Um die Freiheit steht es wirklich schlecht in einem Land, in dem die Nachricht als eine gute gilt, dass ein regulär geplanter Parteitag trotz massiver Drohungen von Aktivisten stattfinden konnte. Sie steht sicherlich auch schlecht da, wenn beliebte Karikaturisten mit „Cancel Culture“ und Existenzbedrohungen konfrontiert werden, nur weil sie der populistischen Rechten zu wohlwollend gegenüberstehen.
Ein solcher Karikaturist ist Bernd Zeller, den ich nur wenige Tage vor Beginn des AfD-Parteitags in Jena traf, nicht weit von Erfurt entfernt (wo der AfD-Parteitag stattfand). Gelbe Westen, die an Fensterbänken und Balkonen hingen, fielen mir auf. Was hatten sie zu bedeuten? „Widerstand gegen die andere Partei – die Opposition –, deren Parteitag sie verhindern wollen“, erklärte Zeller.
Zeller, einer der besten Karikaturisten Deutschlands und Autor mehrerer satirischer Bücher, hat für große Publikationen gezeichnet und geschrieben – von Titanic und Spiegel Online bis hin zur „Harald Schmidt Show“, wo er von Mitte der 1990er Jahre bis 2014 als Gag-Autor tätig war.
Doch das Geschäft mit der Satire ist in unserem Zeitalter der „Cancel Culture“ schwieriger geworden. Nachdem er zwischen 2020 und 2022 Karikaturen für eine AfD-Mitgliederzeitung gezeichnet hatte, war der Bruch für viele im Mainstream vollendet. Doch schon zuvor wurde sein Humor in manchen etablierten Kreisen als „etwas bizarr“ angesehen – provokativ und gar beleidigend. Die Kritiker liegen nicht falsch, denn Satire ist bekanntlich dann gut, wenn sie es wagt, den Status quo infrage zu stellen und gesellschaftliche Missstände aufzudecken. Das passt nicht jedem.
Nehmen wir zum Beispiel seine 2007 erschienene „Offizielle Autobiografie von Osama bin Laden“ („Das meistgesuchte Buch der Welt“), in der er auf scharfsinnige Weise den Selbsthass des deutschen Establishments und die seltsame Faszination, die bestimmte linksliberale und grüne Kreise für den Islamismus hegen, aufs Korn nimmt. In dem Buch spielt bin Laden als Kind mit Barbiepuppen, bei denen er den Sprengstoffgürtel lockern konnte, was ihn jedoch bald langweilte. Er wendet sich den Ehrenmorden zu: „Eine Schwester kam nackt zur Welt. Damit hat sie einen Lebensstil eingeschlagen, den ich nicht nur ablehne, sondern zu beenden berechtigt bin“, sagt er.
Gute Satire trifft immer ins Schwarze
Als bereits etablierter Terrorist reist er nach Deutschland, nur um festzustellen, dass seine Lebensgeschichte auf Verständnis, ja sogar Faszination stößt. Seine Deutsch-Lehrerin genießt es sichtlich, sich als deutsche Schlampe titulieren zu lassen (sie will von ihm entführt werden). In Hamburg beginnt er das Studium der Kommunikationswissenschaft, wo ihm prompt die Gespräche in der „Psychosozialen Beratungsstelle" übertragen werden. Später avanciert er zum Kultmoderator des Campus-Radios. Es überrascht nicht, dass das Buch damals in der deutschen Mainstream-Presse eher unbeachtet blieb (Die Welt und auch die FAZ veröffentlichten jeweils eine Rezension).
Seinem politischen Krimi „Lost Merkel“, der 2013 erschien – auf dem Höhepunkt von Merkels Popularität nach der Eurokrise und in dem Jahr, in dem sie mit einer fast absoluten Mehrheit bei der Bundestagswahl wiedergewählt wurde –, erging es kaum besser. Darin wird die ehemalige Bundeskanzlerin entführt, nur um zu beweisen, dass es tatsächlich „keine Alternative“ zu ihr gibt. Am Ende entpuppt sie sich als Vampir, aber niemand bemerkt es. In einer der besten Szenen beobachtet der Protagonist, der beauftragt wurde, „Merkel zu finden“, eine Demonstration, die von den selbsternannten „Toleranten“ gegen die „Intoleranten“ organisiert wurde, bei der ein Demonstrant ein Transparent mit der Aufschrift „Intoleranz zerschlagen“ trägt.
Wenn man das Buch heute, dreizehn Jahre nach seinem Erscheinen, im Kontext der zunehmenden Hysterie im Vorfeld des AfD-Parteitags betrachtet, liest es sich wie eine auffallend vorausschauende Beschreibung einer bestimmten Denkweise. Auch in Erfurt waren es die selbsternannten „Toleranten“, die Straßen blockierten und ein Verbot der AfD forderten. Genau diese Denkweise hat Zeller in einer weiteren seiner Broschüren, „Die Sprache des Grünen Reichs“ (2019), eingefangen, in der eine junge Frau erklärt: „Wir schließen uns keiner guten Sache an. Wir sind die gute Sache.“
Gute Satire trifft immer ins Schwarze. Doch Zeller will nicht in die Ecke des Widerständlers gesteckt werden. In Wahrheit, so betont er, sei er lediglich ein Karikaturist, der seinen Job macht. Wenn er mit dem Mainstream in Konflikt geraten sei, dann deshalb, weil er kein Hofkünstler sei, sondern Volkskünstler. Seine Methode ist die des umgekehrten Aphorismus, der die ganze Widersprüchlichkeit einer Aussage einfängt: Jemand sagt etwas, und er stellt sich dann vor, was für ein Mensch so etwas sagen würde.
Seine Weigerung, sich der „Humorindustrie“ anzuschließen – wo, wie er anmerkt, nach wie vor das Geld zu finden ist –, hat ihn natürlich der „Cancel Culture“ ausgesetzt. Umso böswilliger erscheint es daher, dass ein Artikel über ihn in einer Zeitschrift, die er einst mitbegründet hat, erklärt, die Publikation distanziere sich von ihm, weil er angeblich eher der rechten Seite zuzuordnen sei. Dasselbe gilt für die häufige Erwähnung seiner Arbeit für die AfD; Zeller sagt, er habe den Auftrag einfach angenommen, weil er Karikaturist sei – genauso wie er zuvor für das „Neue Deutschland“, die liberale Friedrich-Naumann-Stiftung und andere gezeichnet habe.
Die Menschen in Ostdeutschland kennen diese Taktik der permanenten Beleidigung
„Eine politische Karikatur ist ein Barometer der Freiheit – deshalb hassen Diktatoren sie“, sagte die venezolanische Karikaturistin Rayma Suprani einmal. Das stimmt, und je repressiver die Lage wird, desto mehr Stoff gibt es für den Karikaturisten.
Zeller, der betont, dass er nur Karikaturen zeichnet, die ihm selbst gefallen („Ich bin nicht korrumpiert“), hatte in den letzten Jahren reichlich Stoff zur Verfügung. Da ist zum Beispiel die Karikatur aus der Zeit des Corona-Lockdowns, in der eine lächelnde Bundeskanzlerin eine neue Studie vorstellt und bekannt gibt: „Die Studie wurde erstellt von Experten, die daraufhin alle ihre Posten behalten haben.“ Oder die Karikatur nach einer Reihe von Terroranschlägen, in der ein Mann bemerkt: „Nun ja. So viele Gefährder sind das ja gar nicht. Meistens ist es immer derselbe.“
Sprache ist ein immer wiederkehrendes Thema bei Zeller – insbesondere das zunehmende harte Vorgehen gegen „Hassrede“. Da ist zum Beispiel die Karikatur, in der ein Mann zu einem anderen sagt: „Manche Leute sagen ‚Claudia Roth'. Das ist natürlich keine Hassrede. Aber wie sie das sagen …“ Letzere stammt aus dem Band „Merkelokratie“ von 2020.
Für Zeller ist es kein Rätsel, warum Karikaturistenkollegen und Redakteure sich abwenden. Die meisten von ihnen teilen eine bestimmte Denkweise: „Was sie stört, ist, wenn Menschen anders denken, als sie es eigentlich sollten. Das ist eine Taktik, die die Linke seit Jahrzehnten konsequent verfolgt.“ Das, erklärt er, sei auch der Grund, warum der Widerstand gegen den Mainstream und das Establishment – zumindest anfänglich – im Osten stärker ausgeprägt war als im Westen.
Die Menschen in Ostdeutschland kennen diese Taktik der permanenten Beleidigung. Sie wussten zum Beispiel genau, was sie denken – und nicht sagen – sollten, wenn die offizielle Linie etwa so lautete: „Die Bananenernte im Erzgebirge war dieses Jahr nicht ganz so gut wie erwartet.“ Die Menschen im Westen, so glaubt er, mussten dies erst in den letzten Jahren erfahren – zum Beispiel während der Corona-Pandemie mit ihren oft offensichtlich abstrusen Regeln.
Karikatur über linke Verschwörungstheorien
Zwar konnte der AfD-Parteitag pünktlich beginnen. Doch es kam zu Gewalttätigkeiten gegen ein Reporterteam von Apollo News (ein Video zeigt, wie ein junges Teammitglied getreten wird, als es zu Boden fällt). Hinzu kam, dass allein das sehr frühe Eintreffen der Delegierten und die Polizeipräsenz den reibungslosen Ablauf ermöglichten.
Das bizarre Spektakel der Vertreter des Bündnisses „Widersetzen“, das die Anti-AfD-Proteste in Erfurt organisierte, sah aus, als wäre es direkt aus einer von Zellers Karikaturen entsprungen. Bei einer als „Pressekonferenz“ angekündigten Veranstaltung verteidigte die Führung des Netzwerks die Angriffe auf Journalisten. Auf die Frage nach den hässlichen Szenen sagte eine „Sprecher*in“ der Gruppe, ein Mann in Frauenkleidung: Faschisten mit einem Presseausweis seien immer noch Faschisten.
Auch an Hysterie mangelte es nicht. Schon Monate vor der Veranstaltung kursierte ein Gerücht, das den antifaschistischen Ansprüchen der Demonstranten zusätzliches Gewicht verlieh: Der Termin des AfD-Parteitags (4./5. Juli) sei angeblich kein Zufall, sondern sorgfältig so gewählt worden, dass er mit dem 100. Jahrestag des zweiten Reichsparteitags der NSDAP in Weimar, also ebenfalls in Thüringen (3./4. Juli 1926), zusammenfiel. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass nicht die AfD, sondern der Veranstaltungsort – die Messe in Erfurt – den Termin festgelegt hatte, da dessen Hallen in der Regel schon lange im Voraus ausgebucht sind. Wundern Sie sich nicht, wenn Zeller daraus bald eine Karikatur über linke Verschwörungstheorien macht.
Der Scheinantifaschismus ist zum neuen Autoritarismus geworden
„Was darf die Satire? Alles", lautet das berühmte Diktum von Kurt Tucholsky, mit dem er seinen berühmten Essay von 1919 im Berliner Tageblatt endete. Seine Forderung, dass Satire keine Grenzen anerkennen sollte – selbst auf die Gefahr hin, Zeitgenossen und Machthaber zu verärgern –, wird oft von jenen zitiert, die darauf bedacht sind, ihre eigene antifaschistische Glaubwürdigkeit zu untermauern.
Doch diese opportunistische antifaschistische Legitimation geht heute Hand in Hand mit Forderungen nach mehr und nicht weniger Zensur. Die Liste der Themen, die für Satire angeblich tabu sind, wird immer länger: Sie darf keine Witze über Muslime enthalten, sie sollte sich nicht über „Corona-Opfer“ lustig machen, und es geht ganz sicher nicht, wenn sie die Regierung delegitimiert.
Der neue Scheinantifaschismus richtet sich gegen eine beträchtliche Anzahl von Bürgern (die AfD führt bekanntlich in Umfragen). In seiner Forderung nach einem Verbot der zurzeit laut Umfragen beliebtesten Partei des Landes, in seinen Angriffen auf Journalisten und in seiner Befürwortung der „Cancel Culture“ ist er zudem zum neuen Autoritarismus geworden. Es ist gut zu wissen, dass sich einige Satiriker diesem Trend noch widersetzen – für Bernd Zeller wird es noch jede Menge zu tun geben.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Novo-Argumente.

„Wenn man jetzt nichtmal mehr Merkelwitze machen darf, dann ist das nicht mehr mein Land!“ (frei nach A.D.Merkel)
#Jesko Matthes: Ich habe mal gelernt, daß man nicht die Bosheit bemühen soll , wenn es mit Dummheit hinreichend erklärt ist.
Ansonsten frage ich mich, was will mir diese Werbesendung sagen? Frei nach Otto.
Nichts für ungut, aber die Ideologie als Bindeglied zwischen Bosheit und Dummheit greift einfach zu kurz.
Die Lektüre der „ZellerZeitung“, die wöchentlich online erscheint, ist für Freunde der Satirekunst ein Muss. Am Rande der aktuellen Berichterstattung findet man reichlich illustrierte Literatur, die eine Weiterbildung zum Wunschbürger verunmöglicht, sich aber sehr zum Verschenken an Bekannte und Verwandte mit Status „inoffizielle Mitarbeiter an unserer Demokratie“ eignet. Nach Risiken und Nebenwirkungen fragen sie tunlichst weder Arzt noch Apotheker!
Deutsche kennen bekanntlich keinen Humor, wenn es um die radikale Durchsetzung ihrer Weltanschauung geht. Aber dann Bernd Zeller: „Die Suppe ist nicht kalt, sie ist klimaneutral“. Gottseidank!
Der tägliche „Senior Influencer“ ist ein Muss!
Wer die DDR-Satire miterleben durfte, es gab praktisch ja nur politisches Kabarett, Eulenspiegel(harmlos), Rockmusiktexte (wenn sie die Zensur unterlaufen konnten) und alle wußten, was und wer gemeint war. Zu weit rauslehnen durfte sich keiner, es sei denn er war als IM politisch und moralisch abgesichert und analog zu Böhmermann heute, im staatlichen Auftrag, bezahlt humoristisch unterwegs. Der staatlich genehmigte Humor entlarvte sich ganz schnell an seiner fehlenden Tiefe und Authentizität. Nebenan der Distel(Kabarett-Bühne) in der Friedrichstraße in Ost-Berlin, war der Tränenpalast(Übergang nach West-Berlin), in der Nähe mehrere Intershops, wo man nur als Privilegierter, also mit Westgeld,gegenüber den niederen DDR-Bewohner ohne Westgeld,einkaufen konnte.Eine Rassentrennung per Excellance, die aber nie in die Kabarett-Texte einfloß.
Selbst der Witz sollte kategorisch und planvoll erzeugt werden. Grandiose Ausbrecher davon ließen das (gemeine)Volk aufhorchen und DDR-Demokratieschädigende Weitererzählungen generieren. Wegen eines politischen Witzes in Haft zu kommen war zwar ehrenvoll, aber Existenz- zerstörend, was in einer Demokratie, die allen gehört(Unsere Demokratie), natürlich niemals vorkommen wird. Es sei denn, man gehört auf einmal nicht mehr zu Uns, wird ausgestoßen aus dem schützenden Rudel, Aussätziger der modernen Zeit. Rassismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Genderungerechtigkeit usw. wird massiv bekämpft und geächtet, aber Aussätzige im politischen Sinne darf es weiterhin geben? Der Spruch:„Ob du in einer Diktatur lebst, siehst du immer daran, wen du gefahrlos kritisieren darfst!“ muss eigentlich erweitert werden: „Ob du in einer Denk-Diktatur lebst erkennst du daran, wenn ganz “wichtige„ Personen juristisch gegen Satire vorgehen, aber Tucholsky zitieren können!“
Ich empfehle allen Freunden genialen Scharfsinns im Netz nach ZELLER ZEITUNG zu suchen. Jede Online-Ausgabe ein Feuerwerk an Hochintelligenz. Hier nur einige wenige Schlagzeilen aus den letzten Tagen: Die DDR-Hymne ist ein Code für die Zeit vor Adenauer / Fraktionschef Jens Spahn mit Klarstellung: „Bin keine Leihmutter und habe mich nie als solche betätigt“ / Daniel Günther hofft auf einen Stromausfall, den er sofort kompetent managen kann / Wählerbeschimpfung kann nicht die ganze Antwort sein / Experten mit Einigkeit: 100-Tage-Programm ist eine Chiffre für tausend Jahre / Berliner CDU stärkt den Wahlkampf: „Kai Wegner, ein Mann wie die Stadt“. Dazu all die Zeichnungen mit all den BRD-Gezeichneten und politischen SchreckgestaltInnen – eine Karikaturkostbarkeit nach der anderen. Ein Leben ohne Bernd Zellers Zeitzeugenschaft – für mich undenkbar.