Einige Hundert deutsche Wissenschaftler fordern einen Israel-Boykott ihrer Zunft. Dies unter Ausblendung elementarer Tatsachen – ausgerechnet von Menschen, die Wissenschaftler sein wollen.
Seit gut drei Wochen werden deutsche Wissenschaftler aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, in der zum Boykott Israels, insbesondere seiner wissenschaftlichen Einrichtungen aufgefordert wird. Darin heißt es:
„Wir erklären, dass wir uns künftig folgenden Grundsätzen verpflichten:
1. Wir werden keine Kooperationen mit dem Staat Israel oder mit seinen mitverantwortlichen Institutionen unterstützen.
2. Wir werden keinen institutionalisierten Austausch mit israelischen Institutionen, die mitverantwortlich sind, fördern oder öffentlich mittragen.
3. Wir werden uns nicht an Aktivitäten beteiligen, die vom Staat Israel oder seinen mitverantwortlichen Institutionen organisiert und/oder (mit-)veranstaltet werden.“
Inzwischen gibt es (Stand 21. August 2025) 375 Unterzeichner dieser Erklärung. Es werden sicher noch mehr, denn offenbar haben reichweitenstärkere Medien von diesem Machwerk erst dieser Tage Kenntnis genommen. Vielleicht haben manche nicht so genau gelesen, bevor sie unterschrieben. Vielleicht unterschreiben manche Unterstützer schon deshalb, weil es um die Unterstützung „der Palästinenser“ geht. Und die gelten in bestimmten Polit-Milieus, seit Yassir Arafat auch mit den Kommunisten kuschelte, pauschal als gut. Ist erstmal festgelegt, wer die Guten sind, muss man nicht mehr so genau hinschauen, etwa auf das Treiben der Hamas und die Lebenswirklichkeit im Gaza-Streifen.
Dennoch ist es zu empfehlen, sich die Namen der Unterzeichner genau anzuschauen. Nicht, um sie auf eine Schwarze Liste zu setzen oder gegen sie in irgendeiner Weise zu Felde zu ziehen. Sondern um sich und sie an dieses Bekenntnis zu erinnern, wenn einige von ihnen versuchen sollten, sich auf moralische und wissenschaftliche Kompetenz berufend, uns handlungsleitende Empfehlungen zu geben. Ihre heutige partielle Blindheit, die sie mit der Unterstützung einer solchen Erklärung unter Beweis stellen, sollte ihnen das Publikum bei der Bewertung ihrer Empfehlungen dann angemessen in Rechnung stellen.
Den vollen Text und die Namen der Unterzeichner finden Sie hier. Aber vielleicht als Kostprobe noch dies:
„Wir, die unterzeichnenden Wissenschaftler*innen und Mitarbeitenden deutscher Hochschulen und Forschungsinstitutionen und deutschen Wissenschaftler*innen im Ausland, sind entsetzt über Israels ungezügelte Vernichtung Palästinas und des palästinensischen Volkes. Das Morden, Verstümmeln und Aushungern der belagerten Bevölkerung Gazas, die dauerhaften, oft tödlichen Angriffe auf medizinisches Personal, humanitäre Helfer*innen, UN-Mitarbeiter*innen und Rettungskräfte, die systematische Zerstörung der Lebensmittel- und Medikamentenversorgung, der Landwirtschaft, der Wasser- und Energieinfrastruktur sowie aller palästinensischer Universitäten haben Gaza in einen Friedhof für Menschen und Völkerrecht verwandelt. Die rechtswidrige israelische Blockade humanitärer Hilfe seit dem 2. März 2025 bestraft, schadet und löscht die Zivilgesellschaft in Gaza aus, von der die Hälfte aus Kindern und Jugendlichen besteht.“
Die Hamas wird mit keiner Silbe erwähnt
Was meinen die Erklärungs-Autoren mit „Zivilgesellschaft in Gaza“? Gab es unter der islamistischen Hamas-Herrschaft jemals so etwas wie eine „Zivilgesellschaft“? So etwas haben die Gewaltherrscher der Hamas dort doch eigentlich schon seit ihrer Machtübernahme auszulöschen versucht. Die Damen und Herren deutsche Wissenschaftler werden wohl nicht diejenigen gemeint haben, die auf Gazas Straßen jubelten, nachdem die Hamas in Israel eingefallen war, 1200 Menschen großteils ungeheuer brutal ermordete, etliche zuvor vergewaltigte, folterte und demütigte, um Geiseln zu nehmen, die dann zum Teil auch noch unter dem Jubel der Straße misshandelt wurden.
Aber dieses Ereignis, also den Anfang jenes brutalen Krieges, dessen Echo die Wissenschaftler jetzt beklagen, kommt in der Erklärung nicht einmal pro forma vor, ganz so als wäre der Massenmord durch Palästinenser nicht so schlimm, auch wenn es ohne ihn diesen Krieg in Gaza jetzt nicht geben würde.
Auch die Hamas wird mit keiner Silbe erwähnt und damit auch nicht der Charakter ihrer Herrschaft, ihr erklärter Vernichtungswillen gegenüber dem jüdischen Staat und seinen Bewohnern, den sie den im Oktober 2023 unübersehbar unter Beweis gestellt haben. Stattdessen heißt es bei diesen Wissenschaftlern:
„Wir sind Zeugen eines täglich eskalierenden Völkermords. Israels unerbittliche Tötung bis hin zur gezielten Ermordung von Studierenden, Lehrenden, Forschenden, Journalist*innen und Kulturschaffenden sowie seine systematische Zerstörung von Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Archiven, Friedhöfen, Kulturdenkmälern und Kultureinrichtungen haben den gesamten Bildungs- und Forschungssektor in Gaza ausgelöscht.“
Also zwar haben die Autoren und Unterzeichner die Terrorherrschaft der Hamas nicht wahrgenommen, aber dafür wissen sie von einem offenbar einst blühenden „Bildungs- und Forschungssektor in Gaza“, von dem die restliche Öffentlichkeit in den letzten Jahren kaum etwas vernommen hat.
Da es manche Leser in diesen Zeiten intellektueller Dürre gelegentlich schwer zu haben scheinen, Texte ohne Beipackzettel nicht miss zu verstehen, die kurze Anmerkung: Es geht hier nicht darum, Kritik an Israels Kriegsführung in Gaza pauschal in die Antisemitismus- oder Israelfeindschafts-Ecke zu stellen. Aber hier wird für eine Boykott-Kampagne geworben unter Ausblendung elementarer Tatsachen und das von Menschen, die Wissenschaftler sein wollen.
Beitragsbild: Arthur Sasse via Wikimedia Commons