Auf der „Bundesrepublik“ hat man die Erkenntnis über Bord geworfen, dass dem Gewicht auf der linken Backbordseite ein Gewicht auf der rechten Steuerbordseite zugeordnet werden muss, um das Schiff geradeaus und sicher steuern zu können.
Flugzeuge und Schiffe geraten in Schlagseite, wenn die Ladung verrutscht. Schiffe können kentern, Flugzeuge geraten außer Kontrolle. Es ist wichtig, beim Beladen die Verteilung des Gewichts zu beachten und die Ladung ordentlich festzuzurren. Jeder weiß, dass Gewichte, die einmal ins Rutschen kommen, enorme Impulse entwickeln und es wortwörtlich dann kein Halten mehr gibt. Eine unbefestigte Kanone durchschlägt einfach die hölzerne Bordwand des Kriegsschiffs, darum bezeichnen Engländer Menschen, die ins Abseits der Gesellschaft geraten, weil sie sich nicht unter Kontrolle haben, oder schlicht nicht an Regeln halten wollen, als „loose cannon“, zu deutsch eine Kanone, die sich aus der Verankerung gerissen hat.
Eine demokratische Gesellschaft ist ein Vehikel wie ein Schiff. Alles muss austariert und die Ladung angebunden werden, damit der Kahn bei rauer See nicht ins Schlingern oder in Schieflage gerät und kentert. Die Ladung, das sind die unterschiedlichen Ansichten und Lebensgewohnheiten, die Parteien und Bürger, die Interessenskonflikte und „historischen Verantwortungen“ – einfach alles, was ins Rutschen kommen kann, wenn es nicht durch sinnvolle Regeln und Gesetze angebunden wird. Wenn aber die Leichtmatrosen unter Deck im Frachtraum saufen und Karten spielen, statt die Ladung zu sichern, wird es gefährlich. Oder wenn sie wider besseres Wissen den besinnungslosen Befehlen von der Kommandobrücke folgen und die Ladung einseitig bunkern.
Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Balance und Ausgewogenheit
Deutschland hat seit Jahren Schlagseite. Unter Deck wird lieber an Backbord beladen als an Steuerbord, weil das als schick und moralisch richtig gilt. Auch die Offiziere und der Kapitän weigern sich, das, was sie auf der Nautik-Schule über die Beladung eines Schiffes gelernt haben, anzuwenden, weil sie ihre Haltung dem Praxiswissen vorziehen. Nun hängt das Schiff mit Schlagseite im harten Wind, den Wettern ausgeliefert, aber die Mannschaft ist zufrieden, weil ja nur das Schiff ein Haltungsproblem hat. Alle folgen der neuen nautischen Moral, wonach Steuerbord kein guter Stauraum ist und das Beladen dieser Seite schlechtes Ansehen bringt.
Selbst der Kapitän meint, verantwortungsvoll zu handeln, wenn er die Steuerbordseite beim Austarieren seines Schiffs nahezu leer lässt. Es ist wichtiger, der nautischen Mode zu folgen als der nautischen Tradition. Also ist die Schlagseite das kleinere Übel. Viel schlimmer wöge der Vorwurf, der Steuerbordseite zu viel Gewicht gegeben zu haben. Sein Ruf wäre ruiniert, wenn herauskommt, dass er Ballast auf der rechten Seite des Schiffs hat anbinden lassen.
Die Mannschaft des Handelsschiffs „Bundesrepublik“ kann auf keine lange nautische Tradition zurückgreifen. Auch für so Grundlegendes wie die Gewichtsverteilung im Laderaum brauchte man nach dem Krieg zunächst Handlungsanweisungen von erfahrenen Seefahrernationen. Das ging ein paar Jahrzehnte gut, bis in der Mannschaft ein tiefer Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Balance und Ausgewogenheit zu nagen begann. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Navigation in bestimmten Fahrwassern wie von selbst funktioniert, wenn man dem Schiff schon ladungsseitig einen ordentlichen Drall verschafft. Bei guten Wettern war das lange kein Problem, doch ein Sturm zieht nun auf.
Irrationaler, seemännischer Sinneswandel
Auf der „Bundesrepublik“ hat man die Erkenntnis über Bord geworfen, dass dem Gewicht auf der linken Backbordseite ein Gewicht auf der rechten Steuerbordseite zugeordnet werden muss, um das Schiff geradeaus und sicher steuern zu können. Man will ein anderes Fahrwasser vorgeben und hält das Schiff unnötig in starker Krängung. Das Wasser schwappt an Backbord bereits über die Reling. Und je stärker der Wellengang tobt, desto mehr droht Wasser in die Ladeluken auf Deck zu schwappen.
Doch woher kommt dieser irrationale seemännische Sinneswandel, den weite Teile der Mannschaft und der Kommandobrücke ergriffen hat? Ein Großteil der Seefahrer fühlt sich seit einiger Zeit unwohl auf der Steuerbordseite des Schiffs. Seit die Matrosen und Offiziere angewiesen wurden, dass der Begriff „Steuerbord“ nur noch als Schimpfwort zu verwenden sei, haben moralische Bedenken Vorrang vor nautischen. Teile der Mannschaft nehmen es lieber in Kauf, diese Seite gar nicht mehr zu betreten, was fatale Folgen für die Instandhaltung der Steuerbordseite zur Folge hat. Das Schiff ist ein geteiltes, es glänzt an Backbord in voller Pracht und verrottet zugleich an Steuerbord. Die Planken rechts sind morsch, Werg und Pech in den Ritzen sind löchrig. Bald laufen dort die Schotten voll. Dann geht die linke mit der rechten Hälfte unter.
Es ist mehr als ein Problem, wenn alles, was nicht zum linken Denk-Kosmos passt, als diskussionsunwürdig abgetan wird, indem es schlicht als „rechts“ bezeichnet wird. Dieses Wort ist in Deutschland ein für allemal erledigt. Es ist die generalverdächtige Klinge, mit der jeder Kontrahent erledigt wird, der stört. Kein Mensch, der im herrschenden Milieu was werden will, möchte sich rechts der Mitte verorten lassen. Der Bannfluch der deutschen Moderne hat sechs Buchstaben, er ist die Wunderwaffe der aseptischen, diskursbereinigten Moral. „Rechts“ scheint alles morsch, schwammig, verödet, vergiftet. Doch aus der Schieflage kommt die „Bundesrepublik“ nur heraus, wenn man den Matrosen und Offizieren wieder gestattet, sich unbeschadet ihres Ansehens an Steuerbord aufzuhalten, die Ladung dort festzuzurren und das Schiff in Schuss zu halten. Backbord und Steuerbord. So einfach ist das.
Dieser Text erschien zuerst im wöchentlichen Newsletter von Achgut.com (jeweils am Freitag), den sie hier kostenlos bestellen können.
Beitragsbild: New Zealand Defence Force Flickr CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Hallo Herr Nicolay, da der Kompass gut und böse nicht mehr funktioniert, ersetzt ihn jetzt die Skala links und rechts. Statt an Moral ist Freiheit nun formal gebunden, und verschwunden.
Ein lesenswerter Beitrag, Herr Nicolay. Vielen Dank. Vielleicht sollte man sich auf den Begriff „Offene Linkspsychiatrie“ für Deutschland einigen. Der Deutsche hatte schon immer Probleme die dem Leben zu eigene Vielfalt und Ganzheit unter einen Hut zu kriegen. Scheint ein tatsächliches Gesellschaftsproblem zu sein. Aber Totalitaristen haben es gern einfach und halten es lieber ist dem Begriff faul. Broder schrieb vor einigen Monaten, dass in den vergangenen 30 Jahren auf deutschen Schulen und Universitäten das neue Verwaltungsproletariat für die kommenden Diktatur in Deutschland gezogen wurde. So in etwa sinngemäß hatte er geschrieben; wortwörtlich erinnere ich es leider nicht mehr. Aber das passt und hinzuzufügen wäre da nichts.
Wie singt es Reinhard Mey in seinem Lied Das Narrenschiff:
Das Quecksilber fällt, die Zeichen stehen auf Sturm,
Nur blödes Kichern und Keifen vom Kommandoturm
Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.
Und rollen und Stampfen und schwere See,
Die Bordkapelle spielt „Humbatäterä“,
Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.
Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,
Die Lenzpumpen leck und die Schotten blockiert,
Die Luken weit offen und alle Alarmglocken läuten.
Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum
Und Elmsfeuer züngeln vom Ladebaum,
Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!
Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig‚ um SOS zu funken.
Klabautermann führt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs auf’s Riff.
Wenn nur alberne und ungelernte Aushilfen auf der Brücke stehen, wer soll das Schiff sicher steuern? Das kann nichts werden.
Also – AfD UND Die Linke. Ach ja: Der US-Politologe Paul Gottfried (bei dem sich Fabian Nicolai oben bedient haben könnte, ich plaudere das einfach mal aus) und Isaiah Berlin (die Bedeutung des Nationalstaats und des nationalen Interesses IN der Globalisierten Welt (s. Sarrazin/ Lafontaine ). Und: Charles Murray (The Bell Curve = Die Menschen unterscheiden sich nicht nur physisch, sondern auch im Hinblick auf ihre geistige Leistungsfähigkeit – s. ebenfalls: Thilo Sarrazin! – Das ist eine entscheidende Größe bei der Migrationsdebatte (Stichwort Syrische Ingenieure/versus syrische Straftäter und Sozialbezüger (Claudia Roth/ Katrin Göring-Eckardt, Christian Lindner, Ulf Poschardt…).
Danke für den heiteren Artikel mit dramatisch ernstem Hintergrund. Es ist richtig erfrischend, das Beschriebene als geistigen Film ablaufen zu lassen. Bildhafte Beschreibungen sind und bleiben eine eindrucksvolle und nachhaltige Darstellungsform. Leider sind die Möglichkeiten begrenzt, derartige Botschaften unter das Volk, also die überwiegende Wählerschaft, unter das Volk zu bringen.
Das „Recht-Links“-Schema halte ich persönlich für überholt und vor allem mit dem Bild eines Schiffes für problematisch. Bei einem Schiff kann man ja klar die Mittellinie erkenne, was aber in der Politik recht schwierig ist. Denn was ist „rechts“ oder links? Es gibt zwar eine Definition, die mit den Begriffen „Ungleichheit“ und „Gleichheit“ arbeitet, aber welche Gleichheit ist denn damit gemeint? Klar ist, daß es eine in unserem Grundgesetz vorgegebene „Gleichheit vor dem Gesetz“ gibt. Damit kann man ja leben. Nur was sind dann Ansichten nach denen „weiße Cis-Männer“ also ein großer Teil unserer Bevölkerung schon mit ihrer Geburt „Privilegien“ hätten? Und die damit verbundene Forderung, daß diese Männer sie abgeben sollten? Wie sieht das mit einem obdachlosen „Biodeutschen“ aus? Und wie soll jemand, der nichts hat, noch was abgeben? Und diese seltsame Ansicht wird von „Linken“ propagiert. Damit sind diese Linke aber schon im Widerspruch zu dem Begriff „Links“, denn unsere Verfassung stellt ihn ja mit gleichen Rechten wie etwa „Jasmin Kuhnke“ (quattromilf) aus. Ich halte diese Begriffe für nicht mehr brauchbar.