Versöhnlichkeit legt sich über die Republik. Die Kurras-Farce bewegt noch die letzten 68-Hardliner zur Konzilianz. Axel Springer praktiziert demonstrativ Augenmaß bei der Springer-Presse-Selbstreflexion. Und in der Wams schreiben Autoren amüsierte Oden an ihre linken Lehrer.
Der “linke Lehrer” war für (west-)deutsche 30- bis 50-Jährige eine identitätstiftende Zentralfigur. Diese lieferte als Negativbeispiel der gesamten Bewegung “Neue Bürgerlichkeit” Orientierung. Inhaltlich, rhetorisch, nicht zuletzt auch ästhetisch. Wie der friedensbewegte Betroffenheitspädagoge, betulich Cordsacko tragend oder revolutionärer zerschlissene Jeans weiter zerschleißend, wollten die deutschen Neokons nie sein. Seit Jahren machen sie ihn deshalb nieder, kanzeln knallhart seine globalökonomische Ahnungslosigkeit ab oder etwas warmherziger seine rührenden Anti-Fashion-Fashionstatements. Mit wachsender zeitlicher Distanz zu 68 überwiegt dabei aber zunehmend der versöhnende Blick.
Und zurecht. Wir haben uns in den letzten Jahren umfänglich an “den 68ern” und deren Dominanz in der späten BRD abgearbeitet. Vielleicht ist einfach alles gesagt. Auch die Beschäftigung (west-)deutscher Akademiker mit ihrer 80er- und-frühe 90er-Jugend langweilt zunehmend. So wirkt auch die Aufgeregtheit, mit der “der Fall Kurras” teils debattiert wird, konstruiert. Sie will noch ein letztes Mal suggerieren, der gesamte Westen hätte sich über Jahrzehnte im intellektuellen Würgegriff einer sinistren Übermacht befunden, die “die 68er” hieß. Ganz so war das natürlich nie. Und Abitur haben wir ja auch gemacht – trotz jener dunklen Lehrerzimmer-Überautorität.
Also: Wie wär’s, wenn wir die armen linken Lehrer in Ruhe lassen? Und statt dessen zum Beispiel die Frage diskutieren, an welchem Negativbild sich heutige Schüler eigentlich abarbeiten?