Als 1995 in der Region zwischen Kobe und Osaka die Erde bebte, kamen 6434 Menschen ums Leben. Das Erdbeben von Tokio im Jahr 1923 war nur halb so stark, doch es forderte 140.000 Opfer. Und das, obwohl die Bevölkerung Japans in den sieben Jahrzehnten dazwischen rapide angewachsen war. Der gewaltige Unterschied in den Opferzahlen liegt daran, dass sich Japan zu einem freien und ökonomisch starken Land entwickelt hatte. Obwohl es eines der schwersten Erdbeben des 20. Jahrhunderts war, blieben beim Kobe-Erdbeben viele Gebäude dank moderner Sicherheitstechnik stehen, vorwiegend traditionell gebaute, alte Häuser brachen zusammen. Die Versicherungen mussten die bis dahin größte Schadenssumme aller Zeiten zahlen.
Für Versicherungen wird die Katastrophe in Haiti wohl nicht sonderlich teuer, denn die meisten der Betroffenen sind nicht versichert. Ihre Hütten würde auch keiner versichern. Die Zahl der Toten jedoch, so viel kann man schon jetzt leider sagen, wird näher an der von Tokio 1923 als an der von Kobe 1995 liegen.
Erdbeben kann man nicht verhindern, und es ist immer noch schwierig, sie vorauszusagen. Doch es gibt aus leidvoller Erfahrung viele Möglichkeiten, die Zahl der Opfer gering zu halten, dafür zu sorgen, dass die Verschütteten aus den Trümmern geborgen werden und die Obdachlosen nicht an Wassermangel oder Seuchen sterben. In der ökonomischen, sozialen und politischen Dauermisere Haitis wurde so gut wie keine der notwendigen Vorkehrungen getroffen. Die Menschen waren der Naturgewalt völlig schutzlos ausgeliefert.
Das Wort „Naturkatastrophe“ ist im 21. Jahrhundert irreführend geworden. Es gibt eigentlich kaum noch reine Naturkatastrophen. Das gleiche Ereignis hat in verschiedenen Ländern völlig unterschiedliche Folgen. Ein Wirbelsturm, der über die Karibik fegt, bringt auf den armen Inseln Hunderte Menschen um, im reichen Florida höchstens einige Dutzend.
Bis zum 19. Jahrhundert lebte die gesamte Menschheit, abgesehen von wenigen Privilegierten, in der gleichen hoffnungslosen Armut. Damals waren Naturkatastrophen tatsächlich zu hundert Prozent natürlich, sie trafen den armen Bauern in Europa genauso wie den in China oder Afrika. Durch die Industrialisierung änderte sich dies grundlegend. Mehr als die Hälfte des Schadens, den ein Erdbeben, ein Sturm oder eine Überschwemmung heute anrichten, hat soziale Ursachen, keine natürlichen ...Hier weiterlesen