Von Alain Pichard.
Als frischgebackener Junglehrer trat ich nicht – wie damals üblich – dem bernischen Lehrerverein bei, einer biederen Standesorganisation. Es musste eine richtige Gewerkschaft sein und Teil der Arbeiterbewegung. Ich wurde Mitglied des VPOD, und weil es dort keine Lehrer gab, gründeten wir gleichzeitig die VPOD-Lehrergruppe. Mit „wir“ meine ich Jean-Michel, Barbara, Markus, Ruedi, Marianne, Sylvianne und wie sie noch alle hießen. Alles junge, linke Lehrkräfte.
Die Mitgliedschaft im VPOD hatte für uns einen gewissen Vorteil. Wir trafen dort auf Mario, Walter, Werner, Hasso und wie sie sonst noch alle hießen. Und das waren Trolleybus-Chauffeure, Stadtgärtner, Straßenarbeiter, Elektriker – also richtige Arbeiter. Die waren in unseren Organisationen nämlich seltener als der Apollo-Falter auf unseren Wiesen.
An der großen jährlichen Mitgliederversammlung konnten wir jeweils vor über 200 echten Arbeitern auftreten. Jean-Michel, Trotzkist und Internationalist, wollte kurz nach unserem Kollektivbeitritt von der Sektion Biel ein Solidaritätstelegramm für die iranische Revolution verabschiedet sehen. Chauffeur Mario und Elektriker Werner schauten sich zuerst verdutzt an und kugelten sich nachher vor Lachen. Und als ich später verlangte, dass man die Überstunden verbieten solle, um damit Stellen zu schaffen, erklärte mir Stadtgärtner Hasso, dass diese Überstunden bei ihnen gerade den Unterschied zwischen einer 3-Zimmer- zu einer 4-Zimmerwohnung ausmachen würden oder auch den begehrten Urlaub an der Costa Brava ermöglichten.
Auch Barbara erging es nicht besser. Als sie die Gewerkschaft bat, uns zu helfen, dass man in der Schule die Noten abschaffe, lachte Finanzsekretär Walter und meinte: „Ihr seid gut: Uns hier gebt ihr ständig Noten, und in der Schule wollt ihr sie abschaffen!“ Viele von uns waren etwas enttäuscht, weil sie das revolutionäre Potential der Bieler Gewerkschafter nicht richtig eingeschätzt hatten.
Ich fühlte mich bei diesen Leuten eigentlich immer recht wohl und ging auch dann noch mit ihnen ein Bier trinken, als sie sich dagegen wehrten, dass auch Frauen Trolleybusse lenken durften.
Food-Waste-League oder Champions League – egal!
Die Zeit verging. Unser Mikrokosmos ging politisch konkurs, und wir traten zur SP oder den Grünen über. Jean-Michel wurde Gewerkschaftssekretär, verdiente ein Viertel mehr als Werner und schuf eine Genderkommission in der Gewerkschaft.
Hasso, Max, Walter und viele andere hingegen zogen sich zurück oder traten allmählich aus dem VPOD aus. Einige von Ihnen schlossen sich der Autopartei an, die bald einmal mehr Mitglieder zählte als die einst mächtige Trolleybus-Gruppe des Bieler VPOD. Dem Elektriker Werner begegnete ich einmal auf einer Velotour am Sonntag. Er kam gerade von einem Buurezmorge der SVP und freute sich, mich wiederzusehen. „Es waren schöne Zeiten damals“, meinte er. „Wir haben richtig ‚gschtürmt‘, gell?“
„Ja“, antwortete ich. „Ich habe viel gelernt!“ Er fragte mich, wie es der Barbara ginge, das war doch damals eine ganz „Gescheite“. Gibt sie immer noch Schule? „Nein, schon lange nicht mehr. Die hat letzte Woche im Hotel National in Bern eine Kunstauktion für die SP mitorganisiert, ist Mitglied der Genderkommission der SP und arbeitet für die Food-Waste-League.“ „Aha“, meinte Walter und grinste: „Kenne ich nicht, ich kenne nur die Champions League!“
Alain Pichard ist Grünliberaler Stadtrat in Biel und seit 40 Jahren Lehrer in sozialen Brennpunktschulen.