Von Henryk M. Broder erschienen in DIE WELTWOCHE vom 4.12.2008
Krise hin, Krise her – den meisten Deutschen geht es gut, vielen besser als je zuvor. Das freilich bedeutet nicht, dass sie mit ihrem Leben zufrieden sind. Zwar ist der Preis für einen Liter Benzin inzwischen auf Euro 1.15 gesunken, und auch das Heizöl ist billiger geworden, doch das ist nicht genug, um ein verbreitetes Gefühl der Unsicherheit einzudämmen. Was den Deutschen zum Glück fehlt, ist «Planungssicherheit», soll heissen, sie möchten schon mit zwanzig wissen, wann und zu welchen Konditionen sie in Rente gehen werden.
Weil sich das aber immer schwerer voraussagen lässt, schauen sie sich nach anderen Optionen um. Eine davon heisst: Auswanderung.?Die Statistik zeigt, dass Deutschland im Begriffe ist, sich von einem Einwanderungsland in ein Auswanderungsland zu verwandeln. Im Jahre 2005 sind 145 000 Deutsche fortgezogen, 2006 waren es bereits 155 000, mehr als je zuvor seit dem Jahre 1954. Auch 2007 könnte ein Rekordjahr werden.?Wichtiger aber als die Zahl unter dem Strich sind ein paar Details der Statistik. Das Durchschnittsalter der Auswanderer sinkt kontinuierlich und liegt derzeit bei 32 Jahren. Es gehen also die Jungen und die Unternehmungslustigen. Bei den unter Fünfzigjährigen ist die Schweiz das beliebteste Ziel, bei den über Fünfzigjährigen sind es Spanien und Thailand, Länder, in denen man mit weniger Geld länger auskommt und die Sonne für alle umsonst scheint.?Allein im ersten Halbjahr 2007 sind 10 000 Bundesdeutsche in die Schweiz «umgezogen». Von einer echten Auswanderung im Sinne von «Emigration» kann man allerdings kaum reden, weil die Schweiz zwar Ausland, aber doch nicht wirklich Fremde ist. Eher so etwas wie Bayern oder Sachsen, die sich beide «Freistaat» nennen und eine sehr eigene politische Kultur pflegen. Was die Schweiz den beiden voraushat, das sind höhere Löhne und niedrigere Steuern, wofür die «Umsiedler» längere Arbeitszeiten und höhere Preise hinnehmen.?Merkwürdig ist auch, dass die «Landflucht» kein Thema ist. Während die Auslagerung deutscher Produktionsstätten ins Ausland nicht gut angesehen ist, regt sich kein Protest gegen den Abgang von Ärzten, Ingenieuren und anderem qualifiziertem Personal, an dem es in Deutschland mangelt. Im Gegenteil: Die Bundesagentur für Arbeit vermittelt auch Stellen im Ausland, und die Regierung spricht von einem «positiven Trend» – deutsche Arbeitnehmer würden Flexibilität zeigen und die Chancen der Globalisierung nutzen.?So kann man es natürlich auch sehen und um Arbeitskräfte im Ausland werben, während daheim die Abstimmung mit den Füssen weitergeht. Natürlich sind 155 000, bezogen auf 80 Millionen, nicht viel, bis jetzt mussten auch keine Kliniken und keine Software-Labors wegen Arbeitskräftemangels geschlossen werden. Aber wenn man sich umhört, kennt fast jeder jemanden, der weggegangen ist oder es vorhat, weil er keine Lust mehr hat, das halbe Jahr für das Finanzamt zu arbeiten und einen Apparat zu unterhalten, der Leistung bestraft und Nichtstun belohnt.
Die Schweizer «Fremdenfeindlichkeit»
Und so wird das Phänomen Auswanderung nur auf Umwegen angesprochen, in Doku-Soaps wie «Deutschland ade». Beinah jeden Tag kann man Menschen zuschauen, die ihr Glück in der Fremde suchen. Die Beispiele sind nicht repräsentativ, aber sehr anschaulich und unterhaltsam, vor allem dann, wenn die Auswanderer bei ihrer Ankunft in Brasilien, Costa Rica oder Thailand erfahren, dass dort eine andere Sprache gesprochen wird.
Was nun die Schweiz angeht, wird vor allem die Schweizer «Fremdenfeindlichkeit» thematisiert, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Schweizer gerne unter sich bleiben und es nicht besonders mögen, dass die Deutschen sich in Basel, Bern und Zürich so benehmen, als wären sie dort daheim. Denn ungeachtet der Tatsache, dass der Ausländeranteil in der Schweiz viel grösser ist als in Deutschland, gilt die Schweiz in Deutschland als ein rassistisches und fremdenfeindliches Land. Als Belege dienen Bürgerinitiativen, die den Zuzug von Ausländern neu regeln möchten.?Auch dass nicht alle Ausländer sofort eingebürgert werden, wird den Schweizern übelgenommen, obwohl die deutschen Regelungen nicht viel anders sind. Und so wird ein deutscher Doppeltraum wahr: ins Ausland ziehen und den Ausländern den richtigen Umgang mit Einwanderern beibringen.
