Henryk M. Broder / 10.09.2011 / 17:09 / 0 / Seite ausdrucken

Dichter und Rechner

Deutsche sind stolz auf ihre “Streitkultur”, dennoch ist Deutschland eine Konsensgesellschaft. Man ist sich einig, dass es zum Atomausstieg und zur Euro-Rettung “keine Alternative” gibt, dass man den Müll in seine Bestandteile trennen muss und dass Bio-Kost gesünder als normales Essen ist, obwohl die EHEC-Epidemie soeben 50 Menschen das Leben gekostet und Hunderte nachhaltig geschädigt hat. Zu den Selbstverständlichkeiten, die nicht in Frage gestellt werden, gehört auch die, dass Günter Grass erstens ein großer Dichter, sozusagen der Thomas Mann unserer Tage, und zweitens ein politischer Denker ist, auf dessen Urteil es ankommt. Das erste Missverständnis wurde mit der Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 befördert, das zweite ist schon etwas älter: Mitte der 60er Jahre rief Grass das “Wahlkontor deutscher Schriftsteller” ins Leben und gab den Deutschen den Rat,  “Es-Pe-De zu wählen”.

Seitdem ist er so etwas wie eine moralisch-politische Instanz, “das Gewissen der Nation”, woran sich auch nichts geändert hat, seit bekannt wurde, dass er als 17jähriger ein kurzes Gastspiel bei der Waffen-SS gegeben hat, was ihm, dem ewigen Mahner und Erinnerer, erst mit 60jähriger Verspätung einfiel.

Nun hat Grass, der inzwischen arg in die Jahre gekommen ist, einer israelischen Zeitung ein Interview gegeben, in dem er u.a. sagte: “Von den acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert.” Um nicht missverstanden zu werden, fügte er hinzu: “Ich sage das nicht, um das Gewicht des Judenmordes klein zu reden, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen.”

Es war eine Klarstellung von der Art, wie man sie in Wien als “Verschlimmbesserung” bezeichnet. Erstens sind nicht “sechs Millionen” deutsche Soldaten “liquidiert” worden, etwa eine Million hat die Kriegsgefangenschaft nicht überlebt, zweitens tut Grass genau das, was er bestreitet: Er verrechnet die sechs Millionen endgelösten Juden mit den herbeiphantasierten “sechs Millionen” liquidierten deutschen Soldaten.  Es steht quasi 1 zu 1 auf dem Spielplatz der Geschichte. Und morgen geht es in die Verlängerung.

Die Weltwoche, 8.9.11

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