Von Wolfgang Sofsky.
Warum gilt Spaltung pauschal als etwas Schlechtes und wird nicht einfach als gesellschaftlicher Normalzustand zur Kenntnis genommen?
Zu den Lieblingsvokabeln des aktuellen Polit- und Journalistengeredes gehört die Formulierung, etwas sei „tief gespalten“. So wurde ein politisches Zweckbündnis kürzlich beendet – eine zutiefst verwerfliche „Spaltung“. So ist die amerikanische Gesellschaft tief gespalten – wegen des Donalds. Frankreich ist zutiefst „gespalten“, wegen der Marine, Deutschland ist zutiefst gespalten, wegen der AFD, der FDP, der Grünen, der Linken, wegen der Sahra natürlich.
Die deutsche Gesellschaft ist tief gespalten – wegen der Ungleichheit, wegen der Männer, der Frauen, der Einwanderer, der Westler und Ostler, der Bayern, Friesen oder Sachsen. Die SPD ist tief gespalten – wegen des Boris’, die Christenunion ist tief gespalten wegen des Markus’. Die EU ist tief gespalten wegen des Viktors, Israel ist zutiefst gespalten wegen des Benjamins, etc. etc.
Das alte Frankenreich übrigens ist tief gespalten wegen des Rheins dazwischen, das deutsche Reich wegen der Elbe. Parteien, Gesellschaften, Nationen, Allianzen, Religionen, ja, die ganze Welt – alle sind sie zutiefst gespalten. Dieser Zustand gilt vielen als höchst bedenklich, die Risse im „ganzen Welthaus“ drohen die Konstruktion zu zerstören. Doch worin besteht diese Konstruktion? Man beruhige sich!
Niemand ist enger miteinander verbunden als Erzfeinde
Es ist nur eine Fantasie, eine vage Vorstellung von Einheit, Einheitlichkeit, Integration, Harmonie, allumfassender Gemeinschaft. Diese Idee ist ein zentraler Bestandteil einer besonders in Deutschland virulenten Ideologie, die weder Unterschiede, Differenzen, Ungleichheiten noch Gegensätze oder Antagonismen voneinander zu unterscheiden, geschweige denn zu ertragen vermag. Wenn’s im Volke nicht ganzheitlich zusammengeht, wenn Meinungen unterschiedlich ausfallen, Vorlieben, Wünsche, Überzeugungen, Kontostände voneinander abweichen, wenn Gegner streiten, Feinde einander bekämpfen, dann ist das fiktive Einheitsgebilde „zutiefst gespalten“. Immer gibt es dafür Schuldige, meist diejenigen, die man besonders hasst. Die „Spaltungen“ sind häufig nicht das Ergebnis struktureller Tatsachen, sondern übler Subjekte.
Der Vorwurf der Spaltung ist bekanntlich uralt. Gespalten wurde die Einheit des Römischen Reichs (Ost – West), der Kirche (Papst – Gegenpapst, Katholizismus – Protestantismus), die Einheit des Abendlandes (Papst – Kaiser), die Einheit der Nation, der Arbeiterbewegung, der Partei, des Königreichs, der Union der Völker, der Menschheit. Immer lag als Ideal die Idee der Union, wenn nicht gar der Homogenität zugrunde. Das Spaltungsgerede ist ein bizarres Erbe religiösen und politischen Denkens.
In Wahrheit sind Unterschiede, Differenzen, Segregationen, Konflikte, Gegnerschaften, ja sogar Feindschaften keine Spaltungen. Niemand ist enger miteinander verbunden als Erzfeinde. Sie beobachten einander bei jeder Regung, kennen einander so genau, dass ihnen nichts entgeht. Spaltung liegt nur vor, wenn die Verbindungen gekappt sind, wenn jede Seite, jede Partei ihrer Wege geht. Das ist nach Trennungen, Scheidungen, Segregationen, Sezessionen manchmal der Fall. Viele dieser Spaltungen sind für die Beteiligten heilsamer als der Fortbestand einer Gemeinschaftsfiktion, die jede Gewalt zu rechtfertigen scheint. Überwachung und Terror im Namen einer Union sind unter Menschen höchst beliebt, da sich der unbedingte Wille zur Einheit moralisch immer selbst erhöht. Einheit ist Rettung, Heil – Zwist ist Untergang. Aber der gesellschaftliche Normalzustand ist nicht das gemeindliche Miteinander im Hause der Begegnung, sondern das Nebeneinander der Fremden, die wissen, wann sie sich annähern und wann sie sich besser wieder entfernen sollten, um einander überhaupt ertragen zu können.
Wolfgang Sofsky ist ein deutscher Soziologe, Autor und Essayist. Der Beitrag erschien zuerst auf dem Blog des Holbach-Instituts.
Beitragsbild: ryan junell from oakland, USA - My Dad Hanging in an Ice Crevasse in a glacier on Mt. Rainier, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Wir heizen unser Haus entweder mit Pellets oder Scheitholz. Dafür habe ich mir einen horizontal liegenden , mit Benzinmoter betriebenen, Spalter gekauft.Es gibt für mich, meinen Sohn und die Enkelsöhne nichts schöneres als auf unserem Holzlagerplatz die angelieferten Brennstäbe (zwischen 15 – 50cm im Durchmesser) auf Ofenlänge zu sägen und danach zu spalten.
Es sollte hier noch angemerkt werden, könnte man Festmeter gespaltenes Holz mit der grausamen Langsamkeit bei den spaltenden Worthülsen bzw Sätzen unseres Bundes-Slow Motion Redners vom Palast der schönen Aussicht vergleichen, würde ich sagen mein Holzspalter schaftt in 10 min mehr Sinnvolles als das spaltende Geschwurbel eines SPD-Bundespräsidenten in 5 Jahren.
Ich wünsche allen Lesern einen Guten Rutsch und ein erfolgreiches neues Jahr.
Ein Artikel, bei dem mir das Herz aufgeht! Es ist allerhöchste Zeit, dass jemand dieses Eiapoppeia-alle-haben-sich-sooo-lieb-Breichen, das die Politik und die Medien rund um die Uhr in die Hälse der woken Gänse stopft, als das entlarvt, was es in Wirklichkeit ist: Bullshit! Es liegt in der Natur der Menschen, anderen kritisch oder feindselig gegenüber zu treten. Es war einmal ein entscheidender evolutionärer Vorteil, wenn man nicht jedem gleich um den Hals fiel. Wenn der steinzeitliche Jäger auf eine Truppe Fremder traf, dann war sein erster Gedanke sicher nicht: „Hmm, die sehen zwar mit ihrer Bemalung genauso aus wie die, die vor ein paar Tagen alle Bewohner unseres Nachbardorfes massakriert haben, aber, hey, warum immer so negativ, ich laufe jetzt mal zu denen hin, schenke ihnen meinen erlegten Hasen und heiße sie im Namen unseres Dorfes herzlich willkommen“. Es wäre nämlich wahrscheinlich sein letzter Gedanke gewesen. Noch in meiner Kindheit war es völlig normal, dass es Leute gab, die man nicht mochte. Wir prügelten uns mit den Jungs aus den Dörfern nebenan und mit den evangelischen aus dem eigenen Dorf, mit den Kindern der Flüchtlingsfamilie aus Ostpreussen spielte man nicht, weil deren Vater ständig besoffen war und der älteste Sohn im Knast saß und die Kinder des Bergwerkdirektors spielten nicht mit uns, weil wir denen zu armselig waren. Und niemand störte sich daran, es war für uns das Normalste auf der Welt. Trotzdem ist die Welt nicht untergegangen, obwohl wir nicht ständig untergehakt umherliefen; ist doch erstaunlich, oder?
Wer laufend eine „Spaltung“ beklagt, trauer wohl dem „EIN Reich, EIN Volk, EIN Fü..er“ nach.
So gesehen waren die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland immer schon gespalten gewesen zwischen CDU und CSU Anhängern auf der einen und SPD Anhängern auf der anderen Seite und dazwischen die Anhänger der FDP und damals gab es noch große Unterschiede zwischen den Parteien. Sie waren noch sehr unterscheidbar. So war das damals, bevor die Grünen 1983 das erste Mal in den Bundestag kamen. Die brachten dann wieder was Neues in die politischen Debatten hinein und unterschieden sich von den anderen Parteien stark, besonders auch im Auftreten und auch modisch. Das Wie ist immer entscheidend, nicht nur das, wofür man steht und was man für Ziele hat. Irgendwann unterschieden sich die Grünen nicht mehr im Wie von den anderen. Mit dem wofür sie stehen und was ihre Ziele sind, beeinflussen sie bis heute die anderen Parteien von SPD, CDU/CSU und FDP. Sie treiben sie förmlich vor sich her, mit ihrer politischen Agenda und ihren politischen Zielen. Entscheidend ist dabei, dass sie unterstützt werden von weiten Teilen der Presse und Medien in Deutschland und derer Journalisten, die wiederum die Parteien in der sogenannten Mitte vor sich hertreiben mit ihrem Journalismus. Frage: Leben wir daher in einer Presse- und Mediendiktatur? In einer Art Exekutiven Gewalt von Presse und Medien und ihrer Journalisten?
Demokratie muss unterschiedlich sein, sonst wäre es keine Demokratie. Das Palaver von „unsere Demokratie“ zeigt ehrlicherweise auch das Problem. Man akzeptiert die Demokratie nur, wenn die Demokratie nach eigenen Wünschen, Vorstellungen und Mehrheiten stattfindet. Zum Wesen der Demokratie gehören u.a. Vielfalt, Widersprüche und gebildetes sowie verführbares Volk. Gäbe es die vollkommene Demokratie auf Erden, ist das Paradies vollendet und die Menschheit in Bedürfnissen und Gefühlen gleichgeschalten. Derzeit befindet sich das westliche System im Klassenkampf untereinander und würfelt aus, wer die bessere autokratische Demokratie habe (linke oder rechte politische Strömung mit Brandmauern, Ausgrenzungen, Hass, Hetze usw.). Das hängt damit zusammen, dass schleichend die politische Mitte von links (inklusive grün) und rechts assimilisiert wurde. Ob der Westen wieder zurückfindet, halte ich für unmöglich, da das leere Feld der politischen Mitte von außereuropäischen Kulturen, Religionen und politischen Ideen besetzt wurde. Das bisherige, demokratische System befindet sich in Auflösung.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen einer allgemeinen Infantilisierung der Menschen und einer Erosion von Demokratie. Reibung an Erz-Feinden kann nur dann passieren, wenn diese erwachsen und intelligent sind. Sind sie nicht, es sind politisch nützliche Volldeppen. Wie Rober Pfaller schon feststellte -->>„Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Tatsächliche Gleichheit setze Erwachsenheit voraus…Überall werden Warnschilder aufgestellt.. Statt Kinderbetreuungseinrichtungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chancengleichheit bot man uns “diversity„, und anstelle von progressiver Unternehmensbesteuerung erhielten wir erweiterte Antidiskriminierungsrichtlinien. Das entspricht dem Grundprinzip neoliberaler Propaganda: Alle Ungleichheit beruht demnach lediglich auf Diskriminierung… Wie Adolph Reed schreibt, würden innerhalb einer solchen “moralischen Ökonomie„ dann weiterhin ein Prozent der Bevölkerung neunzig Prozent der Ressourcen kontrollieren,..“<<-- Beste Faschismus aller Zeiten !! Wir werden von korrupt, kriminell „bewaffneten Regierungsversagen“ regiert. Es gibt nur einen Spalt in dieser Skinner Box einer Demokratie Simulation. Dein Leben ist eine Simulacrum, Trugbild solange das nicht erkannt wird.
Ein Glücksfall für die Achse Leser ist dieser Beitrag, und ein Lichtblick für das neue Jahr. Atmen wir tief durch, und befreien wir uns von dem scheinbar unbezwingbaren Drang, seinen Nachbarn und Mitmenschen, den man nur ungenügend kennt, zu verteufeln. Es ist wie mit dem Ein-und Ausatmen. Wir können ja mal probieren nur einzuatmen, weil das Gegenteil scheinbar böse ist. Nach nur wenigen Minuten wissen wir das Ergebnis. Guten Rutsch.