Die „Faust Gottes“ will Präsident werden

Im Mai 2022 wird der neue philippinische Präsident gewählt. Dieses Mal tritt unter anderem Manny Pacquiao an, bisher vor allem bekannt als gefeierter Boxer. Hat der Nationalheld eine Chance?

„Ich habe mein Bestes gegeben, aber mein Bestes war nicht gut genug“, gestand der 1,66 Meter kleine philippinische Boxer Manny Pacquiao, 42, nach seiner klaren Niederlage gegen das kubanische Kraftpaket Yordenis Ugás, 35. In jener Augustnacht in Las Vegas stand der Weltmeister in acht Gewichtsklassen zum letzten Mal im Ring. Nach dem Kampf wurde er gefragt, ob er nun für das Amt des philippinischen Staatspräsidenten kandidiere. Seine Antwort: „Ich weiß es nicht. Es ist sehr viel komplizierter als Boxen.“

Einen ersten Vorgeschmack hatte er bereits 2010 erhalten, nachdem er in den Kongress gewählt worden war. Abgeordnete kritisierten, er habe null Ahnung, interessiere sich nicht für die Dossiers, sondern nur für seine Karrieren als Boxer, Sänger, Model, Schauspieler, Prediger und Markenbotschafter. Als Pacquiao 2016 gar in den Senat gewählt wurde, spotteten einige, das sei weiter nicht schlimm, als Abgeordneter sei er lediglich an vier von 179 Sitzungen erschienen.

2016 war auch das Jahr, in dem der bekennende Sozialist Rodrigo Duterte zum philippinischen Staatspräsidenten gewählt wurde. „Dirty Harry“ (Financial Times) überredete Pacquiao zu einem Parteiwechsel und machte ihn später zum Vorsitzenden seiner PDP-Laban-Partei. Die beiden wurden Freunde. Bis zu jenem 5. September, als Pacquiao in einem Live-Interview mit dem Nachrichtenportal Rappler seine Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten ankündigte und seinem einstigen Mentor vorwarf, er schütze die korrupten Politiker, die Milliarden von Pesos aus dem Corona-Fonds verschwinden ließen. Für viele Zuschauer war der Auftritt ihres Nationalhelden, der erneut die Partei gewechselt hatte, irritierend. Pacquiao konnte sich weder differenziert noch pointiert ausdrücken. Man hatte den Eindruck, er verstünde nur mit den Fäusten zu sprechen.

Ein Fundamentalist, der die Bibel wörtlich nimmt

Wer ist dieser Jahrhundertboxer, der dem Staat 2,2 Milliarden Pesos (rund 38 Millionen Euro) Nachsteuern schuldet und den Ärmsten in seiner Heimatstadt tausend Häuser schenkte? Die Doku „Manny“ von 2014 zeichnet seinen Aufstieg aus den Slums von General Santos City nach und schildert, wie er als Teenager in den Ring stieg, um seine Familie zu ernähren. Für seinen ersten Fight erhielt er zwei Dollar. Mittlerweile hat er im Ring eine halbe Milliarde verdient.

Seinen kometenhaften Aufstieg feierte das Energiebündel früher mit Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Bis ihm eines Nachts zwei Engel erschienen, „weiß, mit großen Flügeln“. Pacquiao wurde ein strammer Evangelikaler, ein Fundamentalist, der die Bibel wörtlich nimmt. Als er in einem Interview behauptete, Homosexuelle seien „schlimmer als Tiere“, verlor er in Umfragen (vorübergehend) nicht nur 12 Prozentpunkte, sondern auch seinen Hauptsponsor Nike. Pacquiao entschuldigte sich und legte gleich nach: Homosexuelle verdienten gemäß der Bibel den Tod. Punkt. Und ja, er ist auch für die Wiedereinführung der Todesstrafe. Kann er dennoch Präsident werden in einem Land, in dem selbst ein Rambo wie Duterte sich für die gleichgeschlechtliche Ehe und den Schutz der LGTB-Community aussprach?

Mittlerweile tourt er mit seinem Team durch das Land und macht gleichzeitig Werbung für sein neues eGaming Business. Seine Mitbewerber sind Celebrities, Senatoren, Bürgermeister und der Nachwuchs der Oligarchenclans. Sie versprechen alle dasselbe. Sie wollen die Korruption bekämpfen, die Kriminalität, die Armut und natürlich die Pandemie. Gemäß den letzten Umfragen belegt der Ex-Boxer Platz 3; vor ihm liegt der Ex-Schauspieler und heutige Bürgermeister von Manila, Francisco Domagoso, 47, der unter seinem Schauspielernamen Isko Moreno kandidiert. In Führung liegt der Sohn des Diktators Ferdinand Marcos, der unverdrossen die Gräueltaten seines Vaters verteidigt. Bis zum Wahltag am 9. Mai 2022 wird es noch einige Überraschungen geben. Last-minute-Pirouetten sind auf den Philippinen nicht ungewöhnlich. Schmutzkampagnen, gefakte Lebensläufe und Bestechungsskandale werden einige ausknocken. Pacquiao wird wie üblich sein Bestes geben, aber sein Bestes könnte außerhalb des Rings nicht genug sein.

 

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“. Die ersten 100 seiner Geschichts-Kolumnen wurden soeben als Buch veröffentlicht.

Foto: Malacañang Photo Bureau CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

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Paul Siemons / 08.12.2021

>> Bis ihm eines Nachts zwei Engel erschienen, „weiß, mit großen Flügeln“<< Dafür dürften ein paar Kopfnüsse im Ring verantwortlich sein. Ja, solche Leute braucht die Politik. Je wirrer, desto qualifizierter. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wer einst Karl Lauterbach nachts erschienen ist. Karl der Käfer? Dr. Mabuse? Der Räuber Hotzenplotz? Die Zahnfee kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

Hans Reinhardt / 08.12.2021

Hätte Gott eine Faust, hätten wir keinen Präsidenten.

R. Reiger / 08.12.2021

Chancen sind da, denn der weltweite Trend geht gegen “deep state”, achja, ohne uns natürlich, dabei täte uns auch mal ein Komiker gut, als Profi mein ich, nicht die unfreiwilligen

Walter Weimar / 08.12.2021

Warum soll ein Boxer nicht mal Präsident werden? Wenn ich mir die deutschen Lichtgestalten der Politik anschaue, schlimmer kanns auch nicht mehr werden. Betrogene Titel, vom falschen Fach, mit Fachausbildung und doch ein Nullnummer,  so stets hier im Lande. Das ist der Boxtitel doch, ehrlich im Ring vor Publikum erkämpft, was Wert.

Rainer Mewes / 08.12.2021

Na klar, in unserer heutigen modernen Zivilisation hat wirklich Jeder, Jede, Jedes, und was weiß ich, welche Daseinsform es noch gibt, eine Chance. Und seit wann muß man von irgendetwas eine Ahnung haben, um Karriere zu machen, besonders als Berufspolitiker (bei Zweifeln schaue man mal ins Bildungsfernsehen von RTL 2). Deutschland ist ein nachhaltiger Beweis, daß es um so besser gelingt, je weniger Ahnung man hat. So gibt’s auch keine Probleme mit dem Gewissen. Ganz nebenbei, eine halbe Mrd. Dollar kann man sich nicht verdienen, die werden einem nachgeworfen.

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