Die bösen Mauern - Eine Phänomenologie des Schutzwalls

Herr Müller hat wohl einen Witz gemacht. Der Regierende Bürgermeister von Berlin wollte mal zeigen, wie witzig es ist, wenn man die Weltgeschichte auf den Kopf stellt. „Mister Trump, bauen Sie diese Mauer nicht!“, rief er dem amerikanischen Präsidenten zu, in Anlehnung an Ronald Reagan, der vor dem Brandenburger Tor ausgerufen hatte: „Mister Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“ Natürlich ist das eine billige Pointe, denn sie beruht auf einer völlig falschen und unredlichen Parallele. Es gehört nicht viel politische oder historische Bildung dazu, eine Mauer, die dazu dient, ein Volk einzusperren, von einer Mauer zu unterscheiden, die Eindringlinge abhalten soll.

Aber in Deutschland reicht schon das Wort ‚Mauer‘, um beim Publikum Zuckungen auszulösen. Das ist verständlich. Wir sind mauerwund. Die Sache ist noch keine dreißig Jahre her. Deswegen noch einmal ganz langsam: Es kommt darauf an, wozu eine Mauer dienen soll: Schutz gegen außen oder Zwang nach innen. Stadtmauern sind keine Gefängnismauern. Sie gleichzusetzen zeugt bei einem Berliner Politiker von einer ungehörigen Portion Zynismus. Denn auf genau dieselbe Weise versuchte einst die Staatsführung der DDR, die Begriffe zu verdrehen, indem sie von der Berliner Mauer als einem „antifaschistischen Schutzwall“ sprach. Dabei wußte jeder, daß die Sperranlagen nicht gebaut worden waren, um sich eines massenhaften Zuzugs von Wessies zu erwehren.

Die Defensivfunktion ist der Normalfall beim Mauerbau

Diese Defensivfunktion ist aber der Normalfall beim Mauerbau. Die Chinesische Mauer und der römische Limes zählen mittlerweile zum Weltkulturerbe; die mittelalterlichen Städte waren von Mauern umgeben, deren Tore nachts geschlossen wurden; Gärten und Weinberge werden durch Mauern abgegrenzt, selbst wenn es nur symbolisch ist. Mauern, Zäune und Hecken sind die ersten und einfachsten Merkmale jeder Kulturlandschaft. Noch bevor der Boden gepflügt und das Feld bestellt wird, muß eine Umfriedung geschaffen werden, eine Markierung, die das Eigentum anzeigt und schützt.

Doch während man Hecken und Zäune beschädigen und durch sie schlüpfen kann, versprechen Mauern überzeitliche Stabilität. Ihre Dauerhaftigkeit hat etwas Transzendentes; nicht von ungefähr machten die Freimaurer aus der Kunst des Aufschichtens und Verfugens von Steinen eine Geheimpraxis mit magischen Ritualen. Mauern sind immer mächtig, außerdem diskutieren sie nicht; sie stehen, wie der Dichter sagt, „sprachlos und kalt“ – das heißt, sie sind eigentlich unmenschlich.

Darum protestieren so viele Menschen gegen Mauern: sie wollen damit ihre Menschlichkeit ausstellen. Völlig egal, wie stark die Bedrohung ist und um welche Grenzen es geht, ob Drogen- oder Menschenschmuggel zwischen Mexiko und Texas oder ob palästinensischer Terror in Israel: der deutsche Durchschnittsmüller versteht nur Mauer oder Bahnhof und ist unbedingt dagegen. Hauptsache, er selber lebt und arbeitet gut geschützt hinter dicken Mauern. 

Foto: Ryan Crane/ USAF via Wikimedia Commons

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Karl-Heinz Vogt / 30.01.2017

Müllers Verlautbarung zum Mauerbau ist ihm gewiß von seiner charmanten, intelligenten und eloquenten Sekretärin Sawsan Chebli fabriziert worden. Er selber demonstriert die neue Offenheit mit einer nagelneuen, selbst einer Panzerfaust trotzenden S-Klasse auf Steuerzahlers Kosten. Als ob ein islamischer Terrorist seine wertvolle RPG 7 ausgerechnet an dem harmlosen Müller verschwenden wollte.

Sven Kuchary / 30.01.2017

Der klassische Unterschied zwischen einem Garten und einem Feld ist der Gartenzaun. Er schützt im im ländlichen Gebiet wesentlichen vor Tieren. Auch heißt die Stadtmauer nicht umsonst auch “Umfriedung” und die Burgmauer “Burgfried”: Eben weil die Mauer denen drinnen Frieden vor denen außerhalb gewährt.

Karla Kuhn / 30.01.2017

“.......der deutsche Durchschnittsmüller versteht nur Mauer oder Bahnhof und ist unbedingt dagegen. Hauptsache, er selber lebt und arbeitet gut geschützt hinter dicken Mauern.”  Die Crux ist aber, daß der “Durchschnittsmüller” eben NICHT gut geschützt hinter dicken Mauern leben und arbeiten kann. Die Grenze ist offen und jeder, ob Freund, ob Feind kann hereinspazieren. Die Länder, die ihre Grenzen dicht gemacht haben, schützen ihr eigenen Volk !! Und das ist sehr gut so !! Wer schützt uns?? Ein Land das keine Grenzen mehr hat, ist kein Land mehr, es ist so offen wie ein großer Park, den jeder betreten kann, egal was er im Schilde führt. Ich möchte mich in meinem Land wieder sicher fühlen. Leider sieht das unsere Polit “Elite” anders. Darum plädiere ich für eine Grenze um unser Land. Wir sind Jahrzehnte mit einer Grenze gut gefahren und jetzt soll es plötzlich nicht mehr gehen, das ist für mich populistisch.

Jacek Berger / 30.01.2017

Der durchschnittlicher deutsche Bio-Müller kann nicht nur zwischen Funktionen einer Mauer unterscheiden. Er ist auch nicht in der Lage zwischen Ausländer in eigenem Lande zu unterscheiden und wirft in einen Topf die Italiener, Griechen, Vietnamesen, Russen und Polen zusammen mit illegal eingereisten Klientel aus Arabien und Hindukusch. Ist das schlimm? Ich sage: “ja”. Sehr sogar, denn der durchschnitt Deutscher macht 70% der Nation aus, genauso, wie auch in allen anderen Länder der Welt.

Wolfgang Lang / 30.01.2017

An dem Tag an dem die grünen und roten Studienräte, Oberbeamte und Medienleute ihre Haustüren aushängen, Schilder an die Straßen stellen ” Jeder willkommen. Kühlschrank ist voll! Greift zu!” Und alle zäune und Stachelhecken um ihre Villen und Häuser in den besseren Vierteln abbauen bzw. klein häckseln und die Alarmanlagen ausbauen, sowie den Wachhund ins Tierheim geben,, an dem Tag glaube ich wahrhaft an die Willkommenskultur.

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