Die Rechnung ist ja bekannt: Ende Oktober lebten 1,3 Millionen Ukrainer in Deutschland. Nur rund 245.000 davon sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Gleichzeitig schicken wir Milliardenhilfen in die Ukraine, von denen man nicht immer genau weiß, wo sie eigentlich landen. Und die Menschen, die hierbleiben, kosten – mit Unterhalt, Miete, Krankenversicherung, Kindergeld etc. – je Person locker um die 800 Euro im Monat. Macht rund 800 Millionen Euro monatlich. Oder eben knapp 10 Milliarden Euro im Jahr. Summen, über die man möglichst wenig spricht – wir zahlen aber trotzdem.
Wie dumm muss man sein, Politik so laufen zu lassen, könnte man fragen. Während in Deutschland die nächsten Wahlen ganz wesentlich über die Themen Migration und Ukraine-Hilfe entschieden werden, ist die Türkei – sagen wir – „breiter aufgestellt“. Nur nicht unbedingt gesünder.
Ich schalte abends die türkischen Nachrichten ein – und höre erst einmal, wer heute alles verhaftet wurde. Erst festnehmen, dann schauen wir weiter. Analysten? Fehlanzeige. Niemand weiß mehr so richtig, was eigentlich gespielt wird. Prominente werden abgeführt – mal wegen Drogen, mal wegen Geschäftsbeziehungen, mal vielleicht auch wegen nichts davon. Hauptsache, das Volk ist beschäftigt. Denn Ablenkung wird gebraucht: Die Armut galoppiert. Der neue Mindestlohn liegt unter der Armutsgrenze. Gleichzeitig stocken die Friedensgespräche zwischen dem Staat und der PKK um Öcalan. Warum? Vielleicht, weil das Volk mehrheitlich dagegen ist. Vielleicht, weil Öcalan zu viel verlangt. Vielleicht auch, weil sich die PKK auflösen könnte – ihre Ableger in Syrien und Irak aber munter weiterarbeiten würden. Die Liste der „Vielleichts“ ist lang.
Netanjahu für regierungsnahe Medien an allem schuld
Und dann noch das: Per Präsidentendekret werden zehntausende Strafgefangene entlassen. Erst 50.000, dann womöglich 120.000 oder mehr. In einer Zeit, in der Kriminalität und Armut gleichermaßen explodieren. Zugespitzt gesagt: Am Ende sitzen vielleicht nur noch Regierungskritiker im Knast – aber keine echten Kriminellen.
Auch außenpolitisch rappelt es. Nach einem Bericht der israelischen Zeitung Haaretz wurde die Türkei von einem internationalen Treffen zur Gaza-Lage ausgeschlossen – auf Betreiben Israels. 45 Länder waren eingeladen, darunter Japan, Italien, Finnland – sogar Kosovo, obwohl nicht einmal UN-Mitglied. Nur die Türkei nicht. Begründung laut Quellen: Israel wolle jede türkische Rolle in Gaza nach dem Krieg verhindern. In Ankara wundert man sich jetzt lautstark – und in den regierungsnahen Medien weiß man auch gleich, wer schuld ist: Netanjahu. Der ist dort gerade für alles verantwortlich. So auch für den Flugzeugabsturz, bei dem Libyens Generalstabschef Mohammed al-Haddad in der Türkei ums Leben kam. Die Daten des Flugschreibers werden in Großbritannien ausgewertet – doch viele wissen schon vorher, wer dahintersteckt. Raten Sie mal.
Als wäre das alles nicht genug, stürzt auch noch eine russische Drohne in der Provinz Balıkesir ab. Heikle Sache. Die Russen will man nicht verärgern – also lässt man die Schuldfrage lieber offen. Spekulieren darf das Volk.
Und dann kam noch ein weiteres Kapitel dazu: Deutschland warnte seine Bürger wegen möglicher Terrorgefahren vor Reisen in die Türkei. Daraufhin wurde Ankara schlagartig aktiv. Hausdurchsuchungen im ganzen Land, Razzien, Festnahmen. Am Ende war von etwa 115 Verhafteten die Rede – und von einem Waffenarsenal, das man nur staunend zur Kenntnis nahm. So viel zur beruhigenden Erzählung, alles sei unter Kontrolle.
In der Türkei rumort es gewaltig
Dazu kommt eine groß angelegte Verhaftungswelle rund um Fußballwetten. Man hat den Eindruck: jeder ist dabei – Spieler, Schiedsrichter, Funktionäre. Nur ein Detail wird kaum erwähnt: Die Zocker setzten teilweise mehr Geld, als sie durch Betrug je verdienen konnten. Was zeigt: Auf Fußball zu wetten, ist schwer – egal wie „gemacht“ ein Spiel ist.
Parallel dazu werden Journalisten, Influencer, Moderatorinnen festgenommen – wegen Drogen, Gruppenexzessen oder sonstiger Anlässe. Öffentlichkeitsarbeit gehört dazu: Ob wahr oder nicht – es wird erst einmal groß verkündet. Futter fürs Volk. Ablenkung vom echten Schmerz.
Und politisch? Da will Erdogan seinen Sohn als Nachfolger aufbauen. Das ist als Präsident schwierig – den würde das Volk kaum wählen. Also bastelt man angeblich am Modell: Zurück zur parlamentarischen Demokratie. Klingt nach mehr Freiheit – ist aber vor allem praktischer, wenn man den Sohn erst zum Parteichef macht und dann zum Ministerpräsidenten. Den Rest erledigt die Machtmechanik.
Kurz: In der Türkei rumort es gewaltig. Wer heute sagt, er wisse, wie das Land in einem Jahr aussieht – der weiß es genau dann: in einem Jahr. Und wir? Wir schauen auf überfüllte Züge Richtung Ukraine, zählen Milliarden und klopfen uns auf die Schulter, dass alles schon irgendwie gut gehen wird. Viel Vertrauen ist nicht mehr übrig. Weder dort – noch hier.

Die überfüllten Züge in Richtung Ukraine sind nur temporär, die Herrschaften begaben sich schlichtweg auf Heimaturlaub zum Jahreswechsel. Jene Reisende – und etliche mehr – werden flugs wieder zurück in Deutschland sein, um das nächste Bürgergeld einzustreichen. Der nächste Urlaub – diesmal in sonnigen Gefilden – steht schliesslich an und will bezahlt werden. Fantasie? Man öffne Augen und Ohren – und/oder befrage Reisebürobeschäftigte… Und zur Türkei: Erdogan ist listig. Er wird die finale Forderung nach EU-Aufnahme der Türkei an den bevorstehenden EU-Beitritt der (West-)Ukraine binden. Und falls nötig mit NATO-Austritt drohen.
„Während in Deutschland die nächsten Wahlen ganz wesentlich über die Themen Migration und Ukraine-Hilfe entschieden werden“
Tippe mal auf Sozialbeiträge und Klima, also die Einnahmenseite. Lieber Türkeikenner, in Schland reden wir nicht so gerne über Ausgaben.
OT, der Mainstream mal wieder: „Bei dem Überfall wurde ersten Erkenntnissen zufolge niemand verletzt. Zwei Menschen erlitten jedoch Rauchvergiftungen…“ Ach so, Rauchvergiftung hat man ja als Raucher sowieso… unfassbar!
Wie? Erdogan setzt 100.000 Knackis frei? Wo kann ich Aktien der Firma Flixbus kaufen ?
Ich glaube die Ukrainer sind das geringste Problem in Deutschland. Siehe tägliche Meldungen und das Parlament.