Amos Zweig, Gastautor / 12.09.2019 / 06:09 / Foto: André Karwath / 42 / Seite ausdrucken

Die Auferstehung sozialistischer Mythen (1)

Von Amos Zweig.

Kürzlich, in einem sehr spannenden Gespräch, kamen ich und mein Gesprächspartner auf den Sozialismus zu sprechen. Ich meinte dann, dass bei Gesellschaftssystemen, die zu stark nach Sozialismus klingen, bei mir immer die Alarmglocken losgehen, da der Sozialismus, überall dort, wo er versucht wurde, in totalem Desaster geendet hat. Arbeitslager, Massenmord an der eigenen Bevölkerung, Armut, Hungersnot, Tyrannei und Unterdrückung.

Mein Gesprächspartner meinte daraufhin: „Man kann nicht sagen, dass der Sozialismus schlimmer ist als der Kapitalismus. Kapitalistische Länder führen auch ständig Kriege, und das sind Kriege um Ressourcen, oder solche, die von der Rüstungsindustrie gepusht werden, also kapitalistische Kriege. Außerdem führt der Kapitalismus zum Verhungern von Tausenden“ – (wenn ich ihn richtig verstand, meinte er hiermit Drittweltländer) – „und die Pharmafirmen blockieren das Erforschen von neuen, günstigeren und effektiveren Medikamenten, damit sie ihre eigenen, suboptimalen Medikamente zu teureren Preisen verkaufen können. Und wenn man so alle Todesopfer des Kapitalismus zusammenzählt, kann man nicht so einfach sagen, dass der Sozialismus mehr Menschenleben gekostet hat als der Kapitalismus.“

Dieses Argument hat mich seit diesem Gespräch sehr beschäftigt. In diesem Artikel will ich nun versuchen, ihm, so gut ich kann, auf den Grund zu gehen. Wenn man solche Argumente angeht, dann kommt es immer sehr darauf an, was man genau womit vergleicht. Man muss „gleiches mit gleichem“ vergleichen, zumindest, so gut man das kann. Natürlich ist jeder Mensch und sein Erleben einzigartig, und so gesehen könnte man sagen: „Man kann gar nichts vergleichen, da jeder Mensch einzigartig ist. Wie kannst du das Leiden eines Menschen in einem Arbeitslager mit dem Leiden eines Vaters vergleichen, dessen Kind gerade langsam und qualvoll an Leukämie stirbt.“ Und diese Aussage hat etwas Wahres an sich, aber sie hilft einem nicht dabei, sich in der Welt zu orientieren und zu entscheiden, welches Gesellschaftssystem man nun anstreben soll.

Andererseits könnte man sagen: „Am Ende stirbt jeder an irgendwas, also sind alle Gesellschaftssysteme gleich gut.“ Dies ist aber eine sehr kalte und zynische Aussage, und auch eine, die nicht wahr ist. Ich denke, jeder Mensch würde, zumindest für sich und seine Liebsten, ein Leben mit weniger unnötigem Leiden und Schmerzen bevorzugen.

Ein nützliches Abstraktionslevel

Irgendwo zwischen diesen zwei extremen Aussagen gibt es die Möglichkeit, Dinge miteinander zu vergleichen. Nicht perfekt, aber auf einem nützlichen Abstraktionslevel. Ich werde den Vergleich in dieser Reihe folgendermaßen untergliedern: Wirtschaftliche Produktivität und Gewalt und Zerstörung. Die Thematik um Hungersnot und Pharmabranchen wird im ersten und zweiten Teil behandelt, die Thematik um Krieg und Unterdrückung der eigenen Bevölkerung im dritten Teil.

Bevor wir in den eigentlichen Vergleich einsteigen, brauchen wir noch ein paar Definitionen: Kapitalismus ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem materielle Güter in Privatbesitz sind und die Produktion und Verteilung von Gütern durch den freien Markt bestimmt wird. Sozialismus ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem die Produktionsmittel von der Gesellschaft als Ganzes verwaltet werden. Die Idee ist, dass jeder das produziert, was er kann und das kriegt, was er braucht. Kommunismus ist ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, in dem es kein Privateigentum gibt, und alle alles teilen.

Die USA und die UdSSR hatten eine ähnliche Bevölkerungszahl und waren zu ihrer Zeit die prominentesten Beispiele einer kapitalistisch respektive sozialistisch organisierten Gesellschaft. Daher werde ich der Einfachheit halber einige Vergleiche in diesem Artikel auf diese zwei Länder beschränken.

Immense Reduktion der Produktivität

Das Hauptproblem des Sozialismus ist, dass er ökonomisch nicht funktioniert. Sozialismus als Wirtschaftssystem ist dem Kapitalismus als Wirtschaftssystem deutlich unterlegen. Sozialistisch strukturierte Gesellschaften produzieren deutlich weniger und auch weniger hochwertige Güter als kapitalistische Gesellschaften. So war zum Beispiel das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der UdSSR stets um einen Faktor 3 bis 4 tiefer als in den USA. Dies ist ein immenses Problem, das in den meisten Diskussionen viel zu wenig Beachtung erhält. In diesem Abschnitt werde ich zuerst die zwei Hauptgründe hierfür erörtern und anschließend auf den Einfluss, den dies auf die Lebensqualität an einem Ort hat, eingehen.

Der erste Hauptgrund ist, dass in sozialistischen Systemen der Anreiz fehlt, sich selbst zu verbessern. Wenn jedermanns Lohn ausschließlich von seinen Bedürfnissen abhängt, wieso sollte er sich dann besonders anstrengen? Wieso sollte er sich bemühen, härter, länger, oder effizienter zu arbeiten, wenn er am Ende genau gleich viel davon hat? Wieso nicht später kommen, früher gehen, und eine längere Mittagspause machen? Menschen beginnen also in die andere Richtung zu optimieren. Anstatt zu versuchen, möglichst viele, möglichst begehrte Güter zu produzieren, versuchen sie nun, möglichst wenig in ihrem offiziellen Job zu arbeiten, und daneben, in ihrer Freizeit, möglichst viel für sich selbst zu produzieren. Ein Beispiel hierfür ist, dass in vielen sozialistischen Ländern die Bauern in ihren eigenen, privaten Gärten ein Vielfaches an Lebensmitteln pro Fläche produzierten wie auf den kommunalen Feldern. Ein weiterer Hinweis auf dieses Problem ist der vielsagende Witz aus der Sowjetära: Sie tun so, als ob sie bezahlen, und wir tun so, als ob wir arbeiten.

Da niemand einen Anreiz hat, gut (oder überhaupt) zu arbeiten, muss der Staat also jetzt jeden überwachen und die Faulenzer bestrafen. Dies führt zu einer immensen, unproduktiven Arbeitslast. Hunderttausende sind damit beschäftigt, die Anderen zu überprüfen und zu bestrafen, und all die Wächter produzieren selber nichts. Man kann das Problem ein Stück weit auslagern, indem die Menschen sich gegenseitig überprüfen und denunzieren, aber beide Kontrollmechanismen sind anfällig für Missbrauch. So oder so ist der Effekt, dass die meisten Menschen ihren Job nur noch so gut wie nötig machen, um nicht bestraft zu werden, und nicht so gut wie möglich, um einen Bonus oder eine Promotion zu erhalten. Über die Wirtschaft als Ganzes führt dies zu einer immensen Reduktion der Produktivität.

Gewinnmaximierung gibt es nicht

Das zweite große Problem ist, dass sozialistische Systeme keinen Preisbildungsmechanismus haben. Wie soll eine Schraubenfabrik wissen, ob sie mehr Außensechskant-, Innensechskant-, Torx-, Kreuz- oder Schlitzschrauben herstellen soll? Wie viel Getreide braucht das Land? Und wie viele Tomaten? Wie viele USB-Sticks, Wanderschuhe, Motorblockgießereien oder Talkshows? Es gibt unendlich viele Güter, die produziert werden könnten, also wie soll jetzt jeder wissen, was er produzieren soll? In kapitalistischen Systemen löst der Preis dieses Problem. Da jeder seinen Gewinn maximieren will, wird jeder versuchen ein Gut zu produzieren, bei dem die Marge besonders hoch ist. Wenn die Leute Torx-Schrauben bevorzugen, werden sie bereit sein, etwas mehr für Torx-Schrauben zu bezahlen, und daher wird die Schraubenfabrik beginnen, mehr Torx-Schrauben herzustellen. Sozialistische Systeme haben diesen Mechanismus nicht. Jeder kriegt ja das, was er braucht, Gewinnmaximierung gibt es nicht. Also gibt es auch keinen Mechanismus mehr, durch den der Markt die Menschen informiert, was sie jetzt am besten herstellen sollten, und wie viel davon.

Aber irgendwie muss ja trotzdem entschieden werden, wer jetzt was macht. In sozialistischen Systemen übernimmt dies dann meistens wieder der Staat, zum Beispiel mittels eines Fünfjahresplans. Der Staat schätzt also ab, wie viel von jedem einzelnen Gut das Land braucht, wer es zu produzieren hat, und wie viele Mittel sie dafür brauchen dürfen. Ferner definiert der Staat auch, wer wie viel Lohn kriegt und was wie viel kostet. Aber natürlich kämpfen sie einen unmöglichen Kampf. Ich weiß nicht einmal selber, was ich in den nächsten fünf Jahren alles brauchen werde.

Wie kann also jemand in Moskau auch nur grob abschätzen, wie viel von welchem Gut die Menschen in Nischnewartowsk oder in Njurba in den nächsten fünf Jahren brauchen werden? Und wie teuer es sein wird, dies zu produzieren. Und dort hin zu transportieren. Es ist eine unmögliche Aufgabe. Bereits eine Handvoll unerwarteter politischer oder natürlicher Ereignisse reichen, um den gesamten Plan über den Haufen zu werfen. Zentralplanung führt, je länger sie dauert, zu immer schlimmerer Fehlallokation von Ressourcen und somit zum Mangel von essenziellen Gütern und zu Armut.

Wirtschaft nach wie vor Tauschhandel

Gemäß einem Bericht der Heritage Foundation zur wirtschaftlichen Freiheit ist der durchschnittliche Lebensstandard von Menschen in wirtschaftlich freien Ländern über achtmal so hoch wie der von Menschen in unfreien Ländern.

Die Heritage Foundation misst die wirtschaftliche Freiheit anhand der folgenden vier Kategorien, die jeweils aus drei Subkategorien bestehen:

- Rechtsstaatlichkeit – Eigentumsrecht, wirksames Justizsystem, integre Regierung

- Größe der Regierung – Steuerlast, Regierungsausgaben, gesunde Geldpolitik

- Regulationen – Unternehmensfreiheit, Arbeitsfreiheit, monetäre Freiheit

- Offener Markt – Handelsfreiheit, Investitionsfreiheit, finanzielle Freiheit

Aufgrund der massiven staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft schneiden sozialistische Staaten in diesem Index deutlich schlechter ab als kapitalistische Staaten. Sozialistische Staaten definieren ihre wirtschaftliche Produktivität ebenfalls deutlich schlechter als diejenige von kapitalistischen Staaten. Soweit stimmt die Theorie also mit den Fakten überein.

Je mehr und je bessere Produkte eine Gesellschaft produziert, umso höher wird der materielle Lebensstandard in dieser Gesellschaft sein.

Die Lebensqualität an einem Ort hängt aber sehr stark von der wirtschaftlichen Produktivität ab, da fast alle Produkte, die Menschen begehren, zuerst produziert werden müssen, bevor sie konsumiert werden können. Ich verwende Produkt hier als Sammelbegriff für jegliche Güter und Dienstleistungen. Essen, Wohnungen, medizinische Versorgung, Heizungen, Autos, Fernsehshows – je mehr und je bessere Produkte eine Gesellschaft produziert, umso höher wird der materielle Lebensstandard in dieser Gesellschaft sein. Export und Import ändern an dieser Tatsache nichts. Export bringt Fremdwährungen ein, mit deren Hilfe man dann wiederum fremde Güter importieren kann. Am Ende ist Wirtschaft nach wie vor Tauschhandel.

Ein weiterer Grund zur Hoffnung

Natürlich, und dies ist das Argument der Sozialisten, kommt es auch darauf an, wie die Güter verteilt sind. Es nützt der breiten Masse nichts, wenn viele hochwertige Güter produziert werden und sie selber von einem Hungerlohn leben muss. Allerdings suggeriert eine Statistik von Econlib wie erwartet, dass ein armer Mensch in einer reichen Gesellschaft einen viel höheren Lebensstandard hat als ein armer Mensch in einer armen Gesellschaft.

Einen weiteren Grund zur Hoffnung gibt folgende Statistik der Heritage Foundation: In den vergangenen 24 Jahren hat sich das weltweite Bruttoinlandsprodukt verdoppelt, und der Prozentsatz von Menschen, die in Armut leben, hat sich um einen Faktor 3 reduziert. Es scheint also doch, dass die gesteigerte wirtschaftliche Produktivität auch den Lebensstandard der Ärmsten weltweit anhebt.

Ein armer Mensch in einer reichen Gesellschaft hat einen viel höheren Lebensstandard als ein armer Mensch in einer armen Gesellschaft. Aber sogar, wenn wirtschaftliche Freiheit alleine nicht reichen sollte, um den Ärmsten der Gesellschaft ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, können wir mit Sicherheit sagen, dass der Sozialismus dies noch viel weniger tut! Die verringerte Produktivität führt generell zu mehr Armut, und die Tatsache, dass sozialistische Staaten oft sehr schnell zu zentralistischen Diktaturen verkommen, verschlimmert die Lebensumstände noch um ein Vielfaches.

Sozialismus verschlimmert Hunger

Wenn wir einmal einen Blick auf die globale Hungerkarte werfen und diese mit der Karte für wirtschaftliche Freiheit vergleichen, dann sehen wir eine sehr starke Korrelation zwischen Unterdrückung und Hunger. Es gibt zwar ein paar Ausnahmen, aber es stellt sich jeweils die Frage, wie lange diese Ausnahmen stabil bleiben werden. Venezuela zum Beispiel hatte 2018 noch ein mäßiges Hungerproblem, jedoch hat sich dieses bis 2019 gravierend verschlechtert.

Wenn es ums Verhungern geht, ist also sicher nicht der Kapitalismus schuld. Im Gegenteil, es scheint, dass der Kapitalismus einer der besten Schutzmechanismen gegen das Verhungern ist! Nach den Erklärungen im ersten Teil zu wirtschaftlicher Produktivität und Lebensstandard sollte dies nicht verwunderlich sein. Verhungern ist ein Ausdruck des tiefst möglichen Lebensstandards. Sozialistische Staaten schneiden oft viel schlechter im wirtschaftlichen Freiheitsindex ab. Somit trägt der Sozialismus viel mehr zum Welthunger bei als der Kapitalismus. Eine Recherche der großen Hungersnöte in Kambodscha, der UdSSR, der Volksrepublik China, Nord-Korea, und als neustes Beispiel Venezuela, bestätigt diesen Punkt.

Viele Kritiker des Kapitalismus sagen, dass die ärmeren Länder so wenig zu essen haben, weil die reicheren Länder sie ausbeuten. Zu diesem Punkt muss man zwei Dinge sagen. Erstens sind es oft in erster Linie lokale Despoten und Gewaltherrscher, welche die lokale Bevölkerung ausbeuten. Wenn westliche Firmen mit den lokalen Despoten zusammenarbeiten, um von der Ausbeutung der lokalen Bevölkerung zu profitieren, ist dies zwar moralisch verwerflich, aber nicht der Grund der Unterdrückung. Der Grund der Unterdrückung ist die lokale Gewaltherrschaft. Zweitens stimmt es allerdings auch, dass westliche Länder andere Länder aus materiellen Interessen militärisch besetzen. Ich werde versuchen, im nächsten Teil auf diese Problematik einzugehen.

Lesen Sie morgen: Die Macht der Korruption.

Den zweiten Teil dieses Beitrages lesen Sie hier.

Amos Zweig hat an der ETH Zürich Ingenieurswissenschaften mit einem Schwerpunkt auf Robotics und Artificial Intelligence studiert und beschäftigt sich auf einem eigenen Blog mit philosophischen und ethischen Fragen.

Quellen

https://www.heritage.org/index/book/chapter-4

www.econlib.org/library/Enc/EconomicFreedom

https://www.globalhungerindex.org/de/results/

https://www.heritage.org/index/heatmap

SOVIET HEALTH CARE FROM TWO PERSPECTIVES by Diane Rowland and Alexandre V. Telyukov

Soviet Health Care System - DAVID S. FRIEDENBERG

https://www.reddit.com/r/AskHistorians/comments/73aiiu/what_was_healthcare_like_in_the_soviet_union/

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Kriegen_und_Schlachten_im_20._Jahrhundert

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Milit%C3%A4roperationen_Russlands_und_der_Sowjetunion

https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_concentration_and_internment_camps#United_States_of_America

https://en.wikipedia.org/wiki/Internment_of_Japanese_Americans

https://en.wikipedia.org/wiki/Internment_of_German_Americans

https://en.wikipedia.org/wiki/Internment_of_Italian_Americans

https://de.wikipedia.org/wiki/Gulag

https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Terror_(Sowjetunion)

https://de.wikipedia.org/wiki/Hungersnot_in_Sowjetrussland_1921%E2%80%931922

https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor

https://de.wikipedia.org/wiki/Entkulakisierung

A. Solschenizyn – Der Archipel Gulag – 1973

https://youtu.be/oo1WouI38rQ

https://en.wikipedia.org/wiki/Mao_Zedong

https://en.wikipedia.org/wiki/Khmer_Rouge

https://en.wikipedia.org/wiki/Pol_Pot

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Leserpost

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Max Wedell / 12.09.2019

Es ist falsch, zu glauben, China hätte ein sozialistisches Wirtschaftssystem, nur weil die chinesische Regierung es sozialistisch nennt, bzw. genauer: Sozialistische Marktwirtschaft. Das ist reine Augenwischerei, vermutlich dazu bestimmt, die mittleren Nomenklaturaebenen ruhigzustellen. Etwa 70% des BSP wird in China von Unternehmen in Privatbesitz erwirtschaftet. Nur bestimmte Schlüsselindustrien verblieben in Staatsbesitz, etwa Rüstungsindustrien oder die Energieerzeugung. Es wäre doch niemand auf die Idee gekommen, die Bundesrepublik auch nur in Teilen als “sozialistisch” zu bezeichnen, nur weil einst die Deutsche Bundespost und die Deutsche Bundesbahn in Staatsbesitz waren (letztere ist es immernoch). Die Bundesrepublik hat ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, und China ebenfalls.

Rainer Möller / 12.09.2019

Amos Zweigs Darstellung wirkt ein bisschen schülerhaft und man hat den Eindruck, er kennt die kapitalistische Realität nicht aus eigener Erfahrung. Zunächst: In dem Maße, wie die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, melden sich immaterielle Bedürfnisse. Auf das Wirtschaftswunder der fünfziger Jahre folgte ganz logisch die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung und “Humanisierung” der Arbeitsbedingungen.  Beide Errungenschaften - die Arbeitszeitverkürzung und die Humanisierung - sind in den letzten zwanzig Jahren rückgängig gemacht worden. Ein großer Teil unserer Mitbürger arbeitet heute wieder so wie um 1960 oder 1965. Im Hinblick auf Normierung und Kontrolle unterscheidet sich ein heutiges Callcenter nicht im mindesten von einem VEB der DDR. Es ist auch eine Menge Personal mit dieser Kontrolle beschäftigt (ein Zahlenvergleich mit dem VEB wäre da interessant.) Zweig macht sehr viel davon her, dass der Kapitalismus nicht nur negative Sanktionen anbietet, sondern auch positive. Aber das galt auch in der DDR: Auch die Hennecke-Aktivisten und “Helden der Arbeit” erhielten Boni.  Im übrigen sind die Gehälter vieler Niedriglöhner so angesetzt, dass ihnen ein Überleben nur mit Hilfe der “Boni” möglich ist. In summa: Zweig mag ein richtiges Bild vom Sozialismus haben, aber ein sehr verklärtes vom Kapitalismus.

sybille eden / 12.09.2019

Der sogenannte ” Sozialismus” ist in seiner Ursprungsform kein Ökonomisches System,sondern ein religiös-ideologisches ! Insofern vergleicht der Autor hier Äpfel mit Bananen. Die Sozialistischen Systeme des Ostblocks waren allesamt Staatswirtschaften und mitnichten “sozialisiert”, d,h. dem Arbeiter /Bauern gehört garnichts. Die heutigen “kapitalistischen” Länder sind ausser Neuseeland (!) schon lange Staatskapitalistische Systeme und mitnichten freie ,liberale Marktwirtschaften ! Und Kriege haben IMMER Politiker, Könige und Kaiser angezettelt, niemals Firmen oder Unternehmer. Sie haben natürlich davon profitiert,das ist wahr. Alles andere ist marxistische Propaganda und Geschichtslüge !

Jörg Klöckner / 12.09.2019

Das Thema ist eigentlich ein bisschen zu groß - dennoch ist es hilfreich, um im Alltag schlagfertige Argumentationslinien zur Verfügung zu haben. Ich wage auch mal ein paar Behauptungen dazu, auch wenn die verwendeten Begriffe schwammig bleiben müssen: Der Kapitalismus ist eigentlich kein System, so wie das die zumeist kommunistischen Gegner immer behaupten, sondern er ist Wettbewerb der Systeme. Dem wollen sich Ideologen natürlich nicht stellen. Das hatte auch die Frankfurter Schule (Adorno, Habermas,..) gewusst, und sie hatte die Überlegenheit allein schon dadurch anerkannt, dass sie den Kapitalismus unterwandern und gewaltsam zerstören wollte. Wenn die Menschen zufrieden sind, brauchen sie keine Revolution. Eine Revolution brauchen immer nur die, die gerne Bonzen werden und darüber nicht diskutieren wollen. Herr Spata erwähnte bereits Roland Baader. “Niemand außer dem Markt und dem Wettbewerb (auch den politischen) kann Leviathan zähmen.” Oder Herbert Giersch: “Es gibt für die Freiheit der Bürger keinen anderen Schutz als den Wettbewerb der Regierungen.” Kapitalismus (also Wettbewerb) verträgt sich nicht nur bestens mit der Demokratie, er bewahrt sie auch. Sozialismus ist nur eine Sonderform des Kapitalismus: Monopol; Fehlende Alternative; Die Nomenklatura ist die totalitäre Firmenleitung, die sich an den Werktätigen nicht nur bereichert, sondern sie regelrecht besitzt. Sozialismus ist die tote Variante des Kapitalismus (vgl. Igor Shafarevich “Der Todestrieb in der Geschichte. Erscheinungsformen des Sozialismus”). Oder besser: Nach innen tot; nach außen kapitalistisch - denn selbstverständlich müssen sie sich mit den anderen Wettbewerbern in der Welt messen. Und bis jetzt haben sie immer versagt. Wie Juliane Mertz schon erwähnte, steht es jedem frei, in einer Markwirtschaft eine sozialistische Firma zu gründen. Viel Spaß! Sozialismus und Nationalsozialismus sind Zwillingsbrüder; sie hocken beide in der erstarrten, toten Ecke!

Rolf Menzen / 12.09.2019

@Rolf Lindner: Der Chinesische “Sozialismus” hat mitnichten gewaltige Produktivkräfte freigesetzt. Im Gegenteil, die Produktivkräfte wurden erst durch die Abkehr vom Sozialismus freigesetzt. Das heutige System in China ist kein Sozialismus, sondern eine Herrschaft der Mandarine, wie es sie vorher in China schon zwei Jahrtausende gegeben hat. Es hat nur den Namen proforma beibehalten.

B. Ollo / 12.09.2019

@Plönnings: China ist kein sozialistischer Staat nach der genannten Definition, sondern kapitalistisch. China ist auch keine Demokratie, sondern ein Einparteien-Staat sozialiastischer Art und Herkunft. Das hindert China aber nicht, vom Wirtschaftssystem her kapitalistisch zu sein. Kapitalismus erfordert kein spezielles Herrschaftssystem. Kapitalismus gibt es unter Demokratien, wie auch Monarchien, selbst in Ländern mit Clan-Strukturen. Maßgeblich ist neben Eigentumsfragen nur, ob der Markt weitgehend frei zugänglich ist oder ob es Strukturen gibt, die einen freien Handel unterdrücken, kontrollieren, behindern oder verhindern. Im Übrigen möchte ich den Autor darauf hinweisen, dass Sozialismus und Demokratie Herrschaftsysteme sind, die man jeweils mit sozialistischer Planwirtschaft (inkl. Kollektivierung und begrenztem Privateigentum/Unternehmertum) und Kapitalismus als Wirtschaftssystem verbindet. Kapitalismus und Sozialismus zu vergleichen ist in sofern unsinnig.

Robert Krischik / 12.09.2019

Aber die Chinesen scheinen mit ihrer Art des Sozialismus wirtschaftlich dem Kapitalismus ebenbürtig zu sein. Daher stellt sich doch heute eher die Frage nach der Freiheit der Menschen als nach den Hungersnöten.

Rainer Hanisch / 12.09.2019

@Martin Ertner: “Sprich stundenlanges Anstehen für einen Sack Kartoffeln oder Rüben, sowie die Selbstversorgung etc.”  Der Witz war gut, wohl noch aus den 50ern? Kartoffeln waren spottbillig und nun wirklich ohne stundenlanges Anstehen zu haben! Und mit der Selbstversorgung wäre mindestens die halbe DDR-Bevölkerung verhungert. Die konnten sich gar nicht selbst versorgen, mangels geeigenter Gärten. Wie Herr Reiger schrieb: “Durch seinen Lohnzettel ist noch keiner reich geworden”. Das trifft besonders auf den Kapitalismus zu. Sich irgendwo “zu verwirklichen”, sich “einzubringen”? Ja wo denn? In die managementgesteuerten Unternehmen? Ich war einige Jahre in der Entwicklungsabteilung eines Elektronikkonzerns beschäftigt, als “Leiharbeiter”, für 9,56 €/h. Mit mir ca 60% der Ingenieure, nur “leihweise”. Was glauben die Leute denn, wie die gearbeitet haben? “So, wie wir bezahlt werden”, und das zu recht. Meine Stelle wäre mit fast dem doppelten Lohn dotiert gewesen, da Technikerstelle. “Eingekauft” wurde ich nur als Facharbeiter, kostengünstig halt. Was die gefühlte Armut angeht: gerechnet auf die Verdienstjahre machen die Beitragsjahre im “Beitrittsgebiet” in meiner Rente einen höheren Anteil aus, als die in der reichen Bundesrepublik erworbenen! Und was die “höherwertigen Güter” betrifft: Durch penetrante und aggressive Werbung werden Bedürfnisse suggeriert, die eigentlich bei vielen gar nicht vorhanden wären. Abgesehen vom Statusdünkel, immer etwas Besseres zu sein, als der Nachbar. Die Feudalherren hatten auch geglaubt, unsterblich zu sein. Feudalismus ist längst Geschichte, irgendwann ist auch Kapitalismus Geschichte. Was danach kommt? Keine Ahnung, vielleicht eine Art Sozialismus? China machts vor…

Max Frisch / 12.09.2019

@Dietmar Schubert Was Sie aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz hernehmen, kann wohl kaum als allgemein gültig bezeichnet werden. Auch ich habe in der der DDR tatsächlich keinen Hunger gelitten, wobei man hier ehrlicherweise erwähnen sollte, dass die Versorgung auf diesem Gebiet wahrscheinlich mit die Beste im Ostblock war. Ich kenne aufgrund meines Berufes sehr viele ehemalige Ostblockbewohner aus diversen Ländern und die erzählen mir da teilweise etwas anderes. Auch das kann allerdings erst einmal nicht als allgemein gültig gesehen werden, dort muss man schon verschiedenste Daten zusammentragen um zumindest eine Tendenz zu erkennen. Und was Sie im philosophisch/ethischen Bereich mit MINT wollen, erschließt sich wahrscheinlich nur Ihnen. Denn wie der Name schon sagt umfasst das Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, also ist Ihre “Widerlegung” lediglich der Versuch ein z.B. allgemein gültiges physikalisches Gesetz auf einen Bereich der Geisteswissenschaften anzuwenden, was aber nicht möglich ist. Ein Stein wird im Vakuum immer gleich schnell fallen, egal ob es ein kapitalistisches oder sozialistisches “Vakuum” ist, während “Armut” ein völlig subjektives Empfinden ist. Der eine fühlt sich mit einem Butterbrot als König der Welt, der andere denkt “Ja, für mehr hat es halt nicht gereicht”.

Thomas Taterka / 12.09.2019

Der entscheidende Unterschied ist, daß ” Links ” zuviele Kapos produziert.

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