Ahmet Refii Dener, Gastautor / 23.03.2021 / 15:00 / Foto: ARD / 18 / Seite ausdrucken

Die Feinde der Türkei

Die Feinde der Türkei sitzen nicht nur im Ausland, sondern auch mitten in der Türkei. Diese sind schnell ausgemacht. Ich rede vom (leider) Präsidenten der Türkei und seinem Kompagnon, dem Vorsitzenden der nationalistischen Partei MHP, Devlet Bahçeli.

Ich unterstellte dem (leider) Präsidenten der Türkei von Anfang an, dass er die Türkei fertigmachen, vom Ausland abhängig machen und seinen Job für erledigt betrachten wird. Natürlich kann es auch Unvermögen sein. Eigentlich wie in Deutschland. Du weißt nicht, ob es Absicht ist, dass so schlecht regiert und solche Entscheidungen getroffen werden, oder Unvermögen.

Kann beides sein. Im Falle Erdogan, weiß ich mit einer an zu 99,9 Prozent grenzenden Wahrscheinlichkeit, dass es Absicht ist, denn warum hätten die Amerikaner ihn sonst in diese Position hieven sollen?

Aus der Sicht der Amerikaner müsste es lauten: “Good Job, Man!” Immer habe ich mich gefragt, was passieren würde, wenn er von heute auf morgen kehrt machte und so tut, als ob er zu etwas demokratie-ähnlichem zurückkehren wolle. Auch wenn das nichts Ganzes und nichts Halbes wäre, die Europäer würden ihm das locker abnehmen. Sofort würden neue Gelder fließen, für die Demokratisierung der Türkei.

Fast hatte ich den Eindruck, dass er das tut bzw. duldet. Schon fragte ich mich, ob ich ihn dann liebhaben sollte, weil er zum Wohle der Türkei arbeitet bzw. so tut als ob? Nur, seit einigen Tagen weiß ich, dass ich mir diese Gedanken nicht mehr machen muss.

So etwas konnte und durfte nicht passieren

Warum ich aber zuerst den Eindruck hatte, dass er in Bezug auf das Ausland auf Schönwetter macht, war der vor wenigen Tagen entlassene Zentralbankpräsident. Er war genau 4,5 Monate im Amt und agierte tatsächlich wie einer, der die Türkei wieder auf den rechten Pfad führen würde. Die Statements von ihm machten Hoffnung. Die geldpolitischen Entscheidungen, die er verkündete, um die Inflation in den Griff zu bekommen, machten Sinn.

Den Gürtel enger und wenn nötig noch enger zu schnallen, ist der einzig richtige Weg. Auch fing die Zentralbank an, noch transparenter zu werden. So wurden alle Handlungen der Öffentlichkeit verkündet. Die Reports kamen in kurzen Folgen und immer detaillierter. „Die Stabilität der Preise, ein stetiges Wachstum, Erschaffung neuer Arbeitsplätze und dadurch das Wohlergehen des Volkes, ist unser vorrangiges Ziel”, sagte er im Namen der Zentralbank.

Ich glaube, 4–5 Jahre ist es her, dass sich ein Zentralbankpräsident traute, ein solches Statement abzugeben. Noch schlimmer, er holte die absolut besten Finanzwissenschaftler, um die Inflation in den Griff zu bekommen. Wissenschaftler, und das bei einem Muslimbruder wie Erdogan. So etwas konnte und durfte nicht passieren. In Ankara muss dann jemand durchgedreht sein, so auf die Art von Trappatoni: “Was erlauben dieser Mann?”

Folglich musste er gehen. Dann noch das Aufkündigen der Istanbuler Konvention, weil die Frauen nicht extra beschützt werden müssten, zumal sie die Rolle der Hausfrau und Mutter zu spielen hätten, und schon explodierten wieder die Devisenkurse, und die türkische Lira verlor über Nacht 10 Prozent an Wert.

Wieder schlecht für das Land, aber gut für die Seinen. Jetzt können sie die Devisen abstoßen und einen satten Gewinn einstreichen. Wenn sich der Devisenmarkt beruhigt hat, dann wieder kaufen und auf die nächste, selbstheraufbeschworene Krise steuern.

In eine totale Importabhängigkeit manövriert

Bei allen diesen Kursschwankungen verliert nur der Staat, sprich: der Bürger. All die Megaprojekte, Straßen, Brücken, Tunnels, U-Bahnen, Zugstrecken u.a., die mit Auslastungsgarantien des Staates für die Erbauer bzw. Betreiber realisiert wurden. Natürlich nicht auf türkische Lira Basis, sondern auf USD oder Euro. Also muss der Staat die teuren Devisen kaufen und an die Betreiber/Erbauer bezahlen, und das noch die nächsten Jahrzehnte. Was stellen wir fest?

Auch wenn er gegangen sein wird, wird die türkische Nation weiter ausbluten und kaum eine Chance haben, wieder aufzustehen. Zumal sie, dank des (leider) Präsidenten der Türkei, in eine totale Importabhängigkeit manövriert wurde. Eigentlich schreiben wir das Jahr 1918. Die Türkei ist nicht wie damals von ausländischen Mächten besetzt worden, aber die Wirtschaft ist am Ende und die Schlüsselindustrien sind in ausländischer Hand.

Wer oben genannte Personen noch unterstützt und/oder beklatscht, ist nicht viel besser und ebenfalls als Feind der Türkei zu bezeichnen.

 

Dr. Ahmet Refii Dener (Dipl.-Kfm.) ist Unternehmensberater, Wirtschaftsexperte und Türkei-Analyst. Neben seinem Erfolgsblog www.go2tr.de schreibt er in verschiedenen Medien und ist Kolumnist des Tagesspiegels.

Foto: ARD

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Leserpost

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Martin Herlitius / 23.03.2021

Die türkische Elite macht erfolgreich eine klientelorientierte Machtpolitik. Für die neoosmanischen Großmachtträumen ist vor allem die Stärkung der Fünften Kolonne wichtig. Es wird viel Geld nach Europa gepumpt, damit niederländisch-/deutsch-türkische Familien Immobilien erwerben, gezielt Communities bilden und das Stadtbild verändern können. Stichwort Kommunalwahlen.

Burkhard Mundt / 23.03.2021

Einen riesigen Exportschlager hat Erdogan: Flüchtlinge. Geld her oder Tor auf! Wirkt immer

Klaus Keller / 23.03.2021

warum hätten die Amerikaner ihn sonst in diese Position hieven sollen? Welche Amerikaner? Trump? Obama? Bush? Nach meiner Erinnerung hat(te) die Türkei zahlreiche Probleme. Linksnationalistischer Terror z.B. seit den 1970erJahren. Es gibt zB Gruppen die hier oder da einen Anschlag verüben und sich dann hinter die (syrische) Grenze zurück ziehen. Die Israelis haben interessanter Weise ein ähnliches Problem wobei ich davon ausgehe das die syrische Regierung die Grenzen gar nicht unter Kontrolle hat. Was sich u.a. beobachten lässt ist das ähnliche Sachverhalte sehr unterschiedlich beurteilt werden. Ich würde in der Türkei Erdoğan wählen und in Israel Netanjahu und bedauere nur das die Türkei nicht wie früher mit Israel zusammenarbeitet (die Türkei modernisierte mit Hilfe der Israelis ihre M60 Kampfpanzer, heute arbeitet man mit Südkorea zusammen) ggf Ist der Streit zw Ankara und Jerusalem aber auch nur Show. Die vermehrte Zusammenarbeit mit Russland hat eher damit zu tun das sich die USA zurückziehen und ggf mit der €U unsinnige Forderungen stellen (GB hat sich wg unsinniger Forderungen zum Austritt entschlossen). Kritisch sehe ich die Zusammenarbeit zw Moskau u dem Iran. Das ist aber mit Sicherheit keine Leibesheirat. Die Russen wollten ihren Marinestützpunkt in Syrien behalten und dummer Weise benötigte man in einer schwierigen Situation den Iran und Obama vollführte seinen Eiertanz. Erdogan hat u.a. das Pech das ihm das alles auf die Füße fällt. Die Türkei liegt geografisch suboptimal für eine friedliche Lebensweise. Es gibt dann noch ein paar Leute die meinen die Türkei sollte etwas Gelände für einen kurdischen Staat abgeben. Auch das ist mehr als abenteuerlich. Das erste was nach der Gründung eines kurdischen Staates entsteht ist ein Bürgerkrieg. Wenn Erdoğan den Laden zusammenhalten kann, hat er viel erreicht.

Wiebke Ruschewski / 23.03.2021

Ich persönlich bin -und das habe ich hier auch schon öfters gegen die gefühlte Mehrheit der Achsekommentatoren kundgetan- überzeugt von der “Banalität des Bösen”. Ich glaube tatsächlich noch immer, dass Dummheit, Unvermögen, Eitelkeit, Größenwahn, ideologische Verblendung oder weiß Gott was für charakterliche oder kognitive Gebrechen für vieles, das in diesem Lande und auch andernorts passiert verantwortlich ist. Eine Weltverschwörung einiger weniger genialer Geister ist meiner Auffassung nach jedenfalls sehr viel unwahrscheinlicher. Manch eine Verschwörungstheorie der Vergangenheit stellte sich als wahr heraus. Die KZs der Nazis waren seinerzeit ebenfalls eine Verschwörungstheorie, wenn es auch meines Wissens den Begriff damals noch nicht gab. In den meisten Fällen finden sich aber tatsächlich sehr banale Gründe für Missstände oder Vorkommnisse. Man denke bspw. auch daran, um was für traurige Gestalten es sich bei der Führungsrige der DDR handelte. Ebenfalls Inbegriff des Unvermögens. Honecker und Co. haben ihren heiß geliebten Arbeiter und Bauernstaat an die Wand gefahren. Aber sicher nicht mit Absicht. Aber zugegeben, manchmal ist das Ausmaß der Inkompetenz derart gewaltig, dass viele lieber an Absicht glauben mögen. Erdogan und Merkel haben einiges gemeinsam. Beiden ist es gelungen, ihr Land innerhalb relativ kurzer Zeit runter zu wirtschaften und beide klammern sich krampfhaft an die Macht, weil ihnen klar ist, dass die Zeit danach für sie nur hässlich werden kann! Aber auch wenn diese beiden Pflaumen endlich weg sind, (sei es im Exil, im Knast unter der Erde oder sonstwo) werden beide Länder noch sehr sehr lange was von ihnen haben.

Kay R. Ströhmer / 23.03.2021

Hier wie da wählen die Leute gegen ihre persönlichen Interessen, ohne sich darüber überhaupt Gedanken gemacht zu haben. Im Herbst wird hier noch ne Schippe draufgelegt. Wenn Sie meinen, die Türkei wäre im Eimer, dann warten Sie mal ab, wie groß der Einschlagkrater hier wird. Hier ist die Fallhöhe eine ganz andere. Und außerdem: Fällt Deutschland, fällt die EU. Die Nachbarn müssen sich schon mal überlegen, woher demnächst die Kohle zum Verfeiern kommen soll. Die Deutschen schlachten nämlich gerade die Kuh, die alle anderen mit Milch versorgt hat. Einschließlich der Türkei. Lustig, nicht wahr? Ist doch prima, wenn alles miteinander zusammenhängt. Da ist dann niemand allein. Auch nicht im Untergang.

Marc Greiner / 23.03.2021

Typisch türkisches Amerika-Bashing. Kenne ich aus eigener Anschauung. Die Amerikaner können machen was sie wollen, ist für die Türken nie Recht. Mir hat mal ein Auslandstürke der in der Türkei Militärdienst geleistet hat gesagt, dass sogar das Besteck in der Militärkantine “made in USA” ist aber die Amerikaner wollen die Türken klein halten. Alles klar. Ist bei uns (Schweiz und restliche Umgebung) übrigens auch nicht viel anders.

K.Bucher / 23.03.2021

Einfach mal in die 57 Islam Staaten schauen was da so abgeht oder nicht abgeht .Dann hat man auch gleich eine Richtschnur um zu Messen wie Erfolgreich Islamische Diktaturen angeblich doch sind .Anscheinend so Erfolgreich das sich seit Jahrzehnten Millionen von Menschen HAUPTSÄCHLICH in NICHT Islamische Staten zu den angeblich Bösen UNGLÄUBIGEN geflüchtet haben und immer noch flüchten .Corona hin oder her .Wie heißt es so Schön ? Spieglein ,Spieglein an der Wand ....und so weiter und so fort .

Thomas Taterka / 23.03.2021

Viel mehr Importabhängigkeit kann ich mir auch für die Bundesrepublik vorstellen . Aber auch den Besitz von gescheiterten Grossbauprojekten wie beispielsweise einen Flughafen durch ferne Einkäufer. Letzten Endes kann man ein ganzes Land kaufen . Es muß nur kaputt genug sein. Kauf ihnen den Arsch weg, auf dem sie sitzen und belohne die Verkäufer, dann brauchst du keinen Krieg , um dein Reich auszudehnen. - Wer hat das meiste Geld ? - Eben . Kein westliches Land.

Sebastian Weber / 23.03.2021

Ein Grafitto an einer Wand im Ruhrgebiet“: „Taiyip, geh bügeln“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

giesemann gerhard / 23.03.2021

Der mit Abstand größte Feind der Türkei und somit der Türken ist der Islam. Eine Ideologie einer kriminellen Vereinigung - das ist mit großer Vorsicht zu betrachten. Gilt auch für die restlichen Moslems. Aber insbesondere für die Muslimas. Allah Waduhu ya’rif - Allah weiß es. Und er schaut herab auf die Seinen und weint bittere Zähren ob ihres Zustandes, egal wohin er blickt.

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