Erik Lommatzsch, Gastautor / 03.01.2022 / 13:00 / Foto: Pixabay / 17 / Seite ausdrucken

Die bleibende Aktualität des berühmtesten Hauptmanns

Eine kleine Erinnerung. Vor 100 Jahren, am 3. Januar 1922, ist Wilhelm Voigt gestorben. Bekannt und nahezu weltberühmt geworden war er als „Hauptmann von Köpenick“.

Der Schuhmacher Voigt, geboren 1849, konnte auf eine Reihe von Straftaten und Gefängnisaufenthalten zurückblicken, als er am 16. Oktober 1906 seinen Plan ausführte. In einer zusammengekauften Hauptmannsuniform unterstellte er einige Soldaten, die er auf der Straße ansprach, seinem Kommando, besetzte das Rathaus von Köpenick, verhaftete den Bürgermeister und den Rechnungsführer, ließ sich die Stadtkasse aushändigen, gab Polizisten Befehle, ließ seine „Gefangenen“ nach Berlin bringen und verschwand schließlich mit dem Geld. Wenig später löste sich die peinliche Angelegenheit auf, Voigt wurde aufgegriffen und abermals vor Gericht gestellt.

Die Geschichte ist vielfach und farbig ausgeschmückt erzählt worden. Zum Ruhm des „Hauptmanns von Köpenick“ hat Carl Zuckmayers Theaterstück von 1931 erheblich beigetragen. Auch wesentlich später wurde es noch mehrfach verfilmt, mit prominenter Besetzung der Hauptrolle. Voigt wurde etwa durch Heinz Rühmann und Harald Juhnke verkörpert, wobei die erste Fassung von 1931 mit Max Adalbert unschlagbare Maßstäbe gesetzt haben dürfte. In der literarischen Ausschmückung wird Voigts Schicksal etwas romantisiert, danach sei es das eigentliche Anliegen des „Hauptmanns“ gewesen, an einen ihm von den Behörden verweigerten Pass zu gelangen – was wohl mit der historischen Sachlage nicht so recht in Einklang zu bringen ist. Allerdings: Kaiser Wilhelm II., der ihn dann auch begnadigte, war von der Aktion äußerst angetan. Da behaupte noch einmal jemand, Majestät hätten keinen Sinn für Humor gehabt.

Die immer wieder hervorgehobene Pointe der „Köpenickiade“ war, dass alle Beteiligen den Anweisungen des „Hauptmanns“ Folge leisteten – ausschließlich aufgrund seiner Offiziersuniform, unterstützt durch die Art seines Auftretens. Eine weitere Legitimation erwies sich nicht als erforderlich. Einen Grund für die Besetzung des Rathauses, die Verhaftungen oder den Einzug der Stadtkasse musste er nicht angeben. Bereits zeitgenössisch und wohl noch viel stärker mit wachsendem Abstand zum Kaiserreich wurde das Ganze als Ausdruck schwerer Defizite eines preußisch-deutschen Militarismus in einem Obrigkeitsstaat angeklagt, dessen Untertanen sich beim Anblick der „richtigen“ Ausweise jedweden kritisch-vernünftigen Denkens begaben.

Wenn man sich dann über die tumben Kaiserreichbewohner ausgelacht oder für sie noch einmal kräftig fremdgeschämt hat, darf man ruhig einmal einen Blick auf die Gegenwart werfen. Eine Hauptmannsuniform würde heute kaum mehr Legitimation verschaffen (wohl eher im Gegenteil). Es geht weitaus billiger. Die „richtigen“ Stichworte und die „richtige“ Selbstverortung im „richtigen“ Rahmen berechtigen dazu, Anderen ihren Platz zuzuweisen. Irgend geartete Rückfragen verbieten sich. Greift das zu kurz, zu weit oder wäre das ein Angebot für die Aktualität des „Hauptmanns von Köpenick“?

Foto: Pixabay

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Leserpost

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Martin Schott / 03.01.2022

“Einmal kneift jeder den A*sch zu. Dann stehste vor Gott dem Vater, der alles ins Leben gerufen hat, und der fragt Dich: “Schuster Wilhelm Voigt! Was haste gemacht mit Deinem Leben?” - “Fußmatte”, muss ich dann sagen, “Fußmatte, und dann sind se alle darauf rumgetrampelt.” Gott: “Dafür hab ich Dir das Leben nicht geschenkt!”, sagt er: “Ausweisung!”

Stanley Milgram / 03.01.2022

Hiermit setze ich die jetzige pharma- und geldhörige Regierung mit sofortiger Wirkung ab und erkläre Love, Light, Harmony und das GG wieder zum einzig gültigen Gesetz für alle Deutschen. Ich darf das als 6-Sterne-General der USA!

Dr. med. Jesko Matthes / 03.01.2022

@Sabine Heinrich: Na, den Otto Braun sollte man schon kennen und in hohen Ehren halten! Er war derjenige SPD-Mann, der sich der faktischen Auflösung des Rechtsstaats Preußen durch die Nationalsozialisten juristisch widersetzte, im Grunde allein gegen den ebenso gerissenen wie brutalen Hermann Göring. Braun gehört zum ehrbaren Duo der “beiden Ottos”: Der zweite war Otto Wels, der in würdigen und wohlgesetzen Worten für die damalige SPD das Ermächtigungsgesetz im Reichstag ablehnte, dem u.a. Theodor Heuss zustimmte. Braun und Wels bezahlten das mit Ächtung und Exil. - Der subversive Witz des Schusters Wilhelm Voigt liegt allerdings eher darin, dass er die ihn tarnende Verletzlichkeit seines Staates in Sachen militärischem Gehorsam gegen diesen Staat einsetzte. Heute ist es üblicher, unter Ausnutzung dieser alle zugleich tarnenden Verletzlichkeiten mit dem Strom zu schwimmen wie ein toter Fisch. In der Hinsicht gehören die “beiden Ottos” und der Schuster Voigt allerdings in die bewundernswerte Kategorie. Es zeigt zugleich, was die Reaktion des Kaisers jener heutiger Hochmögender voraus hat an Souveränität, Mannesmut, Humor und Gelassenheit: Man stelle sich nur vor, der heutige Bundespräsident wäre fähig zu lachen über die Frechheit auch nur des erfolglosesten subversiven Widerspruchs - anstatt ständig seine Jasager mit Orden zu behängen, um Vertrauen zu betteln und derweil zu larmoyieren über Häme, Hass und Härte.

Wolfgang Haase / 03.01.2022

Man ersetze lediglich die legendär gewordene Frage ” Ham Se jedient ” durch ” Sind Se jeimpft ? “

Gerhard Schmidt / 03.01.2022

Einst wie heute: Die Haltung entscheidet…

Ralf Pöhling / 03.01.2022

Zitat:“Bereits zeitgenössisch und wohl noch viel stärker mit wachsendem Abstand zum Kaiserreich wurde das Ganze als Ausdruck schwerer Defizite eines preußisch-deutschen Militarismus in einem Obrigkeitsstaat angeklagt, dessen Untertanen sich beim Anblick der „richtigen“ Ausweise jedweden kritisch-vernünftigen Denkens begaben.” Und genau diese Schlussfolgerung ist falsch. Mit preußischem Militarismus hat das alles nichts zu tun. Hatte es nie. Die Deutschen sind einfach von ihrem Naturell und ihrer christlich-sozialen Erziehung her viel zu gutmütig und viel zu leichtgläubig. Die meisten Deutschen sind Schäfchen. Sie waren es damals und sind es noch heute: Wir haben heute keinen preußischen Militarismus mehr und dennoch funktioniert die Köpenickiade noch immer. Genau genommen funktioniert sie heute sogar besser, als damals im Kaiserreich. Und zwar sogar ganz besonders bei denen, die in ihrem Leben noch keine Kaserne von innen gesehen haben. Wer immer noch der Meinung ist, dass illegale Wirtschaftsmigranten und Terroristen “Geflüchtete” seien, nur weil sie irgendein daher gelaufener Funktionär so bezeichnet, der ist auf den selben Mechanismus hereingefallen.

Ridley Banks / 03.01.2022

Interessant, ich wohnte einst, keine 100 Meter von der Statue entfernt in der Rosenstrasse 1. Jedes Jahr im Sommer wurde der “Koepenicker Sommer” ein Umzug mit viel Brimborium gefeiert. Mittelpunkt natuerlich der Schuster. 1965 habe ich im Standesamt im dortigen Rathaus meine Hochzeit besiegeln lassen. Vielleicht schaffe ich noch mal den Weg nach Koepenick!

Sabine Heinrich / 03.01.2022

Warum gibt es keine Sondermarke, mit der heute Wilhelm Voigt geehrt wird? Stattdessen der Sozialist Otto Braun (Welch ein Name für einen Sozi! Kennt den jemand hier im Forum?), der vor 150 Jahren geboren wurde. David Bowie, der sein 75. Wiegenfest gefeiert hätte, wird ebenfalls eine Sondermarke gewidmet (vielleicht kann mir jemand erklären, warum), aber immerhin auch Heinrich Schliemann und Annette v. Droste-Hülshoff. Es ist interessant zu sehen, zu welchen Themen die Post Sondermarken herausgibt (leicht zu erguhgln). Am 7.Juli z.B. “Kinder malen eine Briefmarke”. Vielleicht dann am Tag der Frau im Mai 2023 “Frauen malen eine Vulva”? Am 2.11.22 dann noch eine 85er zum Thema “Vielfalt in Deutschland”. -  Ich bitte, mein Abweichen vom eigentlichen Thema zu entschuldigen!

J.Pomer / 03.01.2022

Ein Hauptmann von Köpenick muss nicht unbedingt ein Mann sein und nicht unbedingt ein Hauptmann. Es könnte eine Frau sein, derer Coup 16 Jahre dauerte. Umgeben von Ja-Sagern, hätte es noch 4 Jahre dauern können, was an ihrem Unwillen scheiterte. Da wird halt nachgetrauert. Da es keinen Monarchen gibt, wäre es mit der Begnadigung ja nicht so einfach.

Hjalmar Kreutzer / 03.01.2022

Damit das klar ist: Die militärische und sonstige Rangordnung muss auch heute noch gewahrt bleiben! Obwohl sich beide in Stimmlage und Mimik ähneln, hat gefälligst die institutionelle Heulboje nicht lauter und eher zu heulen, als die ministerielle Heulboje. Merken sich das mal! Nehm‘ Se Haltung an! Ehrenbezeigung! Wegtreten!

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