Greenpeace und die grüne Bundeskanzlerin sind sich einig: Deutschland ist kein atompolitischer Geisterfahrer, sondern ein “Vorreiter”. Eines Tages erkennt der Rest der Welt die Gefahr, teilt unsere Ängste und folgt unserem Weg.
Das glaube ich allerdings nicht. Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer stellt richtig fest: “Jedes Volk hat seine eigenen Ängste.” Und ich möchte ergänzen: Die sind aber keineswegs ansteckend. Wären sie es, hätten die Deutschen furchtbare Angst davor, an verschluckter Nahrung zu ersticken. In den USA ist das ein Riesenthema, in vielen Bundesstaaten ist per Gesetz vorgeschrieben, dass in allen Restaurants ein Poster das “Heimlich Maneuver” erklärt. (Texas hat dieses Gesetz grade erst abgeschafft.) Wer jemandem hilft, der sich verschluckt hat, wird im Fernsehen umgehend als Lebensretter gefeiert. Videos erklären sogar, wie man seinen Hund auf diese Weise rettet. Solcherlei Übersensibilisierung kann auch nach hinten losgehen, der Schauspieler David Duchvony quetschte kontraproduktiv an einem Herzinfarktpatienten herum.
Während der normale US-Bürger ziemlich genau niemals mit unserer Atompanik konfrontiert wird, hat jeder deutsche Fernsehzuschauer Dutzende “Erstickungsopfer” in US-Filmen und Serien (hier bei Friends, den Simpsons, Family Guy, Sponge Bob), gesehen - unser Risikobewusstsein hat das allerdings überhaupt nicht beeinflusst. Dass jemand sich verschluckt, ohne zu sterben, ist in Deutschland nicht mal den Lokalzeitungen eine Meldung wert. Wie soll unsere Strahlungsangst also ohne jeden kulturellen Transmissionsriemen anderswo verfangen? Bis in die Schweiz und nach Österreich ist sie wegen der gemeinsamen Sprache ansteckend, darüber hinaus bisher nicht. Und ich wette: Auch in Zukunft nicht.