Steffen Meltzer, Gastautor / 06.09.2017 / 06:05 / Foto: Angeljijimon / 2 / Seite ausdrucken

Die Ängste der Eltern zum Schulanfang

Von Steffen Meltzer.

Alle Jahre wieder feiern wir die Schuleinführung unserer Kinder, so wie jetzt die meines Enkels in Dresden. Eltern fragen sich besorgt, wie verhält sich mein Kind, wenn es von einem fremden Erwachsenen angesprochen wird, geht es gar mit diesem mit? Immer wieder sorgen Fälle von verschwundenen, missbrauchten oder getöteten Kindern für Schlagzeilen und machen Angst.  Ist die Kinder-Welt gefährlicher geworden?

Bei Kindstötungen, Verletzungen, Missbrauch in den Familien haben wir im Gegensatz zu 1990 in der Kriminalstatistik zwar sinkende Zahlen. Aber das Risiko ist für Kinder trotzdem gestiegen, da es inzwischen deutlich weniger Kinder gibt. Die Jubelfeiern über sinkende Fallzahlen sind also sehr trügerisch. Hochrechnungen gehen davon aus, dass zwischen 1995 und 2010 das Risiko von Kindesmisshandlungen je nach Altersgruppeum 140-175 Prozent gestiegen ist (Michael Tsokos, Saskia Guddat: „Deutschland misshandelt seine Kinder“, Droemer-Verlag, S.30). Denn man muss auch die Geburtenanzahl pro Jahr berücksichtigen, die 2010 deutlich niedriger als 1990 lag. Nicht zu vergessen ist eine hohe Dunkelziffer unentdeckter Fälle. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, geht pro Jahr von 60.000 bis 100.000 Fällen aus, auf 18 Jahre hochgerechnet ergibt das 1 Million Straftaten. In Tschechien kann man ein Baby für 4000 Euro kaufen, diese Kinder, die nur für die sexuelle Ausbeutung großgezogen werden, existieren für kein Amt, für keine Behörde (siehe hier).

97 Prozent der entführten oder vermissten Kinder tauchen glücklicherweise wieder auf.  Unter den restlichen drei Prozent gibt es eine hohe Quote von  Kindesentziehungen bei Sorgerechtsstreitigkeiten. Nur ein  sehr geringer Anteil wird Opfer von (bekannten!) Verbrechen durch fremde Täter, wie der sechsjährige Elias und der vierjährige Flüchtlingskid Mohammed, die 2015 durch einen brandenburgischen Täter missbraucht und ermordet wurden.

Der 33-jährige  Brandenburger Silvio S. entführte Elias 2015 vor einem Potsdamer Wohnblock  und dem kleinen Mohammed, der sich mit im LAGeSo Berlin aufgehalten hatte. Anschließend ermordete er beide Kinder. Das Landgericht Potsdam verhängte lebenslange Haft und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Eine angeordnete Sicherungsverwahrung erfolgt nicht, eine Revision gegen das Urteil vor dem Bundesgerichtshof hatte jedoch Erfolg, sexuelle Motive und das völlige Fehlen menschlicher Mitgefühle seinen bei der Tat nicht genügend berücksichtigt worden.

Man kann eine hohe Dunkelziffer von Misshandlungen vermuten

Gerade diese Fälle rufen ein großes öffentliches Interesse hervor, währenddessen Tathandlungen an Kindern in Familien oft nicht entdeckt und verfolgt werden. Viel häufiger als der Fremde auf der Straße sind die Täter aber vertraute Menschen aus dem Umfeld des Kindes. Ein Großteil der Straftaten und Verbrechen gegenüber Kindern findet tatsächlich in den Familien statt. Die Dunkelziffer von körperlicher und psychischer Gewalt sowie Missbrauch wird als sehr hoch angenommen. Hier sind auch Nachbarn, Ärzte, Schule, Kindergarten und andere  Menschen gefragt, sehr aufmerksam und sensibel zu beobachten. Melden Sie diese Vorfälle umgehend der Polizei. Nicht nur dem oft völlig überlasteten Jugendamt. Es kommt leider immer wieder vor, dass Kinder förmlich unter den Augen des Jugendamtes und eingesetzten Betreuers sterben oder irreparable Schäden erleiden, weil die akute Gefährdung unterschätzt wurde. Das gleiche kann auch auf Pflegefamilien zutreffen.

Ein anderes Thema ist der plötzliche Kindstod von Säuglingen, der meistens zwischen dem zweiten und vierten Lebensmonat eintritt. Ein solcher Todesfall ist für Eltern äußerst tragisch. 1990 kamen durch diese Todesursache in Deutschland 1300 Kinder ums Leben, 2012 waren es noch 230. Hinter diesen Fällen kann sich ein Schütteltrauma oder der gewaltsame Erstickungstod verbergen. Die Dunkelziffer wird als sehr hoch geschätzt. Deshalb führte Bremen nach einigen Vorfällen in der Stadt, die Obduktionspflicht für unter sechsjährige Kinder ein.  Eine  deutsche Studie von 1999 geht nach Angaben der Bremer Gesundheitsbehörde davon aus, dass auf einen entdeckten Todesfall bei Kindern zwei unentdeckte kommen.

Das beinhaltet auch den plötzlichen Säuglingstod, da dieser auch durch die Gerichtsmedizin nur sehr schwer nachzuweisen ist und auch durch ein Schütteltrauma des Babys oder durch gewaltsamen Verschluss der Atemwege verursacht sein könnte. Bekannt geworden ist auch das sogenannte Münchhausen-by-proxy-Syndrom, das Mütter dazu bringt, ihre Kinder zu vergiften, zu verletzen oder zu töten, um eine verstärkte Zuwendung von Ärzten, Familie und sonstigem Umfeld zu erhalten. Man kann im Allgemeinen von einer sehr hohen Dunkelziffer seelischer und körperlicher Misshandlungen bei Kindern ausgehen.

Eine besondere Gefahr stellt das Internet dar. Hier gilt es, Kinder ganz klar auf mögliche Szenarien vorzubereiten. Kontakte zu unbekannten Personen sollten, wenn überhaupt, dort generell nur unter der Aufsicht der Eltern erfolgen. Die Möglichkeit gefakter Profile, hinter denen sich potentielle Täter verstecken, ist faktisch immer vorhanden. Aber natürlich steht nicht hinter jedem Erwachsenen, der freundlich zu Kindern ist, ein Mensch, der unstete Absichten hat. Das wäre viel zu weit hergeholt und eine Hysterie halte ich für unangebracht. Ein Kind, das eine sichere Bindung zu seinen Eltern hat, das Regeln kennt und einhalten kann, ist sehr gut gegen Übergriffe gewappnet.  Die Grundlage ist ein uneingeschränktes gegenseitiges Vertrauen zwischen Eltern und Kind.

Gestörte Eltern-Kind-Beziehungen durch die Kriegsfolgen

Mit der Flüchtlingskrise kam ein neues altes Thema auf uns zu, Kindesmisshandlungen durch Traumatisierungen der Eltern. In Deutschland ein lang verschwiegenes Thema, gestörte Eltern-Kind-Beziehungen durch die Kriegsfolgen. Durch den ersten und zweiten Weltkrieg traumatisierte Großeltern und Eltern, „vererben“ ihr Trauma an die eigenen Kinder. So können Flüchtlingskinder nicht nur durch Krieg und Flucht – sondern auch durch ihre gewalttätigen Eltern schwer traumatisiert sein. In einigen Ländern gehört die Züchtigung der Kinder zum Alltag. Traumafolgestörungen durch die Herkunftsfamilien, berichtet Therapeut Dr. Andreas Krüger (ab 44:00, Arte, „Vererbte Narben - Generationsübergreifende Traumafolgen“) . Ein Tabuthema bisher, dass erst ein deutscher Traumatherapeut medial bricht. Probleme sind erst dann abzustellen, wenn man diese klar benennt und nicht verschweigt.

Deutschland: Täter sind Senioren, Jugendliche, Männer, Frauen, andere Kinder, Reiche, Arme, Hoch- wie Minderbegabte. Manche führen ein Doppelleben, oft zeichnen sie ein geringes Selbstwertgefühl und mangelnde Empathie aus oder sie wurden selbst missbraucht. Wenn sich fremde Menschen dem Kind nähern, es ansprechen, Geschenke versprechen, versuchen, das Kind zu manipulieren, um es zu etwas zu überreden, gar anfassen, ist höchste Vorsicht angebracht. Das trifft übrigens auch auf den Bekanntenkreis der Familie zu. Man darf mit seinem Kind auch sehr einfühlsam über vermisste Kinder sprechen, gerade wenn es ein großes Medienecho auf aktuelle Fälle gibt.

In Brandenburg hatte ein 16-Jähriger  Flüchtling 2015 zwei Jungs im Alter von 9 und 11 Jahren in seiner Wohnung missbraucht. Der Haftrichter sah keinen Haftgrund. Der junge Mann wurde lediglich zu einer Verwarnung und Arbeitsauflage verurteilt. Ein Ergebnis war, dass sich gerade rechtsradikale  Gruppierungen und Parteien, sich dieses Themas angenommen haben. In Sachsen-Anhalt entführte ein 36-jähriger Pädophiler ein 12-jähriges Mädchen in einem Transporter, es gelang ihr sich durch einen Notruf auf sich aufmerksam zu machen. Der Polizei gelang es, den Kinderfänger dingfest zu machen. In Kiel hatte ein 30-Jähriger ein 7 Jahre altes Mädchen mit einer Puppe vom Spielplatz des Schulhofes in seine Wohnung gelockt. Dort vergewaltigte er das Kind. Auch dieser Täter konnte gestellt werden.

Der Anteil nichtangezeigter Straftaten darf als außerordentlich hoch angesehen  werden. Eine niedersächsische Dunkelfeldstudie des dortigen LKA ergab, dass lediglich 4 Prozent aller (Gesamt-) Sexualstraftaten der Polizei bekannt werden. Politiker, die gebetsmühlenartig wiederholen, dass das „subjektive Sicherheitsgefühl“ mit der Realität nichts zu tun hätte, können somit einem großem Irrtum aufsitzen oder vorsätzlich die Unwahrheit sagen. Die vergleichbar religiöse Anbetung statistischer Fallzahlen ist dagegen für mich lebensfremd. Kriminalstatistiken sind lediglich ein Arbeitsnachweis der Polizei, denn diese kann nur die Straftaten verfolgen, die ihnen bekannt gemacht werden. Deutschland verändert sich, die Schwachen der Gesellschaft sind die ersten Opfer, dazu zählen auch Kinder.

Steffen Meltzer ist Polizeibeamter, Trainer und Sachbuchautor. In seinem Buch So schützen Sie Ihr Kind! Polizeitrainer vermittelt Verhaltensrichtlinien zur Gewaltabwehr“  finden Sie eine detaillierte Anleitung, wie Sie Ihr Kind mit einfachen aber sehr effektiven Maßnahmen fit machen. Dabei helfen ein kurzer Text, Testverfahren in Tabellenform und hochwertige Grafiken.

Foto: Angeljijimon CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (2)
Wilfried Paffendorf / 06.09.2017

Nicht nur Betreuer und Jugendämter versagen manchmal (ich weiß ja nicht wie hoch die Versagensquote da ist) in Fällen bekannter Gewalt gegen Kinder. Ich habe eine Freundin, die als Zehnjährige regelmäßig von ihrem Onkel (väterlicherseits) sexuell missbraucht wurde. Als sich das Mädchen ihrer Mutter offenbarte, zuckte diese nur mit den Achseln und sagte, da könne sie nichts machen. Ungeheuerlich! An den Folgen leidet die Frau heute noch, selbst nach zehnjähriger stationärer psychiatrischer Behandlung. Die Tat wurde nie zur Anzeige gebracht, der Täter musste sich bis heute nicht für sein Verhalten verantworten. Mir stellt sich in dem Fall die Frage, ob ich gegen den Willen des heute 35 jährigen Opfers den Täter anzeigen darf oder soll oder sogar muss. Die Frau möchte das nicht. Das kann ich verstehen und ich respektiere ihren Wunsch. Sie hat das Ganze bis heute vor ihren Geschwistern und sonstigen Verwandten und der Umwelt sorgsam verbergen können. Die Scham, vom eigenen Onkel sexuell missbraucht worden zu sein, muss immens sein. Die einzigen, die Kenntnis von dem Missbrauch durch den Onkel haben sind ihre Mutter, ihr Arzt und ich. Der Vater ist inzwischen verstorben. Der Onkel läuft frei rum und erfreut sich seines Daseins. Als sie mir damals in einem langen Gespräch von der Untat und ihren Leiden berichtete, war ich zutiefst erschüttert. Sie bat mich aber, auf gar keinen Fall etwas gegen den Täter zu unternehmen. Ich frage mich, wie sittlich und psychisch verkommen man sein muss, um ein Kind sexuell zu missbrauchen, körperlich und seelisch schwer zu misshandeln oder gar zu töten?  Ich fasse es nicht.

Karl Eduard / 06.09.2017

Sehr geehrter Herr Meltzer, es gab einmal finstere Zeiten, so vor 1989, da mußten sich Eltern keine Sorgen machen. Zum Glück leben wir jetzt in einer Demokratie, in der eine Partei an der Regierungsgewalt teilhat, deren Gründer und zum Teil auch noch heutige Mitglieder, sich dafür stark machten Pädophilie zu legalisieren. Eine andere Partei hat eine Vorsitzende, die aus Angst vor schlechten Bildern, das Einströmen von Menschen ermöglicht, die eine ganz andere kulturelle Auffassung vom Kindeswohl verinnerlicht haben. Also, was sollen Eltern tun? Ihre Kinder sensibilisieren. Das ging auch früher schon mit: “Geht nicht mit Fremden mit!”

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