Thilo Sarrazin / 23.12.2021 / 06:00 / Foto: Achgut.com / 143 / Seite ausdrucken

Die Energiewende – eine Operation am offenen Herzen

Die Ampel-Koalition hat sich sehr ehrgeizige Ziele zur Energie- und Klimawende vorgenommen. Man könnte sie auch utopisch nennen: Bis 2030 sollen 15 Millionen vollelektrische PKW auf deutschen Straßen fahren. Nach dem Atomausstieg soll es bis 2030 auch einen Ausstieg aus der Kohle geben. Der Stromverbrauch wird stark anwachsen, und der Strom soll natürlich auch künftig ohne größere Dunkelpausen zu bezahlbaren Preisen aus der Steckdose kommen. Ich habe aufgehört zu rätseln, wie das funktionieren soll. Es ist das Programm der neuen Bundesregierung, und zu seiner Verwirklichung haben sich die neuen Partner eine interessante Aufstellung ausgesucht. 

In militärischen Jargon umgemünzt, nehmen die SPD und die FDP die Posten für Nachschub und Versorgung in der Etappe ein. Die Frontschweine, die erfahrungsgemäß die größten Verlustraten haben, sind dagegen die Grünen. Sie müssen in den drei Ministerien für Wirtschaft und Energie, Umwelt und Landwirtschaft die Hauptlast der Energie- und Klimawende schultern. Sie müssen dafür sorgen, dass das Licht nicht ausgeht, dass der Strom bezahlbar bleibt und dass die deutsche Chemie-, Stahl-, Zement- und Aluminiumindustrie – um nur einige energieintensive Branchen zu nennen – nicht dank unerfüllbarer Vorgaben in die Knie geht. Nur Annalena Baerbock darf unter den grünen Ministern künftig noch das Reich der Träume verwalten. Ziemlich sicher kann man sagen, dass ihr Ruf nach einer „europäischen Republik“ in Brüssel wohl ungehört verhallen wird.

Wenn die Sozialdemokraten die Aufgaben ihrer Ressorts nicht ordentlich erledigen, wenn das Innenministerium weiterhin das Asylthema verschleppt, wenn die Bundeswehr weiter unter Ausrüstungsmängeln leidet und wenn die Sozialausgaben weiterhin stärker als vertretbar steigen, dann ist dies die Fortsetzung der Vergangenheit und wird den daran bereits gewöhnten Bürgern nicht besonders unangenehm auffallen. Wirklich scheitern kann die SPD mit ihren Ressorts nicht. Es wird einfach weiter so schlecht bleiben, wie es schon seit vielen Jahren war.

Die FDP hat die Glückslose gezogen

Die FDP hat sich für ihre Regierungsbeteiligung quasi ein kräftige Vorab-Ausschüttung geben lassen: das ist der Verzicht auf künftige Steuererhöhungen und die Bekräftigung der Schuldenbremse. Jetzt können die Beamten im Finanzministerium für ihren neuen Chef Christian Lindner bequem ausrechnen, was der Sozialstaat und was die Energiewende den Bundeshaushalt kosten darf, und der Steuerbürger fühlt sich beschützt. Im Justizministerium achtet die FDP darauf, dass alles schön verfassungsmäßig bleibt – auch die ordnungspolitischen Durchgriffe, die die Grünen für die Energiewende planen müssen. Im Verkehrsministerium achtet die FDP darauf, dass der Autofahrer geschützt wird, und bei Digitales und Forschung kann die FDP zeigen, dass sie für alles Moderne steht.

Für die Grünen dagegen steht das aufreibende Vorantreiben der Energie- und Klimawende von Anfang unter dem Vorbehalt, dass drei Dinge niemals gefährdet werden dürfen:

- Verfügbarkeit: Nirgendwo, zu keiner Zeit, darf es in Deutschland längere oder größere Stromausfälle geben. Wiederkehrende Dunkelpausen würden ein Todesstoß für die Legitimation der Ampelregierung sein.

- Bezahlbarkeit: Strom, Heizung und die Betriebskosten der PKW müssen weiterhin ins private Budget der Bürger passen.

- Sicherheit der Arbeitsplätze: Industrie und Arbeitnehmer sind in diesem Punkt am sensibelsten. Wenn der Export einbricht oder die Arbeitslosigkeit steigt, wackelt jede Bundesregierung.

Eine strategische Falle

Diese Zwänge kennt auch ein Wirtschafts- und Energieminister Robert Habeck. Es ist ein bisschen wie ein Wettlauf zwischen Hase und Igel. Die Grünen sind der Hase, der in der Jagd auf utopische Energieziele durch die Furche hetzt. An dem einen Ende steht der Igel Lindner und ruft „Geld“, und am anderen Ende der Igel Scholz und ruft „Arbeitsplätze“. Auf beides muss der grüne Hase achten, und je mehr er das tut, in umso weitere Ferne rücken seine Energiewende-Ziele. Es muss nicht so kommen. Aber es scheint mir doch ziemlich klar, dass SPD und FDP hier eine strategische Falle aufgestellt haben. Das größte Risiko in dieser Regierung tragen die Grünen. Aber sie haben auch die größten Chancen auf einen historischen Heldenstatus, wenn es denn wirklich klappen sollte.

Offene Fragen gibt es reichlich: 

Wird es gelingen, Planungsverfahren ausreichend zu beschleunigen, ohne dass Einspruchsfristen und Bürgerbeteiligungen ein verfassungsrechtliches Minimum unterschreiten?

Wird es gelingen, ausreichend Gaskraftwerke für die unvermeidlichen Dunkelpausen bereitzustellen?

Wird es gelingen, rechtzeitig den Übergang zur grünen Wasserstofftechnologie zu bewältigen?

Entscheidend wird sein, ob die deutsche Industrie die Eckwerte der Energiewende als realistisch einschätzt und von ganzem Herzen unterstützt, oder ob sie sich auf ein ganzes oder teilweises Scheitern einrichtet. Für Deutschland insgesamt bleibt die Energiewende eine Operation am offenen Herzen.

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Armin Vollmer / 23.12.2021

Dieses Land ist hoffnungslos verloren! Ich kann da noch amüsiert zusehen! Es gab einmal fähige Leute, die das verhindern wollten und diese werden heute verteufelt. Die sahen das ganze damals schon kommen. Der jetzige Zustand ist von langer Hand geplant.

Friedrich-Thorsten Müller / 23.12.2021

Schade, Herr Sarrazin. Ich schätze Ihre profunden Einschätzungen und Analysen sonst sehr, aber hier dümpeln Sie leider viel zu sehr an der Oberfläche herum. Ich hätte von Ihnen bei solch einem Beitrag deutliche Worte in Sachen Machbarkeit der Energiewende erwartet. Sie sind ein guter Zahlenmensch, da dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass diese Regierung und Ihre Agora-Energiewende-Einflüsterer schon mit den vier Grundrechenarten entlarvt werden können… 31.000 Windräder, die 3% unserer Primärenergie liefern und dabei noch nicht einmal Speicherverluste bilanzieren müssen sind niemals skalierbar! Und PV-Strom steht genau dann zur Verfügung, wenn eine wintertaugliche Windstromversorgung (inkl. Heizen mit Strom-Wärmepumpen) auch für den Sommer genug abwerfen würde, so dass man auf diese Art der Energieversorgung ohne bezahlbare Speicherlösungen gut bei uns verzichten könnte.  Die Energiewende ohne Atomenergie wird wie ein Kartenhaus zusammenbrechen und ab einem bestimmten Punkt der Umsetzung irreversibel das Ende Deutschlands als Industrieland einläuten.

Michael Schweitzer / 23.12.2021

Herr Sarrazin,was wird mit einer Insuffizienten Regierung passieren, nach einem selbst herbeigeführten blackout,wenn jedwede Ordnung in Trümmern liegt?

Petra Horn / 23.12.2021

Herr Sarrazin argumentiert noch viel zu konventionell und würdigt nicht die Macht der Medienpropaganda. Diese ist, wie Corona zeigt. tatsächlich imstande, den Sinn für die Realität zu vernebeln. Fast alle Parteien haben an der Realität daher gar kein Interesse mehr.

Gerald Pesch / 23.12.2021

Am Ende entscheidet die Physik im Rahmen der von Ohm und Kirchhoff formulierten Naturgesetze nach denen, und nur nach denen, ein Stromnetz funktioniert - oder eben nicht. Die Politiker werden sich dann neue Sündenböcke suchen wenn das Licht ausgeht und die grünen Schlümpfe werden gar nicht mehr verstehen wieso die so schön gemalte “Energiewende” sie am Ende in die Dunkelheit führt. Welch ein Irrsinn….

sybille eden / 23.12.2021

Ja Herr TRATTNER, genauso sehe ich es auch ! Schöne Weihnacht, trotz allem.

Siegfried Ulrich / 23.12.2021

Gaskraftwerke - das klingt gut. Wie Photovoltaik ohne Sonne. Gute Nacht, Deutschland. Erinnert Euch an den 26.09.2021…

Wieland Schmied / 23.12.2021

Verstehe ich den Beitrag richtig - ist der Autor raus aus der SPd und rein in die Partei der ‘armen Frontschweine’? Diese ‘Armen im Geist und im Gemüt’ haben diesen ganzen Zinnober doch auf die Schiene gesetzt. Ich hoffe, das Gesindel kommt unter seine eigenen (Lastenfahr-) Räder und ihre dummen Michels und Michelinen selbstredend mit. Kann Herrn Sarrazins Zeilen wahrlich nichts satirisches abgewinnen.

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