich immer wieder freiwillig in diese Lage begeben. Ich bekenne, dass ich ihren Mut bewundere, allein, als Frau, mit die Wut der Meute reizenden Transparenten. Ich kenne viele Deutsche, die ähnlich denken wie sie, die von den dreisten Auftritten der militanten Muslime und ihrer deutschen Claque ähnlich angewidert waren, ähnlich darunter litten, doch nur sie hat sich dem geballten, hysterischen Hass physisch ausgesetzt.
Nicht ohne ernsthaftes Risiko. Hunderte Morddrohungen galten ihr und ihren vier Kindern. Vermutlich lebt sie inzwischen unter Polizeischutz – eine weitere Einschränkung. Ein Leben unter den Augen der Öffentlichkeit scheint ihr nichts auszumachen (obwohl auch dies nicht ohne Tücken ist), sie tritt schon lange mit spektakulären Aktionen und Bekenntnissen hervor und hat es darin zu einiger Kunst gebracht.
Denn das gab ein gutes, symbolisches Bild: eine einzelne Frau, Demonstrantin für Israel, schützend umringt von deutschen Polizisten, da sie inzwischen so bekannt war, dass dem Staat an ihrer Unversehrtheit lag. Den Gesichtern der Polizeibeamten war anzusehen, dass sie diese Frau für ihren Mut und ihre ruhige Würde achteten und energisch beschützen würden. Karoline Preisler hat fairerweise die zunehmend entschlossene Haltung der deutschen Polizei gegenüber den Judenhassern hervorgehoben. Sie ist eine Ehrenrettung im zunehmend demoralisierten Deutschland.
Ein Vorbild für junge Deutsche, damit sie nicht den Mut verlieren und an der Situation in ihrem Land verzweifeln. Eine Frau, die sich traut. Ein Mensch, der seinen eigenen Verstand gebraucht und notfalls gegen den Strom schwimmt, sogar, wenn er tobt und brüllt.
Mein Dank aus der Ferne: Auch für uns in Israel waren Sie, Verehrteste, eine Ermutigung und Beruhigung, einfach, weil Ihr Beispiel bewies, dass es in Deutschland noch vernünftige, couragierte Menschen gibt. Wenn jemand deutsche Preise und Orden verdient hat, dann Karoline Preisler. Der Zentralrat der Juden macht jetzt passenderweise den Anfang, mögen weitere folgen und ihr guter Eintrag ins ewige Buch.

Vielen Dank (mal wieder) für diesen Beitrag, Herr Noll. Ich hatte bisher nichts von dieser mutigen Frau gehört. Sie hat meinen vollen Respekt, sowohl was ihre Meinung, als auch ihren Mut betrifft, diese offen zur Geltung zu bringen. Was wir Deutschen nicht schaffen. Dies hat Ursachen, die in uns liegen mögen, aber wohl auch darin, daß diese Wesenszüge kenntnisreich gegen uns gekehrt werden. Daß eine Instrumentierung unserer Schwächen nicht erneut gelingen, zutage treten können war eine Hoffnung, die ich an das neue Entstehen des Judentums in Deutschland knüpfte. Diese, so sagte ich mir, werden die ersten sein, die ihre Stimme erheben, wenn unser Land erneut in totalitäre Strukturen rutschen sollte. Man muß da nichts erklären. Nun sollte ich noch betonen: dies ist in keinster Weise eine Retour-Kutsche.
Ich schliesse mich an. Chapeau.
Zugleich hoffe ich, dass ihr in dieser weitgehend verkommenen Gesellschaft im freien zivilisatorischen Fall , es sind keineswegs „ nur“ die linken und islamischen Täter ein Problem, nichts zustossen möge. Gefaehrdet ist sie allemal. Sie wird wissen, dass den vereinigten Feinden allerdings nur mit anderen , deutlich spürbareren Mitteln beizukommen ist. Etwas, was in Schland immer noch nicht und ganz sicher erst zu spät begriffen wird.
Gibt es aus jüdischer Sicht überhaupt etwas Gutes über uns Deutsche zu berichten? – Was könnte dieses Gute wohl sein?
Glückwunsch zum Paul-Spiegel-Preis. Wenn ich auf einer Veranstaltung genau das Gegenteil der Veranstaltung propagiere, störe ich die Veranstaltung. Nur für Karoline Preisler müssen viele Polizisten abgestellt werden, weil sie sich in bekannte und offensichtliche Gefahr der körperlichen Unversehrtheit begibt. Ich bin gespannt, wenn sich wer im schwarzen Block der Links- und/oder Rechtsextremisten (so genau nehmen es die Vermummten nicht) untermischt und eine Regenbogenflagge schwenkt, wie dann die Reaktion aussieht. Meinungsfreiheit heisst keinweswegs, z.B. die Kegelveranstaltung zu sprengen mit dem Kritikpunkt, Kegeln gefährde die Gesundheit, weil unnatürlich körperliche Verrenkungen stattfinden. Das Aushalten von Meinungen ist Grundvoraussetzung einer intakten Demokratie und Meinungsfreiheit, auch z.B. hasserfüllten Fanatikern. Solch Störer, wie Karoline Preisler auf solch Demo, bringen zudem massive Probleme mit sich, wenn die Demo (unabhängig der Präsenz von Preisler) aus den Fugen gerät und polizeiliche Massnahmen zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung nötig werden. Nicht auszudenken, wenn mehrere solcher Einzelpersonen an verschiedenen Punkten der Demo sowas durchführen. Da wird dann nicht Meinungsfreiheit propagiert, sondern chaotische Zustände in Kauf genommen, die völlig anders enden können, als man selbst zu glauben meint.
Frau Preislers Engagement ist sicher einzigartig. Ich sehe das mit großem Respekt und Zustimmung. Aber eine Überhöhung, wie sie mit Blick auf die von Ihnen, sehr geehrter Herr Noll, beigezogenen Feiglinge, Denunzianten und Mitläufer erfährt, hat sie, glaube ich, gar nicht nötig.
Ich möchte sie auch zurückweisen. Seit der Corona-Zeit sind sehr viele Menschen in diesem Land aufgewacht und gegen den Staat auf die Straße gegangen. Man kann da wirklich von Massen, ja von Millionen, sprechen. Und diese Menschen geben auch keine Ruhe.
Ausdruck findet das in einem beständigen Zulauf für die neuen Medien. Und ein im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlichen Einsatz für unser Gemeinwesen.
Ständig kommen neue Führungsfiguren hinzu, die sich nicht minder mutig exponieren. Und morgendliche Hausbesuche der Staatsmacht im Bademantel stoisch ertragen.
Aber ich freue mich über den Preis, den Frau Preisler bekommen hat! Auch übrigens im Hinblick darauf, daß der Zentralrat nun vielleicht auch aufwacht.
Den Glückwünschen schließe ich mich an! Der Herrgott möge sie schützen, liebe Frau Preisler.
Im Gazastreifen geschehen schreckliche Dinge. Aber niemals vergessen: Das geht alles allein auf das Konto der Hamas und ihrer Unterstützer, nicht auf das der IDF. Diese Frau ist großartig, aber auch der Polizist, der unauffällig neben ihr beisteht.