Für die, denen es immer noch nicht gereicht haben sollte, gab es am Sonntag 68 satt. Dank 3Sat. Es jubelte aus der Konserve, aber auch aus dem täglichen Off. Nicht nur die Maulhelden hatten ihren Auftritt, selbst die Gnade der Geburt im Jahr 68 verhalf dem einen oder anderen zur rhetorischen Legitimität.
Die Nachgeborenen spielten ihre Rolle gut. Die meisten von ihnen versicherten, mit der Inbrunst des FDJlers im seligen DDR-Fernsehen, dass sie ohne die 68er praktisch nichts wären. Das aber ist ein größeres Problem als die 68er selbst. Höchste Zeit, über den Opportunismus zu reden. Woher kommt das Subalterne dieser Nachfolge? Weshalb beten sie alles nach, was ihnen die Veteranen vorgeben?
In der Form war der Auftritt der 68er von Anfang an totalitär, er ist es immer noch. Kritiker werden nicht bloß abgekanzelt, sie werden diffamiert. Wer an den Meinungsaustausch glauben sollte und an die Kraft der Argumente oder auch nur an die Beweiskraft des historischen Dokuments wird bei jeder Diskussion mit einem dieser Veteranen in kürzester Zeit eines anderen belehrt. Für den 68er gilt einzig und allein die eigene Behauptung, die Selbstbehauptung. Im Weltbild des Fanatikers gibt es nicht den legitimen Gegner, er kennt nur den Feind, den es zu vernichten gilt. Egal, ob es um den Springer-Konzern geht oder um den Renegaten Götz Aly.
Der 68er verteidigt, wie alle Doktrinäre, mit seinen Ideen sein Leben, seinen Lebenslauf. Wie der Stalinist seine Kaderakte. Ihm mit der Realität zu kommen, ist, als wollte man ihn dazu bringen, endlich einzusehen, dass in der Flasche auf dem Tisch Wein ist und nicht Wasser, wie er behauptet. Natürlich ist Wein in der Flasche, und das wissen auch alle, außer dem Veteranen, und weil alle es wissen, sollte man einfach von dem Wein trinken, anstatt sich die Mühe zu machen, den Veteranen davon zu überzeugen, dass Wein in der Flasche ist, zumal er schon die ganze Zeit über davon trinkt, genau so wie alle anderen.
Und das ist auch das Problem. Es ist die Sache mit dem Wasser. Sie stimmt nicht. Sie stimmte nie. Die Bundesrepublik war kein autoritärer Staat. Auch 1968 nicht. Der Außenminister der großen Koalition hieß Willy Brandt, Sozialdemokrat, Emigrant, und, als Westberliner Regierender Bürgermeister, Verteidiger des Westens und seiner Werte, Antikommunist aus gutem Grund. Auch der Kanzler Kiesinger, im übrigen ein gebildeter Mann, den Künsten zugewandt, war 1968 kein Nazi, trotz seiner Vergangenheit, die man regelmäßig gegen ihn ins Feld führte, gegen einen Mann, der stets für Nachsicht mit dem jugendlichen Pöbel plädierte, wahrscheinlich in Erinnerung an seine eigene Jugend und weil die Randalierer Bürgersöhne und Bürgertöchter waren. Die Ohrfeige der Beate Klarsfeld ist typisch für die Vereinfachung, die das Weltbild regierte und bis heute bestimmt. Die Wahrheit ist, die Bundesrepublik war 1968 ein Staat, in dem es möglich war, den Bundeskanzler zu ohrfeigen.
Was den Veteranen wirklich zu verdanken ist, sind die zahllosen Missverständnisse, Manipulationen und Verzerrungen von Geschichte und Gegenwart und die entsprechenden Fehlschlüsse daraus. Den Nachgeborenen ist mehr Selbstbewusstsein abzuverlangen. Dass sie heute so leben, wie sie leben möchten, frei von Zwängen und Konventionen, wenn sie es möchten, ist das auf vielfach Ungenanntes zurückzuführen. Auf die Großzügigkeit der westlichen Besatzungsmächte nach 1945, auf den geduldigen Beitrag der mit den Alliierten zurückgekehrten jüdischen Emigranten, auf die Väter und Mütter des Grundgesetzes, auf das Wirtschaftswunder, das die Geschlagenen mit ihrem Fleiß geschaffen haben, und nicht zuletzt auf die Bürgerbewegung von 89 in der DDR, bei deren Protestaktionen übrigens kein einziger Pflasterstein geworfen wurde. Sie alle haben die Voraussetzungen geschaffen für das Leben heute, für die Rahmenbedingungen. Ob man spießig lebt oder emanzipiert, kann man im übrigen nur selber entscheiden. Es ist nicht eine politische Frage sondern eine kulturelle. Privat kann nur der frei sein, dem Bildung und Herzensbildung gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Liebe Nachgeborene, bedankt euch nicht dauernd wie die Blöden aus der Südkurve einer beifallsgeilen in die Jahre gekommenen Diktatur bei deren Veteranen. Wer mit Mao und Ho-Chi-Minh gegen die westliche Demokratie angetreten ist, kann nicht ernsthaft für sich beanspruchen, zur Demokratisierung einer Gesellschaft beigetragen zu haben. Wäre auch nur ein Bruchteil der politischen Forderungen von 68 zum Tragen gekommen, wir lebten heute in einer finsteren Diktatur, mit einem Horst Mahler als Kanzler auf Lebenszeit und einem Klaus Theweleit als Familienminister.
Die 68er haben es geschafft, eine totalitäre Geschichtsschreibung zu etablieren. Ohne jemals die politische Macht ergriffen zu haben, beherrschen sie seit Jahrzehnten den Diskurs. Den kulturellen. Sie sind durch alle Phasen des Fanatismus gegangen, ohne das geringste Bedauern. Stattdessen haben sie am ewigen Opfermythos gestrickt. Sie sind bis heute die vermeintlich Verfolgten, die uns aus dem Fernsehen heraus agitieren. Mit dem Argument, sie seien gegen das Unrecht aufgestanden. Welches Unrecht? Wo waren sie als 1967 die Existenz Israels in Frage stand? Vor dem Schöneberger Rathaus in Berlin, um gegen den Schah von Persien zu demonstrieren, dessen Modernisierungspolitik gescheitert war? Wo waren sie, als der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer seinen Kampf um die Gerichtsverfahren gegen die Nazi-Verbrecher führte?
Sie waren dabei, sich mit den „Juden“ zu vergleichen. Man kann die einschlägigen Sprüche von Dutschke bis Meinhof nachweisen, in deren Imagination der Staat Bundesrepublik faschistisch war und sie, die unbotmäßige Jugend, ins Gas zu schicken vorhatte. Es ist wohl die größte Frechheit und gleichzeitig der Supergau des linken Autismus, sich selbst, zu politischen Legitimationszwecken, zum Auschwitzkandidaten zu erklären.
Zeit, den 68er Alptraum abzuschütteln. Ihn als das zu sehen, was es war, ein überkandidelter Ausbruch eines Generationskonflikts, der seine Legitimation, aufgrund der historischen Umstände, aus pathetischen Quellen speisen konnte. Der Vater nahm dem Sohn die Haarlänge übel und die Mutter der Tochter den Minirock und schon galten die beiden Alten als Faschisten. So leicht hat es sich noch keine Generation gemacht.