Dichter und Schweißer – Eine Widerrede

Ich schreibe, wie Wolfram Ackner, ab und zu für die Achse, und ich wohne, wie er, in Leipzig. Und ich habe mir, wie Wolfram, die Dresdner Kontroverse zwischen Tellkamp und Grünbein angesehen und darüber nachgedacht und diskutiert, unter anderem auch mit ihm.

Aber im Unterschied zu ihm habe ich (von unten beschriebenen Ausnahmen abgesehen) keinen Beruf, in dem man am Ende des Arbeitstages mit ölverschmierten Händen und durchschwitzten Klamotten nach Hause kommt, und genau das ist mein Legitimationsproblem: ich leiste keine harte Arbeit in Wolframs Sinne. Daher habe ich mich, obwohl ich mit Sicherheit gar nicht gemeint war, von seinem Artikel „Wolfram Ackner, Schweißer, an Durs Grünbein, Dichter" unangenehm berührt gefühlt.

Und zwar aus einem sachlichen und einem biografischen Grund – genauso wie Wolfram, der seine Kritik an der Migrationspolitik der Bundesregierung und an Durs Grünbein, den er in die Nähe eines DDR-Regimekünstlers rückt, mit seiner Lebenserfahrung als ostdeutscher Facharbeiter begründet. Diese sieht er durch Grünbeins Äußerung diskreditiert, die Ostdeutschen seien nach der Wende ja auch in die (westdeutschen) Sozialsysteme eingewandert, und sollten sich nun mit den Syrern nicht so anstellen. 

Ein Schweißer, der einem solchen Staatsdichter heimleuchtet, kann eigentlich nur gewinnen: Ihn umgibt die Aura des Authentischen. Fragen eines lesenden Arbeiters. Elitenkritik von unten, aus der Mitte des malochenden Volkes. Und der Dichter? Der wird der unproduktiven, vom Staat durchalimentierten Nicht-Arbeit geziehen. Der Dichter kann eigentlich nur verlieren. 

Das ist, was mich stört, denn die Attacke auf den an der Staatstafel schmausenden Intellektuellen, dessen preisgekröntes Werk („gelinde gesagt... weltfremde Lyrik"), das ohne Regierungskohle nie entstanden wäre, in einem Aufwasch gleich mit erledigt wird, macht eine Kontroverse über eine Sachfrage zu einer moralisierenden Gegenüberstellung verdienter und weniger verdienter (und daher sprechberechtigter) Lebensstile und Berufe. 

Ich fühlte mich gleichzeitig überzeugt und befremdet

Ich sage das nicht, weil ich die harte physische Arbeit nicht kenne – eher andersherum: ich sage das, WEIL ich sie kenne. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich in einer Monteurs-Unterkunft in Sichtweite eines Kernkraftwerks, bei dessen Revision ich während der letzten Wochen zu Forschungszwecken auf einer Betriebsschicht mitgearbeitet habe. Ich mache diese Art Arbeit, „industrial anthropology", nun schon im fünften Jahr, hierzulande und in Osteuropa.

Heute Nacht hat meine Schicht unsere Anlage wieder angefahren und ans Netz gehängt. Das sagt sich so einfach dahin, aber in diesen paar Worten stecken dreieinhalbtausend Arbeitsaufträge, hunderte von Biografien wie die Wolframs, tausend Liter Schweiß und Tränen – und ein technischer Organismus, ein Schmuckstück der Ingenieurskunst, das in diesen Wochen einmal auseinandergenommen, wieder zusammengesetzt und dann zum Funktionieren gebracht wurde. 

Es leben hinter diesen dürren Worten Männer (und wenige Frauen), die, wochenlang von der Familie getrennt, in Monteursquartieren oder im Wohnmobil auf dem Kühlturm-Parkplatz hausen. Sie alle kennen die Wechselschichten, das hastige Essen zwischen den Arbeitseinsätzen, das nervtötende Warten auf Freischaltungen, das Arbeiten bis zur Erschöpfung in lauten, engen, heißen und strahlenden Räumen, den ständigen Durst im Kontrollbereich und die bleierne Müdigkeit, die einen beim Warten in den Loop-Treppenhäusern auf die Stufen zwingt, obwohl der Strahlenschutz das verboten hat. Sie kennen den hohen Krankenstand, der die Montagen in Verzug bringt, den Lohnfrust, die prekäre Leih- und Vertragsarbeit. 

Der bejubelte Aufschwung ist bei den einen nie angekommen, und bei den anderen, die es bislang gut getroffen hatten, bedroht der Atomausstieg nicht nur Job und Zukunft, sondern auch Stolz und soziale Identität. Ich habe auch dieses Jahr all die Ostdeutschen wiedergesehen, die auf den westdeutschen und ausländischen nuklearen Revisionsbaustellen schuften, ob als Pumpenmonteure, E-Techniker, Dekonter oder Armaturenschlosser. Oder jene ostdeutschen Ingenieure, die nach der Wende der Arbeit in den Westen nachzogen und den Osten hinter sich ließen. Arbeitsmigranten, sozusagen, wie sie auch Wolfram erwähnt.

Nach einer Nachtschicht, in der ich mich mit einem Entlüftungs- und Entleerungstrupp durch die nuklearen Sperrbereiche gearbeitet hatte, las ich Wolframs Text und fühlte mich gleichzeitig überzeugt und befremdet von seiner Botschaft. 

Tut es was zur Sache, wie Grünbein seine Brötchen verdient?

Überzeugt, weil der Text Sachen auf den Punkt bringt, die ich schon lange gefühlt, aber nie gesagt habe: Warum regt sich eigentlich die Regierung so über Leute auf, die sie anschreien, sie solle abtreten? Schließlich haben das zu ihren jungen Zeiten gut 50 Prozent der heutigen Politiker selbst so gehalten. Warum halten sie dann ihrer eigenen Infragestellung nicht stand und flüchten sich in Tabuzonen, über die nicht mehr diskutiert zu werden hat? Das ist mein d'accord. 

Doch nun mein Widerspruch. Denn wenn ich eines in unseren regierungskritischen Diskursen nicht diskutabel finde, dann ist es die dort um sich greifende Diskreditierung von Andersdenkenden nicht wegen ihrer Aussagen, sondern wegen ihrer Studien- und Berufswahl. Jeder, nicht nur der Merkel- und Migrationskritiker, ist ein Andersdenkender – nämlich immer in dem Moment, in dem er nicht auf ungeteilte Zustimmung trifft.

Hier eine Zitaten-Auswahl aus meinen Streifzügen durch das heitere Beruferaten einiger meiner Facebook-Freunde, die ich immer schwerer erträglich finde: Blablawissenschaftler. Staatskünstler. Sozialwirtschafts-Schranzen. Nudgers und Nannies. Soziologen (was als Schimpfwort gemeint ist). Lehrerinnen (dito). Leute, die „in Physik am Fenster saßen", und die nur gelernt hätten, „ihren Namen tanzen zu können". Oder, noch schlimmer, Studienabbrecher, die dann was anderes geworden sind als vorgesehen – zum Beispiel Politiker. Ich habe noch nie erlebt, dass ein AfD-Politiker wegen seines Berufs in Verruf gebracht worden wäre. Oder dass der Beruf des Schweißers verächtlich gemacht worden wäre. Oder der des Elektrikers. Obwohl mir die E-Seite meiner Kernkraftwerker-Schicht so viele gute Witze über faule Elektriker beigebracht hat. 

Durs Grünbein, so Wolfram sinngemäß, habe auch nichts Anständiges gelernt, liege dabei dem Steuerzahler auf der Tasche und belehre dann die Andersdenkenden. Ich erwidere: Tut es was zur Sache, wie Grünbein seine Brötchen verdient? Er sollte an seinen Worten gemessen werden, und nicht an seinem Beruf. Seine Aussagen waren Unsinn – doch hatten sie einen wahren Kern. Tatsächlich kamen zehntausende DDR-Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Westen erstmal in den Genuss von Sozialleistungen. Doch anders als den heutigen Flüchtlingen wurde ihnen nicht untersagt, Arbeit aufzunehmen. 

Nach der Wiedervereinigung wanderte dann das westdeutsche, insbesondere Schrödersche, Sozialsystem in Form von Hartz IV in den Osten ein und wurde den dortigen Deutschen qua Deindustrialisierung und Entwertung ostdeutscher Lebensläufe übergestülpt; genausowenig ein Grund, sie als Zuwendungsempfänger ohne Gegenleistung zu diffamieren.

Der älteste Migrationsgrund der Menschheitsgeschichte

Es ist eben diese diffamierende Grundaussage der „Zuwanderung in die Sozialsysteme" als solche, welche die Ostdeutschen gegen Grünbein aufbringt. Wer sich darüber erregt, sollte aber nicht unerwähnt lassen, dass dieser Vorwurf, den sich ja auch Uwe Tellkamp mit Blick auf Ausländer zu eigen machte, ursprünglich aus der Migrationskritik von rechts stammt. Hier dient er zur Delegitimierung von Fluchtgründen. 

Was im Falle der DDR-Flüchtenden für ein legitimes und ehrenwertes Motiv gehalten wird, nämlich der Wille, aus der Misere und Gängelung in der eigenen Heimat zu entkommen, damit es die Kinder einmal besser haben – dieser älteste Migrationsgrund der Menschheitsgeschichte, der häufig auch die Triebkraft der Weltgeschichte war, wird Menschen, die man aus anderen Gründen für unerwünscht hält, nämlich gar nicht zugestanden. Für sie gilt allein, dass sie es sich in der deutschen Sozialhängematte bequem machen wollten. So wie der Staatskünstler Grünbein. Doch der Grünbein drehte diesen Spieß um und rotzte dem Tellkamp ins Gesicht: „selber einer!" Das ist ohne Zweifel unwahr – aber der Giftspieß, den Grünbein da umdrehte, wurde zuerst von Pegida und AfD zurechtgeschnitzt.

Dass Arbeitsmigranten, die einer besseren Zukunft hinterherwandern, hierzulande den Asylparagraphen zur Einreise missbrauchen, ist letztlich nicht ihnen anzulasten – sie versuchen lediglich, eine Chance zu nutzen, die sich ihnen bietet. Die Misere geht vielmehr auf das Fehlen eines Einwanderungsrechts zurück, mit dessen Hilfe das aufnehmende Land selbst bestimmt, wen es bei sich aufnimmt. 

Dieser Missstand muss und kann behoben werden – zwar im politischen Streit, aber ohne das vergiftete Argument des wahlweise linksgrünen, migrantischen oder biodeutschen Sozialschmarotzertums. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass in diesem Land Dichter und Schweißer einfach auf der Grundlage gegenseitigen Respekts über die Lösungen diskutieren können. 

Zu diesem gegenseitigen Respekt gehört aber auch die Erkenntnis, dass sich der Wert einer Arbeit nicht unbedingt in ihrer „Wertschöpfung" für ein Unternehmen erschöpft, oder dass er daran erkennbar ist, dass der Arbeitende Schwielen an den Händen hat. Wer je Kinder betreut und unterrichtet hat, wer je einen wissenschaftlichen Fachartikel in monatelanger Kleinarbeit publizierte, oder wer je ein gutes Gedicht geschrieben hat, wird verstehen, was ich meine.

Hochachtung vor harter Arbeit kann sich aufs kunstvolle Montieren einer Rohrleitung beziehen – zum Beispiel in einem Kernkraftwerk. Aber auch ein Gedicht zu schreiben kann Schwerarbeit sein – und mies oder gar nicht bezahlt sein. Ob die Lyrik jedermanns Sache ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir wollen ja auch kein Literaturkränzchen gründen.

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Rüdiger Hoffmann / 23.03.2018

Sehr geehrte Frau Wendland, das ist das Schöne an einem Medium wie ” Die Achse des Guten”, dass jeder seine Meinung frei äußern kann, ob Gastautor oder Kommentator. Dies war, wie Sie ja wissen, in der DDR nicht ganz so möglich. Da Sie 1966 geboren wurden, mithin zum Mauerfall 23 Jahre alt waren und vermutlich zu dieser Zeit in Köln studiert haben, finde ich Ihren folgenden Vergleich völlig daneben: “Tatsächlich kamen zehntausende DDR-Flüchtlinge ... “ Wir standen Anfang der 80iger Jahre in der DDR vor der Frage, ob wir unsere Kinder zu Heuchlern oder aufrechten Menschen erziehen wollten. Ersteres war gegen unsere Grundüberzeugungen und letzteres hätte von vorn herein die Bildungschancen unserer Kinder zunichte gemacht. Wir haben also unter dem Motto : “Wir können nichts ändern, außer unserem Leben” einen Ausreiseantrag gestellt. Was darauf folgte will ich nicht weiter erläutern, dürfte hinlänglich bekannt sein. 1985 hatten wir es geschafft und durften den real existierenden Sozialismus verlassen. Anders als die heutigen sogenannten Flüchtlinge brauchten wir unseren Pass nicht wegwerfen, wir hatten gar keinen mehr, nur ein ID- Kärtchen. Entgegen heutiger Gepflogenheiten wurden wir 2 Tage durchleuchtet, in alle Richtungen und von mehreren Geheimdiensten, incl. den Amis. Und ja, wir haben Sozialleistungen erhalten, dafür sind wir heute noch dankbar. Und ja, wir durften arbeiten, nach einem monatelangen Anerkennungsprozedere unserer Hochschulabschlüsse, dann auch in unserem Beruf. Wir haben uns dann sozusagen blitzintegriert( im Gegensatz zu blitzradikalisiert), da physikalische Gesetze universell sind und die Sprache kein Hinderniss darstellte, vorbehaltlich gewisser Dialekte. Der größte Unterschied zu den heutigen “Flüchtlingen” allerdings ist die Tatsache, dass das Grundgesetz schon für jeden Deutschen galt und gilt, ob Ost oder West.

annett böhme / 23.03.2018

ich habe herrn ackners artikel so verstanden, dass er durs grünbeins recht zonen prolls zu beleidigen- und uns einwanderung in die westdeutschen sozialsysteme zu unterstellen ist eine beleidigung- bestreitet .wer auf steuerzahlers, unsere kosten lebt sollte uns nicht beleidigen. davon unberührt ist das recht sich zu politischen dingen zu äussern.

R Grossmann / 23.03.2018

Dr. Anna Veronika Wendland erforscht Geschichte und Gegenwart der Kerntechnik und der Reaktorsicherheit. Im Rahmen dieser Tätigkeit schnuppert sie von Zeit zu Zeit an den Arbeitsbedingungen, denen die Malocher in Kernkraftwerken ausgesetzt sind und scheint sich schon fast als einer der ihren zu fühlen. Zumal sie mit ihnen herzhaft schmunzeln muss, wenn gemeinsam mit ihrer Kernkraftwerker-Schicht während des Verzehrs der Frühstücksstulle viele gute Witze über faule Elektriker erzählt werden. Jetzt muss sie einem Dichter, der von einem Schweißer kritisiert wurde, heldenhaft zur Seite springen. Dichter Grünbein meinte wohl als Dichter etwas Wahres, Schönes, Gutes beitragen zu müssen, um den Schriftsteller Tellkamp auf der Buchmesse, im Verbund mit Tellkamps Verlag und der literaturliebenden Antifa, sozial zu lynchen. Frau Wendland meint, die Aussagen des Dichters seien zwar Unsinn – doch hätten sie einen wahren Kern. Dichter Grünbein doziert nämlich, die Ostdeutschen sind nach der Wende in die (westdeutschen) Sozialsysteme eingewandert und sollten sich nun mit den Syrern nicht so anstellen. Schließlich sei es legitim und ehrenwert der Misere in der eigenen Heimat zu entkommen, damit es die Kinder einmal besser haben. Die Unterstellung einer „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ sei aber eine Migrationskritik die von rechts, also Gottseibeiuns, von Pegida und AfD stammt. Damit hat sich ja wohl dieser Vorwurf von selbst diskreditiert. Fazit: ostdeutschen Bürgern nach der Wiedervereinigung zu erlauben, es sich in der deutschen sozialen Hängematte bequem zu machen und dies den mutmaßlichen Syrern zu verwehren, geht ja wohl gar nicht. Omg!

Eckhard Fischer / 23.03.2018

Geschätzte Frau Wendland, endlich ein Artikel, der zum Diskurs anregt. Dafür großen Respekt! Denn, so man die ersten Lesermeinungen beleuchtet, fühlen sich nicht wenige arg getroffen von Ihrem Aufsatz. Dem kann ich mich nicht anschließen. Ich habe das alles ein wenig anders verstanden… Karl Valentin (Zitat): „Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit.“ Beste Grüße E. Fischer

Dietmar Preuß / 23.03.2018

Frau Wendland schreibt: „Und der Dichter? Der wird der unproduktiven, vom Staat durchalimentierten Nicht-Arbeit geziehen. Der Dichter kann eigentlich nur verlieren.“ Ja, zumindest im Zweifel und ein Stück weit. Denn wer weitgehend alimentiert lebt und sich dann von seinem Elfenbeinturm herab mit elitärem, über Andersdenkende sich erhebendem Dünkel, über falsche Zahlen oder falsche Haltung mokiert, seien es nun 95 oder 90 Prozent, sei mal dahingestellt, sollte damit rechnen. Es tut halt doch etwas zur Sachen, wie Herr Grünbein seine Brötchen verdient, ob als Gast vieler öffentlich geförderter Einrichtungen, Mitglied zahlreicher Kunstakademien, Lehrauftrag ohne akademischen Titel und von jährlich verliehenen Preisen,  andere auch gern als Artist in Residence, denn auch daraus resultiert seine Haltung. Staatlich Alimentierte befürworten gern weitere Alimentierungen. So werden immer weitere Posten für Sozialpädagogen, Medienschaffende, Gender- und Politikwissenschaftler geschaffen oder für Ungelernte und Studienabbrecher, deren Anzahl gerade bei Grünen und Linken signifikant ist und die die Deutungshoheit über alle Bereiche, selbst naturwissenschaftliche Themen, beanspruchen. Der Unterschied zwischen den beigetreten worden seienden Ostdeutschen und den neuen Wirtschaftsmigranten, den die Autorin nicht sehen will oder kann, liegt, auch wenn es bei den Ostdeutschen hinreichend Ausnahmen gibt, in der hier von vorn herein gegebenen Kompatibilität von Qualifikation und Arbeitsethik zum herrschenden Wirtschaftssystems, und bei den anderen halt zumeist nicht. Und ob ein Gedicht gut ist liegt sowohl in der Meinung der vom Feuilleton lebenden Kritiker als auch, und dies oftmals gegensätzlich gesehen, im Fühlen der Rezipienten, die dann gegebenenfalls dafür bezahlen. Interessant wäre bei den zahlreichen Veröffentlichungen Grünbeins zu erfahren, wieviel Exemplare verkauft wurden und dies geteilt durch 29 Jahre und durch 12 Monate.

Martin Landvoigt / 23.03.2018

Ich begrüße es, wenn Themen differenziert diskutiert werden und man sich nicht als eine Gruppierung versteht, denen man sich einander immer die Rechtgläubigkeit zusichert. In diesem Sinn ist der Artikel von Dr.  Anna Veronika Wendland wichtig und des Applauses würdig. In der Tat ist es ein mögliches, vielleicht sogar gewolltes Missverständnis von Wolfram Ackner, dass er den Beruf von Durs Grünbein und die Motive der Migranten denunziert. Dies kann als ad hominem Attacke verstanden werden. Aber ist damit schon dies Kritik entlarft und invalide? In der Tat kann der Zusammenhang zwischen einen alimentierenden Kulturbetrieb und der vertretenen Position vermutet werden: ‘Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing’ ?! Dann ist der Umstand der Äußerung sehr wohl ein Argument, ob nun berechtigt oder nicht. Ein Lobbyist in eigener Sache. Und damit ist es eben durchaus diskussionsfähig. Ich bin davon überzeugt, dass es unter den Migranten viele gibt, die gerne auch für ihren Lebensunterhalt aufkommen wollen. Diese werden von den hiesigen Regularien ausgebremst und erhalten ein Intensivtraining im Nichtstun - die Schuld dafür liegt mitunter nicht bei jenen, aber der Sachverhalt besteht. Andere mögen nie das im Sinn gehabt haben, was man hierzulande unter Anstand versteht.  Wenn Frau Wendland nun kritisiert, dass Personengruppen pauschal verunglimpft werden, dann hat sie damit oft nicht ganz unrecht. Aber zum Anderen richtet sich die Wut der Wutbürger häufig nicht auf jene Unschuldigen, sondern auf die Verantwortlichen der Misere. Und darum ist auch die Polemik von Wolfram Ackner berechtigt. Aber, so könnte man hinzufügen: Ein wenig mehr Trennschärfe in der Rede vermeidet das Missverständnis.

Andreas Dreier / 23.03.2018

Herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Sie artikulieren ein leichtes Unbehagen, daß mich ebenfalls beim Lesen des Artikels von Herrn Ackner befallen hatte. Ich denke, man sollte wirklich sachliche Argumente austauschen, statt sich von Vorurteilen leiten zu lassen. @ Judith Hirsch: Ich kann nicht erkennen, daß “geistige Arbeit” an unserer Lage schuld sein sollte - Eher das Gegenteil: Es fehlt in meinen Augen seit langer Zeit eine inhaltliche Auseinandersetzung um die Vorstellung in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Das ist in hohem Masse “geistige Arbeit”

Hans Roeder / 23.03.2018

@ Wieland Schmied: Ich finde es bedauerlich, dass die Achse einen Leserkommentar freigibt, in dem der eigene Autor Wolfram Ackner implizit als dreister Dummer beschrieben wird. Das ist er bestimmt nicht. Und es ist auch meilenweit unter dem Niveau des vorliegenden Austauschs.

Christine Winter / 23.03.2018

Ich gebe die Hoffnung auch nicht auf, dass in diesem Land Dichter und Schweißer einfach auf der Grundlage gegenseitigen Respekts über die Lösungen diskutieren können. Warum keine Widerrede, warum kein unangenehmes berührt Fühlen, ob der diffamierenden Aussage und des Unsinns eines Herrn Grünbein?

Frank Pressler / 23.03.2018

„Tut es was zur Sache, wie Grünbein seine Brötchen verdient? Er sollte an seinen Worten gemessen werden, und nicht an seinem Beruf.“ Ach, Frau Wendland, wie heißt es doch schon in Matthäus 23, 4 f. gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer: „Sie binden schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern; aber sie selbst wollen keinen Finger dafür rühren. Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden.“ Vielleicht scheint es halt eben doch sehr oft einen Zusammenhang zwischen bestimmten Berufsgruppen (Schriftgelehrten wie z.B. Blablawissenschaftlern, Staatskünstlern, Soziologen etc.) und recht unangenehmen Verhaltensweisen zu geben.

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