Was macht eigentlich ein Lied zum Schlager? Die Frage ist durchaus berechtigt, wenn man bedenkt, dass das Spektrum der als Schlager bezeichneten Musikstücke von Freddy Brecks „Rote Rosen“ und Roy Blacks „Ganz in Weiß“ über Roberto Blancos „Ein bißchen Spaß muss sein“ und Vicky Leandros' „Ich liebe das Leben“ bis hin zu Gunter Gabriels „Hey Boss, ich brauch' mehr Geld“ oder Ricky Shaynes „Ich sprenge alle Ketten“ reicht.
Von einem einheitlichen Musikstil oder gar einer Schlagerformel kann also überhaupt keine Rede sein. Woran liegt es also, dass ein bestimmtes Lied zum Schlager und ein anderes zum Rock- oder Popsong wird? Oder anders herum gefragt: Warum werden „Fiesta Mexicana“ von Rex Gildo wie auch „Schreib es mir in den Sand“ von Frank Schöbel beide dem Schlager-Genre zugerechnet? Obwohl die beiden Stücke stilistisch nicht unterschiedlicher sein könnten.
Während der Fall bei Ersterem klar ist, liegen die Dinge bei Zweiterem, das die deutsche Version des Liedes „Gyöngyhajú lány“ der ungarischen Progressive-Rockband Omega ist, ungleich komplizierter. Oder nehmen wir Daliah Lavis „Willst du mit mir gehn“ und Heinos „Karamba, Karacho, ein Whisky“. Zwei Lieder, die musikalisch rein gar nichts miteinander zu tun haben, aber beide als Schlager gelten. Wodurch wird also ein Schlager zum Schlager?
Die Bedeutung des Kontextes
Meine These lautet: Ob ein Lied als Schlager gilt, hängt nicht so sehr von Komposition und Stilrichtung ab, sondern vielmehr von kontextuellen Faktoren: Wie sehen die Interpreten aus? Was tragen sie für Kleidung, Frisuren, Accessoires etc., und wie gebaren sie sich? Und ganz wichtig: In welchem Rahmen und vor welchem Publikum findet die Darbietung statt? In aller Regel sind das spezielle Schlager-Formate oder irgendwelche seichten Unterhaltungssendungen.
Das Phänomen zeigt sich in ganz ähnlicher Weise auch in der amerikanischen Country-Musik. Dort ist inzwischen, neben stilechtem Country, alles Mögliche von Rock 'n' Roll bis Blues und Soul unterwegs. Aber solange die Interpreten Cowboyhüte und -hemden tragen und das Ganze in einem typischen Country & Western-Setting stattfindet, ist es Country. Die Zuordnung erfolgt also maßgeblich nach situationsästhetischen Gesichtspunkten und weniger nach musikalischen.
Und so kommt es auch, dass das Lied „Über sieben Brücken mußt du gehen“ nur durch die Adaption des als Schlagersänger gelabelten Peter Maffay Eingang ins Schlager-Repertoire gefunden hat. Das Original der DDR-Rockband Karat, deren Stil man am ehesten als Art- oder Progressive-Rock bezeichnen könnte, wird gemeinhin nicht dem Schlager-Genre zugeordnet, sondern gilt als (Ost-)Rock-Ballade.
Die besten Schlagerklassiker
Für die Bestimmung der Genre-Zugehörigkeit eines Musikstücks ist also weniger die Form an sich entscheidend, sondern vor allem das Image des Interpreten und die situative Rahmung der Darbietung. Diese Feststellung lässt sich auch auf andere Bereiche der Kunst übertragen: So konnten etwa Duchamps Urinal oder Joseph Beuys' Fettecke nur im Kontext eines Kunstmuseums als Kunstwerke aufgefasst werden.
So gesehen, ist Deutscher Schlager also keine Musikrichtung, sondern vielmehr ein ästhetischer Rahmen für ein Sammelsurium an zum Teil sehr unterschiedlichen musikalischen Formen und Stilen, die ihre Gemeinsamkeit in äußerlichen Faktoren finden, wie dem Aussehen und Auftreten der Interpreten sowie der Ausstattung des Auftrittsortes. Der ästhetische Kontext wird damit zum entscheidenden Definitionskriterium; musikalische Aspekte treten dahinter zurück.
Was nun meine Top Ten der Schlagerklassiker betrifft, so muss ich vorausschicken, dass mir die allermeisten Schlager ein Graus sind. Daher handelt es sich bei meiner Liste auch um keine Schlager im Dieter-Thomas-Heckschen Sinne, sondern eher um Pop-Schlager oder Schlager-Chansons, die gerne auch (unfreiwillig) komisch sein dürfen. Zudem habe ich mich bemüht, die gesamtdeutsche Schlagerszene zu berücksichtigen, was mir hoffentlich ansatzweise gelungen ist.
Platz 10: „Mr. Paul McCartney“ von Marianne Rosenberg
Platz 9: „Mädchen“ von Gerd Christian
Platz 8: „Rücksicht“ von Hoffmann & Hoffmann
Platz 7: „Du hast den Farbfilm vergessen“ von Nina Hagen
Platz 6: „Und es war Sommer“ von Peter Maffay
Platz 5: „Isabell“ von Muck
Platz 4: „Marmor Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher
Platz 3: „Wunder gibt es immer wieder“ von Katja Ebstein
Platz 2: „Mein erstes Mädchen“ von Gjon Delhusa
Platz 1: „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ von Udo Jürgens
Foto: DDR Schlagermagazon, Die DDR Opern- und Schlagersängerin Nina Hagen, 1970er Jahre.

Bei gut 70% aller Schlager findet sich schon ein gemeinsamer, stilistischer Nenner :
es ist der öde, stumpfsinnige und spannungslose Marschrhythmus, der die Zuhörer
dann in eine Art stumpfsinnigen Mittklatsch-Rausch versetzt, eine „sinnliche“ Partizipation
von Musik auf der primitivsten Ebene.
Ohne: Hello Again, Stimmen im Wind, Junge komm bald wieder, Es fährt ein Zug nach Nirgendwo (Wäre die perfekte Nationalhymne), Ich will nen Cowboy als Mann, Zwei kleine Italiener, Babysitter Boogie, Wir wollen niemals auseinander gehen, Ganz in Weiß, Der Junge mit der Mundharmonika, Mama, Ein Schiff wird kommen, Mamy Blue, Cindy, oh Cindy, Gute Nacht Freunde, Ein bißchen Frieden … und extra für meine Eltern: Tanze mit mir in den Morgen. Ich war nie ein Schlagerfan, ich hatte schon die Beatles, doch das ist gelebte Zeitgeschichte, die manchmal mehr berührt, als erwartet. Und ich kann jedes Lied komplett mitsingen. Erst dachte ich, Häh? Scheuerleins Let’s go crazy. Aber nein, wichtiges Thema, denn im Zeitalter von Radio und Musiktruhe in der Kneipe kannte alle Alles. Thank you for the memory. Bei Udo muss es Merci, Cherie sein, bei Marianne Rosenberg Marlene. PS. Wurde eigentlich Prince schon mal gewürdigt?
Schlager schmecken mir wie gezuckerte türkische Süßigkeiten.
Sie schmecken, wenn ich sie angeboten bekomme, aber sie schlagen mir bald auf den Magen. Ich kaufe niemals welche.
Ich kannte einen sympathischen jungen Türken der den ganzen Tag auf dem Sofa lag und sentimentale türkische Serien guckte, türkische Schlager hörte und türkische Süßigkeiten in sich stopfte.
Ich sah live zu wie er seine Lebenszeit vertat und zunahm. Er war genetisch bedingt beratungsresistent.
Ich weiß nicht was aus ihm geworden ist, wahrscheinlich ein fetter, netter Arbeitsloser.
Ich schätze Schlager wirken sich ähnlich auf das Gemüt aus wie türkische Süßigkeiten. Sie machen körperlich fett und geistig schlapp.
Das ist so ein Vorurteil meinerseits.
Nichts gegen Schlager, türkische Süßigkeiten, oder gar türkische Schlager. Aber nein Danke, nichts für mich.
Die fatale Wirkung türkischer Serien, türkischer Schlager, türkischer Süßigkeiten schwebt mir immer noch wie ein Menetekel vor den Augen.
Kann man so sehen. Schlager sind für mich deutsche oder eingedeutschte Musik bis Mitte der 70 er Jahre. Und da waren neben viel Schrott auch etliche Perlen dabei. Vor allem schmalzige. Geh nicht vorbei (Anders), Monja (Roland W.), Sha La La, I Love You (Flippers) nur als Beispiel. Wurden als Stehblues immer gerne genommen.
ES liegt daran , dass er einschlägt ( wie eine Bombe) , deshalb „ Schlager “ ! Ganz früher „ Gassenhauer “ !