Uwe Knop, Gastautor / 01.01.2020 / 14:00 / Foto: Frantisek Dostal / 11 / Seite ausdrucken

Diäten und Detox – das sind keine guten Vorsätze!

Auch wenn zu Jahresbeginn auf dem Zettel-der-guten-Vorsätze häufig "Abspecken & Entgiften" steht - fallen Sie nicht auf Diäten & Detox rein! Denn inzwischen sollte es eigentlich jede(r) wissen: Detox ist die reine Abzocke. Mehr muss dazu nicht gesagt werden. Und Diäten machen nicht schlank, sondern langfristig dicker. Denn Abspeckkuren führen dazu, dass unser Körper seinen Energiehaushalt auf Sparflamme schaltet und sich nach der Diät die verlorenen Kilos wieder zurückholt – plus Sicherheitszuschlag, um gegen die kommende „Hungersnot“ gewappnet zu sein. Das ist der bekannte JoJo-Effekt. Diese Erkenntnisse sind längst kein konspiratives Geheimwissen mehr, sondern wissenschaftlicher Konsens, der immer wieder in der Öffentlichkeit betont wird.

So hatte Ende 2012 eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) bestätigt, was die Wissenschaft weiß, die Diätindustrie aber gerne verschweigt: 73 Prozent der diäterprobten Frauen waren nur ein Jahr nach der Diät entweder schwerer oder genauso schwer wie vor der Hungerkur. Diese repräsentative Frauenbefragung stützt die Erkenntnis zahlreicher internationaler und deutscher Wissenschaftler. Beispielsweise konstatieren die beiden Schweizer Ernährungswissenschaftler Dulloo und Montani der Universität Fribourg in der Süddeutschen Zeitung im November 2016: „Nach spätestens einem Jahr hat man ein bis zwei Drittel des ursprünglich verlorenen Gewichts wieder auf den Rippen, nach fünf Jahren den Rest." Ein Drittel der Menschen, die abnehmen wollen, treffe es besonders schwer: Sie wiegen hinterher sogar mehr als zu Beginn ihrer Diät.

Dem entspricht die Feststellung des ehemaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), Professor Helmut Heseker: „Wir wissen, dass 80 bis 90 Prozent aller Gewichtsreduktionsprogramme keinen Erfolg bringen.“ Ganz im Gegenteil: „Oft sind die Teilnehmer am Ende sogar schwerer als vorher“, erklärte Heseker bereits Anfang 2012 der Welt. Und Professor Andreas Pfeiffer von der Charité Berlin und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) bekräftigte diese Erkenntnis 2013 im Focus: „90 Prozent nehmen nach Ende der Diät wieder zu.“

Noch weitaus krassere Ergebnisse lieferte eine große Übersichtsstudie Mitte 2015 im American Journal of Public Health: Die Forscher analysierten die Daten von 77.000 fettleibigen Frauen und 100.000 adipösen Männern, die mittels diverser Abnehmprogramme Gewicht reduzieren wollten. Ein paar Jahre nach der Diät sah die Erfolgsbilanz mehr als dürftig aus: Nur 0,8 Prozent der Frauen erreichten Normalgewicht; bei den Männern lag die Quote gar unter einem halben Prozent (0,47 Prozent). Auch diese Autoren schlussfolgern, dass gängige Abnehmeprogramme und Diäten unwirksam sind.

Der "perfekte Stoffwechselsturm"

Interessant sind in diesem Kontext die Klarstellungen von Forschern in einem „Scientific Statement“ aus 2017 im Fachmagazin „Endocrine Reviews“ zur Entwicklung von Fettleibigkeit: „Durch Diäten reduziertes Körpergewicht – niedriger als das biologisch verteidigte Level – führt zu verstärktem Hungergefühl und erzeugt den ´perfekten Stoffwechselsturm`, damit der Körper sein biologische Wunschgewicht zurückgewinnen kann … dies sollte sowohl von Patienten als auch Ärzten als körperlich normale Reaktion auf Diäten erwartet werden.“

Ergo: Ob 5:2, 6:1, 4.5:3.5, Schlank im Schlaf, Steinzeitdiät, Low-Carb, No-Carb oder wie auch immer sie alle heißen – für alle Trends gilt das Gleiche: Keine Diät macht langfristig schlank, weil kaum jemand die reduzierte Kost lebenslang durchhält. Nach der Diät wird wieder normal gegessen und das Urgewicht kommt zurück. Doch dabei werden die Ex-Diätler nicht nur wieder schwerer, sondern meistens auch fetter – denn während der Diät baut der Körper auch Muskelmasse ab, bei der JoJo-Kilo-Rückholaktion hingegen wird meist nur Fett eingelagert. Dabei ist es einer 2014er-Studie im Fachmagazin Lancet zufolge egal, ob man in 36 Wochen langsam abgenommen oder in 12 Turbo-Wochen die gleiche Anzahl Kilos abgespeckt hat: das Gros der Kilos kommt bei allen Ex-Diätlern mit „fettem Sicherheitsaufschlag“ zurück, wie kurz danach eine Übersichtsarbeit der University of Montreal zeigen konnte, die Atkins, South Beach, Weight Watchers und weitere kommerzielle Diäten verglich: Der überschaubare Gewichtsverlust im Diätjahr war vergleichbar, aber nach zwei Jahren wogen die Studienteilnehmer entweder genauso viel wie vorher oder waren sogar schwerer. Ende 2014 komplettierte eine weitere Übersichtsstudie im medizinischen Fachmedium Circulation diese Erkenntnisse: Egal ob kohlenhydratarm, wenig Fett oder Eiweiß - Diäten helfen Dicken nicht beim langfristigen Abnehmen.

Fakt ist: Alle Diäten wirken über ein und dasselbe Prinzip: die negative Energiebilanz, also weniger Kalorien aufzunehmen als zu verbrauchen. Das zwingt den Körper an die Reserven, damit er seinen Stoffwechsel aufrechterhalten kann. Zahlreiche Wissenschaftler betonen immer wieder, dass die Art der Diät völlig egal ist. Und genau das hatte Mitte 2014 die Deutsche Adipositas-Gesellschaft in ihren Leitlinien nochmals klar gestellt: „Bei einer Diät spielt die Zusammensetzung aus Kohlenhydraten, Fett und Eiweiß kaum eine Rolle, entscheidend ist nur die Gesamtkalorienzahl.“ Mit welcher Methode der Energiemangel zustande komme, sei unerheblich. Zu einem vergleichbaren Fazit kam kurz danach eine der bis dato größten Analysen, publiziert im weltweit renommierten Medizinjournal JAMA: Die Auswertung von etwa 50 Studien ergab keinen Unterschied zwischen unterschiedlichen Diätformen.

Die negative Energiebilanz ist also das Geheimnis jeder noch so geheimnisvollen Diät. Das bedeutet im Umkehrschluss: Die pseudowissenschaftlichen Stories rund um die jeweiligen Trenddiäten sind nicht mehr als verkaufsfördernde Fantasien findiger Verkaufsgenies. „5 Tage schlemmen, 2 Tage fasten“, „Abends keine Kohlenhydrate“, „Vegan essen“, „HCG-Hormone spritzen“, „Gen- und Bluttests machen“ – egal was abnehmwilligen Frauen (fast 90 Prozent der Diätler sind weiblich) aufgetischt wird: Jedes Jahr aufs Neue wird mit der neuen Trenddiät mit den Hoffnungen vieler enttäuschter Frauen gespielt, die schon x-Diäten ausprobiert haben - stets erfolglos.

Versagen als Geschäftsmodell

Um es noch einmal klar zu sagen: Es gibt keine Diät, die dauerhaft schlank macht. Und das ist nachvollziehbar, denn sonst gäbe es nicht alle Jahre wieder einen neuen Diät-Hype. Das wiederum freut die Diätindustrie, übrigens der einzige Wirtschaftszweig, der Milliarden umsetzt, weil seine Produkte nicht wirken; weil sie nicht halten, was sie versprechen. Aber genau mit diesem paradoxen Geschäftsmodell erhält sich die Abspeckbranche ihre – im doppelten Sinne – wachsende Zielgruppe. „Würde das Produkt funktionieren, es wäre damit kein Geschäft zu machen“, offenbarte der ehemalige Finanzdirektor von Weight Watchers in der BBC-Dokumentation „Die Schlankmacher“ von 2014. In diesem sehenswerten TV-Zweiteiler werden auch andere Diät-Anbieter interviewt, die dabei freimütig einräumen: Natürlich funktioniere das nicht so leicht mit dem Abnehmen – aber das sei ja gerade das Tolle – aus ihrer Sicht.

Die Ursache dafür liegt übrigens in unserem Erbgut: Forschungen deuten darauf hin, dass unser Körpergewicht zwischen 70 und 80 Prozent von unseren Genen bestimmt wird. Dementsprechend gaben US-Forscher des Columbia University Medical Center in New York im Februar 2015 in einer Lancet-Studie bekannt: Adipositas (Fettleibigkeit) ist nicht mit diätetischer Kalorienreduktion zu behandeln, denn die Biologie des Körpers holt sich anschließend ihr natürliches Gewicht zurück.

So haben Ende 2017 Forscher der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technik in ihrer Publikation im American Journal of Physiology, Endocrinology and Metabolism erneut bestätigt: Ein zentraler Regulator des Jo-Jo-Effekts ist, dass der Körper nach erfolgreicher Zwangsgewichtsreduktion verstärkt das Hungerhormon „Ghrelin“ ausschüttet. Die Hungergefühle der Probanden waren sowohl nach einem als auch noch zwei Jahre nach der Diät deutlich stärker als zu Beginn. Fazit der Forscher: Wer signifikant Gewicht verliert, muss sich über Jahre hinweg auf verstärkte Hungergefühlen einstellen. Und das höchst wahrscheinlich so lange, bis sich das Ergbut (die Gene) das „Urgewicht seines Körpers“ wieder zurückgeholt hat.

Dem entspricht Prof. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene, Leipziger Universitätsmedizin und Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft, der auf die Frage „Sind Übergewichtige und adipöse Menschen selbst schuld an ihrem Übergewicht?“ im August 2018 klarstellt: „Nein, das stimmt nicht. Wir wissen heute zum Beispiel, dass genetische Faktoren eine ganz große Rolle bei der Ausprägung von Übergewicht und Adipositas spielen. Auch hormonelle Aspekte und unser gesellschaftliches Umfeld bedingen die Entstehung von Übergewicht. All diese Faktoren kann der Einzelne nicht aktiv beeinflussen.“ Dem entspricht auch folgendes Statement von Prof. Martin Wabitsch, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Ulm, auf dem gemeinsamen Kongress der medizinischen Fachgesellschaften für Adipositas (DAG) und Diabetes (DDG) im Jahr 2018: Der Hang zu hohem Körpergewicht sei genetisch angelegt. Übergewicht sei keine Charakterschwäche, sondern werde durch kaum kontrollierbare physiologische Prozesse im Gehirn gefördert (Ärzte-Zeitung).

Der Körper verteidigt sein Höchstgewicht vehement

Des Weiteren stellte Blüher im Januar 2019 in einem Interview mit der Freien Presse klar: „Zudem versucht unser Körper, sein erreichtes Höchstgewicht zu erhalten. Er verteidigt es vehement … Das heißt für den Körper, seinen Grundumsatz und Energieverbrauch soweit herunterzufahren, dass er sein Gewicht auch mit der wenigen Nahrung verteidigen kann … Leider muss man sagen, dass Abnehmkonzepte, die nur darauf basieren, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, langfristig versagt haben, weil der Körper sein Ausgangsgewicht wieder verteidigt. Manche meiner Patienten halten Diät und nehmen dabei zu. Diese Gewichtszunahme ist wissenschaftlich noch nicht verstanden. Wir können es nicht erklären. Wie der Körper die aufgenommenen Kalorien ausschöpft und den Grundumsatz reguliert, kann der Mensch nicht bewusst steuern.“

Diäten sind eine Frauenfalle, die gleich mehrfach zuschlägt: Sie machen das Gros Frauen nicht schlanker, sondern langfristig dicker, so dass sie in einen Teufelskreis geraten und immer wieder neue Diäten ausprobieren. Dabei verlieren die Diätler viel Geld für Bücher, Spezialkost, Abnehmpulver, Kursgebühren und mehr. Und das ist noch nicht alles…

Diäten gelten als „Einstiegsdroge“ in Fettsucht und Essstörungen. Warum ist das so? Ein erster Grund ist, dass viele Frauen aufgrund des JoJo-Effekts immer dicker werden. Und der permanente Kampf gegen die eigenen Körpergefühle und Essgelüste kann zu Essstörungen führen. Verstärkt wird diese Negativspirale durch das Gefühl des Versagens – man hat den Kampf gegen den eigenen Körper verloren, man muss eine schwere Niederlage verkraften. Und das muss man nicht nur sich selbst, sondern auch noch vor der Familie, den Freunden und den Arbeitskollegen öffentlich eingestehen. All das macht keine Freude, sondern schürt tiefsitzenden Frust, der chronisch werden kann.

Paradoxerweise scheint auch ein Abnehmerfolg negative Folgen zu haben, so lauten zumindest die Ergebnisse einer Studie des University College of London aus dem Jahr 2014: Dicke, die erfolgreich abgespeckt habe, leiden vermehrt unter depressiven Störungen. Hier würde sich die neueste Diät-Erfindung der Universität zu Lübeck aus August 2014 anbieten, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die elektrische Stimulation des Gehirns durch den Schädel (transkraniell) „reduziert Appetit und Nahrungsaufnahme ganz ohne Diät – und diese nicht-invasive Methode wird bereits begleitend zur Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen eingesetzt.“

Summa summarum darf die Empfehlung nur lauten: Finger weg von Diäten! Ein diätfreies Leben könnte nicht nur gut für die seelische und körperliche Gesundheit sein, es festigt auch die sexuellen und sozialen Beziehungen – zumindest, wenn man neueren Forschungen glauben mag … aber das ist ein anderes Thema, über das Sie im Buch „Dein Körpernavigator“ bei Interesse gerne mehr erfahren - genauso wie zu "Intuitiven Essen & biologischen Wohlfühlgewicht", denn diese "Kulinarische Kombi" ist wesentlich empfehlens- und erstrebenswerter.

Jetzt erstmal: Genussvollen Start in die Neo-Goldenen-20er-Jahre!

Uwe Knop ist Ernährungswissenschaftler, Publizist und Buchautor. Im Juli 2019 erschien sein jüngstes Buch „Dein Körpernavigator“ zum besten Essen aller Zeiten“.

Foto: Frantisek Dostal CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Gisela Tiedt / 01.01.2020

“Finger weg von Diäten!” Einverstanden. Obwohl wir leider nicht wissen können, wie hoch das Gewicht der erfassten Diätler nach ein, zwei oder fünf Jahren ohne zwischengeschaltete Diätphase ausgesehen hätte. Und daher den Sinn oder Unsinn der Diät nicht abschließend beurteilen können. Dass der Hang zu hohem Körpergewicht genetisch angelegt sein soll, ist einleuchtend. Aber das erklärt nicht die unübersehbare Tatsache, dass es heute viele exzessiv Fettsüchtige gibt, die es früher nicht gab. Ich vermute, dass es am sinnvollsten wäre, das Gefühl für den eigenen Körper zu reaktivieren und im wesentlichen dann zu essen, wenn man Hunger spürt - mit möglichst viel Genuss.

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