Henryk M. Broder / 23.02.2007 / 11:10 / 0 / Seite ausdrucken

Die Abenteuer des Rabbi Arye, Teil 2

Der letzte Jude, der im Jahre 1656 offiziell aus der jüdischen Gemeinschaft exgeschlossen, quasi exkommuniziert wurde, war der junge Baruch Spinoza.  351 später ist wieder ein “Cherem” gegen einen Juden ausgesprochen worden, diesmal nicht gegen einen Häretiker, sondern gegen einen Ultra-Super-Extra-Hyper-Orthodoxen: den “Oberrabbiner” Arye Moishe Friedmann der “antizionistischen Gemeinde” in Wien, deren Oberhaupt Friedman sein will - ein Häuptling ohne Stamm aber mit viel Chuzpe. Friedman in einem Atemzug mit Spinoza zu nennen, ist tragisch, der Rest der Geschichte ist allerdings komisch. Heute berichtet die österreichische Presse_Agentur APA über die Causa Friedman

Jüdische Gemeinschaft spricht einen Bann gegen Friedman aus
Rabbi offenbar auf offener Straße attackiert

Wien (APA) - Verständnis für den Verweis der Kinder von Moshe Ayre
Friedman von der jüdischen Talmud-Thora-Schule in Wien hat die
Israelitische Kultusgemeinde (IKG) gezeigt und erklärte, einer Klage
Friedmans gelassen entgegen zu sehen. Der Vater der Kinder würde “im
krassen Gegensatz” zu den von der Schule auferlegten Regeln leben; eine
Privatschule habe das Recht, dementsprechende Schritte einzuleiten,
sagteder Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, der
APA auf Anfrage. Friedman hat gegen den Schulverweis seiner Kinder geklagt.

Muzicant erklärte, die jüdische Gemeinschaft weltweit habe einen
Bann,einen so genannten “Cherem”, gegen Friedman ausgesprochen. Dies
bedeutet den sozialen Ausschluss aus der Gemeinschaft und wird verhängt, wenn
ein jüdisches Mitglied der Gemeinschaft einen Schaden für das Judentum
herbeigeführt hat.

“Die Eltern der Kinder, die an dieser Schule unterrichtet werden, sind
sehr religiös. Der Sabbat ist ihnen heilig, und wird der Verhaltenskodex
vom Elternhaus nicht eingehalten, erlaubt das Privatschulgesetz ein
Verfahren wie im vorliegenden Fall”, betonte Muzicant. Friedman soll am
für religiöse Juden heiligen Sabbat auf Demonstrationen aufgetreten
sein. Außerdem nahm er im vergangenen Dezember an der Konferenz zur
Holocaust-Leugnung in Teheran teil.

“Das ganze ‘Drumherum’ ist für die Schule nicht mehr akzeptabel. Man
schickt auch keine Kinder von Freidenkern auf eine
Ursulinen-Klosterschule”, erklärte der Generalsekretär der IKG,
Raimund Fastenbauer, der APA. “Besuche auf Holocaustleugner-Konferenzen und
Kontakte mit rechtsextremen Kreisen sind nicht tolerierbar.”

Die ganze Geschichte sei zudem komplizierter als in manchen Medien
dargestellt. Denn ein weiterer Grund für den Verweis sei, dass
Friedman seit Jahren das Schulgeld nicht bezahlt habe, so Fastenbauer weiter.
DieFrau des Rabbiners habe außerdem die Kinder schon einmal eigenhändig
aus der Schule geholt, nachdem Berichte über ihren Mann und seine
Teilnahme an der Holocaust-Konferenz erschienen waren. “Sie flüchtete gegen seinen
Willen mit den Kindern in die USA, worauf Friedman Anzeige erstattete.”
Friedman sei seiner Familie nachgeflogen und die Ehefrau habe sich
“weich kriegen lassen” mit ihm zurückzukehren, sagte Fastenbauer.

Friedman selbst erklärte, dies sei alles frei erfunden und die
Schulgebühren würden von der Stadt Wien subventioniert. Er wirft der
Kultusgemeinde vor, seine Kinder zu instrumentalisieren, da man gegen
ihn nicht vorgehen könne. “Anstatt die Kinder zu benutzen, um sich an mir
zu rächen, soll man sich für sie einsetzen”, so Friedman. So hingegen
nehme man ihnen die Möglichkeit, die Schule abzuschließen, da jede
jüdische Schule im Land sich nun weigert, seine Kinder aufzunehmen. “Meine
Kinder können aber auf keine öffentlichen Schulen gehen, da sie mit den
Grundsätzen unserer Religion nicht übereinstimmen.”

Auch die Feststellung, seine Frau sei mit den Kindern geflohen, sei
nicht wahr. Dabei habe es sich um einen Urlaub gehandelt und der Antrag, die
Kinder für die entsprechende Zeit aus der Schule zu nehmen, sei
eingebracht worden.

Der Rabbi gab außerdem an, am Donnerstag auf offener Straße von drei
Personen physisch attackiert worden zu sein. “Die Leute haben sich als
israelische Journalisten ausgegeben und mich in Richtung eines Autos
mit Salzburger Kennzeichen gedrängt.” Durch Hilferufe konnte er die
Polizei alarmieren, die anschließend die Daten einer Person aufgenommen
hätte. Laut Polizeipressestelle bestreitet der Beschuldigte den Vorfall und
beruft sich dabei auf einen Zeugen.

(SERVICE: http://www.israel-information.net/glossar/Cherem.htm )

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