Chaim Noll, Gastautor / 04.10.2017 / 13:55 / Foto: Thomas Wolf / 4 / Seite ausdrucken

Die Angst vor dem Mann an der Tür

Von Chaim Noll.

Als Israeli bin ich daran gewöhnt, in jedes Gebäude von einigermaßen bemerkenswerter Bedeutung, sei es ein Supermarkt, ein staatliches Amt, ein Bahnhof, eine Schule, Universität oder Bank, nur nach Kontrolle durch Sicherheitspersonal eingelassen zu werden, junge Männer und Mädchen in kugelsicheren Westen, Pistole an der Hüfte, die einen Blick in mein Gesicht und in meine Tasche werfen, bei Bedarf mein Gepäck durchleuchten und mir die Frage stellen: „Jesh lecha neshek? Hast du eine Waffe bei dir?“

In Israel ist ein großer Teil der Bevölkerung bewaffnet. Die meisten meiner Nachbarn besitzen Handfeuerwaffen. Ich spare mir Erklärungen, warum das so ist. Auch dafür, dass niemand hierzulande Anstoß an den Wachleuten vor den Türen der Supermärkte, Schulen, Bahnhöfe nimmt. Man ist manchmal ganz froh, dass sie da sind. Auch westliche Demokratien sind nicht das Paradies, es kann auf Bahnhöfen, in Supermärkten oder öffentlichen Gebäuden zu unerfreulichen, gewalttätigen Situationen kommen, und dann ist man froh, wenn ein paar gut ausgebildete, bewaffnete Sicherheitsleute oder Polizisten in der Nähe sind.

Wenn ich im Gespräch mit europäischen oder amerikanischen Freunden auf dieses heikle Thema komme, wird mir nicht selten mit überlegenem Lächeln auseinandergesetzt, in Israel herrsche eine Art Ausnahmezustand, die hiesigen Sitten verstießen in mancher Hinsicht gegen das Konzept einer „offenen Gesellschaft“, man liebe in Europa oder Amerika die Freiheit über alles und vermeide, was auch nur im entferntesten an einen Polizeistaat erinnern könne. Manche scheinen den Anblick von Polizisten mehr zu fürchten, als die Gefahr, in einem öffentlichen Gebäude oder auf offener Straße beraubt, beschossen, mit Messern attackiert zu werden, was alles in Europa und Amerika längst zum Alltag gehört. Oder mir werden die Kosten vorgehalten, die Polizei und Sicherheitsfirmen verursachen. Und dass es angesichts weltweiten Elends bessere, humanere Verwendung für diese Gelder gäbe.

Das Mandalay Bay Hotel in Las Vegas hätte sich einen Sicherheitsmann an der Tür ohne Frage leisten können. Das Hotel mit der goldenen, verspiegelten Fassade ist 43 Etagen hoch, hat fast fünftausend Zimmer, mehrere Swimming Pools und Spas, eins der größten Konferenz-Zentren der Welt, ein „Events Center“ mit 12 000 Plätzen, mehrere Casinos, ein Theater, ein „House of Blues“, eine Vielzahl Restaurants, die grandiose Aquarien-Anlage „Shark Reef“ sowie die Laden-Passage „Mandalay Place“, die es mit dem benachbarten Luxor-Hotel verbindet. Nur Sicherheitsleute an den Eingängen scheint es nicht zu geben. Sonst hätte nicht Stephen Paddock, ein Glücksspieler und Waffen-Fetischist, zehn Koffer voller Sturmgewehre und Munition in das Hotel schaffen können, um aus seiner Suite in der  32. Etage Dutzende Menschen zu erschießen. „Officials told The New York Times that at least 20 rifles were found Paddock’s hotel room after the shooting, along with hundreds of rounds of ammunition.“ Ein einziger Sicherheitsmann an der Tür hätte es verhindern können.

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Leserpost (4)
Hubert Bauer / 04.10.2017

Mit Verlaub, dieser Artikel hat nicht das Niveau, dass ich sonst von der Achse gewohnt bin. In den USA gibt es mehr Waffen als Menschen. Wenn ein Hotel einen Menschen beschäftigt, der die Leute fragt, ob sie Waffen mit sich führen, werden die Menschen zunächst fragen, warum er das wissen will. Wenn sie eine Waffe dabei haben; was will der “Mann an der Tür” dann machen? Oder was will er machen, wenn der Kunde die Frage nach einer Waffe verneint? Soll er dann alle Koffer des Gastes durchsuchen? Und wenn ich den Wunsch habe 50 Menschen zu erschießen muss ich nicht in ein Hotel gehen. Da muss ich nur in die Fußgängerzone gehen oder in einen Gottesdienst oder in einen Bahnhof oder in einen Supermarkt oder auf einen Flohmarkt. Wollen Sie da überall Taschenkontrollen machen?

Volkmar Schneider / 04.10.2017

Im Jahr 2005 durfte ich-als Nichtjude (!)- auf Einladung die Eröffnungsveranstaltung der MACADIADE mit gestalten! Eine Einladung, die ich noch heute als große Ehre empfinde. Ich durfte die Gastfreundschaft des israelischen Volkes spüren und bei großzügigen Ausflügen Land und Leute kennen lernen. Auch die Wachleute an den Eingängen öffentlicher Gebäude, oder schon bei der Einreise am Schalter der Luftfahrtsgesellschaft. Was für ein Gegensatz zu den Beamten an deutschen Flughäfen! Die Kontrollen in Israel sind bestimmt, aber immer freundlich und zuvorkommend! Kontrollen, denen man sich gern, mit dem Wissen um die Hintergründe, unterzieht.

Dr. Daniel Brauer / 04.10.2017

Lieber Chaim Noll und andere Kollegen, welche die Variante - was wäre wenn gewesen - meinen durchspielen zu müssen. Europa ist nicht Israel. Die USA sind nicht Europa. Hätte an der Türe eine Wache gestanden, hätte der Täter einfach eine unkritische Lokation gewählt. Gäbe es keine Schusswaffen, hätte er ein Messer genommen. Dann hätte es vielleicht weniger Tote gegeben. Vielleicht hätte er auch eine Bombe gebaut - wie will man das verhindern ? Kurzum: Die Katze beißt sich immer in den besagten Schwanz, wenn man Dinge vergleicht, die nicht zu vergleichen und schon gar nicht zu verhindern sind. Was in Israel funktioniert, kann woanders kontraproduktiv sein. Andererseits wären unsere Waffengesetze in Israel wahrscheinlich genau so fehl am Platze. Den USA ist das Recht auf Waffenbesitz heilig. Das bekommt man aus denen nicht mehr raus. Für den einen oder anderen Israeli ist er sogar überlebenswichtig. In Europa will Brüssel den Besitz immer schwieriger machen, obwohl es keine Daten gibt die so etwas rechtfertigen. Ja- auch ich besitze als Jäger Waffen. Und ja - ich habe nach jeder solcher Amoktaten - es handelt sich hier nicht um Terror - ein mulmiges Gefühl, weil ich weiß das jetzt wieder eine Tat auf einem anderen Kontinent zum Versuch der Verschärfung der Gesetze hierzulande herangezogen wird und das mich Kollegen und Bekannte wieder dumm von der Seite anmachen werden. Das Böse -um Trump zu zitieren- sucht sich aber seinen Weg. Es findet immer etwas, sei es auch einen weißen Lieferwagen. Und einen Schutz davor wird es nie geben. Weder in Israel, noch in den USA oder Deutschland. Dies, und nur dies sollte man bei aller Tragik der Ereignisse und der schon wieder bald einsetzenden Instrumentalisierung der Opfer und des Täters nicht vergessen.

Helmut Driesel / 04.10.2017

Neugieriges Personal scheint es da auch nicht zu geben.

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