Der Philosoph und Soziologe war der Star der Frankfurter Schule und ihrer Kritischen Theorie – auch und gerade deshalb, weil ihn kaum jemand verstand.
Adorno und cool? Wie passt das denn zusammen? Na ja, ich will mal so sagen: Der ganze Hype um die Frankfurter Schule war in erster Linie dieser prickelnden Aura geschuldet, die die Kritische Theorie und ihre Vertreter umgab und von der sich viele, die sich als intellektuell dünken wollten, anziehen ließen, wie die Motten vom Licht. Und natürlich war es damals auch unheimlich schick, links zu sein (was ja bis heute noch nachwirkt).
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule war aber auch wirklich erfrischend anders: irgendwie gegen den Strich gebürstet, subversiv, radikal, anti-, sexy... halt irgendwie cool.
Das individualistische und freiheitsliebende Denken der Frankfurter passte perfekt zum Zeitgeist der 60er Jahre, in denen eine junge Generation anfing, den alles durchdringenden Kommerz und die dadurch bedingte Entfremdung der Menschen von ihren ureigensten Bedürfnissen zu hinterfragen. Darüber hinaus lieferten die Autoritarismusstudien des Frankfurter Instituts für Sozialforschung plausible Antworten auf die brennenden Fragen, wie es zu Faschismus, Krieg und Holocaust kommen konnte. Da sah man auch über die hochgestochene Ausdrucksweise der Frankfurter hinweg, die ihre Schriften zwar schwer lesbar, dafür aber umso interessanter machte.
Hauptsache, das Feeling stimmte
Oder diente ihr nebulöser Duktus nur dazu, ihren Gedanken den Anschein einer Tiefe und Komplexität zu verleihen, die sie in Wirklichkeit gar nicht hatten? Intellektuelle Hochstapelei? Wie dem auch sei. Hauptsache war, dass das Feeling stimmte. Und niemand strahlte das mehr aus als Theodor W. Adorno (1903 - 1969). Er war der Star der Frankfurter Schule. Adorno war der Coolste. Vielleicht auch gerade deshalb, weil ihn kaum jemand verstand. Er konnte noch das verworrenste und vertrackteste Zeug verzapfen, und seine Jünger bekamen feuchte Augen, ob der (vermeintlichen) Genialität seiner geistigen Ergüsse.
Heute sind Adornos kapitalismuskritische und kulturpessimistische Thesen in vulgarisierter Verkürzung längst in den tonangebenden linkskulturellen Mainstream eingesickert. Indes ließen sich Begriffe wie „verwaltete Welt“, „Verblendungszusammenhang“, „falsches Bewusstsein“ oder – man höre und staune – „Linksfaschisten“ auch trefflich auf den aktuellen Zeitgeist mit all seinen wahnhaften Dogmen und Verabsolutierungen anwenden (wie auch auf die Kritische Theorie selbst!).
Insbesondere die Herrschafts- und Ideologiekritik der Frankfurter Schule könnte gerade in heutigen Zeiten potente Ansatzpunkte für eine kritische Gegenwartsanalyse liefern.
Symphonie des Denkens
„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ Dieser Satz, mit dem die „Dialektik der Aufklärung“ von Horkheimer und Adorno aus dem Jahr 1947 aufmacht, fällt noch immer runter wie ein Hammer. Philosophische Prosa in höchster Vollendung. Eine Symphonie des Denkens.
Diese Bezeichnung hätte Adorno bestimmt gefallen, da Musik in seinem Leben stets eine große Rolle gespielt hat. Er hat sogar selbst komponiert. Aber wahrscheinlich war die Musik für Adorno so etwas wie eine positiv gewendete Antithese in seiner dialektischen Weltsicht. Denn seine Philosophie war durch eine prinzipielle Negativität geprägt. Aber nicht im trivialen Sinne, sondern in erkenntnistheoretischer Absicht.
Adorno glaubte, dass die Tragödie des Menschen bereits in seinem Denken angelegt sei: einem funktional zurichtenden Machtdenken, das alles in der Welt zwangsläufig aus seiner universellen Einbettung herausreißt und in Begriffsgefängnisse einsperrt, um es beherrschbar zu machen. Deshalb könne der Mensch auch nie das Wahre und an sich Gute erkennen, sondern nur versuchen, durch Negation des Bestehenden, also durch Kritik der realen Verhältnisse, sich dem richtigen Leben anzunähern.
Grand Hotel Abgrund
Dieses düstere Menschenbild hat die Hauptvertreter der Frankfurter Schule jedoch nicht davon abgehalten, hochdotierte Professorenposten anzunehmen, weshalb sie von einigen ihrer Kritiker süffisant als Grand Hotel Abgrund belächelt wurden. Und wie es halt so geht, bleiben selbst von großen Denkern am Ende dann doch nur ein paar geflügelte Worte und Sinnsprüche für den Alltagsgebrauch übrig. Der Rest vergammelt früher oder später in irgendwelchen Archiven und harrt seiner Entsorgung. Und so lassen sich auch aus Adornos Schriften, Vorlesungen, Reden und Interviews einige Zitate entnehmen, die noch immer aktuell und aufregend kritisch klingen – einfach irgendwie cool.
Hier also meine persönliche Top 10, die sich vielleicht auch ein Stück weit wie ein roter Faden durch Adornos Kritische Theorie lesen lässt:
Platz 10: „Ich will ja gar nichts anderes, als dass die Welt so eingerichtet wird, dass die Menschen nicht ihre überflüssigen Anhängsel sind, sondern dass […] die Dinge um der Menschen Willen da sind und nicht die Menschen um der Dinge Willen, die sie noch dazu selbst gemacht haben.“
Platz 9: „Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt, und man darf wohl sagen seit Jahrtausenden, beruht nicht, wie […] unterstellt wurde, auf Anziehung, auf Attraktion, sondern auf der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen.“
Platz 8: „Was hat die Welt aus uns gemacht? Diese Stümpfe von Menschen. Also, diese Menschen, die eigentlich ihr Ich verloren haben. Die sind eben wirklich die Produkte der Welt, in der wir leben.“
Platz 7: „Unter einem mündigen Menschen verstehe ich […] einen Menschen, der sein Schicksal in der Realität real bestimmen kann. Und das bedeutet, eine Gestaltung, eine Einrichtung der Realität, so dass in ihr mündige Menschen leben können.“
Platz 6: Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind.“
Platz 5: „Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten.“
Platz 4: „Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den richtigen Menschen.“
Platz 3: „Das Publikum hat ein Recht darauf, nicht angeschmiert zu werden, auch wenn es darauf besteht, angeschmiert zu werden.“
Platz 2: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
Platz 1: „Was nützt einem die Gesundheit, wenn man ansonsten ein Idiot ist?“
Wie? Du hast noch nicht genug? Du willst mehr? Du willst noch eine Zugabe? Also gut. Einen hab ich noch:
„Das einzige, was man vielleicht sagen kann, ist, daß das richtige Leben heute in der Gestalt des Widerstands gegen die von dem fortgeschrittensten Bewusstsein durchschauten, kritisch aufgelösten Formen eines falschen Lebens bestünde.“ – Theodor W. Adorno
Hans Scheuerlein verarbeitet auf der Achse des Guten seit 2021 sein Erschrecken über die Tatsache, dass viele der Schallplatten, die den Soundtrack seines Lebens prägten, inzwischen ein halbes Jahrhundert alt geworden sind.
Beitragsbild: Vysotsky - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Man muss ihn lesen, um ihn zu verstehen.
Platz 11: Ist die Flasche halb leer, bin ich halb voll.
Frankfurter schule? So eine Art Nebenwirkung des Wohlstands? Die Sprüche sind überhaupt nicht cool, nicht zu vergleichen mit NVA-Witzen.
Adorno war ein Philosoph, Sozialpsychologe und Musikwissenschaftler. Nur meinen die Sozialpsychologen, als Sozialpsychologe und Faschismusforscher hat er zwar totalen Unsinn gemacht, doch er war ein großer Philosoph und Musiktheoretiker. Musikwissenschaftler und theoretisch denkende Musiker halten ihn dagegen für einen großen Philosophen und Sozialpsychologen; als Musiktheoretiker, sagen sie, war er eine ziemliche Null. Schließlich meinen die Philosophen, die Frankfurter Philosophie bestehe zwar leider aus vielen völlig unverständlichen Thesen, aber als Sozialpsychologe und Musikforscher sei Adorno großartig gewesen. Sic venit gloria mundis.
@Uwe Wilken – #Damals an der Uni habe ich auch nur „HÄÄ??“ gemacht, wenn sich „Frankfurter“ unterhalten haben.# Nochmal zurück bitte zu Platz/Satz 2.
„Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den richtigen Menschen.“: Richtige Menschen gibt es gar nicht – außer denen, die dies erkannt haben, wie Adorno. Du und ich sind eigentlich gar keine Menschen, sondern nur „Leute“. Diese Leute soll man nicht tolerieren sondern hassen. Und die, die Intoleranz und Hass predigen, also die richtigen, die eigentlichen Menschen, also die Adornos, soll man lieben. weil sie so sehr hassen. Und wer sich erfolgreich um seine eigenen Angelegenheiten kümmert und auch noch das Wohl anderer Leute im Blick hat und es wagt sich dazu öffentlich zu äußern, obwohl er gar kein richtiger Mensch ist, der Bürger also, ist ein ganz schlimmer, denn er liebt die Hasser nicht, was nicht toleriert werden darf. Oder?
„ Aber die vollends aufgeklärte Erde erstrahlt im Zeichen des Unheils “ ??? NEIN !!! Eine vollends aufgeklärete Erde würde im Zeichen der FREIHEIT erstrahlen !
Statt diesen kranken Adorno zu lesen, sollten sie besser mal Ludwig von Mieses, von Hayek oder auch Karl Popper lesen ! Ist besser für die geistige Gesundheit !