Eigentlich bin ich ein tiefenentspannter Mensch. Es gibt genau zwei Themenkomplexe, die mich emotional so kaltlassen wie eine Tiefkühltruhe im Winter: Das beleidigte Türkentum und der Islam. Beide Phänomene genießen ja in Deutschland mittlerweile den Status einer geschützten Art – wehe, man guckt sie schief an. Entweder fühlt sich das Gegenüber sofort in seiner religiösen Ehre gekränkt, oder die nationale Würde kollabiert im Sekundentakt. Man fragt sich unweigerlich, woher diese extreme Überempfindlichkeit kommt. Echtes Selbstwertgefühl und gesundes Selbstbewusstsein sind ja eigentlich reichlich vorhanden, sollte man meinen. Und doch drängt sich das Gefühl auf, dass die Minderwertigkeitskomplexe der Türkeistämmigen – ob nun Türken oder Kurden aus der Türkei – manchmal schlicht keine Grenzen kennen.
Man muss es wohl, so leid es mir tut, historisch betrachten: Die moderne Republik „Türkiye“ versteht sich nun mal als stolze Weiterführung des Osmanischen Reiches. Kriege, Landeroberungen, heroische Posen – das ist der Treibstoff, aus dem der kollektive Stolz des Landes destilliert wird.
Doch schaut man hinter die Fassade des stolzen Neo-Osmanismus auf heimischem Boden, blickt man in ein faszinierendes Universum der permanenten Hackordnung. In der Türkei gilt das eherne Gesetz: Einer steht immer über dem anderen. Zumindest glaubt er das ganz fest. Und um dieses hierarchische Gefüge im Alltag minütlich auszuhandeln, existiert ein magisches Mantra. Der am häufigsten ausgesprochene Satz auf türkischem Boden lautet ohne Wenn und Aber: „Weißt du überhaupt, wer ich bin?“ („Sen benim kim olduğumu biliyor musun?“).
Akute Minderwertigkeitsgefühle
Wenn mir jemand diesen Satz entgegenschleudert, weiß ich zwar garantiert nicht, wer er ist – aber ich weiß sofort, dass der Ärmste an akuten Minderwertigkeitsgefühlen leidet. Warum sonst sollte man seine vermeintliche Wichtigkeit wie eine Monstranz vor sich herfragen? Im Kern ist der Satz eine unmissverständliche Drohung: „Nimm dich in Acht, Bürschchen, sonst spürst du gleich die Konsequenzen meines gewaltigen Einflusses!“
Dieser Satz füllt in der Türkei ganze Sendezeiten bei den allabendlichen Nachrichtensendungen. Das Drehbuch ist immer gleich, gefilmt von lokalen Überwachungskameras: Ein Autofahrer schneidet den anderen. Beide steigen aus, Brüllerei, Wortgefecht, wildes Gestikulieren. Dann naht die Staatsmacht in Gestalt der Polizei und fordert Führerschein und Papiere. Und genau jetzt schlägt die Stunde des großen Auftritts. Einer der Streithähne baut sich auf und raunt dem Beamten entgegen: „Weißt du überhaupt, wer ich bin?!“ Natürlich konsequent im „Du“ gehalten. Niemand würde in dieser Situation „Sie“ sagen – das würde ja den mühsam aufgebauten Abstand in der Hackordnung sofort wieder schmälern. Das Gegenüber soll spüren, dass er der Unterlegene ist.
Der absolute Höhepunkt solcher Tragikomödien offenbart sich dann meistens am nächsten Tag in der Presse. Da stellt sich dann heraus, wer der vermeintliche Halbgott in Wirklichkeit war: Der Mann war der entfernte Bekannte eines städtischen Abgeordneten in der tiefsten Provinz. Herzlichen Glückwunsch.
Ein Stück näher an der absoluten Macht
Es ist ganz einfach: Wer in der Politik sitzt – und sei es als stellvertretender Kaffeekocher – oder wer eine Uniform trägt, ist in der Türkei automatisch ein Stück näher an der absoluten Macht. Oder zumindest an diesem Satz.
Welche wunderbaren Blüten dieses System treibt, durfte ich vor Kurzem am eigenen Leib erfahren, als ich ein Paket von Istanbul nach Kayseri schicken musste. Wer das türkische Verkehrswesen kennt, weiß: Weil das Schienennetz extrem überschaubar ist, läuft der gesamte Fernverkehr über ein gigantisches Netz von Reisebussen. Sogar der deutsche Riese Flixbus hat sich hierzulande längst durch den Zukauf von Marktführern die Pole-Position gesichert. Und diese Busse transportieren nicht nur Menschen, sondern betreiben nebenbei ein florierendes Logistikimperium namens „Bus-Cargo“.
Als ich also mein Paket aufgeben wollte, gab mir meine Frau – deren Schwager praktischerweise Polizeibeamter ist – einen wertvollen logistischen Ratschlag mit auf den Weg: „Geh zum Busbahnhof zur Firma XYZ, die nach Kayseri fahren. Sag denen einfach, du bist verwandt mit dem Polizisten Ahmet. Der stammt doch von dort.“
Ich, vollkommen deutsch geeicht und bürokratisch sozialisiert, fragte irritiert: „Und die wissen am Busbahnhof sofort Bescheid, welcher Polizist Ahmet gemeint ist?“ Meine Frau guckte mich an, als sei ich vom Mars gefallen: „Klar. Was sonst?“
„Ich kenne Erdoğan ganz gut!“
Man muss dazu sagen: Ein kurzer Blick in die Statistik verrät, dass in der Türkei aktuell weit über eine Million Männer auf den Namen Ahmet hören. Gleichzeitig schieben im Land rund 335.000 Menschen Dienst in der Nationalpolizei. Die Wahrscheinlichkeit, mit der Kombination „Polizist Ahmet“ eineindeutig identifiziert zu werden, liegt also ungefähr beim Hauptgewinn im Lotto.
Trotzdem ging ich zum Schalter, atmete tief durch und verkündete stolz: „Hallo, ich bin ein Verwandter vom Polizisten Ahmet und möchte ein Paket nach Kayseri schicken.“ Immerhin eine Entfernung von sportlichen 775 Kilometern.mDer junge Mann hinterm Tresen zuckte nicht mal mit der Wimper. Er guckte mich an und sagte kurz: „Schmeiß dein Paket dahin!“ Ich wartete auf das Formular. „Und weiter?“ „Ist okay, wir nehmen das mit.“
Halleluja! Was für ein logistisches Wunder. Aber meine Neugier war geweckt. Auf die Gefahr hin, dass mein Paket am Ende doch noch ordnungsgemäß frankiert werden müsste, kehrte ich um und fragte den jungen Mann am Schalter ganz direkt: „Sagen Sie mal… kennen Sie den gemeinten Ahmet überhaupt?“ Er schüttelte den Kopf und grinste: „Nein, woher denn? Ich ging einfach davon aus, dass er wie ich aus Kayseri kommt und eben Polizist ist. Reicht doch.“
In diesem Moment habe ich das System der anatolischen Hackordnung endgültig verstanden. Wäre ich ohne die schützende Referenz des völlig unbekannten Phantoms „Polizist Ahmet“ dorthin gegangen und hätte mich über irgendetwas beschwert, wäre sofort die magische Formel fällig gewesen. „Weißt du überhaupt, wer ich bin?“„Nein!“ „Ich kenne Erdoğan ganz gut!“
Das Schöne an der Geschichte ist: In der Türkei riskiert man auf der Verliererseite der Hackordnung lieber nichts. Man kuscht vorsichtshalber, denn wer weiß, ob der andere nicht doch den Schwager eines Abgeordneten kennt. Man akzeptiert die Rolle des Unterlegenen – aber nur in dieser einen Situation. Denn beim nächsten Mal, beim nächsten Verkehrsunfall oder beim nächsten Paket, ist man einfach schneller. Dann brüllt man selbst zuerst: „Weißt du überhaupt, wer ich bin?!“ Und schwupps – schon ist man wer. Zumindest bis zum nächsten Busbahnhof.

Nehmen Sie folgendes nicht persönlich Herr Dener, ich gehe auch nicht davon aus, dass Sie es tun werden. Die Tasse Kaffee für die Steilvorlage wartet schon. ;-) Welcher Türke hier welchen Politiker oder Polizisten kennt oder wer wessen „Schwager“ ist, interessiert mich einen absoluten Scheißdreck. Das einzige was mich interessiert, ist ob in Deutschland deutsche Gesetze gelten und durchgesetzt werden oder nicht. Und wenn jemand meint, dass diese für ihn nicht gelten weil in seinem Heimatland ja ganz andere gelten, dann gibt es Lack. Lack bis zum umfallen. Erdogan ist zwar nicht mein Kumpel, aber dafür ein paar andere sehr wichtige Leute in West wie Ost und ja, auch ganz besonders in Nahost. Und zwar alle mit teuren Sesseln in weltbekannten Büroräumen, die regelmäßig im TV zu sehen sind. Ich kann das überhaupt nicht leiden, wenn mir hier in Deutschland jemand auf meine Fußmatte scheißt, weil er dreisterweise meint, es wäre ja eigentlich seine. Wenn so etwas passiert, hat das Konsequenzen. Und zwar im Extremfall bis hin zum Bündnisfall. Wer es drauf anlegt, der soll es bekommen…
Ich schließe mich dem Kommentar von Gerhard Knodt an, denn auch ich verpasse keinen Artikel von Ahmet Dener . Seine Lebensgeschichten oder Weisheiten sind großartig!
„Ich kenne Erdoğan ganz gut!“ Das kommt wahrscheinlich auch noch aus dem osmanischen Reich. Wer da in der Gunst des Sultans stand, hatte auch automatisch Recht und brauchte keine weiteren Argumente. Jetzt verstehe ich die Türken etwas besser. Was ich niemals verstehen werde, ist das Paradox, wie sie Erdoğan und Atatürk unter einen Hut bekommen. Denn unter diesem Hut würde es wahrscheinlich ordentlich rappeln. Bei unserem örtlichen Türkenverein hängen Erdoğan und Atatürk nett nebeneinander und an die Wand sind die drei Halbmonde der türkischen Grauen Wölfe gemalt. Denke, man pickt sich einfach überall die Rosinen raus. Jetzt kann ich mir auch erklären, woher die Bezeichnung „Sultaninen“ kommt.
Ich kann mich meinem Vorredner Knodt nur anschliessen. Danke für Ihre Berichte! Sie bringen einem zum Schmunzeln, sind nie böswillig, sondern tragen immer zum gegenseitigen Verständnis der Kulturen bei bzw. zum Verständnis der türkischen Kultur. Genauso sollte man auch über die deutsche oder andere Kulturen, ihre Zwänge und Gepflogenheiten schmunzeln dürfen. Beides ohne gleich auf die jeweils andere Seite Rassismus zu unterstellen oder zu vermuten. Das Zusammenleben wäre wohl noch angenehmer und noch weniger von Missverständnissen geprägt. Vielen herzlichen Dank! Die Gleichmacher verhindern leider solchen Austausch, es sind ja nach deren Narrativ alle gleich oder sollen es sein. Jeder ist geprägt von unterschiedlichen Einflüssen. Zum Glück.
@Gerhard Knodt, Ihrem Urteil schließe ich mich an.
Bei Hern Dener gibt es immer was zum Schmunzeln oder Lachen; egal, wie trübe der Tag ansonsten auch (gewesen) sein mag.
Also: wenn ich die Achse generell verachten und schlecht finden würde, ich würde trotzdem alle Beiträge von Ahmet Refii Dener lesen. Die finde ich ausnahmslos interessant, kulturell erhellend, immer mit einem Schuss Humor. Lieber Herr Dener, Sie sind mein Lieblingsdeutscher türkischer Herkunft.