Phyllis Chesler, Gastautorin / 17.06.2018 / 15:00 / Foto: Pixabay / 2 / Seite ausdrucken

Die Epidemie der Ehrenmorde

Von Phyllis Chesler.

In den späten 1960er Jahren war ich eine der Vorreiterinnen bei der Erforschung von Gewalt gegen Frauen. Dabei legte ich den Schwerpunkt auf Frauen in Nordamerika und Europa, die psychiatrisch diagnostiziert und eingewiesen wurden. Sie waren Opfer von Vergewaltigung, sexueller Belästigung, Inzest, Misshandlung durch den Beziehungspartner, Pornographie und Prostitution.

Ich dokumentierte auch die extreme Doppelmoral und frauenfeindlichen Tendenzen, die dazu führten, dass gute Mütter das Sorgerecht für ihre Kinder an gewalttätige Väter und Ehemänner verloren, dass Frauen zu langer oder lebenslanger Haft verurteilt wurden, wenn sie in Selbstverteidigung ihre männlichen Peiniger töteten, dass Frauen Gewalt ausgesetzt waren, wenn sie weltweit für ihre Fortpflanzungs-, Bildungs-, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Rechte kämpften.

Die Feministinnen meiner Generation glaubten an universale Menschenrechte. Wir waren keine multikulturellen Relativistinnen. Wir nannten Misogynie beim Namen, wenn wir sie sahen und machten keine Ausnahmen für Vergewaltiger, Frauenschläger oder Pädophile, wenn diese arm waren (auch ihre Opfer waren arm) oder für Farbige (ihre Opfer waren auch Farbige) oder für Täter, die in ihrer Kindheit missbraucht worden waren (auch ihre Opfer wurden in ihrer Kindheit missbraucht).

Wie viele amerikanische Feministinnen war auch ich in den Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen aktiv. Doch im Gegensatz zu anderen Feministinnen hatte ich „einst in einem Harem in Afghanistan gelebt“. So beginnt mein Buch „An American Bride in Kabul“ (Eine amerikanische Braut in Kabul). Ich lebte mit meiner Schwiegermutter in einer polygamen Hausgemeinschaft in „Parda“, einer Art luxuriöser Geschlechtertrennung. Das heißt, es war mir nicht erlaubt, das Haus ohne männliche Begleitung zu verlassen. Mein Schwiegervater hatte drei Ehefrauen und 21 Kinder - Tatsachen, die mein verwestlichter Ehemann zu erwähnen vergaß, als wir uns in Amerika am College kennenlernten. Ich sah Frauen in Burkas in den Straßen von Kabul herumstolpern und Frauen, die dazu gezwungen wurden, im hinteren Teil des Busses zu sitzen.

Deshalb war mir früh bewusst, dass weltweit die meisten Frauen verarmte Analphabetinnen waren, die als Kinder zwangsverheiratet wurden. Als Mädchen wurde von ihnen erwartet, unerreichbar hohen Standards an unterwürfigem Verhalten nachzukommen. Wenn sie diese Standards nicht erreichten, riskierten sie harte Strafen. Daher führten etwa Frauen in Afghanistan, Ägypten, Indien, Pakistan und Saudi-Arabien ein viel schwierigeres und gefährlicheres Leben als Frauen in Amerika.

Als Frau geboren zu werden, ist ein potenzielles Kapitalverbrechen

In den frühen 1970er Jahren schockierten mich die Massenvergewaltigungen im Krieg zwischen Pakistan und Bangladesch. Ich wusste, dass die Familien der vergewaltigten Mädchen und Frauen sie verstoßen oder gar töten würden. In den 1990ern und frühen 2000ern war ich gleichermaßen besorgt um das Schicksal der von paramilitärischen Truppen entführten und sexuell versklavten Frauen in Nordafrika und über den zunehmenden Gebrauch von Gruppenvergewaltigungen, nicht nur als „Belohnung“ für Kämpfer, sondern auch als Mittel zur Einschüchterung der Zivilbevölkerung in Ländern wie Bosnien, Kongo, Guatemala, El Salvador, Ruanda oder dem Sudan.

Angesichts weltweiter Ereignisse begann ich damit, mich auf Geschlechter- und religiöse Apartheid zu konzentrieren und auf das Leben von Frauen in Stammesgesellschaften, in denen Begriffe von „Schande“ und „Ehre“ eine große Rolle spielen.

Ein Ehrenmord ist ein kaltblütiger Mord an einem Mädchen oder an einer Frau aus dem einzigen Grund, dass sie weiblichen Geschlechts ist. In einer Gesellschaft, in der Schamgefühl und Ehre eine große Rolle spielen, als Frau geboren zu werden, ist ein potenzielles Kapitalverbrechen. Jedes Mädchen muss ständig beweisen, dass es seine Familie nicht entehrt. Es kann sogar geschehen, dass ein unschuldiges Mädchen fälschlicherweise beschuldigt und auf der Stelle getötet wird. 

Die Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit eines Mädchens „gehören“ der Familie, nicht dem Mädchen selbst. Wenn ein Mädchen von der Gemeinschaft als „befleckt“ betrachtet wird, muss sich ihre Herkunftsfamilie bis an ihr Lebensende um sie kümmern. Dies ist ein Grund, sie zu töten. Ihre Jungfräulichkeit gehört der Familie. Wenn sie keine Jungfrau mehr ist, „entehrt“ das ihre Familie, die sich mit Blut von dieser Schande reinwaschen muss – mit dem Blut des Mädchens!

Stellen Sie sich vor, Sie wachsen in einer Familie auf, in der Sie streng überwacht, schikaniert, vielleicht täglich geschlagen und mit dem Tod bedroht werden. Zum Beispiel, weil sie dabei gesehen wurden, wie Sie mit einem Jungen sprechen oder weil Ihr Schleier verrutscht ist.

Stellen Sie sich vor, mit dem Wissen zu leben, dass Ihre Herkunftsfamilie Sie eines Tages für das kleinste Vergehen oder sogar für gar kein Vergehen töten und dann ganz einfach straflos davonkommen könnte. Stellen Sie sich vor, immer im Hinterkopf zu haben, dass kein Verwandter und kein Rechtssystem Ihr Recht auf Leben und Ihr Recht, frei von Gewalt zu leben, schützen wird.

Polygamie als frauenfreundliche "Wohltat"

Ein zu „verwestlichter“ Lebensstil, der Wunsch, sich den Ehemann selbst auszusuchen, die Weigerung, einen Cousin ersten Grades zu heiraten, ungläubige Freunde oder (vermeintlicher) außerehelicher Geschlechtsverkehr – das alles können Tötungsgründe sein. Aus Sicht der Stammesgemeinschaft schafft dieser Scham- und Ehrenkodex Stabilität, jedoch auf Kosten individueller Rechte und persönlicher Freiheit.

Zuerst erkannte ich die Vorteile, einen Cousin ersten Grades zu heiraten, nicht. Doch nach näherer Betrachtung verstand ich, dass die Schwiegermutter bzw. Tante freundlicher zu einem Mädchen sein wird, das sie von Geburt an kennt und deren Herkunftsfamilie in der Nähe wohnt. Vielleicht verbietet solch eine Schwiegermutter bzw. Tante ihrer Schwiegertochter bzw. Nichte nicht, die eigene Mutter zu besuchen (was manchmal der Fall ist).

Dass Geld und Land in der eigenen Familie bleiben, wurde immer als wichtig erachtet. Eine Ehe mit einem Cousin ersten Grades maximiert diesen Nutzen. Die Nachteile einer Verwandtenehe sind natürlich all die Folgen der Inzucht und gegebenenfalls lebenslanges Unglück mit einem Partner, den man verabscheut.

Manche argumentieren, dass die Institution der Polygamie Erst-, Zweit-, Dritt- und Viertfrauen erlaubt, bei ihren Kindern zu bleiben und ihr Familienleben wie gewohnt weiter zu führen. Da Scheidung für Frauen in Stammeskulturen undenkbar ist, wird dies von einigen sogar als „frauenfreundliche“ Wohltat ausgelegt.

Natürlich können der Konkurrenzkampf zwischen männlichen Geschwistern um die väterliche Aufmerksamkeit und um materielle Ressourcen und die Konkurrenz zwischen den Ehefrauen ziemlich hässlich sein. Die „Parda“ schützt privilegierte Frauen vor der Begierde und der Gewalt fremder Männer. Doch sie schützt sie nicht vor Langeweile oder vor Vergewaltigung innerhalb der eigenen Familie.

In ländlichen Regionen sind es nicht nur Individuen, sondern ganze Gemeinschaften, die den frauenfeindlichen Ehrenkodex aufrechterhalten. Jede Familie, die ihre „ungehorsame“ Tochter oder Frau nicht tötet, wird auch für ihre anderen Töchter keine Partner finden und muss ökonomische Nachteile fürchten. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen (ohne zu akzeptieren), warum zahllose Ehrenmörder behaupten, in Selbstverteidigung bzw. unter dem Druck der Gemeinschaft gehandelt zu haben.

Als ich mit dieser Arbeit begann, habe ich nicht vollständig verstanden, wie schwierig es für ein Mädchen oder eine Frau sein kann, einem Ehrenmord zu entkommen. Von Geburt an wurde sie indoktriniert, dass sie böse ist und sich jede Minute eines jeden Tages von dieser Schande reinwaschen muss.

Ihr Körper gehört dem Kollektiv

Solch ein Mädchen wird kein psychologisches Verständnis dafür haben, dass sie ein Mensch ist und dass die Individual- und Menschenrechte auch für sie gelten. Sie wird sich selbst nicht als „Individuum“ sehen, sondern als Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte und Ehefrau − als ein Mitglied einer Familie, eines Clans, einer Religions- oder Stammesgemeinschaft, deren Wohl sie zu dienen hat.

Ihr Körper gehört nicht ihr, sondern dem Kollektiv. Wenn ihr Cousin ersten Grades bzw. Ehemann sie misshandelt, muss sie ihrer Rolle gemäß trotzdem bei ihm bleiben. Ihre Herkunftsfamilie wird entehrt sein, wenn sie die Ehe verlässt.

Deshalb gehören diejenigen, die flüchten, um ihr eigenes Leben zu retten, zu den tapfersten und zähesten Mädchen und Frauen. Ihre Familien werden sie für immer verfolgen, und deshalb benötigen sie in der Regel neue Identitäten und eine Art Zeugenschutzprogramm. Sie zahlen einen hohen Preis für ihre Freiheit und ihr Überleben. In der Regel können sie es nicht riskieren, ihren engeren oder erweiterten Familienkreis jemals wiederzusehen. Manche finden den Preis zu hoch und kehren zurück, meistens zu ihrem Nachteil.

Wenn Menschen mit solchen Stammestraditionen und psychologischen Einflüssen einmal in den Westen kommen, sollte der strenge Scham- und Ehrenkodex eigentlich nicht mehr gelten. Doch er gilt, zumindest unter Moslems und in einem geringeren Umfang auch unter Sikhs.

Seit 2003-2004 schreibe ich über Ehrenmorde. Für meine Recherchen nutze ich Zeitungsberichte, Internetquellen, Interviews mit Betroffenen und eine Vielzahl von Erfahrungsberichten. Ich begann, diese geplanten Verschwörungen als „Schreckens-Morde“ anstatt als „Ehren-Morde“ zu betrachten. Die Schande lag bei den Tätern, nicht bei ihren wehrlosen Opfern. Mit der Zeit wuchsen meine Erkenntnisse zu diesem Thema.

In meinem Buch „The Death of Feminism“ (Der Tod des Feminismus) betrachtete ich 2005 die Ehrenmorde im Westen und war überrascht von der Tatsache, dass es sich bei so vielen um Folter-Morde handelte. 2007-2008 rief ich Strafverfolgungs- und Schulbehörden dazu auf, die Anzeichen von möglichen Ehrenmorden zu erkennen. Im Westen schienen dies − mit Ausnahme einiger Sikhs − Verbrechen von Moslems an Moslems zu sein.

Ich beschrieb auch Ehrenmorde in Amerika, wie z.B. die an Palesina Isa (1989) und Methel Dayem (1999). Beide waren Amerikanerinnen palästinensischer Abstammung. Ich schrieb über Samia Sarwar-Imran, die 1999 in Pakistan einem Ehrenmord zum Opfer fiel und deren Fall weltweit für Schlagzeilen sorgte. Ihre Mutter hatte einen Auftragskiller engagiert und war zugegen, als dieser ihre Tochter ermordete.

In Europa gab es wesentlich mehr Ehrenmorde als in Amerika, da es in Europa sehr viel mehr (muslimische) Migranten gab. So schrieb ich 2005 über einige Fälle von großem öffentlichen Interesse, wie z.B. über Tulay Goren (1999), Hesha Yones (2002), Fadime Sahindal (2002), Sohane Benziane (2002), Sahjda Bibi (2003), Shafilea Ahmed (2003) und Hatun Sürücü (2005).

Ehrenmorde sind sorgfältig geplante Verschwörungen

Ich hätte nicht so sachkundig über Ehrenmorde schreiben können, wenn ich nicht gleichzeitig mit einer Reihe akademischer Studien – u.a. über Femizid − begonnen hätte und wenn über die Ehrenmorde nicht in englischsprachigen Medien ausführlich berichtet worden wäre.

2009 veröffentlichte ich meine erste akademische Arbeit zu diesem Thema in der Fachzeitschrift „Middle East Quarterly“, in der ich die spezifischen Unterschiede zwischen westlicher häuslicher Gewalt und Ehrenmord bzw. Femizid darstellte. Während viele darauf bestehen, dass Ehrenmorde wie westliche häusliche Gewalt seien, kam ich zu dem Schluss, dass dies nicht der Fall ist.

Ehrenmorde sind sorgfältig geplante Verschwörungen und können von mehreren Mitgliedern der Herkunftsfamilie verübt werden. Brüder, Onkel, Väter und weitere männliche Verwandte begehen in der Regel den Mord, wobei man auch von Müttern weiß, die an der Ermordung ihrer Töchter mitwirkten, manchmal sogar als Haupttäterin.

Prügelnde Männer im Westen agieren in der Regel ungeplant und spontan. Nur sie selbst sind die Täter. Weder ihre eigene Familie noch die Herkunftsfamilie des Opfers hilft ihnen, den Mord zu verüben. Im Westen kommt es kaum vor, dass Väter ihre Töchter im Teenageralter ermorden. Dies geschieht aber bei einem klassischen Ehrenmord.

Ehrenmorde im Westen sind manchmal von exzessiver Gewalt gekennzeichnet, wie z.B. wiederholtes Zustechen, Vergewaltigen, Verprügeln, Anzünden. Diese Morde ähneln denjenigen, die Serienmörder an fremden Frauen, oft Prostituierten, verüben.

Im Westen werden Schläger und Frauenmörder nicht gefeiert, sondern verschmäht. Wenn möglich werden sie auch strafrechtlich verfolgt. Hindus in Indien und Moslems weltweit, die Ehrenmorde verüben, werden hingegen als Helden betrachtet, die die Ehre ihrer Familie gerettet haben. Somit fühlen sie keine Scham oder Reue.

Ursprünglich begab ich mich bei dem Thema auf Neuland. Doch mit der Zeit legte ich immer mehr Wert darauf, all diejenigen zu finden und zu zitieren, deren Arbeit in diesem Bereich meiner vorausgegangen war. Ihre Namen sind zahlreich und sind in den Quellenangaben meiner Studien aufgeführt. Forscher im 20. Jahrhundert (Ginat, Glazer und Abu Ras) und im 21. Jahrhundert (Berko, Brandon und Hafez, Ghanim, Feldner, Kulczycki und Windle, Lasson, Pope, Rosen, Saltzman, Storhaug, Weber, Welchman, Hossain und Wikan) untersuchten das Phänomen der Ehrenmorde. Ausnahmslos stimmen die Wissenschaftler darin überein, dass ein Ehrenmord nicht wie westliche häusliche Gewalt ist.

Nur diejenigen, die es für schändlich halten, irgendetwas Negatives über Moslems zu enthüllen (besonders, wenn es der Wahrheit entspricht), versuchen, solche Stimmen durch den Vorwurf des Rassismus oder der „Islamophobie“ zum Schweigen zu bringen.

In den 1990ern und frühen 2000ern begannen auch immer mehr Journalisten über Ehrenmorde zu schreiben, insbesondere wenn die Täter vor Gericht gebracht wurden. Einwanderer im Westen und Autorinnen in Entwicklungsländern verfassten Memoiren und Bücher über Ehrenmorde und versuchte Ehrenmorde. Eine Reihe von wichtigen Filmen erschien zu dem Thema, wie z.B. „Banaz: Eine Liebesgeschichte“ (Banaz: A Love Story), „Tochter“ (Dukhtar), „Ein Mädchen im Fluss: Der Preis der Vergebung“ (A Girl in the River: The Price of Forgiveness), „Der Preis der Ehre“ (The Price of Honor) und „FOX: Ehrenmorde in Amerika“ (FOX: Honor Killings in America).

Nur die Spitze des Eisbergs

Es gibt keine Möglichkeit, die Häufigkeit von Verbrechen wie Inzest oder Ehrenmord, die im Verborgenen passieren, zu „messen“. Dies kann nur unvollständig geschehen.

Die Vereinten Nationen bestehen immer noch darauf, dass es weltweit nur circa 5.000 Ehrenmorde gebe. Doch im Jahr 2010 gab es gemäß zweier Rechtswissenschaftler allein in den nordindischen Provinzen Haryana, Punjab und Uttar Pradesh etwa 900 gemeldete Ehrenmorde. Im Rest des Landes kamen noch 100 bis 300 Ehrenmorde hinzu. Laut der Pakistanischen Menschenrechtskommission fielen 2010 in Pakistan circa 800 Frauen einem Ehrenmord zum Opfer.

Beide Zahlen geben höchstwahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs wieder. Die Aurat-Stiftung, eine pakistanische Menschenrechtsorganisation, schreibt: „Während der ersten neun Monate des Kalenderjahres 2011 wurden mindestens 675 pakistanische Frauen und Mädchen ermordet, weil sie angeblich die Familie entehrt hatten.“ Fast 77 Prozent dieser Ehrenmord-Fälle endeten mit Freispruch.

Obgleich die „echte“ Häufigkeit nicht messbar ist, versuchte ich mein Möglichstes. Für meine nächste Studie stützte ich mich auf die globale, englischsprachige Berichterstattung über gemeldete Ehrenmorde in 29 Ländern und Hoheitsgebieten, bei denen all die Variablen, die ich untersuchen wollte, bekannt waren. Angesichts dieser Einschränkungen ist es erstaunlich, dass ich so viele statistisch signifikante Unterschiede gefunden habe.

In „Worldwide Trends in Honor Killing“ (Globale Trends bei Ehrenmorden) untersuchte ich 230 Fälle, die sich zwischen 1989 und 2009 in Europa, Nordamerika und der islamischen Welt ereigneten. Es gab zwei Arten von Ehrenmord oder besser gesagt zwei verschiedene Ziele. Ein klassischer Ehrenmord zielte auf Opfer, die durchschnittlich 17 Jahre alt waren. Der zweiten, selteneren Form des Ehrenmords fielen Frauen zum Opfer, die durchschnittlich 36 Jahre alt waren. Diese Altersunterschiede waren statistisch signifikant.

Die jüngeren Opfer, als länderübergreifende Gruppe betrachtet, wurden zu 81 Prozent von ihrer Herkunftsfamilie getötet.

Die Fälle in der Gruppe der älteren Frauen ähnelten am ehesten westlicher häuslicher Gewalt, die sich bis zu einem Mord steigert. Diese Frauen wurden in der Regel von ihren Ehemännern getötet, doch selbst hier gab es bedeutende Unterschiede zum Westen. Bei nahezu der Hälfte der Morde (44 Prozent) half die eigene Familie oder die Familie des Opfers dem mörderischen Ehemann, die Tat auszuführen.

Die Tatmotive unterschieden sich stark zwischen den Kontinenten. Im Westen wurden die Opfer getötet, weil sie zu „westlich“ waren. In der islamischen Welt wurden sie hauptsächlich wegen eines angeblich „unangemessenen Sexualaktes“ getötet. Der Anteil der Foltermorde war in Europa am höchsten. Vielleicht mussten diejenigen, die versucht waren, sich zu assimilieren, als Menschenopfer dienen bzw. als Lehrbeispiel für das, was denjenigen geschieht, die sich „verwestlichen“.

Seitdem ich diese Studie veröffentlichte, wurde meine Inzidenzrate für Ehrenmorde von Moslems an Moslems (weltweit 91 Prozent) immer wieder verwendet, sowohl mit als auch ohne Zuschreibung, und meist ohne den richtigen Kontext. Schließlich stimmt dieser Prozentsatz nur für eine Studie, und zwar eine, die Fälle von Ehrenmorden untersuchte, über die vollständig in den englischsprachigen Medien berichtet wurde.

Frauen spielen bei Ehrenmorden oft eine Rolle als Mitverschwörerin

Auch während ich meine dritte Studie plante (ein Vergleich von Ehrenmorden bei Hindus und Moslems in Pakistan, Indien und dem Westen), las und schrieb ich weiterhin über Ehrenmorde, wann immer darüber berichtet wurde.

Ich begann, Fälle aus Nordamerika im 21. Jahrhundert zu dokumentieren, wie z.B. den von Khatera Sadiqi (2006), den Said-Schwestern (Januar 2008), von Noor Almaleki (2009) und den Shafia-Schwestern und der ersten Frau ihres Vaters (2009). Ich beschäftigte mich mit den amerikanischen und kanadischen Müttern, die entweder ihre Töchter in den Tod lockten (wie beim Said-Fall in Texas im Jahr 2008), ihren Ehemännern halfen zu entkommen (wie beim Almaleki-Fall in Arizona im Jahr 2011), oder die wussten, dass ihren Töchtern die Knochen gebrochen werden würden, jedoch die Wahl trafen, nichts dagegen zu unternehmen (wie beim Parvez-Fall in Kanada im Jahr 2007)

Meine akademische Studie „Hindu and Muslim honor killings in India, Pakistan and the West“ (Ehrenmorde von Hindus und Moslems in Indien, Pakistan und im Westen) aus dem Jahr 2012 dokumentiert bedeutende Unterschiede hinsichtlich der Motive. Hindus begehen Ehrenmorde, wenn die Regeln des Kastensystems verletzt werden, Moslems begehen aus vielen anderen Gründen Ehrenmorde. Hindus töten oft sowohl Männer als auch Frauen. Moslems tun dies selten. Hindus bringen diesen Brauch nicht mit in den Westen. Moslems, und in geringerem Ausmaß Sikhs, tun dies.

Zu Beginn verstand ich noch nicht, dass Frauen bei Ehrenmorden oft eine Rolle als Mitverschwörerin, Mittäterin oder gar als Haupttäterin spielen. Als Autorin von „Woman’s Inhumanity to Woman“ (Die Unmenschlichkeit der Frau gegenüber der Frau) hätte ich dies erahnen sollen. Doch da Kindesmord seitens der Mutter solch eine unvorstellbare Tat ist, dämmerte es mir nur langsam.

Frauen haben dieselben patriarchalischen Stammesüberzeugungen wie die Männer internalisiert. Mehr noch als die Männer stehen sie in der Verantwortung, andere Frauen, insbesondere ihre Töchter, auf Linie zu halten. Die meisten Mütter möchten sicherstellen, dass ihre Töchter am Leben bleiben dürfen, heiraten, Mütter werden und ihren guten Ruf aufrechterhalten.

Es ist bekannt, dass Mütter Anstifterinnen und Mittäterinnen seien können. Manchmal locken sie ihre Töchter nach Hause in den Tod, oder sie legen selbst aktiv Hand an. Solche Mütter wurden in Amerika bislang kaum angeklagt. Ich dokumentierte dies 2015 in „When Women Commit Honor Killings“ (Wenn Frauen Ehrenmorde begehen).

Als ich mir sicher war, dass die Praxis der Ehrenmorde ihre Wurzeln in der Stammeskultur hatte, legte ich großen Wert darauf, dies zu betonen. Überraschenderweise „hörten“ mich nur wenige moslemische oder ex-moslemische Dissidenten. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, den Islam zu beschuldigen. Einige Hindus versuchten mich davon zu überzeugen, dass Hindus solche Verbrechen nicht begehen oder dass sie diese Art von Verbrechen von den Moslems gelernt hätten. Noch interessanter: Noch weniger Islamisten verstanden, dass meine vorläufige Schlussfolgerung das Argument stützte, dass Ehrenmorde nicht notwendigerweise vom Islam vorgeschrieben sind.

Dies ist wichtig, weil es aufrichtigen moslemischen Reformern eine Grundlage bietet, auf der sie Ehrenmorde als „anti-islamisch“ verurteilen können.

Letztendlich bleiben jedoch sowohl die hinduistische als auch die moslemische Führung in der Verantwortung. Dass dieser barbarische Brauch bisher nicht abgeschafft wurde, ist ihr Versagen.

Obwohl die Menschen wissen, dass die meisten Ehrenmorde im Westen Verbrechen von Moslems an Moslems sind, bestehen die amerikanischen Mainstream-Medien darauf, sich auf hinduistische Ehrenmorde in Indien zu konzentrieren. Nur selten wird über moslemische Ehrenmorde in Nordamerika berichtet. Eine kürzlich veröffentlichte „islamisch korrekte“ pseudo-akademische Studie zu diesem Thema plädiert lächerlicherweise dafür, Hindus in Amerika unter Beobachtung zu stellen, da sie das Problem seien.

Die Abschaffung von Menschenopfern erfordert Bildungsinitiativen, konsequente Strafverfolgung und die tatkräftige Unterstützung religiöser Führer.

Wenn man einen einzelnen Artikel schreibt, kann man nicht wissen, ob die Leser dieses Artikels auch die früheren Artikel zu diesem Thema gelesen haben bzw. ob sie überhaupt mit dem Thema vertraut sind.

Professorin und Rektor wurden gezwungen, mich auszuladen

Ich bin erstaunt, wie sehr sich mein eigenes Verständnis des Phänomens Ehrenmord im Laufe der Zeit entwickelt hat, zum Teil dank meiner eigenen Forschungsdaten, zum Teil durch die Erkenntnisse spezifischer Fälle, zum Teil aufgrund der Interviews, die ich geführt habe und natürlich auch durch meine Lektüre von Memoiren, Prozessunterlagen, Menschenrechts- und Kongressberichten und durch weitere akademische Forschung.

Dass meine Forschung zum Guten eingesetzt wird, empfinde ich als großes Privileg. Basierend auf meinen Studien haben Anwälte und Migrantenorganisationen mich gebeten, eidesstattliche Erklärungen über Ehrenmorde vorzulegen. So konnten sie Mädchen und Frauen helfen, die auf der Flucht vor Ehrenmorden um politisches Asyl oder Schutz vor ihrer Familie baten.

2015 oder 2016 wurde ich von einer Professorin an der Juristischen Fakultät der Universität Arkansas hinsichtlich unseres gemeinsamen Interesses an Gewalt im Namen der „Ehre“ kontaktiert. 2016-2017 bereitete sie eine Konferenz zu diesem Thema vor und lud eine kleine Gruppe von Basis-Aktivisten ein: drei aus Großbritannien (Rashida Begum, Ruth Beni, Diana Nammi), einen amerikanischen Strafverfolgungsbeamten (Chris Boughey) und mich. Ich war die einzige Akademikerin, die Studien über Ehrenmorde durchgeführt hatte. Die Konferenz sollte im April 2017 im King-Fahd-Center der Universität stattfinden.

Doch daraus wurde nichts. Einige Tage vor der Konferenz wurden die Professorin und der amtierende Rektor gezwungen, mich auszuladen. Einige pro-palästinensische und pro-islamische Professoren hatten sie gewarnt, dass es ernsthafte Probleme geben würde, wenn ich bei der Konferenz anwesend sei, und sei es nur aus der Ferne via Skype. Diese von der Univerwaltung genehmigte Ausladung meiner Person führte zu einem kleinen Proteststurm in den Medien.

Doch die Geschichte nahm ein gutes Ende. Eine der Feministinnen, mit denen ich zusammenarbeite (Mandy Sanghera aus Großbritannien), sagte, meine Ausladung hätte alle entehrt. Und sie schwor, eine andere Konferenz zu veranstalten, voraussichtlich in Großbritannien. So nahm ich im November 2017 an einer anderen Konferenz über Gewalt und „Ehre“ am University College London teil. Neben mir sprachen Asma AshrafSabin MuzaffarAnna PurdieMandy Sanghera und Gwenton Sloley. Und Shangera sagte mir, dass weitere Universitäten in Großbritannien uns einladen möchten.

Eine der vielen Fragen, mit denen ich weiterhin ringe, ist diese: Ist ein Ehrenmörder oder eine Ehrenmörderin gemäß westlicher Standards „geisteskrank“?

Was, wenn er oder sie in der Kindheit extrem misshandelt wurde und nun an einem posttraumatischen Belastungssyndrom einschließlich Paranoia, unbeherrschtem Verhalten und Wutausbrüchen leidet und glaubt, dass solch ein Mord in „Selbstverteidigung“ verübt wird? Was, wenn sich diese Überzeugungen und die psychische Beschaffenheit nicht mehr ändern lassen? Wie unterscheidet sich ein Ehrenmord, der auf einer Verschwörung der Angehörigen basiert und ein Akt häuslichen Terrors ist, von einem Terrorakt, der mit einem LKW oder einem Sprengstoffgürtel durchgeführt wird? Beide Taten sind in ein Überzeugungssystem eingebettet, das nicht mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit vereinbar ist. 

Meine Antworten auf diese Fragen werden sich sicherlich noch weiterentwickeln.

Auszug aus „A Family Conspiracy: Honor Killing“ (Eine Familienverschwörung: Ehrenmord) von Phyllis Chesler (2018). Der Artikel erschien zuerst im Tablet Magazin.

Die Memoiren von Phyllis Chesler erscheinen unter dem Titel „A Politically Incorrect Feminist“.

Lesen Sie zu diesem Thema auch das neue Buch aus der Achgut Edition:

Antje Sievers: Tanz im Orientexpress – Eine feministische Islamkritik, mit einem Nachwort von Zana Ramadani, Hardcover/Klappenbroschur, 21,0 x 14,5 cm, Verlag Achgut Edition, ISBN 978-3-9819755-0-5, 17,00 €. Hier gehts zum Shop.

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Viola Heyer / 17.06.2018

Die Autorin verharrt noch in längst überholten Denkmustern. Ihre Beiträge sind geradezu anachronistisch. Das “Feindbild Mann” ist zu tief in ihr verankert. Sie schafft es nicht sich von diesem trennenden und destruktiven Denken zu verabschieden. Sorry, aber ich kann nur den Kopf schütteln.

Judith Hirsch / 17.06.2018

Schade, dass die Misandrie nie beim Namen genannt wird. Man kann es drehen und wenden wie man bzw. Frau will, aber der Männerhass ist immer noch das Kernthema des Feminismus. Das ist kontraproduktiv und nutzt keiner Frau. Man sollte die Mehrheit der Männer mehr achten um mit diesen gemeinsam gegen eine Minderheit von bösen Männern vorzugehen. Männer immer wieder aufgrund ihres Geschlechts herabzuwürdigen ist übler Sexismus.

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