„Die einen haben Uhren, die anderen Zeit“

Die durch die Industrialisierung etablierte Pünktlichkeit wurde zur neuen Tugend. Sie bedeutete mehr Effizienz, höhere Gewinne und schaffte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ländern ohne Zeitdisziplin.

„Zeit ist Geld“, schrieb Benjamin Franklin 1748 in seinem „Leitfaden für junge Kaufleute“. Der Graf von Rumford kritisierte die „unglaubliche Bummelei“ in Verwaltung und Produktion und forderte Arbeitszeitkontrollen, denn nur mit einer exakten Zeitmessung könne man planen und Ziele festlegen.

Während man sich in der Landwirtschaft noch nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang richtete, gerieten die Fabrikarbeiter im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert unter das Diktat der Zeitmessung. Maschinen sollten 60 bis 80 Stunden die Woche „arbeiten“. Die Kontrolluhr wurde zum „Herzschlag des Kapitalismus“ (Karl Marx), sie gab an den Fließbändern den Takt an. Die neue Pünktlichkeit wurde zur neuen Tugend. Sie bedeutete mehr Effizienz, höhere Gewinne und schaffte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ländern ohne Zeitdisziplin.

Das ist bis heute so. In einem Vergleich mit 31 Ländern belegt die Schweiz Platz eins. Nirgends laufen die öffentlichen Uhren genauer, nirgends sind die Wartezeiten kürzer. Am Ende der Skala finden sich weniger industrialisierte Länder in Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Lateinamerika. Das Schlusslicht ist Mexiko. Dort durchdringt die Langsamkeit das tägliche Leben bis ins Mark. Pünktlichkeit gilt bei privaten Einladungen als unhöflich, weil man damit rechnet, dass der Gast ein bis zwei Stunden „zu spät“ kommt.

Ein lockeres Zeitgefühl und die kulturelle Eigenart, alles auf morgen zu verschieben, sind enge Geschwister. In diesen Ländern besteht der Alltag zu einem beträchtlichen (unproduktiven) Teil aus Warten. Warten auf verspätete Busse, Züge, Amtspapiere, warten auf andere Leute. Es versteht sich von selbst, dass langsame Kulturen im Laufe der letzten 200 Jahre abgehängt wurden und scheiterten.

Ein junger nordafrikanischer Migrant beklagte in einer Doku, dass Europa ihn stresse, weil hier alles organisiert sei, nie gehe eine Maschine kaputt, nie könne man Pause machen. Ironischerweise suchen Wirtschaftsmigranten in Europa ein besseres Leben und bringen ausgerechnet jene Kultur der Langsamkeit mit, die (nebst anderen Faktoren) mitverantwortlich ist für das Scheitern ihrer Heimatländer. Die einen haben Uhren, die andern haben Zeit.

 

Claude Cueni (65) ist Schriftsteller und lebt in Basel. Er schreibt jeden zweiten Freitag im BLICK, wo dieser Beitrag zuerst erschien. Zuletzt erschienen bei Nagel & Kimche die Romane „Genesis – Pandemie aus dem Eis“ und „Hotel California“.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Thomas Taterka / 28.11.2021

Zum Foto : ” Safety Last ” ( 1923 ) von Harold Lloyd ist immer noch ein grandioser Film und wer ihn nicht kennt, verpasst etwas im Leben . Die alten Dinger gehören zu meinen Lieblingspassionen , man sieht in ihnen, wie der persönliche Stil des künstlerischen Ausdrucks durch den zweifelhaften Fortschritt der Anpassung an das Studio - Business im Begriff ist auszusterben. Gewissermaßen mit jedem Jahr verdünnt wird . Und man sieht , was die Freiheit des Ausdrucks in seinen Geburtsstunden an Begeisterung und Kreativität hervorgebracht hat . Bei Lloyd , bei Keaton, Chaplin , Lang , Murnau usw. Es ist ein echtes Glück , daß man durch das sorgfältige Handwerk der Restauration auch nach 100 Jahren diese Werke noch sehen kann . Hier ist die Technik eindeutig ein “Geschenk” an die Menschheit , nur zu vergleichen mit der Tonaufzeichnung und seinen spezifischen Glückserfahrungen . - Siehe , d.h. höre zum Beispiel Toscaninis ” La Forza del Destino - Ouvertüre “.

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