Viele Leute glauben, daß die Deutsche Bahn im wesentlichen aus drei Komponenten besteht: dem Personal, den Gleisen und dem Rollmaterial. Auch viele Manager, die sich für diesen unmöglichsten aller Posten bewerben, mögen das glauben, und vielleicht glaubt es sogar der Aufsichtsrat, der den neuen Chef anstellen soll. Dennoch ist das schon mal grundfalsch. Es gibt nämlich drei andere Komponenten, die ebenfalls zum Wesenskern der Bahn gehören, und zwar: Freiheit, Landschaft und Zeit. Diese Elemente sind, wie sicher jedem einleuchtet, schon schwerer zu managen.
Die Freiheit ist das wesentliche Bahngefühl schlechthin. Ständig fahren Züge in alle Richtungen, und wir brauchen sie nur zu besteigen, um all das zu erleben, was uns durch Hierbleiben entgeht. Deswegen ist das Bahnsystem eigentlich ein Phantasiesystem. Um es zu vermarkten, muß man selber sehr viel Phantasie haben. Man muß auch Landschaften lieben, Perspektiven, Panoramen, Anblicke. Bahntrassen haben optisch meist mehr zu bieten als Autostraßen. Das heißt, für den Top-Job wird ein Augenmensch gebraucht, jemand, der einen besonderen Sinn für Schönheit hat.
Und schließlich: das Mysterium der Zeit, dem bei der Bahn ein ebensolches Mysterium namens Fahrplan entspricht. Es ist ein ungeheures, transzendentes, numinoses Versprechen, das dem Zugverkehr innewohnt. Es besteht nicht nur darin, Menschen von einem Ort zum anderen zu befördern, sondern auch Abfahrt und Ankunft genau vorherzusagen – jeden Tag, Millionen Mal. Der Bahnchef muß also auch ein Oberprophet sein, ein Meistermagier, einer, der sich auf Dinge versteht, die in der Zukunft liegen.
Kunden die Experten und heimliche Bahnchefs sind
All dies wird aber noch ergänzt und übertroffen von der Tatsache, daß das Personal der Deutschen Bahn nur zum Teil aus Angestellten besteht, von denen einige früher sogar Beamte waren. Den weitaus größeren Teil des Personals bildet ein Heer von freien und unfreien Mitarbeitern, deren Beziehungen zum Gesamtunternehmen zwar oft unklar und widersprüchlich, zwanghaft und neurotisch sind, ohne die das Ganze aber sinnlos wäre und gar nicht funktionieren würde: es sind die sogenannten Fahrgäste, die natürlich gar keine Gäste sind, sondern zahlende Kunden, die allerdings auch mehr und anderes sind, nämlich Aktivisten, Experten und heimliche Bahnchefs.
Mit ihnen ist nicht zu spaßen. Sie bilden das zahlende Volkssegment des Totalpersonals und stehen mit dem bezahlten Personalpersonal in einem ähnlich guten Verhältnis wie Hunde und Katzen auf der Straße. Durch diese stimmungsvollen Gegensätze erkennen wir das wirkliche Wesen der Deutschen Bahn als soziale Skulptur. Um an ihr formgebend zu arbeiten, braucht es einen Künstler von hohem Rang. Er hat es nicht nur mit dem Bewegungs-, sondern auch dem Begegnungsdrang der Menschen zu tun. Er hat nicht nur ein Transportsystem, sondern eine Traummaschine zu leiten. Die Deutsche Bahn hat viele Probleme, die geringeren liegen an der Bahn, die größeren an den Deutschen.

Wunderbarer Text. Ich schlage vor, dies in einem Essay noch weiter zu entwickeln.
Guten Tag, Herr Müller-Ullrich, der letzte Satz ist köstlich und alles Gedanken führen zu ihm. Man könnte die Gäste leicht beruhigen, indem man ihnen einhämmert: "Sicherheit vor Schnelligkeit !" Das ist keine Erfindung von mir, ich war selbst stets der Gast. Es ist eine Redewendung eines verstorbenen Kollegen, der 20 Jahre bei der Deutschen Reichsbahn als Bauingenieur tätig war. Das waren noch Zeiten ! Als urige Dampflocks stinkend und fauchend rumpliges Rollmaterial über verschraubte Schienenstöße zogen. Als die Schottersteine am Berg noch mitgezählt werden konnten. Die Deutschen reisen überall hin, doch Bahn fahren sie anscheinend nie.
Laut einem Artikel der FAZ haben ehemalige Politiker und Gesellschaftsklempner die größten Chancen auf den Job als Bahnchef. Fachliche Kompetenz wird als völlig überflüssig befunden.
Pofalla wäre gut als Stimme für die Durchsagen. Erstens versteht man die eh kaum, so dass ein bisschen Näseln auch nicht stört, und zweitens ergäbe sich ein gewisser Unterhaltungseffekt.
Politik kann jeder Mensch; heute Wirtschaftsminister, morgen Außenminister, übermorgen vielleicht Innenminister. Warum sollte Pofalla nicht Bahnchef werden? Ein Politiker kann das grundsätzlich. Ich frage mich, warum mein Fernsehmann nicht auch meinen Heizkessel wartet? Womöglich braucht es dazu Fachwissen?
Die Bahn hat auch die Aufgabe sog. "Flüchtlinge" kostenlos durch das "Land, das keinen Namen mehr haben soll" zu transportieren.
Ein Genuss, diese Zeilen zu lesen.