Annette Heinisch / 05.04.2019 / 12:00 / Foto: Fabian Nicolay / 49 / Seite ausdrucken

Deutschland, Land des Sozialneides

In den ersten beiden Teilen dieser Beitragsfolge über die Psychologie der (menschlichen) Massen stellte ich die Erkenntnisse Le Bons und Freuds dar. Beide kommen zu dem Ergebnis, dass die Masse eine eigene Gesamtheit darstelle, also etwas anderes sei als nur die Summe der Individuen. Die Masse sei grundsätzlich kulturell und intellektuell auf einer niedrigeren Stufe als der Einzelne und nicht durch Vernunft, sondern nur durch Gefühle lenkbar. Deren Emotionen entsprängen oft unbewussten Triebkräften, die durch Überlieferung weitergegeben würden und zwischen den Völkern unterschiedlich seien. Massen seien zu extremem Verhalten in der Lage, im positiven wie im negativen Sinn.

Desweiteren befasste ich mich mit Bernays Werk „Propaganda“, einer Anleitung zur Manipulation. Er schildert die Instrumente der Propaganda, angefangen mit der „Praxis, bestimmte Assoziationen und Bilder in den Köpfen der Massen zu erzeugen“ und weitergeführt durch Veränderung grundsätzlicher Einstellungen und Verhaltensweisen. Er war überzeugt, der Siegeszug der Manipulation der Massen durch geschickte Nutzung der Instrumente der Propaganda/Public Relations sei nach den Erfolgen der Propaganda im 1. Weltkrieg nicht aufzuhalten. Schauen wir uns mal die Zukunft von damals an. 

Europäische Staaten waren lange Zeit nach dem Baukasten-System aufgebaut: Für die Ethik war die christliche Kirche zuständig, die Gesellschaft wurde durch die Klasse geordnet, deren jeweilige Oberschicht die Verhaltenskodizes festlegten. Es gab unterschiedliche Regierungsformen, die Wirtschaft basierte auf Privateigentum, Privatautonomie sowie Einhaltung grundlegender Spielregeln, hatte jedoch keinerlei ideologische Untermauerung. Wie der Historiker, Unternehmer und Autor Rainer Zitelmann in seinem Werk zur Wirtschaftsgeschichte „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ zutreffend ausführt, ist der Kapitalismus – anders als Kommunismus und Sozialismus – kein von Intellektuellen erdachtes System, sondern eine Wirtschafsordnung, die sich evolutionär entwickelt und aufgrund des Erfolges etabliert hat.

Der „sozialdemokratische Sozialfaschismus“

Le Bon schilderte bereits 1895 in seinem Werk „Psychologie der Massen“ die Transformation von der Klassen- zur Massengesellschaft und erwähnte ausdrücklich die Auswirkungen der neuen Ideologie, des Kommunismus. Diese auf schematische Gleichheit setzende, rein materialistische Ideologie ersetzt das „Baukastensystem“ durch Konzentration aller Macht in der Hand des Staates. In diesem Konzept stellt der Staat mit seiner Ideologie die ethische Grundlage, hat damit die Kontrolle über den „Kopf“. Indem er die Gewalt über das Produktivvermögen übernimmt, ist das schiere Überleben des Einzelnen vom Wohlwollen des Staates abhängig; der Staat kontrolliert mithin auch „das Fressen“. Propagandistisch wurde dies als Befreiung des Proletariats nicht nur von den Kapitalisten, sondern auch vom Christentum gefeiert, welches als „Opium für das Volk“ die Menschen der kapitalistischen Knechtschaft zuführe. 

Nach dem 1. Weltkrieg trat der Kommunismus seinen Siegeszug zunächst in Russland an. Die Weimarer Republik hatte ebenfalls erheblich mit dieser Ideologie zu kämpfen, wobei die KPD sich durch die Radikalität ihrer Agitation auszeichnete. Hatte die SPD zunächst noch an ihrer Seite gestanden, änderte sich das zunehmend, denn aus Sicht der Kommunisten war alles, was nicht ganz links war, zwangsläufig rechts und musste daher bekämpft werden. Dazu zählte auch der „sozialdemokratische Sozialfaschismus“. 

„Die Kommunisten entfesselten zu Beginn der 1930er Jahre eine für die KPD bis dahin beispiellose Agitation gegen die demokratische Ordnung sowie das 'herrschende Finanzkapital' und die 'regierende Bourgeoisie'. Darin sahen die Kommunisten die Hauptschuldigen der wirtschaftlichen und sozialen Misere, als deren Folge sie den Kapitalismus am Ende und das von ihnen ersehnte 'Sowjetdeutschland' in greifbarer Nähe glaubten“, so lässt es sich an seriöser Stelle nachlesen. "

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand eine zweite materialistische Ideologie, der Nationalsozialismus, der ebenfalls ein antiliberales und antikapitalistisches Programm hatte, wobei das "amerikanisch-jüdische Finanzkapital" der Hauptgegner war. „Durch ihre breit adressatendifferenzierte Propaganda gelang es der NSDAP, Wähler in allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten zu gewinnen. Da sie ihren parteipolitischen Apparat organisatorisch stark ausgeweitet hatte, konnte sie für jede soziale Gruppe speziell auf sie zugeschnittene Organisationen und Propaganda anbieten“, heißt es auf Wikipedia

Durch den Einsatz der emotionalisierenden Propaganda und Agitation kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Die Gesellschaft wurde stark polarisiert, das Regieren war mit verfeindeten Lagern kaum möglich. Durch die Weltwirtschaftskrise hervorgerufene Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme führten dazu, dass die Gegensätze unüberbrückbar wurden. Entgegen den Hoffnungen der KPD ging jedoch die NSDAP unter Einsatz ihrer zielgenaueren Propaganda als Sieger vom Feld. 

So wurde bestätigt, was Le Bon behauptete – auch eine Kulturnation kann zu Barbaren werden: „Je weniger die Masse vernünftiger Überlegung fähig ist, umso mehr ist sie zur Tat geneigt. Die Organisation hat ihre Kraft ins Ungeheure gesteigert.“ Bernays würde von einem „grandiosen Erfolg“ der Propaganda sprechen, die ihren „Siegeszug“ fortgesetzt hat. Der Preis: ca. 60 bis 65 Millionen Tote durch Krieg und zusätzlich über 13 Millionen Opfer deutscher Massenverbrechen, davon allein mehr als 6 Millionen Juden (siehe hier).

Aus Fehlern kann man lernen. Angesichts der unvorstellbaren Opfer sollte man es. Wie schon nach dem Dreißigjährigen Krieg war Europa nach zwei Weltkriegen ausgeblutet. Eine Lehre wäre gewesen: Es ist gefährlich, mit Gefühlen zu spielen. Es ist leicht, Emotionen zu wecken, aber entfesselt sind sie furchtbar und es ist schwer, sie wieder in den Griff zu bekommen. Es ist ebenso leicht, zwecks Machtgewinns und -erhalts die Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Ist das Volk aber erst einmal polarisiert, wird es – zurückhaltend formuliert – ungemütlich. Es wieder miteinander zu versöhnen, ist mühsam. 

Planwirtschaft hat noch nie funktioniert

Hat man die Lehre gezogen? Mitnichten. Es gab eine Art demokratisches „Reset“ in Deutschland, das manipulative politische Treiben ging und geht jedoch munter weiter. Adenauer gründete bewusst eine christliche Partei, weil sich Christen signifikant mehr als andere Bevölkerungsgruppen als resilient gegen die Versuchungen des nationalsozialistischen Zeitgeistes erwiesen hatten. Und heute?

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die Ideologie des Kommunismus/Sozialismus vor allem unter leicht beeindruckbaren Jugendlichen im Wohlstand des Westens einen neuen Aufschwung. Da es sich um eine rein materialistisch-hedonistische Ideologie ohne jeden Tiefgang handelte, bestand ein Sinn-Vakuum, das ebenfalls im letzten Jahrhundert durch eine neue Partei, die heutigen Grünen, gefüllt wurde. Ihre Vergötterung von „Mutter Natur“, anknüpfend an die Kulturepoche der Romantik, entspricht vorchristlichen Naturreligionen, die durch das vernunft- und wissenschaftsorientierte Christentum eigentlich überwunden schienen. So gab es nun Parteien für „Vater Staat“ und „Mutter Natur“, die den Zeitgeist bestimmen.

Menschen, die in real-sozialistischen Systemen leben und leiden mussten, machten andere Erfahrungen. Rainer Zitelmann beschreibt in seinem oben genannten Werk zur Wirtschaftsgeschichte eindrucksvoll das verheerende wirtschaftliche Ergebnis der Planwirtschaft und die mit dem Totalitarismus einhergehende Unterdrückung des eigenen Volkes.

Keine Form der staatlichen Planwirtschaft hat funktioniert. Wie sehr diese Ideologie dennoch in den Köpfen festsitzt, zeigt sich nicht nur in der Unterstützung, welche Sozialisten wie Chavez oder derzeit Maduro erfahren, sondern auch in dem hohen Maße an staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft im angeblich kapitalistischen Westen, welche den „Markt“ aus der Wirtschaft nehmen – und das ohne große Proteste. Den propagandistischen Erfolg zeigt das Bonmot: Wer mit 20 Jahren nicht links sei, habe kein Herz, wer es mit 30 Jahren noch immer sei, keinen Verstand.

Warum kein Vorsprung durch Wissen?

Die Folgen des „Siegeszugs“ des Kommunismus/Sozialismus im letzten Jahrhundert mit Hilfe der Propaganda insgesamt: ca. 100 Millionen Tote. So gesehen ziehe ich es definitiv vor, kein Herz zu haben. Der ultimative Sieg der Propaganda ist es jedoch, Herz und Verstand als Gegensatz im Bewusstsein zu verankern. Menschen, die manipuliert wurden, hören nicht plötzlich auf, manipuliert zu sein, wenn der Manipulator weg ist. 

Der Untergang der kommunistisch-sozialistischen Regime, konkret bei uns der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung, war eine Zäsur, Deutschland war mittendrin. Eigentlich hätten die Verantwortlichen diese Chance ergreifen und sich zum Beispiel mit den Folgen unterschiedlicher Sozialisation befassen müssen. Vorsprung durch Wissen hätte die Devise lauten können. Die Verantwortlichen hätten sich auch aufrichtig um die Opfer des DDR-Unrechts kümmern müssen, sie nicht als Opfer 2. Klasse behandeln. Aber es kam anders. Der ehemalige Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen Dr. Hubertus Knabe meint:

„Mit der Diktatur in der DDR ist Deutschland ziemlich nachsichtig umgegangen. Während viele Verfolgte bis heute unter den Folgen von Haft und Unterdrückung leiden, genießen zehntausende Ex-Funktionäre unbeschwert ihren Lebensabend. Nicht einmal die Symbole der SED-Diktatur wurden nach der Wiedervereinigung verboten. Warum? ...

Dass es nicht zu einem Verbot der SED-Symbole kam, lag vor allem daran, dass die Verfolgten des Kommunismus kaum politische Fürsprecher hatten. Statt ihrer rückten nach der Wiedervereinigung die Millionen Mitläufer des sozialistischen Regimes in den Fokus der Politik – denn deren Stimmen hatten bei Wahlen mehr Gewicht. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien war bereit, für die Opfer der SED-Diktatur in einen offenen Konflikt mit der schweigenden Mehrheit der früheren DDR-Bevölkerung zu treten ...

Die Nachsicht, mit der das SED-Regime in den 1990er Jahren behandelt wurde, führte freilich nicht dazu, dass sich die ostdeutsche Bevölkerung stärker mit dem System der Bundesrepublik identifizierte. Im Gegenteil: Weil sich die Verklärung der DDR so ungehindert ausbreiten konnte, erfasste sie immer breitere Kreise. Während 1990 noch knapp drei Viertel der Ostdeutschen die Verhältnisse im SED-Staat für „unerträglich“ hielten, sank diese Zahl auf 56 (1994) und später sogar nur noch 44 Prozent (2001). Und statt früher 19 Prozent hielten jetzt 42 Prozent der Befragten die Lebensverhältnisse in der DDR für „erträglich“ ...

Mit ihren Entscheidungen haben Politik und Justiz in den letzten 30 Jahren dafür gesorgt, dass die Diktatur der SED den meisten Zeitgenossen als vergleichsweise harmlose Veranstaltung erscheint. Das ist nicht nur bitter für die Opfer, deren Leben durch das DDR-Regime nachhaltig beschädigt wurde. Es ist auch riskant für die politische Zukunft Deutschlands, wenn Diktaturen wie die der SED auf diese Weise ihren Schrecken verlieren. Dass ausgerechnet die Erfahrung des Nationalsozialismus die Begründung dafür liefert, das Unrechtsregime in der DDR als halb so schlimm zu kennzeichnen und seine Opfer allein zu lassen, zeigt, wie wenig die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben.“

Ist Neid der Grund für die Ablehnung Israels?

Die Risiken für die politische Zukunft haben sich bereits manifestiert. Rainer Zitelmann hat in seinem Werk „Die Gesellschaft und ihre Reichen: Vorurteile über eine beneidete Minderheit“ die Vorurteile und Stereotype untersucht, die gegen Reiche bestehen. Es handelt sich um eine Klassismusanalyse, die Stereotypisierung und Herabsetzung hinterfragt, welche mit dem sozialpolitischen Status einhergehen. Menschen, die negative Vorurteile gegen Minderheiten hegen, sind oft Anhänger des Sündenbockglaubens, das heißt, der Minderheit wird die Schuld für Krisen und andere negative Ereignisse gegeben. In der Vergangenheit wurden Reiche daher oft verfolgt, der Antisemitismus überschneidet sich mit den Vorurteilen gegen Reiche, wie sich zum Beispiel im „jüdischen Finanzkapital“ zeigte. Möglicherweise ist dies auch mitursächlich für die Ablehnung der ideologisch Linksstehenden dem erfolgreichen und wohlhabenden Staat Israel gegenüber.

Grundlage der Analyse waren breit angelegte Umfragen der Meinungsforschungsinstitute Allensbach und Ipsos MORI in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und den USA. Es stellte sich heraus, dass die Einstellung Reichen gegenüber maßgeblich durch drei Faktoren geprägt wird: Wesentlichster Faktor ist der Neid. Das Maß des Neides und der Anteil Nichtneider im Verhältnis zum harten Kern der Neider wurde durch verschiedene Fragestellungen ermittelt. Relevant ist zudem der Nullsummenglauben, das heißt die (irrige) Ansicht, dass der Eine weniger hat, wenn der Andere mehr hat, so dass der Ärmere sich als bestohlen fühlt. Dieser Nullsummenglaube liefert von allen Faktoren die stärkste Erklärungskraft dafür, wie jemand auf der Sozialneidskala rangiert. Weniger stark, aber immerhin noch spürbar ist der Einfluss, den eine persönliche Bekanntschaft mit Reichen auf die Einstellung hat. Andere Faktoren (zum Beispiel Geschlecht, Alter) hatten keine signifikante Bedeutung.

Grundsätzlich gilt, dass je neidischer jemand ist, desto mehr lehnt er Reiche ab. Neider leugnen konsequent, dass Reichtum etwas mit Leistung, Fleiß oder guten Ideen zu tun hat, sie halten nicht persönliche Leistung, sondern äußere Umstände für entscheidend. Bei den Befragungen zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern. Der Sozialneidkoeffizient, der sich aus dem Verhältnis von Neidern zu Nichtneidern ergibt, ist in Frankreich am höchsten, relativ dicht gefolgt von Deutschland. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten ist er nicht einmal halb so hoch wie in Deutschand.

Deutschland ist mal wieder ein Sonderfall

Der harte Kern der Neider, das heißt diejenigen, die mehrere „Neidfragen“ positiv beantworteten, ist in Frankreich und Deutschland identisch hoch, Deutschland hat aber mehr Nichtneider als Frankreich. In den USA und Großbritannien ist der harte Kern der Neider sehr gering, die Zahl der Nichtneider hoch. In den beiden Ländern mit niedrigem Sozialneidkoeffizienten haben sehr viel mehr Befragte einen oder mehrere Millionäre im Bekanntenkreis.

Der Aussage: „Superreiche, die immer mehr Macht wollen, sind schuld an vielen Problemen auf der Welt, zum Beispiel an Finanzkrisen oder humanitären Krisen“ stimmen 50 Prozent der Deutschen zu, nur 33 Prozent der Franzosen, 25 Prozent der Amerikaner und 21 Prozent der Briten. Untersucht man dieses Ergebnis nach Sozialneidern und Nichtneidern, stellt man zum Beispiel in Deutschland fest, dass 62 Prozent der Neider, aber nur 36 Prozent der Nichtneider dieser Aussage zustimmen. Hier erkennt man deutlich das „Sündenbockdenken“ und den Zusammenhang mit Neid.

Zitelmann untersucht außerdem, wie viele und welche negativen oder positiven Eigenschaften den Reichen zugeschrieben werden. Dabei fällt Deutschland aus dem Rahmen: Von sechs Eigenschaften wird Reichen in Deutschland nur eine einzige positive zugeschrieben, in Frankreich ist das Verhältnis ausgeglichen, in Großbritannien und den USA sind es vier positive, also die Mehrzahl.

Zitelmann referiert die Forschungsergebnisse, wonach für die Beurteilung einer Fremdgruppe moralische Werte eine deutlich größere Rolle spielen als Kompetenzwerte. Die den Reichen am häufigsten zugeschriebenen positiven Eigenschaften sind allesamt Kompetenzwerte (Intelligenz und Fleiß), die am häufigsten genannten negativen Eigenschaften (Überheblichkeit und Egoismus) stehen für moralische Werte.

Sollen wir gleicher werden?

Auf die Frage, wen man nicht kritisieren darf, belegen Muslime den ersten Platz. Den vorletzten Platz auf der Skala belegen Reiche, den letzten Platz Christen. Kritik an diesen beiden Gruppen ist also sozialadäquat. Die Untersuchung zeigt zum einen die erheblichen Unterschiede zwischen den westlichen Kulturen und bestätigt damit Le Bons These der kulturellen Unterschiedlichkeit der Völker. Das Ergebnis zeigt zum anderen, wie sehr eine „linke“ Einstellung mittlerweile in Deutschland verbreitet ist. 

Die Befragung in Deutschland zeigt darüber hinaus, wie gespalten das Land noch immer ist. Dies wird zum Beispiel bei der Frage der Umverteilung deutlich. Umverteilung ist ein typischer Ausfluss der zentralistisch-planwirtschaftlichen Vorstellung im Kommunismus/Sozialismus vom Staat als Zuständigem für den persönlichen Wohlstand des Einzelnen und zugleich dafür, dass Ergebnisgleichheit (alle haben möglichst dasselbe) herrscht. Hier zeigen sich die Auswirkungen der jahrelangen Propaganda zwischen Ost- und Westdeutschland sehr deutlich und der Unterschied zur USA. Bei einer Untersuchung von 2002 wurden die Befragten um ihre Meinung zu folgender Aussage gebeten:
 

Der Staat soll Einkommensunterschiede verringern (Angaben in Prozent für: starke Zustimmung, Zustimmung, unentschieden, Ablehnung, starke Ablehnung)

Westdeutschland

20 / 46 / 15 / 15 / 5

Ostdeutschland

42 / 47 / 5 / 6 / 0

USA

10 / 29 / 20 / 29/ 13
 

Dieses Ergebnis wird durch Zitelmanns Untersuchungen bestätigt. So meinen bei der Befragung zum Beispiel fast die Hälfte der Ostdeutschen, dass ein ungerechtes System ursächlich für den Reichtum sei. Dies sehen weniger als ein Drittel der Westdeutschen so. Jeder zweite Westdeutsche glaubt, viele Reiche verdankten ihren Reichtum einer hohen Risikobereitschaft, das meint aber nur jeder dritte Ostdeutsche. Umgekehrt meint fast jeder zweite Ostdeutsche, die Reichen seien auf Kosten anderer reich geworden, aber nur jeder Dritte im Westen teilt diese Ansicht. Weniger als die Hälfte der Westdeutschen hält Reiche für rücksichtlos und gierig, im Osten sind es zwei Drittel.

Da stehen wir nun, wir Manipulierten

Diese Ergebnisse zeigen bei den Vorurteilen gegen Reiche sehr deutlich die nachwirkenden Spätfolgen der sozialistischen Propaganda. Knabe meinte, die Politik hätte sich nicht ausreichend darum gekümmert. Das kann man nach Zitelmanns Untersuchungen zu den Darstellungen der Reichen in den Medien auch anders sehen. Wenig überraschend ergibt die Auswertung, dass Reiche stark negativ dargestellt werden. So war der Charakter des Geschehens, in dem Reiche geschildert werden (Valenz) zu 59 Prozent, die Tendenz der Berichterstattung zu 79 Prozent negativ. 

Wirklich bemerkenswert ist das Ergebnis der Untersuchung in einem Punkt: Neben der Tendenz eines Beitrags wurde festgestellt, von wem positive oder negative Äußerungen über Reiche formuliert wurden beziehungsweise welche Rolle positive und negative Wertungen spielten. Dabei wurde unterschieden zwischen dem Autor des Beitrags, Politikern und Sonstigen (Wissenschaftler, Wirtschaftsvertreter, Journalist als Experte und so weiter). Besonders negativ, nämlich zu 90 Prozent, waren die Äußerungen der Politiker. Die Tendenz der Autoren war zu 83 Prozent negativ, die der Sonstigen „nur“ zu 60 Prozent.

Anders ausgedrückt: Nicht nur die Presse sorgt für eine Verfestigung der Vorurteile, sondern auch die Politik instrumentalisiert und verstärkt diese. Zitelmann setzt sich umfangreich und differenziert mit den verschiedenen Manipulationsmethoden auseinander, zeigt die Frames auf, die genutzt werden (Raffgier-Frame, Steuervermeidungs-Frame, Ungleichheits-Frame) und schildert diese Methoden an Beispielen. Er zeigt auch auf, dass Reiche in der „yellow press“ zwar deutlich positiver, aber nicht wirklichkeitsnäher dargestellt werden. Durch die Fokussierung auf Prominente (Sportler, Künstler, Erben) sowie auf deren Probleme oder Luxuskonsum entstehe ein einseitiges Bild, dass sich wenig mit der Frage beschäftige, wie Reichtum entstünde. Auch insoweit läge also keine objektive Berichterstattung vor.

Über das Werk Zitelmanns und seine Untersuchungsergebnisse bezüglich des unterschiedlich ausgeprägten Sozialneids hat die Presse ausführlich berichtet. Praktisch unerwähnt bliebt jedoch der umfangreiche Teil, der nichts anderes als die Manipulation der Bürger beschreibt. Da stehen wir nun, manipuliert bis zum Abwinken, schwindelig um den Verstand geredet. Und wie soll es weiter gehen?

Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Gustave Le Bons "Psychologie der Massen"

Teil 1 finden Sie hier.

Teil 2 finden Sie hier.

Teil 4 finden Sie hier.

Teil 5 finden Sie hier.

Teil 6 finden Sie hier.

Foto: Fabian Nicolay

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Manfred Gimmler / 05.04.2019

„Hier erkennt man deutlich das „Sündenbockdenken“ und den Zusammenhang mit Neid.“ HIER erkennt man gar nichts deutlich. Man kann auf der Grundlage solcher Befragungen bestenfalls vermuten. Jedenfalls decken sich meine Erfahrungen (natürlich ebenfalls nicht repräsentativ) zum Thema NEID nicht mit der Behauptung der Autorin, daß in Deutschland der Sozialneid besonders ausgeprägt sei. Daß es unter Menschen Neid in unterschiedlicher Ausprägung gebe und Neid eine häßliche Fratze haben könne, ist schlicht und ergreifend eine Binse. Allerdings: Neidvorwürfe können offensichtlich auch der Ausgrenzung politischer Forderungen nach Gerechtigkeit dienen. Übrigens: Es gibt drängendere Probleme in Deutschland als der angeblich besonders ausgeprägt Neid im Lande.

Helmut Wettenberger / 05.04.2019

@Herr Pflüger: genauso ist es. Dass sich die Chinesen nicht stur an Marx halten heißt aber nun nicht, dass es nicht eine Planwirtschaft ist. Wenn Fukuyama schon die Größe hat, aufgrund von Chinas Wachstum seine Prognose zu kassieren, dann kann unsereins wenigstens auch vom Totschlagargument - Planwirtschaft funktioniert nicht - Abschied nehmen. Das heißt doch aber nicht, dass wir die Planwirtschaft einführen müssen.

Johannes Schuster / 05.04.2019

Der Neid ist doch wohl eher der Ärger über die eigene Unfähigkeit in finanzieller und emotionaler Hinsicht. Der Antisemitismus ein Neidderivat ist ein Ärger über die eigene Verkürztheit, und der soziale Neid ist ein wenig von allem, er ist etwas Rassenhaß und Kassenkampf in einem willkürlichen Rahmen. Aber er zeigt, daß der deutsche Vulkan nie zur Ruhe gekommen ist. Er ist ein Indikator für die Notwenigkeit einer internationalen Verwaltung des deutschen Reststaates.

Michael Scheffler / 05.04.2019

„Keine der im Bundestag vertretenen Parteien war bereit, für die Opfer der SED-Diktatur in einen offenen Konflikt mit der schweigenden Mehrheit der früheren DDR-Bevölkerung zu treten ...“ Wie kommt man auf solchen Unsinn? Das Problem war eher, dass alle bundesdeutschen Schichten und Parteien mit der SED fraternisierten und das schön unter der Decke gehalten werden sollte. Warum z.B. konnte Schalck-Golodkowski seinen Lebensabend unbehelligt am Starnberger See verbringen, Honecker unbehelligt ausreisen und Mielke erhielt lediglich eine vergleichsweise geringe Strafe wegen Polizistenmorden in den 30iger Jahren und nicht wegen seiner Untaten in 4 Jahrzehnten DDR. Man hat überdies die Ossis als Bürger 2. Klasse behandelt (Nichtanerkennung von Abschlüssen, Rente etc., ganz im Gegensatz zu Migranten), so dass man den einfachen ostdeutschen Bürger als Verbündeten verlor. Der Ostdeutsche kennt Reiche nicht als hart arbeitende Menschen, sondern als Glücksritter, die sich im Wesentlichen die Grundbücher unter den Nagel gerissen hatten (wer das, wie Ilse Bähnert alias Tom Pauls thematisierte, wurde gemaßregelt), Viele haben daher den Glauben an die FDGO verloren und wählen (vielleicht auch aus Rache) die SED, die sich als Treppenwitz der Geschichte als Verteidiger der Ossis aufspielen kann.

Alexander Rostert / 05.04.2019

Andererseits mag man sich damit trösten, dass eben dadurch, dass in Deutschland im Gegensatz zu England das Reichsein von jeher nicht als Verpflichtung, sondern nur als Privileg verstanden wird, sich Erbendynastien nur schwer etablieren lassen. Schon Bismarck wusste ja: “Die erste Generation erwirtschaftet das Vermögen, die zweite verwaltet es, die dritte studiert Kunstgeschichte und die vierte verkommt.” Es gibt auch in den Kommentaren einige Beispiele für diesen Kreislauf.

Ulla Smielowski / 05.04.2019

Danke für diesen tollen Artikel… In den 2000er Jahren, als ich Spiegel-Abonenntin wurde, fiel mir eine besondere Neid-Attacke in diesem Blatt auf.. Ich war völlig perplex. Die Attacke, so muss ich das nennen, ging gegen den englischen Sänger Rod Stewart. Der singe zwar nicht besonders gut, verdiene aber viel Geld damit. Er, der Journalist aber nicht. Das hat er so offen ausgedrückt… Da dachte ich nur, Pech gehabt. Warum fängt er denn nicht an zu singen??? Jedenfalls war es ein mehrseitiger Bericht mit Bildern von Rod Stewart. Eindeutig ging auch daraus hervor, dass er den britischen Sänger nicht einmal persönlich kannte.. Finde das dann aber auch ungeheuer mutig, über den eigenen Neid so unverhohlen zu schreiben, sich mitzuteilen…

Karl Hauser / 05.04.2019

“Wer mit 20 Jahren nicht links sei, habe kein Herz, wer es mit 30 Jahren noch immer sei, keinen Verstand.” Das ist doch der lächerlichste Spruch überhaupt.Wer an Sozialismus glaubt hat keinen Verstand,er denkt nicht nach sondern plappert nur nach. Fragen sie mal ein Kind ob es gerecht ist das jemand der nie gearbeitet hat die gleiche Krankenkassenleistung(oder mehr-war zumindest früher so in Deutschland bei Zähnen)bekommt wie jemand der immer gearbeitet hat und so krnak geworden ist während der andere die Sommer mit Dosenbier am Baggersee verbracht hat.

Rainer Möller / 05.04.2019

In den Statistiken der alten “sozialen Marktwirtschaft” gab es einen deutlichen “Mittelstandsbauch”. Die Reichen waren dünn gesät und deshalb ziemlich unbeachtet. Die Armen waren ebenfalls dünn gesät und daher versorgbar. Es gab einen hohen sozialen und politischen Frieden. Solche Zustände hätte ich gerne wieder. Mit Annette Heinisch kommen wir dahin aber nicht zurück. Helmut Schoeck, auf den die ganze Literatur zum Neid ja aufbaut, war übrigens deutlich gemäßigter als Heinisch. Er hielt den Neid für einen natürlichen Bestandteil der menschlichen Ausstattung - und schlug nur vor, den Neid zu sublimieren, indem man von den Reicheren lernt, wie mans macht. Und nein, ich halte es nicht für gut, wenn ein einzelner Mensch so viel Geld hat, dass er mit Aussicht auf Erfolg versuchen kann, die Regierung eines kleineren Landes zu stürzen. Ab einer gewissen Summe verfügbaren Geldes kann ein Milliardär nicht mehr einfacher “Staatsbürger” sein und sollte ausgebürgert werden - damit kein Politiker sein Geld annehmen kann, ohne Landesverrat zu begehen. Wenn das “Sozialismus” ist, dann bin ich eben Sozialist.

Margit Broetz / 05.04.2019

@Petra Wilhelmi “Dieses ganze Bevormundungssystem bis in die kleinste Nische des menschlichen Lebens, haben wir so nicht in der DDR gekannt” Vielen Dank für Ihren Beitrag! Sie treffen den Nagel auf den Kopf. Ist es nur noch eine Frage der Zeit bis sich die DDR 1.0 doch noch als das bessere - Verzeihung ich meinte weniger schreckliche Deutschland herausstellt? Für nahezu ein Drittel der US Amerikaner heute wäre der Lebensstandard der DDR 1980 ein Traum, da ist oft die Busfahrkarte in die Nachbarstadt schon unbezahlbar. Und auch in einigen Gegenden des früheren Jugoslawien gibt es ein - ein wenig verklärendes - der Ostalgie entsprechendes Nachtrauern um ihren alten Staat, denn heute sind so manche nicht besser dran, deren Elterngeneration hatte sich mehr leisten können (und in Firmen wurden die Chefs gewählt - kann man sich vorstellen daß die VW-Bosse mit Millionen heimgehen könnten nach der Abgasaffäre wenn die VW-Mitarbeiter den Chef wählen würden?).

P.Steigert / 05.04.2019

Israel: Der Hass auf Israel kommt daher. Weil es ein westliches Land ist, dass sich nicht Opfer sein will. Das können Linke nicht vertragen.  Neid: Der Neid in unserer Gesellschaft ist nicht nur materiell. Zum Beispiel ist Identitätspolitik ein Ausdruck des Neides der Unattraktiven und Unwillkommenen (z.B. Migranten).

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