Henryk M. Broder / 25.12.2014 / 10:47 / 2 / Seite ausdrucken

Deutschland wird immer bunter. Darauf sind wir stolz…

... heisst es im letzten “Newsletter” vom 22. Dezember der deutschen Vertretungen in den USA. Und weil “wir” immer “bunter” bzw. bescheuerter werden, sollten wir uns statt “Frohe Weihnachten” lieber “Frohe Festtage” wünschen, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. In den USA, so die Spürnasen vom AA, sei das längst der Brauch. Dann kommt noch ein Exkurs über die “sogenannte Pegida-Bewegung”, die “angebliche Islamisierung” und die tapfere Bundeskanzlerin, die ihre Datsche in Mecklenburg-Vorpommern einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung gestellt hat. Ha, war nur ein Scherz, ebenso wie die Sache mit den Frohen Festtagen!

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Leserpost

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Michael Milsch / 26.12.2014

Dass sich die deutschen Vertretungen in den USA um weitere Verbreitung der amerikanischen political correctness in Deutschland bemühen, ist reichlich überflüssig. Das können wir doch inzwischen selber perfekt, mit Binnen-I, Biodeutschen und anderem Brimborium. Passt freilich alles zusammen mit dem Spuk in der Heimat: Sprache, Lieder, Gebete - alles soll vergemeinschaftet werden, damit sich ja niemand zurückgesetzt oder auf den Schlips getreten fühlt. So wird aber Deutschland nicht bunter, sondern grauer. Immerhin mit vielfältigen Schattierungen, frei nach Loriot: mausgrau, aschgrau, staubgrau, blaugrau…

Thomas Schmied / 25.12.2014

“Auch in Deutschland kann man bereits viele Grußkarten mit einem neutralen „Frohes Fest“  oder „Fröhliche Festtage“ finden. Eine breite Diskussion über eine neutralere Formulierung von Weihnachtsgrüßen wie in den USA gibt es allerdings noch nicht. Dies kann sich jedoch ändern, denn Deutschland ist mittlerweile nach den USA das zweitgrößte und zweitattraktivste Einwanderungsland. Menschen aus der ganzen Welt bringen ihre unterschiedlichen kulturellen und religiösen Bräuche und Riten mit –  Deutschland wird immer bunter. Darauf sind wir stolz.” Stolz sollen wir also sein. Aber worauf? Auf Buntheit? Wenn ich einen bunten Pullover eigenhändig gestrickt habe, dann kann ich stolz drauf sein - aber auch nur, wenn er wirklich gut geworden ist und besonders schön aussieht. Einfach nur stolz auf etwas zu sein, für das ich nicht die Bohne kann, das ist tatsächlich bescheuert. Aus diesem Grund bin ich nicht stolz, Deutscher zu sein und kann auch nicht allumarmend stolz auf alle möglichen und unmöglichen Kulte sein, die sich in meinem Land tummeln. Warum sind diese Leute nicht einfach ehrlich und sagen, dass sie die letzten Reste christlicher Tradition aus unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis herausneutralisieren, schnell künstlich hinausdiskutieren wollen? Mal ehrlich: Wenn ich diese ausgenudelte Bunt-Rhetorik höre, dann wird mir nur noch kübelübel, denn “bunt” wird selbst dann kein positiver Wert ansich, wenn man uns diesen Bären zehmal die Woche irgendwo aufbindet. Fremde kulturelle Einflüsse können Bereicherung sein - aber eben auch das genaue Gegenteil. Etwas kann sehr leicht auch zu bunt und zum Problem werden. Eine gesunde, clevere Kultur übernimmt gute Dinge aus anderen Kulturen und lehnt den Rest dankend ab. Schöne, harmlose Traditionen können problemlos weiter lebendig gehalten werden. Sie sterben aber, wenn sie nicht gepflegt werden, gepflegt werden dürfen.  Sich selbst an Stellen zu beschneiden, die keinem Menschen schaden, ist nicht tolerant, sondern devot und nur ideologisch völlig Verdrehte oder intolerante Menschen werden sowas fordern. Und ja, auch in Amerika gibt´s derzeit eine Menge solcher Verdrehter in der politischen- und der medialen Regierung. Den Amis, mit denen ich bislang reden konnte, geht diese politisch korrekte Sprachverzerrung, wenn nach dem dritten Bier endlich Tacheles geredet wird, auch gegen den Strich. Ich nehme stark an, dass das der Mehrheit der normalen Amis so geht - sehr ähnlich wie der Mehrheit in Deutschland.

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