Michael Miersch / 17.01.2010 / 13:22 / 0 / Seite ausdrucken

Die Armutskatastrophe

Als 1995 in der Region zwischen Kobe und Osaka die Erde bebte, kamen 6434 Menschen ums Leben. Das Erdbeben von Tokio im Jahr 1923 war nur halb so stark, doch es forderte 140.000 Opfer. Und das, obwohl die Bevölkerung Japans in den sieben Jahrzehnten dazwischen rapide angewachsen war. Der gewaltige Unterschied in den Opferzahlen liegt daran, dass sich Japan zu einem freien und ökonomisch starken Land entwickelt hatte. Obwohl es eines der schwersten Erdbeben des 20. Jahrhunderts war, blieben beim Kobe-Erdbeben viele Gebäude dank moderner Sicherheitstechnik stehen, vorwiegend traditionell gebaute, alte Häuser brachen zusammen. Die Versicherungen mussten die bis dahin größte Schadenssumme aller Zeiten zahlen.

Für Versicherungen wird die Katastrophe in Haiti wohl nicht sonderlich teuer, denn die meisten der Betroffenen sind nicht versichert. Ihre Hütten würde auch keiner versichern. Die Zahl der Toten jedoch, so viel kann man schon jetzt leider sagen, wird näher an der von Tokio 1923 als an der von Kobe 1995 liegen.

Erdbeben kann man nicht verhindern, und es ist immer noch schwierig, sie vorauszusagen. Doch es gibt aus leidvoller Erfahrung viele Möglichkeiten, die Zahl der Opfer gering zu halten, dafür zu sorgen, dass die Verschütteten aus den Trümmern geborgen werden und die Obdachlosen nicht an Wassermangel oder Seuchen sterben. In der ökonomischen, sozialen und politischen Dauermisere Haitis wurde so gut wie keine der notwendigen Vorkehrungen getroffen. Die Menschen waren der Naturgewalt völlig schutzlos ausgeliefert.

Das Wort „Naturkatastrophe“ ist im 21. Jahrhundert irreführend geworden. Es gibt eigentlich kaum noch reine Naturkatastrophen. Das gleiche Ereignis hat in verschiedenen Ländern völlig unterschiedliche Folgen. Ein Wirbelsturm, der über die Karibik fegt, bringt auf den armen Inseln Hunderte Menschen um, im reichen Florida höchstens einige Dutzend.

Bis zum 19. Jahrhundert lebte die gesamte Menschheit, abgesehen von wenigen Privilegierten, in der gleichen hoffnungslosen Armut. Damals waren Naturkatastrophen tatsächlich zu hundert Prozent natürlich, sie trafen den armen Bauern in Europa genauso wie den in China oder Afrika. Durch die Industrialisierung änderte sich dies grundlegend. Mehr als die Hälfte des Schadens, den ein Erdbeben, ein Sturm oder eine Überschwemmung heute anrichten, hat soziale Ursachen, keine natürlichen ...Hier weiterlesen

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Michael Miersch / 30.12.2014 / 16:56 / 6

Gezielte Tötungen sind besser als ungezielte

Es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf das Wesen des Krieges. Manche sehen ihn als notwendiges Übel, das man in Kauf nehmen muss, wenn die eigene Existenz…/ mehr

Michael Miersch / 29.07.2014 / 18:10 / 2

Greenpeace will uns vor bösen Wissenschaftlern beschützen

Zum Stab des EU-Kommissionspräsidenten gehört auch ein Chief Scientific Adviser (CSA). Dieses Amt wird derzeit von der britischen Biologin Anne Glover vertreten. Sie vertritt, was…/ mehr

Michael Miersch / 15.07.2014 / 09:37 / 0

Gulag? Gab’s nicht

2013 besuchte ich die einzigen Gedenkstätte für ein stalinistisches Gefangenenlager, die es im weiten Russland gibt: „Perm 36“. Wie der Deutschlandfunk berichtet, ist jetzt dieser…/ mehr

Michael Miersch / 09.06.2014 / 22:46 / 3

Das Chlorhuhn: Vogel des Jahres

Dieser sachliche und faktenreiche Artikel zum Thema “Chlorhuhn” erschien im österreichischen Standard: “…Kaum etwas taugt besser, um die Gefahren einer zu engen Partnerschaft mit den…/ mehr

Michael Miersch / 30.03.2014 / 13:15 / 0

Wohlstands-Humbug killt Nashörner

Interview mit dem Naturschutzexperten Rolf Baldus* Herr Baldus, Sie kommen gerade aus dem Selous-Wildschutzgebiet zurück. Was hat sich verändert, seit der Zeit von 1987 bis…/ mehr

Michael Miersch / 27.03.2014 / 08:20 / 4

“Mutter Natur ist Gentechnikerin”

Ein Interview mit Norman Borlaug aus dem Jahr 2007. Am 25. März 2014 wäre der Nobelpreisträger und Vater der Grünen Revolution 100 Jahre alt geworden…/ mehr

Michael Miersch / 27.03.2014 / 08:14 / 1

Der Mann, der Millionen Menschenleben rettete

Der Agrarwissenschaftler Norman Borlaug währe am 25 März 100 Jahre alt geworden. Seine Grüne Revolution brachte den Durchbruch im Kampf gegen den Hunger Wer Millionen…/ mehr

Michael Miersch / 17.06.2013 / 22:09 / 0

Tschernobyl ist eine grandiose Wildnis

Der Ökologe Michael Brombacher besuchte die verbotene Zone rund um den Unglücksreaktor – und entdeckte ein Naturparadies FOCUS: Herr Brombacher, warum wollten Sie ausgerechnet ein…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com