Rainer Bonhorst / 29.08.2020 / 12:00 / Foto: Anne-Sophie Ofrim / 7 / Seite ausdrucken

Die Flachbildschirm-Parteitage

Stellen wir uns vor, die Demokraten und die Republikaner Amerikas machen ihre große Wahlkampfparty und keiner geht hin. Genauer natürlich: Keiner darf hin. Noch genauer: kaum einer. Die größte politische Doppel-Show der Welt, die alle vier Jahre wie die Olympischen Spiele zelebriert wird, ist zu einer digitalen Flachbildschirm-Darbietung geschrumpft. Ach, triste neue Welt. Nicht nur im Maskenland Germany, auch im aufregenden, überlebendigen Amerika macht das „new normal“ alles, was es berührt, zum „new boring“. Wir erleben die Umkehrung des Midas-Händchens, das alles zu Gold machte. Corona macht aus Gold mattes Blei.

Natürlich war bei früheren Wahlparteitagen der Amerikaner nicht alles Gold, was glänzte. Aber sie glänzten. Tschingdarassabumm, Flaggen, Luftballons und vor allem: Jubel, Jubel, Jubel. Viel heiße Luft zum Schmunzeln und Gähnen und dann und wann eine tolle Rede. Ohne Publikum lässt sich das nicht nachstellen. Es ist spröder als Fußball ohne Fankurve. Alle Versuche, durch kraftvoll hingeschmetterte oder angriffslustige oder überhaupt nur lustige Reden mitreißend zu wirken, gehen fehl, weil keiner da ist, der mitgerissen werden kann. Da helfen auch die Video-Einblendungen nicht viel. Und auch nicht die wenigen Auftritte unter freiem Himmel mit intimem Gardenparty-Publikum. Nicht mal die Wahlzeremonie mit einsamen Repräsentanten der Staaten und Territorien. Und die ans Herz gerichteten Bekenntnisse der ausgesuchten Normalbürger finden keine sichtbar tränenreichen Zuhörer. Zu Hause vor dem Fernseher mag der eine oder die andere eine heimliche Träne abdrücken. Aber eben heimlich. Nicht als vernehmbares Echo. Kurz: Es ist Ersatz. Muckefuck statt aufmunternder Kaffee.

Die mitreißendsten Parteitage sind die, bei denen sich ein künftiger Super-Star zu erkennen gibt. Einer, der das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt, die den offiziell vereinbarten Polit-Star in den Schatten stellen. Barack Obama hat sich auf so einem Parteitag die demokratischen Sympathie-Punkte geholt, die ihn später ins Weiße Haus transportierten. Ronald Reagan hat so seine Republikaner mitgerissen und – als ehemaliger Demokrat – auch viele Demokraten, die ihm zum Einzug ins Weiße Haus verhalfen. Und Donald Trump hat auf dem letzten Parteitag mit Publikum die lange zögernden Republikaner zu alternativlosen Trumpianern gemacht.

Gewonnen haben Joe und Kamala noch lange nicht.

Digital ist sowas einfach nicht zu machen. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern ebenso für Sport und Kultur. Aber in Amerika ist die Politik, mehr als anderswo, ein Zuschauer-Sport. Aus, vorbei. Das Glück der Demokraten und noch mehr der Republikaner ist dieses Jahr, dass alles längst beschlossene Sache war. Das war früher auch meist so, aber das Publikum war immer für die eine oder andere Überraschung gut, nämlich für Überraschungen, die vier Jahre danach politische Realität werden konnten.

Diesmal? Kamala Harris ist so wenig überraschend wie Joe Biden, ihr betagter Mentor. Überraschen könnte allenfalls, dass sie vor der Zeit den alten Herrn ablösen muss. Aber nicht mal das würde große Wellen machen, selbst wenn man dann die erste Frau und die erste – nach amerikanischer Rassenkunde – Schwarze im Oval Office sähe. Im übrigen zeichnete sich die demokratische Bewerberparade dadurch aus, wenig Mitreißendes geboten zu haben. Und gewonnen haben Joe und Kamala noch lange nicht.

Und bei den Republikanern? Die sind zu einer Ein-Mann-Show geworden. Neben Donald Trump ist nur noch Schatten. Auf dem Parteitag war er der allgegenwärtige Hauptdarsteller. Seine große Donnerstagsrede war nur die Krönung des längst Gesalbten. Seine Frau Melania hatte ihm schon vorher mit ihrem reizenden Akzent, ihrem Laufsteg-Auftritt und ihrer Fähigkeit, Herz zu zeigen, vorgeführt, wie man es machen sollte. Gegen Donald Trump und seine Allgegenwart gibt es zwar allerlei Murren, aber so leise, dass es im Zentrum der Macht leicht zu ignorieren ist. Die Parole heißt: Trump oder untergehen. Sollte der Donald verlieren, wird es bei den Republikanern fast wieder bei Null losgehen. Richtung: offen mit Zerreißprobe.

Wird er verlieren? Da freut sich mancher Demokrat zu früh. Die Umfragen sehen bitter für Trump aus, aber sie können ganz schnell Makulatur werden. Zweieinhalb Monate sind eine lange Zeit, vor allem unter Corona-Bedingungen. Und da die Conventions nur mit vermutlich gähnendem Fernsehpublikum stattfanden, geht es in den kommenden Monaten vor allem darum, das ganz große Publikum zu erreichen. Trump, der Twitter-König, ist ein Meister des digitalen Direktkontakts mit seinen Wählern. Die Demokraten sind in diesem Spiel die Amateure. Joe Biden hat zwar ergrautes Haar, aber er ist kein Silver Surfer. Und was den analogen Direktkontakt mit den Wählern angeht: Für ihn gilt vorerst das gleiche wie für das Publikum der Parteitage: politische Quarantäne.

Wird Donald Trump als Digital-Profi sein Publikum in der amerikanischen „Überflug-Zone“, wie die Küsten-Intellektuellen die Mitte des Landes arrogant bezeichnen, nochmals in ausreichender Masse in die Wahllokale locken? Er schleppt schweres Krisengepäck mit in den Wahlkampf. Und die Demokraten spekulieren darauf, dass die Minderheiten, von denen sie leben, immer mehr zu Mehrheiten werden. Aber sie schleppen einen müden Spitzenkandidaten mit sich herum. Und die Erfahrung, dass auch Hillary Clinton damals klar vorne lag.

Darum: So langweilig die digitalen Conventions waren, so spannend wird der Wahltag werden. 

Foto: Anne-Sophie Ofrim GFDL via Wikimedia

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Dieter Kief / 29.08.2020

Ach ja, der noch, von gestern: Da sagte die mächtigste Demokratin: Man brauche keien Debatte mit einem Lügner wie Trummp. - der linke Talkshow-Mann Jim Fallon, mega-erfoglreich, sagte diese Woche das selbe. man testet offenbar, wie eine Absage der Debatte mit Trump ankäme. “Trump”, sagte der Podcaster Joe Rogan, “würden diesen biden-Typ bei eienr Debatte lebendig auffessen.” - dre linek Joe Rogan: Wenn es auf Biden oder Trump hinauslaufe, werde er Trump wählen müssen, denn Biden sei wg. seines gesundheitlichen Zustandes unwählbar. - Die US-Presse schweigt. Die deutsche Presse schweigt, Joe Biden schweigt die meiste Zeit auch. Das ist gespenstisch!

Dieter Kief / 29.08.2020

Biden, sagen übereinstimmend die linken Journalisten Katie Halper und - Matt Taibbi (top-Buch: Griftopia - wie die US-Elite die Gesellschaft ausplündert) und: Joe Biden, sagt auch der mega-erfoglreiche linke Podcaster Joe Rogan - Joe Biden sagen die alle - ist dement. Sagt auch der Dilbert-Erfinder Scott Adams - : - Joe Biden ist dement. Vom Australischen Sender Sky gibt es eine vier Minuten Doku mit Biden-Szenen - man sieht das mit offener eigener Kinnlade. - Was für ein Betrug. Der Mann ist eine Strohpuppe. Und fast alle machen diesen unwürdigen Betrug am Wähler mit.

Wilfried Cremer / 29.08.2020

In der Kirche (kath.), die ich vorletzten Sonntag besuchte, wurde für die beiden Kandidaten der Demokraten gebetet, dass sie dem Schmelzpott seine Würde zurückbringen mögen.

A. Ostrovsky / 29.08.2020

Das einzige Problem, das ich sehe, dass der Tiefe Staat nicht auf einen flachen Bildschirm passt. Aber auch auf tiefen Bildschirmen hat man ihn nicht sehen können. Ansonsten geht es in den USA darum, wer das meiste Geld hat. Und Geld ist nur eine Zahl. Zahlen kann man nicht essen, außer bei Graf Zahl vielleicht. Und bei dem kann man ja schon an der Nase ablesen, wer dahinter steckt. Auf der Achse sind Verschwörungstheorien verboten und das ist gut so. Trallali trallala. Äh da fällt mit was ein: Kommt Tra La Li eigentlich aus dem italienischen? Dann wäre es das fränggische Overhingen ungerhuu. Oder kommt es aus dem Irischen, dann wäre es irgendwas mit einem Tag am steinigen Strand. Vielleicht auch Suaheli? Da wüsste ich gar nicht, was es bedeutet. Parteitag meinen Sie also? Schlimm!

Wolfgang Kaufmann / 29.08.2020

Den besten Trump-Wahlkampf machen derzeit Gestalten wie Kate Brown und Lori Lightfoot. Ein bisschen wie Berlin unter Wowi: kaputt, aber sexy. Jedenfalls wenn man Alphabet People steht. Oder Ted Wheeler, der die Gewalt in Portland leugnet und in einem arroganten Brief an den POTUS jede Amtshilfe weit von sich weist. Und der präsenile Kandidat selber, wenn er in die Kameras spricht: “I will beat Joe Biden.”

T. Weidner / 29.08.2020

Vor allem schleppen die Demokraten die Duldung (wenn nicht sogar in Einzelfällen Anstiftung) von Aufruhr, Plünderung und Straßengewalt - und damit Schleifung der rechtsstaatlichen Ordnung -  als Vehikel zur Rückeroberung des Präsidentenamtes mit sich herum.

Stefan Riedel / 29.08.2020

Was bleibt hängen? Alt-Herren Convent: Jimmy Carter (wer ist uneigentlich auf diese Schnapsidee gekommen), William Jefferson Porno- Epstein Clinton und als Höhepunkt ” Lerne Englisch mit Michelle und Husein Obama”. Kontrastprogrammm: Kim Klacik, Michael Sandmann,...

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